»Willst du also schon wieder was für dich herausschlagen?«
»Es wäre doch wirklich schade, wenn es an solchen Kleinigkeiten scheiterte, oder? Er ist Algerier, hat eine Menge Kontakte, Leute, die alles für ihn tun würden. Keine politischen Bedenken. Arbeitet heute für den und morgen für den anderen, je nachdem, wer ihm zuletzt das meiste Geld bietet.«
»Ein Söldner?«
»Ja, im weitesten Sinn.«
»Und Waffen?«
»Ich denke, ich würde noch genug Waffen für eine kleine Söldnerarmee auftreiben können. Solange es keine Panzer sein müssen!«
Der Bürgermeister hob abwehrend seine speckigen Finger. »Meine Güte, nein. Es geht hier doch nicht um einen Bürgerkrieg! Wo ist dieser Algerier denn jetzt?«
»Meines Wissens ist er noch in Marseille, was ein großer Vorteil für uns ist, da es ja wohl schnell gehen soll.«
»In Marseille? Ich dachte, er braucht erst noch einen Pass und ein Visum?«
»Für ein ruhigeres Leben, mein Lieber. Wie soll ich ihn sonst überreden, mitzumachen – wenn doch sonst nichts für ihn herausspringt?«
»Dann bezahlst du ihn eben.«
»Nein, ausgeschlossen. So läuft das nicht. Weißt du, bezahlen kann jeder. So aber wäscht eine Hand die andere. Tust du was für mich, tu ich was für dich, verstehst du? Ist eine ganz andere Sache, so zusammenzuarbeiten.«
Didier griff nach seinem Cognac und leerte ihn. »Also gut, wie du meinst. Stell mir alles zusammen, was ich für den Pass und das Visum wissen muss. Meine Faxnummer zu Hause kennst du. Wie schnell kannst du den Algerier zu fassen kriegen, und wie viele Leute kann er mobilisieren?«
»Das sollte ziemlich schnell gehen. Und über die Anzahl der Leute mach dir mal keine Sorgen. Du hast mir ja erklärt, um was es geht und wie eilig es ist. Ich melde mich morgen früh bei dir, okay?«
Didier stand auf. »Ja, das ist gut. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
»Immer geschmeidig bleiben, Didier. Wer weiß, wie die Karten das nächste Mal wieder verteilt sind.« Er stand auf und ging mit seinem Bruder zur Tür. »Vergiss deine Jacke nicht. Und fahr vorsichtig, hörst du?«
»Ich konnte schon allein auf mich aufpassen, als du noch nicht geboren warst, Paul!«
»Ist ja schon gut. Also dann!«
Didier stieg in seinen Wagen und machte sich auf die Rückfahrt. Im Grunde hatte er erreicht, was er wollte, doch aus irgendeinem Grund fühlte er sich nicht richtig zufrieden. Er kam sich immer noch wie ein Bittsteller vor, und sein Bruder hatte sich herabgelassen, ihm einen Gefallen zu erweisen! Es ärgerte ihn, dass er dieses Gefühl nicht loswurde. Er hatte zu deutlich gezeigt, dass er etwas von ihm wollte. Paul hatte bloß ein bisschen kokettiert, aber in Wirklichkeit sofort gewusst, was er tun könnte. Didier wettete, dass Paul aus dem Pass und dem Visum für den Algerier einen wesentlich größeren Vorteil zog, als er zugab. Wahrscheinlich würde der Algerier ihm dafür nicht nur die Forscher vertreiben, sondern auch noch einen oder zwei andere Gefallen schuldig sein. Paul verkaufte sich niemals zu billig. Aber egal, dachte er, sollte er doch seinen Vorteil haben. Dieses Mal standen größere Dinge auf dem Spiel, und diese verdammten Wissenschaftler wurden nun endlich zum Teufel gejagt.
Kapitel 17
10. Mai, Höhle bei St.-Pierre-Du-Bois
In regelmäßigen Abständen spürten Peter und Patrick ein kurzes Rucken an der Sicherungsleine, mit der ihre Kollegin verbunden war. Ein Zeichen, dass Stefanie noch immer keine Schwierigkeiten hatte.
Sehr langsam, aber stetig gaben sie mehr und mehr Seil. Schon fast zehn Meter waren im Durchgang verschwunden, und Stefanie arbeitete sich weiter vorwärts, ohne ein anderes Zeichen zu geben als das beständige Rucken, auf das sie sich geeinigt hatten. Keinerlei Geräusche drangen aus dem Durchgang zu den beiden Forschern durch. Mit höchster Anspannung standen sie breitbeinig auf dem in den Boden gemeißelten Zeichen, dem »Kreis von Montségur«, und hielten die Leine, die in bizarrer Weise in der Luft zu hängen schien. So absonderlich es für einen Außenstehenden aussehen mochte, hatten sie doch keinen anderen Blick als den für das bläuliche Schimmern in diesem ansonsten unscheinbaren Gang vor ihnen, und sie horchten angestrengt in die trügerische Stille vor ihnen.
Sie hatten sich dem Rhythmus des Seils angepasst. Es war zu einer Nabelschnur geworden. Wie ein lebendiges Wesen zog es sanft aber kräftig, sie spürten das Leben, mit dem sie verbunden waren. Und wie der sehr langsame Herzschlag eines großen Tieres pochte es regelmäßig.
Pochte.
Pochte.
Und alle ihre Nerven waren darauf fixiert, dass das Pochen plötzlich aussetzen würde.
»Peter!«
Er fuhr erschrocken zusammen. »Was?«
»Ich hatte gefragt, wie lange sie schon drin ist.«
»Ich... weiß es nicht«, antwortete Peter, ohne den Blick abzuwenden. »Hatten Sie nicht auf die Uhr gesehen? Es kommt mir wie eine halbe Stunde vor... Ich schätze allerdings, dass es noch nicht so lang ist...«
»Na schön, also wir sind jetzt bei neun Meter fünfzig, bei sagen wir mal einem Zentimeter pro Sekunde sind das... 950 durch 60... na ja, höchstens eine Viertelstunde, wahrscheinlich ist sie nicht länger als zehn Minuten drin... Meinen Sie, das reicht, und wir sollten sie erst mal zurückrufen?«
Peter wiegte nachdenklich den Kopf. »Ja, ich denke schon. Ich kann nicht ewig so konzentriert bleiben. Und ehrlich gesagt, brenne ich darauf zu wissen, was sie bisher entdeckt hat.«
»Also dann! Erst mal halten wir sie fest.« Sie spannten das Seil, so dass nicht weitergezogen werden konnte. Dann zog Patrick dreimal kräftig am Seil, um Stefanie das Zeichen zur Rückkehr zu geben. Einen kurzen Moment danach hing es plötzlich durch und fiel dann zu Boden.
»Haben Sie es abgerissen?«, fragte Peter.
»Wohl kaum. Ich schätze, sie kommt jetzt wieder auf uns zu.« Er holte die Sicherungsleine wieder ein, und wenige Augenblicke später trat Stefanie vor ihnen aus dem Durchgang.
»Sie werden mir nicht glauben, was ich gesehen habe«, waren ihre ersten Worte, noch bevor jemand eine Frage stellen konnte.
»Beschreiben Sie es!«, forderte Peter sie auf.
Sie klinkte das Seil aus ihrem Gürtel, während sie begann: »Hinter dem Gang liegt eine riesige Kaverne, vielleicht sechzig oder siebzig Meter im Durchmesser. Und alles leuchtet in blauen Farben. Im Zentrum der Höhle strahlt eine Art Lichtsäule steil gegen die Decke. Dort wird das Licht auf irgendeine Weise in ein Spektrum von unzähligen Blautönen gebrochen und auf den Boden reflektiert. Die ganze Höhle ist erfüllt von diesem flirrenden Licht, mal eisblau, dann wieder türkis oder violett schimmernd. An der Decke ist es fast weiß und so hell, dass die Höhe schwer auszumachen ist, vielleicht fünfzehn oder zwanzig Meter. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel!«
»Unfassbar«, entfuhr es Peter.
»Wie weit sind Sie hineingegangen?«, fragte Patrick.
»Ich bin dem Gang um die Ecke gefolgt und hatte die Höhle gerade mal betreten. Sie haben ja gemerkt, wie langsam ich mich vorgetastet habe. Aber ehrlich gesagt denke ich nicht, dass das weiterhin nötig ist. Ich habe keine Bewusstseinsveränderung bemerkt, und durch das Licht ist auch der Weg gut sichtbar. Es besteht wirklich keine Gefahr.«
»Was ist das für eine Lichtsäule?«, fragte Patrick. »Beschreiben Sie sic noch etwas genauer.«
»Ich war nicht nah genug dran, um Details zu erkennen. Dort scheint so eine Art Sockel zu stehen, aus dem das Licht austritt.«
»Ein Scheinwerfer?«
»Ja, irgendwie schon. Und dann auch wieder nicht. Das Licht steigt deutlich sichtbar noch oben, es wirkt fast, als hätte es eine Substanz. Es ist blendend hell, und in dem Strahl sind nach oben fließende Ströme zu erkennen. Eigentlich wirkt es eher wie ein Wasserstrahl, der nach oben geschossen wird, nur viel zähflüssiger und leuchtend.«
»Vielleicht ist es ja tatsächlich kein Licht...«, meinte Peter.
»Und was konnten Sie sonst noch von der Höhle sehen?«, wollte Patrick wissen.