Выбрать главу

»Weniger, als man meinen sollte. Von der Decke fällt zwar dieses blaue Licht herab, aber es kommt in Streifen... wie soll ich das erklären... so wie Sonnenstrahlen durch den Nebel auf den Waldboden fallen. Oder wie ein Szenario unter Wasser: Das Wasser ist zwar klar, aber dunkel, so dass die Sichtweise beeinträchtigt ist. Die Strahlen fallen in schrägen, sich ständig bewegenden Streifen hinein. Es wird also niemals alles zugleich angestrahlt.«

»Klingt nach einer Discokugel an der Decke«, sagte Patrick.

»Es ist viel langsamer, sanfter. Die Lichtstrahlen schimmern und bewegen sich wie leise wehende Vorhänge aus Seide. Alles ist von diesem Licht erfüllt, aber trotzdem kann man nur etwa zehn Meter weit klar sehen. Dahinter wird es undeutlich.«

»Dann konnten Sie das gegenüberliegende Ende der Höhle also nicht sehen? Wieso schätzen Sie dann, dass sie etwa siebzig Meter tief ist?«

»Das habe ich abgeleitet. Wenn man aus dem Gang in die Höhle tritt, steht man auf einer Art Sims, etwa fünf Meter breit, der nach links und rechts führt, anscheinend aber einen Bogen, einen Teil eines großen Kreises, beschreibt. Nach einigen Schritten stößt man an den Rand des Simses. Dort befindet sich ein tiefer Graben, in dem Wasser fließt. Ich habe die Breite des Grabens auch auf etwa fünf Meter geschätzt. Vom Eingangssims führt eine Brücke über diesen Graben. So weit bin ich nicht gegangen. Aber man konnte erkennen, dass hinter der Brücke wieder fester Boden folgte. Dahinter war erneut eine dunkle Linie zu erkennen, dann wieder eine helle, dann erneut eine dunkle und schließlich die Lichtsäule. Es hatte den Anschein, als führe der Weg vom Sims über insgesamt drei Gräben bis hin zur Mitte. Und dann fiel mir das hier ein.«

Stefanie deutete auf den Fußboden.

Zu ihren Füßen lag das in den Stein gemeißelte Zeichen des »Kreises von Montségur«.

»Sehen Sie sich das genau an«, sagte Stefanie. »Dies ist der Plan der Kaverne!«

Der Vue d'Archiviste war regenverhangen. Es war ein feiner, gleichmäßiger Regen, wie er gerade im Frühling tagelang anhalten konnte. Die Wolken hatten den Himmel verdunkelt, weder der Sonnenuntergang noch der Mond würden zu sehen sein. Schon jetzt hatte sich eine blaugraue Decke über den Wald und die Hügel gelegt, die die Formen und Konturen im trüben Zwielicht verwischte. Das farblos gedämpfte Einerlei schien einsam und leblos. Doch aus den Schatten richtete sich ein Paar wachsamer Augen konzentriert auf die Felswand. An einer bestimmten Stelle auf halber Höhe war ein schwacher Schein sichtbar. Die Quelle des Lichts war von unten nicht auszumachen, doch etwas leuchtete dort oben. Dort oben, wohin die Forscher verschwunden waren.

Die Gestalt erhob sich und eilte auf den Geländewagen zu, der am Fuß des kleinen Berges geparkt war. Es dauerte nur einen Lidschlag, dann hatte sie den Wagen erreicht und verschmolz mit ihm. Sie bewegte sich mit größter Vorsicht und Geschmeidigkeit, obwohl sie wusste, dass man sie nicht sehen konnte, selbst wenn es taghell wäre. Dennoch würde sie sich keinen Fehler erlauben. Ihre Sinne waren geschärft, ihre Muskeln und Sehnen gespannt. Einem Raubtier gleich lauerte sie eine Zeit lang und studierte die Umgebung aus dem neuen Blickwinkel. Der direkte und einfachste Weg den Hang hinauf führte über die Sicherungsleine, die auch die Forscher verwendet hatten. Dieser Weg kam nicht in Frage. Wohl aber jene Felsvorsprünge weiter rechts. Sie lagen etwas abseits, waren unbeobachtet, ermöglichten jedoch den Blick auf die Sicherungsleine und den Sims, zu dem sie hinaufführte.

In fließenden Bewegungen glitt die Gestalt zum Hang hinüber und begann mit dem Aufstieg. Ihre Hände tasteten sich voran, suchten sich feinste Vorsprünge und krallten sich daran fest. Die Füße wanderten über den Stein und fanden eigenständig Halt. Wie ein flinkes Insekt überwand die Gestalt die große Höhe und erreichte schließlich einen Punkt direkt unterhalb der erleuchteten Felsen. Es war zu erkennen, dass es dort einen Absatz gab, zu dem auch das Seil hinaufführte. Prüfend hob die Gestalt ihren Kopf, ohne ihn über die Kante des Absatzes zu heben. Es war hier deutlich das Summen eines Geräts zu hören. Zusammen mit einem feinen Geruch nach Diesel schloss sie auf einen Stromgenerator. Stimmen oder weitere Geräusche waren nicht auszumachen. Behutsam kletterte die Gestalt höher. Der kleine Absatz verbreiterte sich zur Seite hin, wo sich das Seil befand, und wurde dort zu einer richtigen Plattform, hinter der der Fels weiter aufragte. Und direkt dort öffnete sich eine Höhle im Fels. Lichtschein fiel aus der Höhe auf ein geöffnetes Stahlschott.

Behutsam bewegte sich die unsichtbare Gestalt auf den Höhleneingang zu und schlüpfte hinein.

Stefanie fuhr mit ihrer Erklärung fort: »Ein Gang führt zum Zentrum, das von drei Gräben umgeben ist. Die Gräben sowie die Wege sind jeweils etwa fünf Meter breit. Wenn die Höhle also tatsächlich diesem Plan entspricht, dann muss sie etwa siebzig Meter im Durchmesser haben.«

Patrick starrte den »Kreis von Montségur« an. Dass er ein Lageplan sein könnte, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. »Welchen Sinn könnte es haben, eine derartige Höhle zu bauen?«, fragte er. »Wenn es einen einfachen Weg direkt zur Mitte gibt, wozu dann diese Wassergräben drum herum?«

»Vielleicht für zeremonielle Zwecke«, überlegte Peter, »Es könnte sich um eine Art Prozessionsweg handeln. Oder aber die ganze Konstruktion ist rein symbolisch und stellt etwas dar, das uns bisher noch verschlossen ist... Ich habe dieses Zeichen bisher noch nie so betrachtet, aber in gewisser Weise besteht hier eine Ähnlichkeit zu den Linien von Nazca. Kennen Sie sie? Riesige Linienmuster, die von einem unbekannten Volk in die Wüste gemalt wurden. So groß, dass man sie nur vom Flugzeug aus erkennen kann. Der Zweck dieser Formen ist bis heute völlig unklar.«

»Es muss ja auch nicht alles einen Zweck haben«, sagte Patrick. »Es können ja auch einfach nur Ornamente sein.«

»Konnten Sie außer der Lichtsäule, den Strahlen und diesen Wegen und Gräben noch etwas erkennen?«, fragte Peter.

»Bisher nicht«, antwortete Stefanie.

»Haben Sie ganz normal atmen können, oder haben Sie etwas an der Luft bemerkt?«, fragte Peter weiter. »Einen besonderen Geruch vielleicht, hohe Feuchtigkeit, Wärme, Kälte, irgendetwas Außergewöhnliches?«

»Nein, wie kommen Sie darauf?«

»Vielleicht sollten wir trotzdem eine Luftprobe nehmen und analysieren«, schlug Peter vor. »Nur zur Sicherheit. Wir hätten schon früher darauf kommen sollen. Ich bin zwar kein Feldforscher wie Patrick, aber es ist doch ein übliches Verfahren, das auch bei der Entdeckung von Gräbern in Ägypten angewendet wird. Die Luft könnte irgendwie verseucht sein. Im Grab des Tutenchamun hatten sich hochgiftige Schimmelpilzsporen angesammelt, die es der unbedarften Carter-Expedition schwer gemacht haben... Der ›Fluch des Pharaos‹, Sie haben bestimmt davon gehört.«

»Sie meinen wirklich, die Höhle könnte vergiftet sein?«

»Wir können es ja nicht ausschließen. Ich bin auch kein Physiker, aber das Verhalten des Lichts, wie Sie es beschreiben, legt doch nahe, dass sich irgendwelche Schwebeteilchen in der Luft befinden, sonst wären die Strahlen ja gar nicht sichtbar, oder? Vielleicht ist die Luft mit einer Art Dampf gesättigt, so wie dicker Nebel. Was aber, wenn das kein Wasserdampf, sondern ein anderer, gesundheitsschädlicher Dunst ist? Ich bin dafür, dass wir eine Luftprobe nehmen und heute erst einmal eine Analyse davon machen.«

Stefanie sah Patrick an. »Was sagen Sie dazu?«

»Peter hat grundsätzlich Recht. Gräber oder andere verschlossene Hohlräume entwickeln ihr eigenes Mikroklima. Im Laufe von Jahrhunderten können sich giftige Stoffe ansammeln. Und es gibt natürlich noch andere Effekte. Wenn zum Beispiel neue Luft hinzugefügt wird, oder aber auch allein durch die Wärme und Feuchtigkeit, die ein Mensch abgibt, kann das Mikroklima gestört werden. Bisher unberührte Schriftrollen schimmeln innerhalb weniger Tage, zerfallen, Wandmalereien lösen sich auf. Hat es alles schon gegeben. Wenn man die Luft vorher analysiert, kann man das verhindern. Außerdem könnte man an der Konzentration von modernen Umweltgiften oder Schwermetallen feststellen, wann der letzte Kontakt zur Außenwelt stattgefunden hat, was auch immer ganz interessant ist. Andererseits...« Er überlegte einen Augenblick. »Andererseits handelt es sich hier im strengen Sinne bloß um ein Loch im Felsen, noch dazu mit einem Ausgang an die frische Luft, es ist also kein hermetisch versiegeltes Grab, in dem vier- oder fünftausend Jahre lang eine vertrocknete Leiche gelagert wurde.«