»Was sollten wir also Ihrer Meinung nach tun?«, fragte Stefanie.
»Also, ganz ehrlich«, antwortete der Franzose, »ich bin immer noch sicher, dass es unbedenklich ist. Ich meine, ganz offenbar gibt es hier einen Schutzmechanismus, der hervorragend funktioniert und einen heftigen Effekt auslöst. Aber wir haben die Anweisung gefunden und uns daran gehalten. Alles ergibt Sinn, ist in sich schlüssig, wir haben den Schlüssel gefunden, und das Tor ist passierbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nun noch eine versteckte Falle geben sollte.«
»Ich sehe das genauso«, sagte Stefanie. »Peter, sind Sie damit einverstanden, dass wir fortfahren?«
»Was soll ich dazu noch sagen?« Er zuckte mit den Schultern. »Offenbar sind Sie beide sich einig und haben mich überstimmt. Ich verstehe nur nicht, wie Sie sich so sicher sein können, Patrick.«
»Nennen Sie es einen Instinkt.«
»Instinkt? Damit lässt sich vielleicht ein Geschäft auf dem Bazar machen, aber ich möchte nicht Stefanies oder unser Leben auf Ihren Instinkt verwetten.«
»Hören Sie, Peter. Ich bin ja sicherlich nicht immer die Vorsicht in Person, aber auf mein Gespür für Gefahr konnte ich mich bisher absolut verlassen. Und dieses Gefühl sagt mir, dass es jetzt vollkommen sicher ist. Es ist...«. Er suchte nach Worten. »Wie eine innere Stimme. Eine Art Vertrautheit. Als hätte ich es schon immer gewusst.«
»Wie bitte?!«
»Ja, ich kann es auch nicht besser erklären. Es fühlt sich einfach richtig an. Es ist selbstverständlich.«
Peter schüttelte den Kopf. »Also, es tut mir leid, aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht folgen. Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?«
Patrick sah an ihm vorbei. »Und wenn ich es mir recht überlege«, sagte er halblaut, als forsche er seinen eigenen Gedanken nach, »dann hat Stefanie das Tor geöffnet, sie war der Schlüssel, und nun könnten wir alle eintreten... natürlich! Die Archive des Wissens sind offen.« Plötzlich fixierte er Peter eindringlich. »Verstehen Sie? Die Archive des Wissens sind jetzt offen!«
Peter hob beschwichtigend die Hand. »Langsam, langsam ...«
»Nein, nicht langsam, kommen Sie! Wir können jetzt auch da rein!« Er erfasste Peters Arm und zog ihn plötzlich zum Durchgang.
»Was tun Sie da?!«, rief Peter entsetzt und riss sich los.
»Kommen Sie schon«, sagte Patrick und trat selbst auf den Durchgang zu. »Es ist ganz einfach...«
Stefanie ging auf Patrick zu, um ihn zurückzuhalten. »Gehen Sie da weg, Patrick!«
Aber der Franzose tat einen Schritt vorwärts. Sein Bein verschwand bereits zur Hälfte.
»Bleiben Sie hier!«, rief Peter und wollte den Franzosen aufhalten. Doch der wirbelte plötzlich herum.
»Vertrauen Sie mir!«, rief er, ergriff abermals Peters Arm und zog ihn heran.
Peter hatte Mühe, nicht jäh nach vorne zu stolpern. Er musste sich befreien! Panisch griff er nach Patricks Fingern und versuchte, sich von ihrer Umklammerung zu lösen.
»Lassen Sie ihn los!«, rief nun Stefanie, die zwischen die beiden fuhr und sie auseinander drückte. »Und kommen Sie da weg!«
Nun packte Patrick mit der anderen Hand auch Stefanies Arm. »Na los! Machen Sie es mir nicht noch schwerer!«
»Lassen Sie ihn los!!«
»Wie Sie wollen!« Patrick lächelte sie an. »Aber dann kommen Sie wenigstens mit!« Er stieß Peter von sich und stolperte dadurch selbst rückwärts in den Durchgang.
Peter nahm nun alles wie in Zeitlupe wahr. Patricks nach hinten gelehnter Kopf verschwand als Erstes, der Rest des Körpers kippte ebenfalls nach hinten. Der Brustkorb wurde buchstäblich aufgesogen, dann der Bauch. Die Gürtelschnalle glänzte kurz auf und verschwand dann zusammen mit dem Becken. Immer weniger des Körpers war noch zu sehen. Nur noch Patricks Beine und ein Arm ragten hervor. Und dieser Arm hatte Stefanie ergriffen, riss sie so unbarmherzig mit sich, dass sie ebenfalls in den Durchgang stolperte. Peter wollte eingreifen. Aber seine Glieder schienen wie aus Blei. Noch bevor sich seine Hand auch nur einen Millimeter gerührt hatte, um die Forscherin zu berühren oder gar festhalten zu können, hatte sie sich bereits Stück für Stück aufgelöst.
Fassungslos blieb Peter zurück.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Erkenntnis durchsickerte, was gerade passiert war.
»Patrick?«, rief er. »Stefanie!«
Seine Worte hallten fremd und leer von den Steinen wider.
Er ahnte nicht, dass sich in diesem Augenblick eine unsichtbare, krallenbewehrte Hand nach ihm ausstreckte...
10. Mai, 18.30 Uhr, Rue des Anges, Paris
Emmanuel Michaut hatte noch auf dem Rückflug aus dem Hubschrauber die wichtigsten Eckdaten aus dem Gespräch mit dem Grafen an seinen Geheimdienst weitergegeben. In kürzester Zeit musste er alles in Erfahrung bringen über einen Orden namens Priorat von Zion und einen Monsieur Plantard, der dem Orden verbunden war. Beide schienen dem Grafen wohl bekannt und hielten offenbar den Schlüssel zum Verständnis des Merowingergeschlechts in Händen. Mehr hatte ihm der Graf darüber nicht sagen können – oder wollen. Allerdings hatte er sich noch im Beisein des Präsidenten mit dem Büro des rätselhaften Herrn in Verbindung gesetzt. Sie hatten einen Termin für denselben Abend vereinbart.
Nun saß Präsident Michaut in seinem Schreibzimmer im Amt der Rue des Anges. Gerade erst gestern hatte er hier Jean-Baptiste Laroche empfangen; es war keine dreißig Stunden her, dass er zum ersten Mal etwas über die geheime Blutlinie erfahren hatte. So viel war in dieser kurzen Zeit geschehen, ein ganzes Weltbild hatte sich geändert.
Michaut sah auf die Papiere vor sich. Bei seinem Eintreffen waren schon einige Unterlagen für ihn bereit gewesen. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd. Der Orden war zwar namentlich bekannt und wurde sporadisch in verstreuten Quellen erwähnt – in Zeitungsausschnitten, amtlichen Dokumenten, Urkunden –, und es gab sogar ein Sachbuch dazu, aber in der Kürze der Zeit ließen sich die Informationsschnipsel nicht zusammenfügen oder bewerten. Es gab keine ausdrücklichen Belege, wo der Ursprung des Ordens lag oder welche Ziele er verfolgte. Und über einen Monsieur Plantard war überhaupt nichts Aussagekräftiges zu finden – es gab zu viele Plantards in Frankreich, und keiner schien eine Verbindung zum Orden von Zion offen zu bekunden.
Michaut vertraute dem Grafen. Das war der einzige Grund, weswegen er sich nun mit einem ihm völlig Unbekannten traf, den er nicht einmal überprüfen konnte. Was konnte der Mann ihm erzählen? War es ein gutes Zeichen, dass über ihn nichts bekannt war? Deutete es darauf hin, dass er erfolgreich im Verborgenen agierte? Wenn das so war, war das gut oder schlecht für ihn – und für Frankreich?
Es klopfte, dann öffnete sich die Tür zu seinem Büro, und ein Sicherheitsbeamter trat ein.
»Monsieur le Président, Ihr Besuch ist da.«
»Vielen Dank, bringen Sie ihn herein und lassen Sie uns allein.«
Der Sicherheitsbeamte nickte und führte kurz darauf einen dünnen, alten Mann mit einem Kamelhaarmantel herein. Der Präsident stand auf und ging auf den Mann zu, während die Bürotür wieder geschlossen wurde.
»Ich nehme an, Sie sind Monsieur Plantard. Es freut mich, dass Sie kommen konnten.«
Der alte Mann schüttelte Michaut freundlich lächelnd die Hand. Seine Hände waren schmal und knochig, und sie wirkten viel zu groß. Unzählige Falten durchzogen die lederne Haut seines Gesichts, das trotz des hohen Alters den Ausdruck eines wachen und intelligenten Geistes trug. Ein leises Schmunzeln, funkelnde Augen und eine Nickelbrille verstärkten diesen Eindruck noch.