»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Monsieur Michaut.«
Der Präsident zuckte innerlich zusammen, als er von dem Fremden so respektlos angesprochen wurde, dennoch bedeutete er dem Mann, sich in einen Sessel einer Sitzecke zu setzen, und nahm ebenfalls dort Platz. Auf dem Tischchen vor ihnen standen bereits Gläser, eine Flasche Wasser, sowie eine Schale mit Mürbegebäck.
»Es mag Ihnen unverfroren erscheinen, wenn ich Sie nicht mit Ihrer offiziellen Amtsbezeichnung anrede«, begann Plantard, während er sich setzte und den Mantel dabei um sich schlug, als sei ihm kalt, »doch ich möchte damit anzeigen, dass ich Sie als Mensch respektiere und nicht nur wegen eines Präsidententitels. Monsieur le Président ist der Name einer Rolle, die auch schon viele vor Ihnen verkörperten. Aber ich möchte gerne mit Ihnen als Mensch reden. Zudem haben Sie auf diese Weise die Möglichkeit, fern jeden Protokolls mit mir zu reden. Die Sorgen oder Fragen, die Sie haben, äußern Sie als Mensch – dem Präsidenten jedoch würde ich mir nicht anmaßen, meine Hilfe oder meine Informationen anzubieten.«
Michaut lehnte sich zurück und überdachte die Worte des Mannes. Mit wenigen Worten hatte Plantard die ersten Irritationen beseitigt und dabei einen vollendeten Hofknicks gemacht. Ein interessanter Mensch, gebildet und scharfsinnig. Er schätzte ihn aufgrund seines Aussehens auf mindestens siebzig Jahre – umso respektabler war seine geistige Frische.
»Ich habe nichts dagegen, Monsieur«, antwortete der Präsident. »Da ich Ihre Position oder Ihre Geschichte nicht kenne, bleibt mir ebenfalls nichts anderes übrig, als Sie mit Monsieur Plantard anzureden.«
»Viel gibt es über mich auch nicht zu wissen, wie Sie ohne Zweifel bereits herausgefunden haben.«
»Ich muss gestehen, dass meine Versuche, Näheres über Sie in Erfahrung zu bringen, in dieser kurzen Zeit vergeblich waren. Vielleicht erzählen Sie daher zunächst etwas über sich?«
»Gestatten Sie, dass ich rauche?«
»Bitte.«
Plantard zog ein silbernes Etui hervor, klappte es auf und bot Michaut davon an. Der winkte jedoch ab.
Plantard entnahm dem Etui ein dünnes Zigarillo. »Wenn Sie sich gerade Gedanken über meine Gesundheit machen, kann ich Ihnen nur beipflichten. Aber in meinem Alter kommt es nicht mehr darauf an. Die meiste Zeit und die besten Jahre sind vorbei. Das Älterwerden ist trostlos genug. Ich habe nicht vor, es mit Verzicht zu verlängern.« Er lächelte, während er das Zigarillo entzündete. Dann lehnte er sich zurück und ließ den Rauch bedächtig aus einem Mundwinkel steigen.
»Was gibt es über mich zu sagen...?«, griff er den Gedanken von zuvor auf. »Meinen Namen kennen Sie bereits. Ich bin gelernter Kaufmann, begann eine Ausbildung in einem Verlag, dann brach der Krieg aus. Ich geriet für ein Jahr in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte fliehen und schloss mich der Résistance an. Nach dem Krieg suchte ich Arbeit und war dann bis in die achtziger Jahre als Geschäftsmann tätig. Import, Export, Banken.«
Wenn er in den vierziger Jahren in Kriegsgefangenschaft war, überlegte Michaut, dann war er etwa achtzig. Eine Überraschung. »Was wissen Sie über das Priorat von Zion?«, fragte er ihn.
»Sie verlieren nicht viel Zeit mit Höflichkeiten, Monsieur, nicht wahr?«
»Und was können Sie mir über Jean-Baptiste Laroche sagen und seine Verbindung zu den Merowingern?«
Plantard nickte. »Sie sind noch nicht lange im Amt, Monsieur Michaut. Noch nicht so lange wie Ihr Vorgänger es war. Daher ist es wohl nicht zu erwarten, dass Sie über diese Zusammenhänge bereits gestolpert sind. Nun trifft es Sie umso unvorbereiteter. Nun, das Priorat von Zion gibt es schon sehr lange.« Er dehnte das »sehr« und wippte dabei leicht mit dem Kopf, wie um sich selbst zu bestätigen. »Wie Sie sicherlich wissen, ist Zion der alte Name der Festung von Jerusalem, später des Tempelbergs oder auch der ganzen Stadt. Ein Ort der Macht, der heute noch eine solche Ausstrahlung hat, dass er Juden, Christen und Muslime gleichermaßen anzieht. Welche Schlachten sind schon um ihn geschlagen worden! Zion ist das Sinnbild der universellen Herrschaft eines von Gott auserkorenen Volkes, Zion ist das Idealbild des Mittelpunktes der Erde, eines kulturellen Epizentrums. Das Priorat von Zion versteht sich als ein Orden, der sich diesem Idealbild verpflichtet fühlt.«
»Und die Merowinger?«
»Die Dynastie der Merowinger...« Plantard nahm einen langen Zug am Zigarillo und blies den Rauch wieder so langsam empor, als nutze er die Zeit zum Nachdenken. »Ja... ein ganz besonderes Kapitel in der Geschichte Frankreichs. Wir alle lernen an den Schulen, wie die Merowinger im sechsten Jahrhundert die Reiche der Salen und der Frankenstämme erstmalig einten und somit ein gemeinsames Reich, Frankreich, gründeten. Merowech als Wegbereiter, Chlothar, Dagobert und so fort. Mitte des achten Jahrhunderts endete die Herrschaft der Merowinger, nachdem Dagobert II. im Auftrag von Pippin II. ermordet wurde und der letzte amtierende merowingische König Frankreichs, Childerich, von Pippin III. mit Unterstützung des Papstes abgesetzt wurde. Und der Sohn Pippins III, war dann jener Karl, der spätere Charlemagne, Karl der Große, der die Herrschaft der Karolingerdynastie begründete.«
»Diese Geschichte ist mir durchaus bekannt, Monsieur Plantard.«
»Das glaube ich Ihnen gerne. Haben wir nicht gerade den Karolingern viel zu verdanken? Karl der Große verknüpfte wie keiner vor ihm Kirche und weltliche Regierung, vergrößerte und sicherte das Reich, setzte sich für Kunst, Kultur und Bildung ein, eine Erneuerungsbewegung, die sogar einen eigenen Namen bekam: Renovatio. Moderne Strukturen und Denkweisen.«
Der alte Mann betrachtete sein Zigarillo argwöhnisch, als drohe es gerade zu verlöschen. Er pustete die Spitze versuchsweise an und ließ die Glut damit aufflammen. »Doch kennen Sie die Geschichte hinter der Geschichte? Sehen Sie genau hin: Was begann gemeinhin mit dem Jahr 800, der Krönung Karls des Großen?« Nach einer kleinen Pause, in der er ganz offenbar keine Antwort erwartete, sprach er weiter: »Das Mittelalter, Monsieur Michaut. Das dunkle Zeitalter, wie man es auch nennt. Wie viel Wissen ging verloren, wie viel Unsicherheit und Aberglaube fassten Fuß? Wie viele Kriege wurden geführt und wie viel Blut vergossen? Denken Sie an die unsäglichen Kreuzzüge, den Hundertjährigen Krieg... Er dauerte bis ins fünfzehnte Jahrhundert. Dann endlich ein Licht am Ende des Tunnels: die Renaissance. Es war eine wahre Wiedergeburt, als die Menschen und Regierungen sich aus den mittelalterlichen Strukturen lösten, als kirchliche und weltliche Macht sich wieder trennten, und schließlich selbst die Kirche eine Reformation über sich ergehen lassen musste. Sie sind kein gläubiger Mensch, Monsieur Michaut, daher kann ich Ihr Augenmerk in aller Neutralität darauf richten: Es war die Kirche, die die Dynastie der Merowinger beendet wissen wollte, es war die Kirche, die den Karolingern ihre Macht bescherte, sich mit ihnen verbündete, es war die Kirche, die die Kreuzzüge antrieb, es war die Kirche, die Forschung und Wissenschaft unterdrückte und deren omnipräsente Macht endlich in der Renaissance gebrochen wurde.«
Der Präsident nickte. Er war zwar kein Gegner der Institution Kirche, aber kritisch stand er ihr allemal gegenüber. Doch wie viel wusste Plantard über seine Einstellung? Manipulierte er ihn? Es stimmte wohl, was der Alte sagte, und so gesehen mochte er durchaus Recht haben. Aber Michaut fragte sich, worauf er hinauswollte. Dass die Merowinger die besseren Herrscher gewesen wären?
Der Alte fuhr fort: »Es stellt sich die Frage, ob es Zufall war, dass die Kirche ihren Aufschwung an die Karolinger knüpfte, und warum das mit den Merowingern nicht möglich gewesen wäre. Nun, in der Tat gab es einen sehr guten Grund, weswegen die Kirche sich so entschied. Denn in den Adern von Dagobert und Childerich floss ein Blut, dessen Fortbestand die Kirche keineswegs zulassen durfte.«