»Jesus Christus«, warf der Präsident ein.
»Ja, das Blut des Erlösers. Ich sehe mit Befriedigung, dass Sie mit dieser Vorstellung bereits vertraut sind.«
»Die Theorie ist mir so neu, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, darüber zu schlafen, aber ja, ich habe davon gehört.«
»Nun, es ist tatsächlich keine Theorie. Auf dem einen oder anderen Wege – sei es durch Heirat oder andere Verwandtschaft – ist das Blut unseres Herrn fortgeführt worden. Es fand in Gallien Zuflucht, wo es in den Stammbäumen von Merowech und den Franken aufging. Nun, warum sollte die Kirche ein Interesse haben, dieses einmalige, göttliche Herrscherhaus zu verdrängen? Scheinbar paradox, nicht wahr? Aber ich will es Ihnen sagen: Weil sich die Macht der Kirche nicht auf Jesus begründete, sondern auf der Erlösung durch die Wiederauferstehung und die von Petrus geschaffene Institution Kirche. Und warum sage ich »unseres Herrn«, wenn ich von Jesus rede? Weil Jesu Bedeutung nichts mit der heutigen Kirche zu tun hat – der ich ebenfalls nichts abgewinnen kann –, sondern weil Jesus der höchste Vertreter und Anführer eines auserkorenen Volkes war. Er war hoch gebildet, ein Revolutionär, ein Humanist, ein früher Gandhi, ein Siddharta, ein Martin Luther King – und vor allen Dingen war er der wahre und rechtmäßige König der Juden. Die Römer wussten das. Jesus hätte sich zum Herrscher der bekannten Welt emporgeschwungen, er hätte das Römische Reich vernichtet. Daher ließen sie ihn umbringen. Was daran göttlich war, entscheiden Sie selbst.«
Michaut sagte eine Weile nichts. Was gab es zu sagen? Eine überaus faszinierende, wenngleich durch nichts zu beweisende Interpretation. Hatte ihn sein Geheimdienst am Morgen zum ersten Mal hiermit konfrontiert, saß er nun – keine zwölf Stunden später – jemand gegenüber, der sie mit so ruhiger Überzeugung vertrat, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
»Was hat nun der Orden von Zion damit zu tun?«, fragte er.
»Nun, wie ich eingangs schon sagte, fühlt sich das Priorat von Zion dem Idealbild jener Zeiten verpflichtet. Somit war es die zentrale Aufgabe des Priorats, das Blut der Merowinger nicht aussterben zu lassen. In den vergangenen Jahrhunderten war das Priorat nicht immer sichtbar aktiv, weder in der Wirtschaft noch in der Politik, doch immer ist das Erbe der Merowinger fortgeführt worden. In Wahrheit waren somit stets Erben des königlichen Blutes unter uns, haben in Herrscherhäuser eingeheiratet, haben ihre Linie gesichert und zum Teil dem Priorat selbst vorgestanden.«
»Und was sind die Ziele des Priorats? Weshalb ist nicht schon längst jemand vorgetreten und hat die Herrschaft übernommen?«
Der Alte schüttelte den Kopf und drückte sein Zigarillo aus. »Die Ideale des Priorats sehen keine Weltrevolution in Form eines Putsches vor. Die Zeit ist nicht reif dafür. Damit ein zentraler Herrschaftsanspruch überhaupt wirkungsvoll sein könnte, dürften die Machtverhältnisse nicht so verzettelt sein, wie es heute der Fall ist. Länder und Regierungen müssten zunächst noch stärker zusammenwachsen, die Kirche müsste noch mehr Macht und Glaubwürdigkeit verlieren. Aber denken Sie nicht, dass das Priorat deswegen untätig war. Glauben Sie wirklich, dass nach Hunderten, Tausenden von Jahren Krieg in Europa die sich anbahnende europäische Einheit selbstverständlich ist? Ein europäischer Präsident – gestern noch undenkbar, und heute? Welches übergroße, zentrale Interesse ist hier aktiv, dass sich Engländer, Franzosen, Deutsche, Polen, Russen und Türken nicht noch heute säbelrasselnd gegenüberstehen?«
»Sie wollen mir weismachen, dass es nicht die Politiker sind, die die Geschicke in Europa lenken, sondern das Priorat?«
Plantard winkte ab. »Verstehen Sie mich nicht falsch, es sind sehr wohl die Politiker, die die Geschicke leiten. Politiker wie Sie, Monsieur Michaut. Sie handeln nach Ihren Zielen. Doch haben Sie sich jemals gefragt, wie Sie zu Ihrer Überzeugung gekommen sind? Welche Gedanken anderer Menschen vor Ihnen haben Sie beeindruckt? Wer vor Ihnen verfolgte bereits ähnliche Ziele wie Sie? Wessen gedankliche Arbeit setzen Sie fort? Wessen Bücher lesen Sie, wessen Kommentare beeindrucken Sie, auf wessen Rat hören Sie? Wir alle, Monsieur Michaut, Sie und ich, sind nur zu einem kleinen Teil Individualisten, denn das meiste ist bereits erdacht, gesagt, geschrieben und erfunden. Unsere Ideen, Ansichten und Überzeugungen bedienen sich aus dem überquellenden Fundus der Weltgeschichte; Tausende von Jahren, Milliarden von Menschen, so schlau und in der Summe unendlich viel schlauer als wir – wirklich neue Ideen sind sehr selten. Wir unterscheiden uns nur darin, welche dieser Ideen wir aufgreifen, wessen Überzeugungen wir annehmen, welche Talente wir haben und wie wir Letztere einsetzen, um Erstere zu verfolgen.«
Michaut schwieg. Der Alte hatte einen allzu tiefen Nerv getroffen. Ziele. Erfolg. Selbstbestimmung. Neues schaffen. Zeichen setzen. Unsterblichkeit. Relevanz. Sein Kopf fühlte sich seltsam hohl an.
»Und nun fragen Sie mich, wer die Geschicke lenkt. Sie tun es, Monsieur Michaut. Und dennoch in einem höheren Sinne. Unsere Leben sind nur ein Augenzwinkern in der Menschheitsgeschichte, entsprechend klein ist der Ausschnitt, den wir sehen und den wir wirklich beeinflussen. Nur wer Hunderte oder Tausende von Jahren leben würde, der könnte ganze Strömungen auslösen und entwickeln, einzelne Geschicke lenken, Ideen säen, dafür sorgen, dass Gedankengut auf fruchtbaren Boden fällt und sich verbreitet. Daher gibt es Kräfte im Verborgenen, die nur deswegen ihre Ziele verfolgen können, weil sie über so lange Zeit hinweg existieren. Wir bemerken weder ihr Wirken, noch haben wir eine Beziehung zu ihren Zielen. Aber das liegt einzig an unserer Perspektive. Es ist wie mit der Erde: Wir spüren nicht, dass sie sich unter uns bewegt, und doch tut sie es. Manche Dinge sind zu groß, als dass wir sie sehen könnten. Vor dem Hintergrund der Geschichte bewegen wir uns zu schnell, und einige Dinge sind zu langsam für unsere Wahrnehmung. Das Priorat von Zion ist eine solche langsame, große Kraft.«
Michaut massierte sich eine Schläfe. Vieles in ihm sträubte sich gegen die Ausführungen des Alten. Sie zeichneten ein Bild jenseits jeder sicheren, ihm bekannten Realität. Zugleich war es aufregend. Es war ein Gemälde so ungeheuren Ausmaßes, dass vor ihm jedes menschliche oder politische Bemühen nur wie ein unbedeutender Pinselstrich erschien. Und doch fügte sich alles in ein übergeordnetes, unsichtbares Konzept. Es war erhebend und deprimierend zugleich; eine Art religiöse Ergriffenheit hatte ihn erfasst. Und gerade das machte ihn umso stutziger. Konnte es sein, dass der Alte ihn derart zu beeinflussen vermochte? Wie viel von dem, was er sagte, war einfach nur blanker Irrsinn? Verschwörungsfantasien eines Greises, der sich durch sein Alter Respekt verschaffte und mit seinen Worten Ehrfurcht erschlich? Andererseits kannte der Graf ihn und hatte diese Begegnung arrangiert. Der Graf! Wie sehr ließ er, Michaut, sich vom Grafen manipulieren? War es vielleicht der Graf, der ein Spiel mit ihm trieb? Michaut griff nach der Flasche und schenkte sich Wasser ein.
»Sie scheinen nicht überzeugt?«, fragte der Alte. Es war eher eine Feststellung. »Nun gut, nehmen wir ein Beispieclass="underline" Ende der fünfziger Jahre war Frankreich in einer schweren Krise. Immer wieder Zeiten ohne Regierung, die Parteien verfeindet, die französischen Kolonien in Indochina blutig verloren und kurze Zeit später das Aufbegehren der algerischen Nationalisten, die die Unabhängigkeit forderten und eine eigene Regierung erzwingen wollten: der Algerienkrieg. Wie Sie wissen, bildeten sich in dieser Zeit zahlreiche Komitees für öffentliche Sicherheit, die ›Comités de Salut Public‹. Sie arbeiteten aus dem Untergrund, ähnlich wie in den Zeiten der Französischen Revolution. Sie wollten ein starkes, großes Frankreich, der Koloniestatus Algeriens sollte erhalten bleiben. Und sie wussten, dass nur ein Mann hierfür in Frage kam, einer, der schon einmal zuvor provisorisches Staatsoberhaupt gewesen war: Charles de Gaulle. So halfen sie ihm 1958 an die Macht. Und eine führende Rolle in diesen Komitees spielte das Priorat von Zion. Denn ein großes, kräftiges Reich war durchaus im Sinne des Priorats. De Gaulle kam an die Macht, doch entgegen der allgemeinen Erwartungen entschied er, Algerien die Unabhängigkeit zuzugestehen. Hätten sich die Komitees in Frankreich wegen dieses vermeintlichen Verrats nun zusammengeschlossen, hätten sie die Regierung ernsthaft bedrohen können. Aber de Gaulle war ein guter und weitsichtiger Politiker, der beste, den Frankreich in langer Zeit gehabt hatte. Daher entschied das Priorat, ihn trotzdem weiter zu unterstützen. Und so kam es, dass es ausgerechnet der Großmeister des Priorats von Zion war, der als Vorsitzender des Generalsekretariats der Komitees diese lenkte und sie schließlich auf Bitten de Gaulies zur gemeinschaftlichen Auflösung bewegte.« Plantard zündete sich ein neues Zigarillo an. »Das können Sie recherchieren, Monsieur. Sie werden feststellen, dass es stimmt.«