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Der Wagen bremste und bog ab. Er behielt seine verringerte Geschwindigkeit bei. Kurze Zeit später stoppte er, blieb eine Weile stehen und fuhr dann wieder an. Eine Ampel, überlegte Peter. Es gab ihm ein vertrautes Gefühl, zu wissen, dass sich dort draußen etwas so Alltägliches wie eine Ampel befand. Ein Stück Zivilisation. Vielleicht waren sie in einer Stadt? Aber es waren keine entgegenkommenden Autos mehr zu hören. Entweder befanden sie sich in einer relativ unbelebten Gegend, oder es war schon so spät in der Nacht, dass nur noch wenige unterwegs waren. In jedem Fall würde das aber bedeuten, dass kaum jemand den Wagen beachtete und die Polizei Schwierigkeiten haben würde, Zeugen zu finden und die Strecke nachzuvollziehen. Alles vorausgesetzt, man wäre überhaupt schon auf der Suche nach ihm und wüsste, dass man diesem Wagen folgen musste. Erste Anlaufstelle wären die Ranger, aber möglicherweise konnten die bei den Ermittlungen nicht helfen – wenn sie entweder tot waren oder aber die Eindringlinge nicht gesehen hatten... nicht gesehen... der Unsichtbare auf dem Monitor! Konnte das wirklich sein? Gab es eine Technologie, die unsichtbar machte? Stealth-Technologie, wie Patrick sie genannt hatte. Radarstrahlen schlucken oder streuen, ja. Aber einen Menschen unsichtbar machen für das bloße Auge? Höchst unwahrscheinlich, aber ein Gedanke, der berücksichtigt werden musste. So wäre das Eindringen natürlich zu erklären. Aber vielleicht verfügten diese Leute dann auch über Möglichkeiten, ihn oder gar den ganzen Wagen verschwinden zu lassen? In diesem Fall würde sich seine Lokalisierung natürlich äußerst schwierig gestalten. Patrick hätte jetzt vermutlich eine technische Erklärung parat.

Patrick!

Er war in den Durchgang gestürzt! Ganz plötzlich war er so sicher gewesen, dass es ungefährlich sei, ja er war fast besessen davon. Was war nur in ihn gefahren? Und was war nun aus ihm geworden? Hatte er inzwischen ebenfalls den Verstand verloren wie jener unglückliche Schäfer? Vielleicht bemühte sich Stefanie bereits, den um sich schlagenden, irrsinnigen Mann zu bändigen, ihn aus der Höhle zu zerren. Vielleicht hatte sie nach Peter um Hilfe gerufen, um dann festzustellen, dass er verschwunden war. Patrick mochte sich in der Zwischenzeit auch verletzt haben oder in ein Koma gefallen sein, und Stefanie versuchte verzweifelt, ihn im Dunkeln und womöglich bei Regen den Steilhang hinunterzuschleppen.

Peter schrak zusammen, als eine Tür zugeschlagen wurde und der Lärm seinen Schädel erschütterte. An die eintönigen Fahrgeräusche hatte er sich gewöhnt, doch mit einem Mal waren seine Kopfschmerzen wieder da. Der Wagen hatte angehalten. Mit einem Ruck wurde vor ihm ein Paar Türen geöffnet. Es waren Hecktüren, und er selbst saß auf dem Boden im Laderaum eines Kleinlasters, wie er bereits vermutet hatte. Schwaches Licht schien von draußen herein, gerade so viel, dass er glänzende Konturen und Schatten erkennen konnte, doch zu wenig, um Farben oder Details auszumachen. Das Innere des Lasters war keineswegs für bloße Transportzwecke gedacht, so viel wurde deutlich, denn es befanden sich schmale Schränke, Kisten, Wandbehänge und zwei Sitzbänke darin.

»Sind Sie wach, Monsieur Lavell?«

Die Stimme klang streng.

»Ja, ich bin wach...«

»Dann steigen Sie aus! Wir sind da.«

Peter wollte gerade erwidern, dass er festgeschnallt sei, als er spürte, wie der Gurt um seinen Bauch nachgab. Er bewegte sich versuchsweise. Mit den gefesselten Händen war es nicht leicht, sich aufzurichten. Sein Kopf war schwer und schien mit heißem Blei gefüllt zu sein, das jeder seiner Bewegungen folgte. Behutsam suchte sich Peter einen Weg nach vorn und trat schließlich aus dem Wagen.

Kühle, feuchte Luft schlug ihm entgegen. Er nahm einen tiefen Atemzug und spürte förmlich, wie sich sein Gehirn zusammenzog. Es roch nach Regen, nach nassem Boden. Allerdings nicht nach Erde, sondern nach nassem Staub. Und da war noch etwas, ein schwer auszumachender Geruch, süßsauer, ein wenig nach Früchten, vielleicht Äpfeln, aber gleichzeitig unangenehm aufdringlich, warm, nach Urin. In jedem Fall eine industrielle Ausdünstung. Peter tippte auf eine Brauerei und sah sich um. Sie befanden sich auf dem leeren Gelände einer Fabrik. In der Nähe stand eine einzelne Straßenlampe. Peter konnte einen Stacheldrahtzaun erkennen, ein paar schäbige Häuschen, eine Straße, Gestrüpp, einige Flachdachgebäude und Schornsteine. Sie befanden sich inmitten eines düsteren, maroden Industriegebiets. Dem Anschein nach war es nicht nur abgelegen, sondern auch größtenteils verlassen.

Jetzt trat ein zweiter Mann herbei. »Gehen Sie!«, wies er Peter an und deutete in Richtung des alten Hauptgebäudes. Peter rechnete sich gegen seine zwei Entführer keine Chancen zu einer Flucht aus. Selbst wenn es nicht dunkel und das Gelände nicht umzäunt gewesen wäre, hätte er in seiner körperlichen Verfassung keine zwanzig Meter sprinten können, ohne vor Anstrengung und Übelkeit zusammenzubrechen. Also setzte er sich in Bewegung und folgte dem ersten Mann, der schon einige Schritte vorausgegangen war.

Bald erhob sich vor ihnen die nackte Betonwand der Fabrik. Bis in den vierten Stock waren Fenster zu sehen, die Scheiben waren verschmiert oder zerschlagen, von den Sprossen liefen rostbraune Schlieren herab. Sie erreichten eine Stahltür, über der eine kleine Glühbirne brannte. Es gab kein Türschild, keine Hausnummer, keine Beschriftung, keine Farben. Nur nackter Beton mit einer schwarz gefleckten Patina von vielen Jahrzehnten und eine mit Nieten beschlagene Tür, deren einst graue Lackierung durch blutige Rostgeschwüre zerfressen war. Dies ist kein Ort, an dem man eine im freundlichen Ton gehaltene Verhandlung führte, dachte Peter. Dies ist mit Sicherheit auch kein Ort, an dem man bewirtet und alte Bekannte treffen würde. Dies ist ein Ort, an dem einen niemand sieht, niemand hört, und an dem einen niemand jemals wiederfindet.

Als sich die Tür öffnete, zuckte Peter unwillkürlich zusammen. Noch stand er hier draußen, fast frei, roch den Regen, spürte die Kühle auf seinem Gesicht. Aber gleich würden sie eintreten. Der Gefangene sah das letzte Mal den verhangenen Himmel, und nun erwartete ihn die Bastille. Er hatte nur schemenhafte Vorstellungen davon, welches finstere Schicksal ihn erwarten könnte.

Das Innere war erleuchtet. Der erste Mann trat ein, der zweite stieß Peter vorwärts. Hinter ihm fiel die Tür mit einem schweren, metallenen Klacken ins Schloss.

Der Gang war kahl und eng. An der Decke hingen unruhig flackernde Neonröhren, zwischen denen sich Rohre und Kabel entlangschlängelten. Die Männer trieben Peter voran. Er stellte fest, dass einzig dieser Gang erhellt war. Alle Räume und Abzweigungen, die sie passierten, lauerten in völliger Dunkelheit. Auf eine unangenehme Weise starrten ihn die Löcher an wie der Durchgang in der Höhle. Abgründe, die lebendig würden, wenn man nur lange genug in sie hineinsah... ein Bild, das ihm in letzter Zeit entschieden zu häufig über den Weg lief. Und nun war er mittendrin.

Sie erreichten einen offenen, allein durch Gitter umgebenen Schacht und betraten einen Lastenaufzug, der aus nicht mehr als einem Stahlkäfig mit Fußboden bestand. Einer der Männer schob die Tür hinter ihnen zu, steckte einen Schlüssel in eine kleine Kontrolleinheit und betätigte einen Hebel.

Mit einem Ruck setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung und senkte sich. Von weit über ihnen konnte Peter das Summen eines Motors hören. Metall klapperte und hallte durch den Schacht. Das Licht über ihnen entfernte sich, der Fahrstuhl sank in die Tiefe.

Peter wunderte sich, wie es sein konnte, dass ein so altes Gebäude über unterirdische Stockwerke oder eine Tiefgarage verfügte. Da es um sie herum rasch dunkler wurde, ließen sich an den Wänden immer weniger Details erkennen, aber anscheinend gab es keine weiteren Gänge oder Türen. Die Luft wurde kälter, der Geruch nach Beton und Staub wich einem feuchtmodrigen Aroma nach Erde und alten Backsteinen. Unvermittelt kamen sie zum Stehen. Das Gitter des Fahrstuhls wurde aufgeschoben, und dann öffnete sich eine hölzerne Tür in der Wand vor ihnen. Ein rotgelber Schein schlug ihnen entgegen.