Выбрать главу

Wortlos wurde Peter angetrieben. Sie gingen durch einen Gang, der aus großen Blöcken gemauert war, fast wie durch eine Krypta. Den Boden bedeckte ein dunkelroter Läufer, an den Wänden waren in regelmäßigen Abständen Öllampen befestigt. Der Gang endete an einer weiteren Holztür, diesmal waren altes Schnitzwerk und glänzende Messingbeschläge darauf zu erkennen. Der Mann, der den kleinen Trupp anführte, öffnete sie. Anschließend traten sie in eine geräumige Halle, acht oder zehn Meter hoch, die in das bedrohlich zuckende Lichtspiel von Flammen getaucht war. Sie entsprangen übergroßen Feuerschalen in den Klauen zweier mannshoher Skulpturen aus Schmiedeeisen. Es waren verschlungene Gebilde aus unförmigen Gliedmaßen, raubtierhaft, haarig, sehnig, verwoben mit übergroßen menschlichen und nichtmenschlichen Geschlechtsorganen, Mäulern und Krallen. Die monströsen Wucherungen standen links und rechts einer breiten, steinernen, mit einem Teppich belegten Treppe. Sie führte zu einer Galerie, die in der Höhe rund um die Halle herumführte, wo weitere Gänge und Türen sichtbar waren.

Der bedrohliche Eindruck wurde noch verstärkt, als Peters Blick auf den Fußboden vor ihnen fiel. Dort war ein glänzendes Mosaik aus schwarzem Glas oder Obsidian eingelassen.

Peter erkannte es sofort. Es war eine Abwandlung das Siegels von Belial, dem achtundsechzigsten Dämon in der Goetia. Er hatte den »kleineren Schlüssel Salomons«, wie das Werk ebenfalls genannt wurde, vor einigen Jahren ausgiebig studiert. In der Mythologie war Belial ein großer König der Dämonen, geschaffen direkt nach Satan und einer der vier Kronprinzen der Hölle. Er galt als unabhängig, niederträchtig, ewig verlogen und wurde mit dem Element Erde sowie den nördlichen Himmelsrichtungen verbunden. Eine Art Schattenseite von Luzifer, Morgenstern, dem Lichtbringer – wenn Dämonen überhaupt noch Schattenseiten haben konnten. Peter staunte über sich selbst. Mit plötzlicher Intensität war alles wieder da. Alles, was er über die Abgründe erfahren, gelesen und gehört hatte. Er hatte mehr okkulte Werke ergründet als manch katholischer Exorzist, hatte geheime Wege beschreiten dürfen und sich mit Leuten unterhalten, denen in dieser ganzen Thematik niemand das Wasser reichte. Doch immer war es – und das wurde ihm in diesem Augenblick schaudernd bewusst – akademisch gewesen. Nie hatte er zu träumen gewagt, einmal in die Gewalt von Fanatikern zu kommen, die diese pseudoreligiösen Hirngespinste lebten und ernst nahmen – und zwar ernster, als es jedem lieb sein konnte, der um sein Leben und seine geistige Gesundheit fürchtete.

In diesem Augenblick trat eine Gestalt an das obere Ende der Treppe. Es war ein schlanker junger Mann in einem dunklen Anzug, der nun herunterkam. Als er in den direkten Schein der Feuerschalen trat, erkannte Peter ihn.

»Ash Modai«, sagte er.

»Willkommen, Herr Professor Lavell. Wie ich sehe, sind Sie unversehrt, wunderbar.«

»Ich kann nur hoffen, dass das auch so bleibt.«

»Entschuldigen Sie meine forsche Einladung. Sie verstehen sicherlich, dass ich Sie unbedingt wiedersehen musste.«

»Was wollen Sie von mir?«

Ash Modai war an Peter herangetreten und funkelte ihn eindringlich an. »Aber das wissen Sie doch.«

»Grämen Sie sich noch immer wegen meiner Publikationen?«

»Ihre Publikationen? Die sind überhaupt nicht von Relevanz. Sie haben keinerlei Auswirkung auf die Wahrheit, auf unseren Orden oder die Ebenen zwischen den Welten. Und daher sind sie auch nicht von Bedeutung. Nur kleine Geister mögen sich grämen, sich verunglimpft fühlen. Aber was kümmert es das Meer, ob es regnet?« Der junge Mann führte sein Gesicht ganz nah an Peter heran. Peter bemerkte mit Schaudern, dass dessen Pupillen nicht rund geformt waren, sondern senkrecht spitz zuliefen, was ihnen ein fremdartiges, animalisches Aussehen verlieh. Ash Modai schien an ihm zu riechen. Dann sagte er mit drohend gedämpfter Stimme: »Nein, Herr Professor. Sie sind einzig und allein wegen des Kreises hier. Des ›Kreises von Montségur‹.«

»Was wissen Sie über den ›Kreis‹?«, fragte Peter.

Der Mann riss die Augen auf und stieß Peter mit so plötzlicher Wucht vor die Brust, dass ihm aller Atem aus den Lungen wich und er rückwärts zu Boden ging.

»ICH stelle hier die Fragen!«, herrschte Ash Modai ihn an.

Peter wurde es für einen Lidschlag schwarz vor Augen. Er stützte sich mit einem Arm auf und bemühte sich, Luft zu holen.

»Ich habe Sie nicht herbringen lassen, um mit Ihnen zu plaudern«, fuhr der Mann in ruhigerem Ton fort. »Ich habe Sie einmal gebeten, mir Ihre Informationen zu geben. Aber Sie stellten sich mir in den Weg. Nun bitte ich Sie nicht mehr. Ich werde mir die Informationen holen, und danach sind Sie überflüssig.«

»Die Höhle...«, brachte Peter kurzatmig hervor, »Sie wissen doch jetzt, wo sie ist.«

»Das stimmt. Und das ist nicht Ihr Verdienst, also sollten Sie nicht allzu stolz darauf sein. Aber jetzt will ich etwas anderes wissen. Nämlich wie man hineinkommt.«

Peter richtete sich langsam und wankend auf. Ein stechender Schmerz in der Brust hinderte ihn, tief Luft zu holen. Er mochte nicht darüber nachdenken, ob das von einer gebrochenen Rippe herrührte. Sein Kopf schien zu glühen. »Sie können die Höhle nicht betreten. Sie werden es niemals können.«

Ash Modai machte einen Schritt nach vorn und stieß dem noch gekrümmt dastehenden Peter eine Faust in den Magen. Stöhnend sank Peter auf die Knie. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinen Eingeweiden aus. Er verkrampfte sich, wollte Luft holen, würgte und erbrach sich mit brennender Heftigkeit auf das Mosaik.

»Sie werden mir keinen Mist mehr erzählen, Herr Professor! Ich werde herausfinden, was ich wissen will. Schafft ihn weg!«

Peter nahm verschwommen wahr, wie ihn die beiden Männer, die ihn hereingeführt hatten, an den Oberarmen griffen und empornssen. Sie zerrten ihn durch die Halle, und er bemühte sich, seine Füße dabei voreinander zu setzen.

Wie aus der Ferne hörte er die Stimme von Ash Modai: »Bringt ihn zur Empore im Saal und macht ihn dort fest!« Dann hatten sie den Feuerschein der Halle verlassen und tauchten in einen dunklen Gang ein.

Kapitel 18

10. Mai, Höhle bei St.-Pierre-Du-Bois

Stefanie fing ihren Sturz so geschickt es ging auf, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie dabei auf Patrick landete, der rückwärts in den Durchgang gestürzt war und nun auf dem Boden lag.

Er lachte. »Gleich so stürmisch?«

Sie sagte nichts, stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose.

Patrick erhob sich ebenfalls. »Sehen Sie? Es ist nichts passiert! Ich wusste es! Der Durchgang ist offen.« Er blickte den Gang entlang und entdeckte das diffuse Leuchten hinter der nächsten Biegung. »Da ist es also... Kommen Sie, das muss ich mir ansehen!«

Langsam ging er auf die Lichtquelle zu, und sie folgte ihm dichtauf. Als er den Eingang der Kaverne erreichte, blieb er stehen. Blaues Licht, das von unten nach oben heller wurde, erfüllte die steinerne Grotte. Es bewegte sich in sanften Schleiern, wogte dahin, als sei es lebendig. Es hatte wahrhaftig eine Dichte, eine Substanz, wie Stefanie zu Recht beschrieben hatte, so als könne man es anfassen. Wenn einzelne Strahlen durch die Höhle wanderten, wirkte es glänzend und durchsichtig, an anderen Stellen war es fast trüb, so dass sich die gegenüberliegende Wand nicht erkennen ließ. Es hatte den Anschein, als stünde die Halle unter Wasser, und das Licht des Mondes schiene durch die Wellen hinab auf den Meeresboden.

»Es ist... wunderschön!«, hörte Patrick sich sagen.

Jetzt sah er auch die Lichtsäule, von der Stefanie erzählt hatte. Es war ein gerader Strahl, der von der Mitte der Höhle aus förmlich an die Decke emporloderte. Er war sehr hell, von fast reinem Weiß, und auch er hatte diese lebendige Qualität, waberte leicht, drehte sich. Einzelne Ströme waren darin zu erkennen, die sich geradezu bedächtig nach oben bewegten.