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Ein Weg führte zu ihm hin. Mit dem Plan der Höhle vor Augen wusste Patrick, dass es der einzige Weg war, auf dem man in das Zentrum der konzentrisch angelegten Ringe gelangen konnte. Vorsichtig trat er einige Schritte vor und stand am ersten der drei Gräben. Im wechselnden blauen Lichtspiel war es nur undeutlich auszumachen, aber in etwa zwei Metern Tiefe war der Graben mit Wasser gefüllt. Ein Fest für jeden Höhlentaucher, zu erkunden, wie tief diese Gräben waren, was sich auf ihrem Boden verbarg, wie sie angelegt waren, wo sie hinführten und wo das Wasser herkam.

Patrick zögerte, vom äußeren Rand der Höhle aus nun den Weg zu beschreiten, der zur Mitte führte. Etwas mahnte ihn zur Vorsicht. Er ließ seinen Blick schweifen und suchte den Boden nach verräterischen Unregelmäßigkeiten ab, eingelassenen Klingen, die emporschnellen konnten, oder Mechanismen, die durch sein Gewicht ausgelöst würden. Er glaubte nicht an komplizierte Fallen, und dennoch fuhr etwas wie mit dürren Krallen durch seine Nackenhaare. Und dann sah er es: Das Licht bildete eine Grenze direkt an der Kante des ersten Grabens.

Das friedvoll wehende Lichtphänomen durchdrang mitnichten die gesamte Halle, sondern bildete gleichsam eine Kuppel, deren äußeren Rand sie noch nicht überschritten hatten. Sie standen weiterhin außerhalb des Lichtes, auch wenn der Schein überall zu sein schien. Doch es gab eine fast unmerkliche Grenze. Bei genauer Betrachtung war zu erkennen, dass der Stem hinter der Grenze ein klein wenig anders aussah. Und das war es, was Patrick Sorgen bereitete. Denn dort war der Boden nicht einfach heller oder dunkler, sondern wirkte je nach Lichteinfall merkwürdig unwirklich. Er bekam zeitweise eine leicht flirrende Oberfläche, wie bei einer Luftspiegelung, dann wieder wirkte er fast durchscheinend.

Patrick beschlich das ungute Gefühl, dass die Stille und Sanftmütigkeit dieser Höhle trog. Hier verbarg sich etwas, das weitaus größer war als jener erste Schritt, der ihn auf den Mittelgang führen würde. Hinter der Einladung, vorzutreten, lauerte etwas. Und Patrick hatte keine Vorstellung davon, was es sein könnte.

Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.

Welcher Natur war die Strahlung, die hier zu sehen war? War dies vielleicht eine Waffe? Eine Art Reaktor? Waren Menschen überhaupt dazu bestimmt, diese Grenze zu überschreiten? Vielleicht durfte dieses Licht nicht berührt werden, vielleicht schützte es das Innere der Kreise, vielleicht musste man es zunächst irgendwie ausschalten?

Je mehr Patrick darüber nachdachte, desto weniger feindselig kam ihm die Erscheinung vor. Denn gleichzeitig wirkte sie beruhigend und verheißungsvoll. Möglicherweise war es einfach nur die Fremdartigkeit des Phänomens, die so bedrohlich wirkte und derart zwiespältige Gefühle hervorrief.

Vorsichtig streckte Patrick eine Hand aus und berührte die Grenze des Lichts.

Nichts ließ sich mit den Händen greifen, auch die Temperatur veränderte sich nicht. Es schien nicht mehr als Licht und Luft zu sein. Und doch ließ sich nun auf seinen Fingern derselbe Fata-Morgana-Effekt beobachten wie auf den Steinen.

Stefanie war dicht herangetreten und verfolgte das Geschehen. Patrick sah sie an.

»Hier ist wieder so ein Übergang«, sagte er.

»Ja, sieht so aus...«

»Wie beim Durchgang, nur anders. Eine Grenze in der Luft.«

»Und jetzt? Sie wollen doch wohl nicht etwa da rein?«

»Ich bin mir nicht sicher... man kann es berühren...«

»Das kann man die Schwärze im Durchgang auch. Und was passieren kann, haben Sie ja am eigenen Leib kennen gelernt.«

»Ja, aber nun scheint es ja offen zu sein. Vielleicht kann man hier jetzt auch einfach durch.«

»Vielleicht? Wollen Sie das riskieren?«

»Jetzt sind wir so weit gekommen.«

»Ich kann nur hoffen, dass Sie das nicht ernst meinen! Auch wenn ich Ihre Neugier nachvollziehen kann, ist das doch wohl kaum... PATRICK!«

Es traf ihn mit der Gewalt eines Orkans.

Mit einem kleinen Schritt hatte er die Grenze überquert und stand nun unvermittelt in einem gleißenden Sturm aus Bildern, getrieben von einer kreischend lauten Kakophonie aus Klängen, Geräuschen und Stimmen. Ohnmächtig durchspülten ihn unermessliche Eindrücke – aus zahllosen fremden Ländern und fernen Zeiten zugleich, Menschen, Tiere, Bauwerke, Sprachen und Gesänge, alles wirbelte in einem infernalischen Orchester durcheinander, drang durch jedes Tor und jede noch so kleine Fuge seiner Wahrnehmungsfähigkeit in sein Mark. Es vergewaltigte seine Sinne, nahm ihnen Unschuld, Willen und Wider-Stand, brandete in einer dröhnenden Flutwelle an seinen Verstand, zerschlug donnernd den letzten Wall und verschlang alles in einer Sintflut der Sinne und des Geistes.

Kraftlos sank Patrick auf die Knie. Alles verschwamm in Dunkelheit.

Finsternis. Stille.

Unfähig, sich zu bewegen, gefangen auf dem Boden der Tiefsee, in einem mentalen Unterseeboot, dessen Schotten geflutet waren, schien selbst die Zeit ihren Atem anzuhalten.

Und dann blieb sie stehen.

Keine Zeit, kein Licht, kein Ton.

So trieb er durch das Nichts, als er in der Ferne ein feines blaues Funkeln ausmachte. Es verschwand, wenn er es ignorierte. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Doch es glimmte stets erneut auf. Wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtete, wuchs es an. Er missachtete es, und es schrumpfte wieder. Eine Weile vergnügte er sich daran, das Licht wachsen und verschwinden zu lassen. Er wollte sich gerade davon abwenden, als sich dem kleinen Licht eine leise Stimme hinzugesellte. Je mehr er sich anstrengte, zu hören, was sie sagte, desto lauter wurde sie. Und mit ihr schwoll das Licht an, und schon bald gab es kein Zurück mehr. Er raste mit zunehmender Geschwindigkeit nach oben.

Mit brennenden Lungen und letzter Kraft brach er durch die Oberfläche. Stöhnend atmete er aus und sog sich die Lungen voll mit frischer Luft. Leben spülte durch seine Adern, durch seine Nerven. Er schlug die Augen auf. Sanftes blaues Leuchten umfing ihn.

»Patrick! Da sind Sie ja!«

Er sah in Stefanies Gesicht. Nie war sie ihm schöner vorgekommen. Und gleichzeitig wirkte sie plötzlich entrückt, erhaben. Mit einem Mal spürte er ihre Andersartigkeit so intensiv, dass es ihn sexuell erregte. Die Erektion war jedoch schmerzhaft, und sie war nicht mit Lüsternheit und Begierde verbunden, sondern im Gegenteil mit Ehrfurcht – wie vor einem höheren, heiligen Wesen.

»Geht es Ihnen gut? Alles wieder in Ordnung?«

Patrick erinnerte sich, wo er sich befand und was geschehen war. Er saß auf dem Boden der Höhle, das Licht umspielte ihn von allen Seiten, ihm schien nichts zu fehlen. Anders als beim ersten Mal, als er den Kopf durch den Durchgang gesteckt hatte, spürte er keine Nachwirkungen. Neben ihm kniete Stefanie, ihre Hand lag auf seiner Schulter. Und etwas hatte seine Wahrnehmung von ihr entscheidend verändert. Die Tatsache, dass sie ihn anfasste, allein der bloße Gedanke an ihre Berührung löste ein drängendes Pochen in seinen Lenden aus, und zugleich erkannte er, dass er es niemals wagen würde, sie zu berühren. Dass überhaupt kein Mann in der Lage wäre, sie jemals zu berühren.

Unbeholfen stand er auf und bemühte sich, mit der linken Hand unauffällig seinen Schoß zu bedecken. Stefanie tat so, als bemerkte sie es nicht, doch sie ließ seine Schulter dabei nicht los. Und Patrick spürte unwillkürlich, dass das so sein musste.

Denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind.

Sie war eine Hüterin der Geheimnisse, daher hatte sie den Durchgang passieren können. Und bei Patricks Sturz hatte sie ihn ebenfalls berührt, als sie versucht hatte, ihn zurückzuhalten. Dadurch war er nicht zu Schaden gekommen. Und nun, in dieser blauen Kuppel, musste er sich von ihr berühren lassen, wenn er nicht auf der Stelle den Verstand verlieren wollte.