»Ja, es klappt!«, rief Patrick. »Ich habe nicht ausdrücklich an diesen Wagen gedacht, er hat sich von allein gebildet. Die Höhle kennt den alten Benz!«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich versuche herauszufinden, ob die Höhle nur das abbildet, an das ich gerade denke, ob sich also lediglich meine eigenen Gedanken manifestieren. Aber es scheint so, als ob ich nur die Richtung lenke und die Bilder woanders herkommen.«
»Wo sollen sie denn herkommen?«
»Na, was weiß denn ich? Aber könnte das hier nicht so etwas wie eine Art Bilder- oder Filmarchiv sein? Oder eine Art Lexikon? Ich meine, immerhin haben wir die Höhle doch als ›Höhle des Wissens‹ betrachtet.«
»Aber vielleicht haben Sie unterbewusst an diesen Wagen gedacht? Offenbar kennen Sie ihn ja wohl.«
»Sie haben Recht... aber wie sollte man auch an etwas denken, das man nicht kennt?«
»Eigentlich tut man das doch immer, wenn man eine Antwort sucht.«
»Sie meinen...«
»Ja, wenn Sie sich nicht treiben lassen oder in Ihren eigenen Gedanken herumstöbern, sondern eine Frage haben und etwas erfahren wollen.«
»Gute Idee... etwas Einfaches, Ungeklärtes... die merkwürdigen Faxe vielleicht? Wo kommen sie her? Wer ist ›St. G.‹?« Während er sprach, wurden die beiden Papiere sichtbar. Im Raum vor sich erkannte er die einzelnen Buchstaben, sah die Maschine, aus der sie gekommen waren, hörte seine eigene Stimme: ›Sie wurden in einem Postamt in Morges in der Schweiz aufgegeben.‹ Dann wurde ein Geschäftsraum sichtbar, polierter Steinfußboden, einzelne Schalter, wartende Menschen mit Briefen und Päckchen. Anschließend zog sich der Blick aus dem Inneren des Gebäudes nach außen zurück, wie eine rückwärts führende Kamerafahrt. Eine Stadt wurde sichtbar, modern, aber hier und dort von schmalen und verwinkelten Gassen durchzogen, die noch immer ihrem ursprünglichen, mittelalterlichen Verlauf folgten. Bald kam eine kleine Burg ins Bild, die fast künstlich aussah und völlig quadratisch, mit vier Türmen an den Ecken. Sie stand direkt an einem Yachthafen. Segelboote und Schwäne waren auszumachen. Es sah eher nach einem See als nach dem Meer aus. Wenn dies Morges war, so überlegte Patrick, musste es der Genfer See sein. Die Perspektive entfernte sich nach oben, und plötzlich verschwamm die Landschaft, als werde sie seitlich weggezogen. Als sich das Bild wieder schärfte, war ein herrschaftliches Anwesen zu erkennen. Das Grundstück reichte direkt an das Ufer des Sees. Große gepflegte Rasenflächen und ein Park mit einigen wenigen hohen Bäumen waren zu erkennen. Und inmitten des Parks stand eine zweistöckige Villa, auf die der Blickwinkel sich nun verjüngte. Der Bildausschnitt führte in einer rasanten Schleife um das Herrenhaus herum, die Einfahrt hinauf und zum Tor. Dort heftete er sich schließlich an ein Schild aus Messing, das in einen Pfeiler gleich oberhalb eines Klingelknopfes eingelassen war. Gravierte Buchstaben schälten sich aus der Oberfläche:
Steffen van Germain
»Das gibt's doch nicht«, entfuhr es Patrick.
»Das hat die Höhle also nicht aus Ihrem Gedächtnis geholt?«
»Nein, meine Güte, wie auch? Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Aber es scheint unser ›St. G.‹ zu sein. Und die Stadt habe ich auch noch nie gesehen. Das muss Morges gewesen sein! Ist das nicht unglaublich? Ob die Höhle einem alle Fragen auf diese Weise beantworten kann? Stellen Sie sich das mal vor!«
»Ich bin gespannt, was Peter dazu sagen wird.«
»Peter, natürlich! Den hatte ich ganz vergessen. Wir müssen ihn unbedingt holen.« Bei diesen Gedanken lösten sich die Bilder augenblicklich auf, und das sanft wabernde blaue Licht trat an ihren Platz. Es war, als würden sie aufwachen. Für einen Moment fühlte sich Patrick orientierungslos. Das Licht um ihn herum war viel heller, als er es in Erinnerung hatte. Und plötzlich sah er, dass er direkt vor der Lichtsäule stand, die im Zentrum der Höhle in die Höhe strahlte. Anscheinend war er unbemerkt weitergelaufen – glücklicherweise, ohne dabei in einen der Gräben zu stürzen. Neben ihm stand Stefanie, noch immer mit der Hand auf seiner Schulter. Auch sie hatte sich also bewegt. Sie befanden sich beide im inneren Kreis der Höhle. Es war eine Plattform von etwa zehn Metern Durchmesser. In der Mitte befand sich ein steinernes Podest, etwa hüfthoch, von dem die Lichtsäule ausging.
Das Licht stieg bedächtig und sanft nach oben. Hellere und dunklere Strömungen waren darin zu erkennen. Die Tatsache, dass es dabei keinerlei Geräusch von sich gab, verlieh dem Phänomen eine seltsame Wärme und Weichheit. Das Absonderlichste aber war die eigentliche Quelle des Lichts. Denn es war nicht das Podest selbst, das diese Strahlung aussandte, sondern das, was auf dem Podest stand.
Es war ein Kopf. Doppelt so groß wie ein natürlicher Schädel, glänzend, leicht spiegelnd und offenbar aus einer Art rotgoldenem Metall gefertigt. Die Gesichtszüge waren nur angedeutet, doch es mochte der stilisierte Kopf eines Mannes sein, zumindest falls der längliche Fortsatz am Kinn einen Bart darstellte. Er trug eine eigentümliche Frisur. Vielleicht war es auch eine Mütze oder etwas anderes, aber es war geformt wie ein Paar Stierhörner.
»Was zum Teufel...«, brachte Patrick hervor.
»Ich denke nicht, dass man das anfassen sollte«, sagte Stefanie.
»Keine Sorge, das hatte ich auch nicht vor... Aber sehen Sie mal...« Er beugte sich näher heran. »Was ist das nur? Kupfer ist es nicht... irgendeine Legierung. Könnte goldhaltig sein. Und diese Kopfform... Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es sieht keiner westlichen Kultur ähnlich. Wirkt eher orientalisch ...«
»Patrick... ich denke wirklich, wir sollten zu Peter zurück. Ich habe ein ungutes Gefühl.«
Patrick sah auf und verharrte einen Augenblick. »Sie haben Recht... Mir geht es plötzlich auch so! Los!«
Mit eiligen Schritten machten sie kehrt und gingen den Weg zurück, bis sie die Öffnung in der Felswand erreichten, die sie aus der Kaverne und zurück zum Durchgang führte, wo sie Peter zurückgelassen hatten.
Patrick konnte nicht sagen, was diesen Instinkt plötzlich ausgelöst hatte, doch er war sich sicher, dass etwas passiert war. Hinter der Biegung des Gangs sah er sofort, dass der Engländer nicht da war. Stefanies Hand fiel von seiner Schulter ab, als er vor ihr in den Höhlenraum mit den Inschriften rannte. Auch hier war keine Spur vom Professor zu sehen.
»Peter! Wo sind Sie?!«
Stefanie trat neben ihn. »Er ist nicht freiwillig gegangen«, stellte sie fest.
»Merde!«
»Monsieur? Madame?« Sie fuhren herum, als ein vom Regen durchnässter Mann durch den Eingang und in das Licht der Scheinwerfer in der Höhle trat. Es war einer der Ranger. »Es gibt da ein Problem.«
Die Bilder auf dem Überwachungsmonitor warfen einen unwirklichen Schein auf die Gesichter von Stefanie und Patrick.
Zum zweiten Mal sahen sie sich die Szene an. Das Farbspektrum der Wärmebildkamera verfremdete den Wald in eine schwarzblaue, leblose Landschaft. Dann tauchte plötzlich zwischen den Bäumen ein gelblicher Fleck auf. Nicht sehr groß, aber deutlich. Wie ein Geist schwebte er in der Mitte des Bildes durch die Luft. Er verschwand am Bildrand, dann übernahm eine andere Kamera das Objekt und zeigte es aus einem anderen Blickwinkel. Der Fleck wanderte noch ein Stück und blieb dann scheinbar in der Luft hängen. Und nun verformte er sich, dehnte sich aus, wurde größer, mit zwei Enden, die nach unten hingen. Das gebogene Objekt nahm weiter Konturen an, wurde zur Mitte hin orangefarben, und dann war zu erkennen, dass es sich um den Körper eines Menschen handelte, nach vorn gebeugt, als wolle er mit den Fingern seine Fußspitzen berühren. Ein zweiter Monitor zeigte dieselbe Einstellung und laut der eingeblendeten Daten in der Fußzeile auch denselben Augenblick. Es waren die Bilder einer regulären Kamera. Da es inzwischen dunkel geworden war, war hier währenddessen nur das undifferenzierte Schwarz des Waldes zu sehen. Doch als auf dem Wärmebild-Monitor ein neuer, schnell größer werdender roter Fleck erschien, tat sich jetzt auch hier etwas: Ein gelbes Paar Lichter schien zwischen den Baumstämmen hervor. Ein Auto näherte sich. Da es auf die Position der Kamera zufuhr, blieb das, was die Scheinwerfer anstrahlten, nur als Schatten vor dem Licht auszumachen. Dennoch wurde nun deutlich, dass im Vordergrund ein Mann stand. Er trug offenbar einen Mantel mit Kapuze, denn er bildete nur einen gleichförmigen Umriss, ohne Details erkennen zu lassen. Dieser Mann war auf dem thermographischen Bild überhaupt nicht sichtbar, wohl aber das Bündel, das er über der Schulter trug: einen regungslosen Körper.