Er wollte aufstehen. Aber es ging nur langsam und mühselig. Seine körperliche Verfassung erlaubte keine hastigen Bewegungen. Außerdem musste er feststellen, dass seine Fußgelenke ebenfalls durch Eisenmanschetten und Ketten an der Wand befestigt waren. Das ganze Arrangement bot gerade mal so viel Spielraum, dass es ihm möglich war, aufzustehen – mehr nicht.
Seine Beine kribbelten und kitzelten, als sie wieder durchblutet wurden. Er musste eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein. Nun sah er sich um.
Er stand an der Wand auf einem Absatz in etwa drei oder vier Metern Höhe über dem Boden eines gewaltigen Saals.
Ähnlich dem Mittelschiff einer Kirche wurde die Decke in etwa zehn Metern Höhe von einem Kreuzgewölbe und einer langen Reihe steinerner Säulen getragen.
Als Beleuchtung dienten unzählige Kerzen, deren flackerndes Licht überall Schatten tanzen ließ. Auf den zweiten Blick bemerkte Peter, dass es ausnahmslos schwarze Kerzen waren, die hier verwendet wurden. Schlagartig erinnerte er sich daran, dass er sich in der Gewalt von Menschen befand, die sich zu einer satanischen Sekte zusammengeschlossen hatten. Das Leben machte in der Tat nicht Halt vor Klischees, wie auch schon der Franzose bemerkt hatte. Als ob die Farbe von Kerzen irgendetwas bewirken würde. Aber dann wiederum, dachte er, machten es andere Religionen ja nicht anders. Belanglose Gegenstände, scheinbar sinnlose Gesten oder Worte entwickelten ihre Wirkung gerade durch die Bedeutung, die ihnen beigemessen wurde.
Zwischen den Säulen stand eine Gruppe von Sektenmitgliedern, in schwarze Kutten gehüllt und barfuß. Es waren Männer und Frauen darunter, was Peter an den Körperformen und vor allen Dingen an den Haaren ablesen konnte, die offen getragen wurden und über die Schultern fielen. Die Gruppe trug einen monotonen Singsang vor, nicht unähnlich einem gregorianischen Choral, jedoch eindeutig nicht in einer ihm bekannten Kirchentonart, sondern unangenehm dissonant. Das Irritierende war, dass es nicht wirkte, als sängen sie falsch. Im Gegenteiclass="underline" Die Klänge passten auf eine merkwürdige Art zueinander, doch sie woben einen unwirklichen und zutiefst verstörenden Teppich, der bösartig und aggressiv klang. Sie waren alle nach links gewandt, beobachteten oder untermalten mit ihrem Gesang offenbar irgendetwas. Als Peter in dieselbe Richtung blickte, entdeckte er an der Stirnseite des Saals eine Erhöhung. Und wie in einer Kirche stand dort ein Altar. Es war ein großer Block, hüfthoch, fast zwei Meter breit, aus weißem, poliertem Stein, möglicherweise Marmor. Inmitten der dunklen Umgebung leuchtete er förmlich.
Zunächst schien er überhaupt nicht in das düstere Bild zu passen, doch kurz darauf sollte sich der Sinn dieser Farbwahl auf eine perverse Weise offenbaren.
Hinter dem Altar stand eine Gestalt in schwarzer Kutte. Der Mann hielt mit der linken Hand die zusammengebundenen Beine eines schwarzen Hahnes. Die Flügel waren offenbar ebenfalls fixiert, dennoch zappelte das Tier nach bestem Vermögen.
Als der Gesang in einem plötzlichen Aufschrei seinen Höhepunkt erreichte, vollführte der Mann mit der rechten Hand eine blitzschnelle Bewegung. Etwas Schwarzes wurde zur Seite geschleudert. Peter erschrak. Es war der Kopf des Hahns. Er hatte dem Tier den Kopf abgeschlagen! Der Vogel zuckte nun spastisch, Blut spritzte aus seinem Hals, ergoss sich über den Altar. Dann umfasste der Mann den Körper des Hahns mit der anderen Hand, hielt ihn fest und vollführte kreisende Bewegungen. Dabei hinterließ er überall auf dem makellosen Weiß des Steins eine leuchtend rote Spur, bis der Hals des Tiers nach einer Weile aufhörte zu pulsieren und zu sprudeln und der ehemals reine Altar über und über mit glänzendem Blut besudelt war.
Übelkeit stieg in Peter auf, er musste die Augen schließen und durchatmen. Mochte er über die Satanisten auch gelächelt haben – diesen Leuten war es ganz offenbar sehr ernst!
»Wunderbar, nicht wahr?«
Peter fuhr zusammen und sah auf. Ash Modai stand neben ihm auf dem Absatz.
»Ist es nicht eine wunderbare Halle, Peter? Ich darf Sie doch Peter nennen?«
»Was sind das hier für kranke Menschen?«
»Das Kreuzgewölbe ist aus dem zwölften Jahrhundert, hätten Sie das gedacht? Und noch immer stark und unerschütterlich. Die ersten Katakomben haben wir in den sechziger Jahren gekauft. Wir haben sie ausgebaut, verschüttete Gänge wieder passierbar gemacht und sie im Laufe der Zeit mit allen anderen Kellern und Katakomben verbunden, die wir über Mittelsmänner ebenfalls erworben haben. Mittlerweile kann die Stadtverwaltung von Albi keinen Spatenstich mehr tun, geschweige denn Kabel verlegen oder Sielarbeiten vornehmen, ohne uns um Genehmigung zu bitten. Selbstverständlich weiß niemand, dass all dies in einer einzigen Hand ist.«
»Albi! Wir sind in Albi... ausgerechnet hier.« Peter dachte an Albi als Hochburg der Ketzer und an die Albigenserkreuzzüge.
»Ja, ist das nicht komisch?«, sagte Ash Modai. »Eine köstliche Ironie. Aber ich neige nicht zu so viel Selbstgefälligkeit, zu behaupten, es sei Absicht gewesen. Es bot sich einfach an.« Er beugte sich ein wenig zu Peter herüber, jedoch so, dass Peter ihn mit seinen angeketteten Gliedmaßen nicht erreichen konnte. »Ehrlich gesagt«, raunte er ihm zu, »glaube ich nicht, dass das damals überhaupt jemand aufgefallen ist.«
»Was soll das Theater, was wollen Sie von mir?«
»Aber Peter, wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Es geht um die Höhle.«
»Aber ich habe Ihnen doch schon gesagt...«
»Schschsch...! Ganz ruhig, Peter. Ich weiß, was Sie durchmachen. Bemühen Sie sich nicht. Ich glaube Ihnen sowieso nicht. Daher habe ich mir etwas anderes ausgedacht.«
Peter antwortete nicht. Er überlegte fieberhaft, wie er in diese Situation gekommen war und wie er wieder herauskommen sollte. Was hatte Ash Modai vor? Was war das überhaupt für ein Spinner? Bestimmt war sein wirklicher Name ganz banal, und tagsüber arbeitete er als Kassierer im Supermarkt. Wie um alles in der Welt war es möglich, dass dieser Mann Macht über ihn haben konnte? Es war einfach absurd.
»Übrigens finde ich Ihre Bücher hochinteressant«, fuhr Ash Modai fort, »ich glaube, das hatte ich Ihnen noch gar nicht gesagt. Sie sind fundiert, greifen so viel weiter als vergleichbare Untersuchungen. Und auch Ihre Schlüsse und die Verbindungen, die Sie ziehen, sind bisweilen... gewagt. Mutig, aber genial. Nur leider... leider haben Sie dennoch in einigen Dingen Unrecht. Es ist wirklich schade, denn zum Teil sind es grundlegende Inhalte. Dadurch bleiben Ihnen ganze Bereiche verschlossen, oder Sie kommen zu gegenteiligen Ergebnissen ...«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Sie verleugnen das Metaphysische. Oder nennen Sie es das Übernatürliche, also das, was nicht in die natürliche, realwissenschaftliche Welt passt. Doch wie viele Ihrer Untersuchungen kämen zu einem anderen Ergebnis, wenn Sie als Faktor das Vorhandensein des Übernatürlichen einbezögen?«
»Ich bitte Sie! Ist das die Folter, die Sie mir jetzt angedeihen lassen wollen? Mich mit Ihren spirituellen Ansichten zu Tode zu langweilen?«
»Ich weiß, Sie können es nicht verstehen. Aber dafür habe ich Sie ja auch hergebracht. Ihre Beleidigungen prallen an mir ab, Peter. Sie sind gar nicht in der Position, mich zu beleidigen. Sie sind so weit davon entfernt, dass Sie das noch nicht einmal wissen. Ich habe auch nicht vor, Sie zu foltern. Natürlich interessiert mich die Höhle, aber Ihnen deswegen Gewalt anzutun? Warum? Ich halte Sie für verblendet, aber ich kann Sie nicht als wahrhaften Gegner ernst nehmen oder mich angegriffen fühlen. Wir leben in einer anderen Welt, Sie und ich, wir haben keinen gemeinsamen Nenner, auf dessen Basis wir in Wettstreit treten könnten. Sie widersprechen und kämpfen nicht gegen jene Dinge, die ich vertrete, Sie glauben sie ja noch nicht einmal. Was werde ich also tun? Ich werde einen gemeinsamen Grund schaffen, eine spirituelle und – wie haben Sie es in irgendeinem Buch genannt – perzeptorische Integrität.« Er lächelte.