Peter antwortete nicht, schüttelte nur verständnislos den Kopf.
«Mars und Venus stehen heute in Konjunktion! Wussten Sie das? Wissen Sie, was das bedeutet? Natürlich wissen Sie es.«
»Sie stehen im gleichen Breitengrad.«
»Längengrad, Peter, Längengrad. Aber es geht nicht darum, was es ist, sondern, was es bedeutet. Besondere Energien können heute genutzt werden! Sehen Sie diesen Altar dort? Wir haben ihn gerade geweiht. Den ganzen Tag schon wird das Ritual vorbereitet. Und nun dauert es nicht mehr lang... Es ist immer wieder erregend, eine solche Macht, eine solche Präsenz! Wenn Sie es erleben, wenn Sie zum ersten Mal spüren, was Sie derart real, so alles durchdringend in keiner Kirche jemals spüren werden... wenn Sie mit einem Schlag die Welt wirklich verstehen, sich Tore öffnen und sich ein Universum auftut, größer und gewaltiger, als Sie es sich jetzt vorstellen können... Sie können stolz sein, dabei sein zu dürfen! Denn der Anrufung beizuwohnen, ist nur den oberen Rängen in unseren Reihen gestattet.«
»Was für eine Anrufung?«
»Belial. Wir beschwören Belial, rufen ihn zu uns. Wir rufen ihn herbei, wir bereiten ihm ein Geschenk, danken ihm für seine Stärke, seine Unterstützung und seine Gnade. Dann erbitten wir erneute Gunst, erhalten Gaben und Antworten, ehren seinen Namen und tragen ihn weiter.«
»Belial beschwören?!«
»Ja, er ist unser Herr, warum sollten wir ihn nicht anrufen und zu uns bitten? Im Gegensatz zu anderen Religionen können wir unseren Herrn herbeirufen, sehen, anfassen – und er uns. Sie wissen doch wohl, wer Belial ist? Oder vielleicht sollte ich sagen: Sie haben doch wohl einiges über Belial gelesen, richtig?«
»Sie sind geisteskrank.«
»Natürlich, so muss es Ihnen scheinen. Und darum sind Sie hier. Um es mitzuerleben. Und außerdem wird der Herr uns dann jene Antworten von Ihnen holen können, die Sie uns freiwillig niemals geben würden.«
»Hören Sie, ich sagte doch schon...«, begann Peter, aber Ash Modai ignorierte ihn.
»Von hier aus können Sie das Anrufungsritual vollständig sehen.« Ash Modai trat an den Rand des Absatzes und begutachtete die Aussicht. »Auf den Altar kommt natürlich die Gabe für Belial. Zunächst wird der Hohepriester die Energien von Mars und Venus nutzen, sie kanalisieren. Dann bündelt er sie und ruft beim Höhepunkt Belial herbei, der in diesem Augenblick seine Manifestation erfährt. Er tritt unter uns, er wird das Geschenk annehmen, begierig und dankbar. Sodann werden wir im Gegenzug seine Hilfe erbitten, und wir haben bislang noch das meiste auch immer erhalten.«
»Sie haben das schon einmal gemacht?!«
»Aber natürlich«, Ash Modai lachte auf, »wer seinen Herrn liebt, der möchte ihn doch sooft wie möglich sehen. Es ist...« Er stockte kurz, als ein Kuttenträger am Rand des Absatzes erschien. Offenbar führte eine Art Treppe vom Saal herauf. Der Mann blieb mit geneigtem Kopf stehen und sagte nichts. Ash Modai trat einen Schritt an ihn heran, hielt sein Ohr nah an ihn und sagte: »Sprich.« Der Vermummte murmelte daraufhin leise etwas vor sich hin. Anschließend machte Ash Modai eine Handbewegung, und der Mann verschwand.
»Es gibt eine leichte Planänderung, Peter. Aber keine Sorge, dies ist außerordentlich erfreulich, und Sie werden die versprochene Vorstellung erhalten. Sehen Sie nachher gut hin, damit Sie nichts verpassen! Gerade auf Ihre alten Tage bekommt man so etwas sicherlich nicht mehr häufig geboten.« Er verpasste Peter einen Hieb in die Rippen. Es sollte kameradschaftlich aussehen, war aber viel zu stark. Peter rang mit schmerzverzerrter Miene nach Luft und sank auf die Knie.
»Sie müssen mich jetzt entschuldigen«, sagte Ash Modai und wandte sich zum Gehen. »Jetzt gibt es noch einiges vorzubereiten. Wir sehen uns später wieder. Sie werden ein veränderter Mensch sein, glauben Sie mir.«
Patrick parkte den Wagen gegenüber einer Polizeiwache. Sie war nur einige Straßenecken von einem Fabrikgelände entfernt, wo sich nach Renées Informationen ein Zugang zu den unterirdischen Anlagen der Sekte befand.
»Woher wussten Sie von meiner Schwester?«, fragte er Stefanie.
»Ich habe ein wenig recherchiert, bevor ich den Job angenommen habe. Über Sie und Peter. Schließlich muss man wissen, mit wem man zusammenarbeitet. Und Ihre Vergangenheit ist kein Staatsgeheimnis.«
Patrick sah sie einen Augenblick an. Dann nickte er. Sie sagte nicht die Wahrheit, das spürte er. Über seine Schwester war öffentlich nichts bekannt. Wenn sie das in Erfahrung gebracht hatte, wusste sie möglicherweise auch noch ganz andere Dinge. Aber dann würde sie ihm erst recht nicht sagen, woher. Und auf eine seltsame Art passte es zu dem neuen Bild, das er von ihr hatte. Seit dem Besuch in der Höhle war sie mehr als die Sprachwissenschaftlerin, die sie vorgab zu sein. Es war, als sei ihre Fassade plötzlich durchsichtig geworden, etwas funkelte und blitzte aus den Fugen hervor, als sei da etwas viel Größeres, Mächtigeres, nur unzureichend getarnt. Vielleicht war es auch einfach nur ein Anflug von Verliebtheit, der sie in seinen Augen so überragend und unantastbar erscheinen ließ. Dergleichen hatte er zuletzt als vernarrter Jugendlicher gespürt. Aber jetzt war es noch anders. Er fühlte sich ihr unterlegen, und zugleich fürchtete er, dass sich seine Ehrfurcht vor ihr wie ein Trugbild auflösen würde, sollte er sie berühren oder zur Rede stellen.
Schließlich gab er sich einen Ruck, um seine Gedanken abzuschütteln. »Gehen wir rein«, sagte er. »Hektisch, aufgelöst«, erinnerte er Stefanie und stieg aus. Dann hastete er auch schon über die Straße.
Die Polizeiwache war nicht groß. Sie lag im Erdgeschoss eines Bürogebäudes. Hinter der gläsernen Eingangstür befand sich ein Empfangstresen, der an ein Krankenhaus erinnerte. Als Stefanie hinzukam, sah sie Patrick wild gestikulierend mit einem Beamten sprechen, der kurz darauf bereits zum Hörer griff.
»Er ist in einer Minute da, Monsieur«, sagte der Polizist, nachdem er aufgelegt hatte. »Einen Augenblick, bitte.«
»Können sie uns helfen, Schatz?«, fragte Stefanie, als sie hinzukam.
»Ich hoffe es«, erwiderte Patrick. »Ich hoffe es...« Damit wandte er sich ab und begann, unruhig hin und her zu laufen, wobei er erregt vor sich hin murmelte. Wenige Augenblicke später kam ein Polizeibeamter durch einen Seitengang auf sie zu. »Madame, Monsieur. Ich bin Commissaire Thénardier. Was kann ich für Sie tun?«
»Madelaine, meine Tochter, sie ist vom Fahrrad gerissen worden!«, erklärte Patrick. »Zwei Männer haben sie geschnappt. Sie haben sie fortgezerrt! Nicht weit von hier. Wir müssen da hin!«
»Wann ist das gewesen?«
»Vor ein paar Minuten. Fünf oder zehn.«
»Und wo war das?«
Patrick deutete nach draußen. »Die Straße hinauf und dann rechts. Und dann noch ein Stück. Da steht eine verlassene Fabrik.«
Der Kommissar wechselte einen Blick mit dem Beamten am Empfangsschalter und nickte ihm zu. »Die alte Druckerei. Rufen Sie Eduard zum Einsatz.« Daraufhin wandte er sich wieder Patrick und Stefanie zu. »Wir sehen uns das sofort an. Ist das Ihr Wagen da draußen, Monsieur...?«
»Dupont. Ja, das ist meiner.«
»Dann steigen Sie schon mal ein, Monsieur Dupont. Und wenn ich mit meinem Kollegen im Wagen komme, fahren Sie voraus.«
»Einverstanden! Danke, Monsieur le Commissaire!«
Sie gingen mit eiligen Schritten zum Wagen und setzten sich hinein. »Das ging ja leicht«, sagte Patrick.
»Etwas zu leicht, finden Sie nicht?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich habe ein ungutes Gefühl...«
»Meinen Sie?«
»Wo ich herkomme, kenne ich solch unkritische Bereitschaft zumindest nicht. Er hat keine Personalien aufgenommen, Ihre Geschichte nicht einmal hinterfragt.«
»Vielleicht haben Sie Recht... Es kann sicher nicht schaden, wenn wir auf der Hut bleiben... Da sind sie.« Er fuhr los. Der Polizeiwagen folgte ihnen, bis sie kurze Zeit später vor dem Fabrikgelände angekommen waren. Renée hatte ihnen die Adresse gegeben und erklärt, dass der Zugang über den Keller des Nebengebäudes erfolgte. Sie stiegen aus und warteten, bis die Polizisten zu ihnen stießen.