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»Sie haben sie über diesen Weg geschleppt und zu dem Gebäude dort drüben«, erklärte Patrick.

»Und das Fahrrad?«, fragte der Kommissar.

»Das weiß ich doch nicht«, erwiderte Patrick, »meinen Sie, ich mache mir jetzt Gedanken um das verdammte Fahrrad?«

»Ist ja schon gut, Monsieur. Gehen wir also.«

Gemeinsam gingen sie über eine asphaltierte Auffahrt. Der Kommissar schritt voran und beleuchtete ihren Weg mit einer klobigen Taschenlampe. Ihm folgten Patrick und Stefanie, während der andere Polizist, bei dem es sich offenbar um Eduard handelte, den Abschluss bildete.

Das Gebäude lag vollständig im Dunklen und machte einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck. Das Licht der Taschenlampe wanderte über die Wand, die Tür, ein verschmutztes Fenster. Nichts deutete darauf hin, dass in der letzten Zeit jemand hier gewesen war. Vielleicht ist dieser Zugang gar nicht mehr in Betrieb, dachte Patrick. Das würde ihre Chancen, eine Weile unentdeckt zu bleiben, deutlich vergrößern.

Der Kommissar blieb vor der Tür stehen. »Sind Sie sicher, dass die Männer hier hineingegangen sind?«

»Absolut«, versicherte Patrick. »Ich war ja kurz davor, selbst hinterherzurennen. Aber dann wollte ich es nicht ohne Polizei wagen.«

»Also gut«, sagte der Mann. Er streckte die Hand aus und betätigte den Türgriff. Zu Patricks Erstaunen sprang die Tür leichtgängig auf. Der Kommissar leuchtete in den dahinter liegenden Raum. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Dann ging er hinein, und Patrick und Stefanie folgten ihm. Sie standen in einem geräumigen Flur, von dem aus in alle Richtungen Türen und Gänge abzweigten. Hinter ihnen trat Eduard hinein und schloss die Tür. Dann hörten sie, wie er sie abschloss.

Erschrocken fuhren sie herum.

»Bitte!«, sagte nun der Kommissar. Als sie sich zu ihm umdrehten, sahen sie, dass er seine Waffe auf sie gerichtet hatte. »Bitte. Bewahren Sie die Ruhe. Eduard, rufst du kurz an und sagst Bescheid?«

»Was wollen Sie?«, fragte Patrick. »Was haben Sie vor?«

»Dasselbe könnte ich Sie fragen, Monsieur Nevreux.«

»Sagen Sie nicht, dass Sie mit denen unter einer Decke stecken!«

»Sie haben doch gar keine Ahnung.«

»Erzählen Sie es mir!«

»Halten Sie den Mund!«

Wenige Augenblicke später kam Eduard aus einem benachbarten Raum. »Wir sollen sie nach unten bringen«, sagte er.

»Los geht's«, wies der Kommissar sie an. »Sie gehen vor, ich leuchte Ihnen von hinten den Weg. Da entlang!«

Er dirigierte sie zu einem fensterlosen Treppenhaus. Dort gingen sie nach unten und kamen an eine kleine Stahltür, wie sie in einen Heizungskeller führen würde. Als sie diese öffneten, stießen sie jedoch auf eine steinerne Wendeltreppe, die nach unten verlief. Dort angekommen, erwartete sie erneut eine Tür. Was dahinter lag, kam jedoch völlig unerwartet.

Sie betraten ein geräumiges Kellergewölbe, das dem Weinkeller eines Schlosses alle Ehre gemacht hätte. Die Decke war etwa vier Meter hoch und gewölbt, alles war aus mächtigen Granitblöcken zusammengefügt. Auf dem polierten Steinboden lag ein dunkelroter Läufer, Feuerschalen auf schmiedeeisernen Ständern erhellten die mittelalterliche Szenerie. Und vor ihnen stand Ash Modai.

»Was für ein Festtag!«, rief er aus. »Jetzt sind die Heiligen Drei Könige vom Berg der Weisen komplett.«

»Ash, ich wusste es!«, rief Patrick. »Wo ist Peter? Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Sie dürfen ihm gleich Gesellschaft leisten. Sie kommen gerade recht für ein außergewöhnliches Schauspiel... Und was haben wir da?« Er trat an Stefanie heran und musterte sie eindringlich von oben bis unten. »Etwas sagt mir, dass Sie mehr sind als eine bloße Forscherin... das ist erstaunlich...« Er trat noch näher an sie heran, schien fast an ihr zu riechen. »Ja...« Er streckte seine flache Hand aus und hielt sie vor ihre Brust, als wolle er ihren Herzschlag spüren.

»Fassen Sie sie nicht an!«, rief Patrick.

»Nein?« Ash Modai legte seine Hand auf Stefanies Busen und drückte eine ihrer Brüste ein wenig zusammen. Stefanie sah ihn dabei mit steinerner Miene an. »Und warum sollte ich das nicht machen, Patrick?«, fragte er. »Neidisch?«

»Weil es Ihrem Leben abträglich ist«, sagte Stefanie mit einer Stimme, die ebenso ruhig wie kalt war. »Deswegen.«

»Was sagen Sie da? Wie wollen Sie mir denn drohen?« Ash Modai lachte auf.

»Es ist keine Drohung«, sagte Stefanie. »Es ist eine Prophezeiung.«

Ash holte blitzschnell aus und verpasste ihr eine klatschende Ohrfeige. Ihr Kopf wurde kurz zur Seite geschleudert, doch als sie ihn wieder ansah und sich ihre Wange rot verfärbte, zeigte ihr Gesicht noch immer keine Regung.

Ash Modai grinste sie nur an. »Ach, was für ein Fest!« Dann wandte er sich an die Polizisten: »Bringt die beiden weg. Den hier zu dem Alten auf die Empore. Und den kleinen Racheengel zu Alain. Er weiß, was er zu tun hat.«

Peter sah erstaunt auf. »Patrick! Was tun Sie denn hier?«

»Hallo, alter Knabe«, antwortete Patrick. Ein überaus kräftig gebauter Mann in schwarzer Kutte stieß ihn an die Wand, während ihn vom Rand des Absatzes ein Polizist mit seiner Waffe in Schach hielt. »Ich bin gekommen, um Sie zu retten. Das sieht man doch.« Der Mann drückte Patricks Arme an die Wand und umschloss die Handgelenke mit eisernen Manschetten. Dann machte er sich an Patricks Fußgelenken zu schaffen, und kurz darauf war der Franzose ebenso an die Wand gekettet wie sein Kollege, und sie wurden allein gelassen.

»Schöne Scheiße«, konstatierte Patrick.

»Wie sind Sie hergekommen?«, fragte Peter. »Hat man Sie auch entführt?«

»Als Sie verschwunden waren, hatten wir die Brüder hier im Verdacht. Wir haben dann mit Renée telefoniert, die uns den Tipp mit diesen geheimen Kellern unter Albi gegeben hat.«

»Was für Geheimnisse, die jeder kennt! In der Szene weiß man wohl mehr übereinander, als jeder zunächst zugeben würde... Aber wollten Sie denn alleine hier reinstürmen? Und wo ist Stefanie?«

»Natürlich nicht. Wir sind zur Polizei gegangen und haben denen eine Geschichte aufgetischt. Hat auch grundsätzlich geklappt. Es stellte sich nur leider heraus, dass unsere beiden Polizisten ebenfalls diesem Verein hier angehören. Den Rest haben Sie ja mitbekommen. Stefanie haben sie irgendwo anders hingebracht. Ich hoffe, ihr passiert nichts.«

»Das können wir auch nur hoffen! Die bereiten hier nämlich eine schwarze Messe vor.«

»Wie bitte? Dann war es das, was Ash eben meinte mit außergewöhnlichem Schauspiel... Was wissen Sie darüber, Peter, was ist hier los?«

»Sehen Sie den Altar dort drüben? Was da leuchtet, ist frisches Blut. Ich hatte vorhin das zweifelhafte Vergnügen, mit anzusehen, wie sie einen Hahn geschlachtet und den Altar mit seinem Blut geweiht haben, wie sie es nennen. Danach kam unser smarter Dressman, Ash, und hat ein bisschen geplaudert, Sie wollen Belial anrufen und werden zu diesem Zweck nachher eine schwarze Messe abhalten.«

»Belial? War das nicht...«

»Ein Dämon, ja. Der Tradition nach ist er einer der Kronprinzen der Hölle, kommt direkt nach Satan selbst. Er erfüllt Wünsche, verleiht Titel und gibt Antworten. Aber er gehorcht nur kurze Zeit und ist außerordentlich verschlagen und verlogen. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen erzählte, in der esoterischen Tradition würde Satan stets die Wahrheit sagen, ehrlich und ungeschminkt? »Der Herr der Lügen‹ ist nämlich tatsächlich nicht Satan, sondern Belial.«

»Woher wissen Sie das alles? Ach ja, Ihre Bücher...«

»Um ehrlich zu sein nur zum Teil...« Peter zögerte.

»Was meinen Sie? Worum geht es? Hat es damit zu tun, weswegen Sie in der ›Szene‹ so unbeliebt sind?«

»Ja, ich habe... ach, es ist schon so lange her... aber ja, ich habe mich mit Esoterik und Okkultismus befasst... sehr sogar. Damals war ich keine dreißig. Mein Geschichtsstudium hatte mich mit hochinteressanten Menschen in Verbindung gebracht. Gebildete Menschen, Intellektuelle, ich geriet in ihre Kreise, lernte Exzentriker und Künstler kennen. Ich nahm alles in mir auf, las alles, was mir in die Finger geriet, über Nahtoderfahrungen, Tischrücken, transzendentale Meditation, Akupunktur, Rudolf Steiner und Madame Blavatsky. Einmal auf diesem Kurs, war es nur ein kleiner Sprung in die okkulten Gewässer. Sehen Sie, die Grenzen sind fließend. Ich schloss mich zunächst einer theosophischen Loge an und rutschte von dort in eine Sekte, die mit den Lehren des Aleister Crowley sympathisierte...«