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»Belial! Belial!«, rief die Gemeinde.

Wie vom Donner gerührt, starrte Peter zum Altar. Was sich dort, wenige Meter von ihm entfernt, manifestiert hatte, diese engelsgleiche, unwirkliche Erscheinung, war atemberaubend und entsetzlich zugleich. Ein Wirklichkeit gewordener Albtraum, der wahrhaftige Dämon Belial, seit Jahrtausenden gefürchtet, ein Beweis für die Hölle, den Abgrund, Hades, die Totenwelt, das Jenseits und alle jene Dimensionen, die zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit lagen. Der Boden der Realität war aufgerissen, gab den Blick frei auf die Schrecken sämtlicher Epochen, die Legion der chtonischen Monster, die etruskischen Dämonen, die babylonischen Götter, die ägyptischen Herrscher der Unterwelt, Totenwächter, Widersacher, Zerstörer, Weltenverschlinger: Tiamat, Pazuzu, Lamaschtu, Charon, Kali, Anubis, Apophis, Leviathan, Behemot, Luzifer, Diabolos, Shaitan.

Die beiden erhabenen Gesichter Belials sahen durch die Halle, zerschnitten die Luft mit ihren alles ergründenden, tödlich klaren Blicken. Dann sahen sie den Altar und den darauf liegenden nackten Körper von Stefanie.

»Belial! Belial!«, klang es einstimmig im Saal.

Der Dämon wandte sich dem Opfer auf dem Altar zu. Und erneut begann eine Verwandlung. Die Erscheinung Belials, die beiden Körper und der Wagen verschmolzen ineinander, verformten sich. Gleißendes Licht stieg auf, und es bildete sich etwas Neues, dunkler, haariger. Klauen wurden sichtbar, muskulöse Arme, Fell, ein gehörnter Schädel mit der Schnauze eines übergroßen Raubtiers. Belial zeigte sich in seiner wahren Gestalt. Peters Nackenhaare stellten sich auf, er zitterte am ganzen Körper, Todesangst überkam ihn, und er wollte nur noch fliehen. Aber er konnte sich nicht rühren, musste mit ansehen, wie eine fast drei Meter hoch aufragende Ausgeburt der Hölle brüllend neben dem Altar stand. Geifer troff aus ihren Fängen. Die Kreatur legte ihre Vorderklauen rechts und links neben Stefanie auf den Altar, beugte sich über sie. Aus einer Felltasche zwischen den Hinterbeinen des Monstrums schob sich ein riesenhafter, unmenschlicher, erigierter Penis hervor. Das satanische Biest warf den Kopf in den Nacken, und sein durchdringendes, triumphierendes Aufheulen erfüllte den Saal. Stefanie wirkte winzig und zerbrechlich unter dem dämonischen Geschöpf. Es würde sie zu Tode pfählen und dabei ihre Eingeweide aus dem Brustkorb reißen...

11. Mai, 2.15 Uhr, Rue Georges Simenon, Paris

Jean-Baptiste Laroche wurde aus dem Schlaf gerissen, als seine Haustür im Erdgeschoss aufgebrochen wurde. Er hörte Männer aufgeregt rufen und bald darauf das Getrampel schwerer Stiefel auf seiner Treppe. Hektisch fuhr er über seinen Nachttisch, um seine Brille zu suchen. Er erwischte sie an einem Bügel, doch sie fiel ihm aus der Hand und landete auf dem Boden. Er strampelte sich frei und warf sich über die Bettkante, um mit ausgestreckten Armen nach seiner Brille zu angeln. Gerade, als er sich nackt aus dem Bett beugte, wurde die Tür zu seinem Schlafzimmer aufgetreten, und gleißende Mag-Lite-Strahlen schlugen ihm ins Gesicht. Dann wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet.

»Keine Bewegung!«

Militärpolizisten strömten in sein Zimmer, umstellten sein Bett und hielten ihre Maschinenpistolen auf ihn gerichtet.

Jean-Baptiste wagte nicht, sich zu rühren, obwohl er sich der Peinlichkeit seines Anblicks durchaus bewusst war.

Ein Polizeibeamter in einem dunkelblauen Parka und ohne Waffe in der Hand betrat nun den Raum. »Monsieur Laroche, Sie sind verhaftet«, sagte er. »Die Anklage lautet auf Landesverrat. Leisten Sie keinen Widerstand. Sie haben das Recht, zu schweigen und Ihren Anwalt zu informieren. Ich muss Sie bitten, uns zu folgen.«

»Wie bitte?! Landesverrat? Was geht hier vor sich?«

»Bitte ziehen Sie sich an.«

»Wollen Sie mir bitte erklären, was los ist? Ich bin Parteivorsitzender!«

»Ihre Immunität ist um Mitternacht vom Präsidenten aufgehoben worden. Ich kann Ihnen keine weiteren Fragen beantworten. Bitte beeilen Sie sich jetzt.«

Widerwillig stieg Laroche aus dem Bett. Bei seinem Versuch, das Bettlaken um sich zu wickeln, riss er die schwere Überdecke herunter und verwickelte sich fluchend in ein Wirrwarr von Stoffbahnen. Schließlich wurde es ihm zu bunt, er warf die Decken auf den Boden, stampfte nackt zwischen den Polizisten hindurch, riss seine Kleidung vom Stuhl und verschwand mit knallender Tür im Badezimmer.

Kapitel 19

11. Mai, Gewölbe in Albi

Aufhören!!«, brüllte Patrick in den Saal. Irritierte Gesichter wandten sich ihm zu. »Rührt sie nicht an, ihr perversen Schweine. Ash, du missratener Sohn eines Hurenbocks, komm her, damit ich dir deine verdammte Visage einschlagen kann!« Die gesamte satanische Gemeinde blickte nun hinauf zur Empore. »Und wenn du dir von deinen gehirnamputierten Pennern helfen lässt, bist du nicht mehr wert als die Hundescheiße unter ihren Latschen!«

Peter zuckte zusammen. Irgendetwas hatte sich verändert. Ein Riss verlief durch sein Sichtfeld, und es wurde heller. Etwas Schweres fiel von ihm ab, und wo er eben noch das dämonische Untier gesehen hatte, stand nun wieder Ash Modai. Entblößt, aber nicht mehr erhaben, sondern wutentbrannt. Mit funkelnden Augen starrte er zu ihnen hinauf. Was hatte Patrick ihm gerade zugeschrien? Peter hatte es wie aus weiter Entfernung gehört, kaum wahrgenommen, aber nun erinnerte er sich und musste unwillkürlich schmunzeln. In Fällen wie diesen beneidete er die Franzosen um ihre deutliche Ausdrucksweise.

Ash Modai jedoch war gar nicht zum Schmunzeln zumute. Mit zornesrotem Kopf wies er auf die Empore. »Holt sie herunter und bringt sie her! Belial will Blut sehen!«

Ein Aufschrei ging durch die Menge, und sie setzte sich stürmisch in Bewegung.

In diesem Moment erschütterte eine ohrenbetäubende Explosion die Halle. Ein Feuerball zerriss die Flügeltür am Eingang des Saals, Holz und Leiber wurden in der Druckwelle durch die Luft geschleudert. Augenblicklich brachen Scheinwerfer durch den Rauch und tauchten die Halle bald darauf in blendendes Licht. Durch das Chaos der Verwüstung, zwischen den verwundeten, schreienden und kopflos umherirrenden Sektenanhängern am Boden, liefen uniformierte Menschen mit Gasmasken und Waffen im Anschlag. Sie rannten durch den Saal und zum Altar. Sekunden später tauchten zwei der Soldaten auf der Empore auf. Sie hielten durchsichtige Atemmasken mit Schläuchen in den Händen und drückten sie den beiden Angeketteten vor die Gesichter.

»Atmen Sie tief ein, das ist Sauerstoff! Wir holen Sie raus.«

»Schnappt das Schwein!«, sagte Patrick noch, bevor ihm die Maske ans Gesicht gepresst wurde. Auch Peter erhielt eine Maske, und kurze Zeit später merkte er, wie sein Kopf klarer wurde. Währenddessen öffnete einer der Männer die Schlösser der Fesseln. Es tat gut, die Arme sinken zu lassen. Peter sank erschöpft auf den Boden, setzte sich. Patrick stürmte vor, schlug die helfenden Arme der Soldaten beiseite und rannte die Treppe in den Saal hinunter. Unten sah er, dass die Sektenmitglieder zusammengetrieben und mit den Waffen in Schach gehalten wurden. Einem der Kuttenträger, der ihm verwirrt in den Weg stolperte, verpasste er einen massiven Fausthieb, dass der Mann stöhnend zu Boden ging. Patrick rannte zum Altar, suchte Stefanie. Doch als er den Stein wieder im Blick hatte, war sie verschwunden. Er hastete an der Feuerschale vorbei, hinauf zum Altar, und da sah er sie. Zwei der Soldaten hatten sie heruntergehoben und in den abscheulichen Mantel gehüllt, mit dem sie hereingebracht worden war. Patrick kam kurz vor ihr zum Stehen. Sie lächelte ihn an.

»Hallo, mein Retter«, sagte sie. Ihre Augen und ihre Miene zeigten keinerlei Anzeichen, dass sie irgendwelche Drogen genommen hätte. Auch wurde sie nicht gestützt, sondern stand einfach nur da, als sei nichts vorgefallen.