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»Aber da ist die Höhle«, sagte Patrick. »Die können wir nicht wegdiskutieren. Sie existiert mindestens seit dem Mittelalter, und mit keiner heute bekannten Technologie könnten wir ihre Funktionsweise erklären. Und völlig unbekannt scheint sie nicht zu sein, sondern lediglich gut behütet. Etwas ist da draußen, Peter, da können wir sicher sein. Wir haben bloß keinen Schimmer, was es ist. Nathaniels Story warf doch zum ersten Mal ein Licht darauf.«

»Zum ersten Mal sicher nicht«, widersprach Peter. »Wenn ich mich recht erinnere, ist die Höhle auch schon als das Archiv Luthers und das Grab des Christian Rosenkreuz identifiziert worden. Und wo hat es uns hingeführt?«

»Was sind Sie plötzlich so streng?«, fragte Patrick. »Beide Versionen haben wir verworfen. Dies ist jetzt eine neue Spur.«

Peter schwieg einige Augenblicke. Dann nickte er fast unmerklich, hob eine Augenbraue und wiegte den Kopf. Es war wirklich nicht seine Art, plötzlich abzuwinken und aufzugeben. In Wahrheit fürchtete er seine Erinnerungen an den letzten Abend. Er hatte kaum geschlafen und sich geschworen, seinen Anker auf dem Boden der Realität auszuwerfen, alles andere zu verneinen, zu vergessen. Aber die Höhle war unzweifelhaft da. Und da draußen war noch mehr. Viel mehr. Alle seine Instinkte waren davon entflammt. Es war ein Rätsel, das es zu lösen galt. Vielleicht musste er dieses Mal über seine Grenzen hinausgehen, die Grundlagen seiner bisherigen Weltsicht verlassen, aber davor durfte er nicht zurückschrecken.

»Sie haben Recht«, sagte er schließlich. »Warum nicht? Gehen wir also für eine Weile davon aus, dass in Nathaniels Geschichte ein wahrer Kern steckt. Dann stellt sich für uns als Erstes die Frage, ob wir seiner Warnung Gehör schenken und die Untersuchungen abbrechen sollten. Wenn es stimmt, was er sagt, könnten wir vor Ort durch den Bürgermeister in erhebliche Schwierigkeiten geraten.«

»Im Augenblick brauchen wir nicht vor Ort zu sein«, sagte Patrick. »Denn zunächst sollten wir unserer heißesten Spur folgen. Schließlich wissen wir jetzt, wo wir Steffen van Germain finden.«

»Einverstanden.« Peter sah auf die Uhr. »Halb elf. Lassen Sie uns an der Rezeption herausfinden, wie wir von hier aus auf dem schnellsten Weg in die Schweiz, nach Morges und zu diesem Herrenhaus kommen.« Damit stand er auf, und die anderen folgten ihm.

11. Mai, 16.30 Uhr, Morges, Schweiz

Es stellte sich heraus, dass die knapp 600 Kilometer Luftlinie weitaus umständlicher zurückzulegen waren, als sie angenommen hatten. Zunächst fuhren sie auf der RN 88 nach Toulouse, von dort ging es mit dem Flugzeug über Paris nach Genf und schließlich das letzte Stück der Strecke mit einem Mietwagen auf der A1 nach Norden Richtung Lausanne.

In Morges angekommen, hielten sie an der erstbesten Telefonzelle, suchten im elektronischen Telefonverzeichnis und fanden tatsächlich einen Eintrag unter dem Namen »van Germain«.

Peter rief an, nannte seinen Namen und fragte, ob dort ein »Steffen van Germain« zu sprechen sei. Die Antwort überraschte keinen der drei sonderlich: Sie wurden bereits erwartet. Eine Wegbeschreibung folgte.

Die Sonne stand schon tief, als sie das Anwesen gefunden hatten.

»Das ist es«, sagte Patrick. »Das ist das Tor, das ich in der Höhle gesehen habe!« Er deutete nach draußen. »Und dort ist die Klingel.« Doch noch bevor sie ausgestiegen waren, schwangen die Flügel des Tores bereits nach innen. Sie fuhren die Auffahrt entlang. Kies knirschte unter den Reifen. Nach einem weiten Bogen durch den beispiellos gepflegten Park, vorbei an Blumenbeeten mit darin eingelassenen Sonnenuhren, in Form geschnittenen Büschen, vereinzelten Sitzbänken und von Rosen berankten Pavillons, kamen sie zur Front des eindrucksvollen Gebäudes. Es mochte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts sein, zweistöckig, weiß gestrichen, in tadellosem Zustand. Sie parkten den Wagen und wurden sogleich von einem jungen Mann in eleganter Kleidung begrüßt, der die Stufen des Eingangs herabkam.

»Willkommen, Madame, Messieurs. Mein Name ist Joseph. Bitte folgen Sie mir.«

»Ich frage mich«, flüsterte Patrick den anderen beiden zu, »wo wir jetzt schon wieder hineingeraten sind!«

Sie betraten eine luftige Eingangshalle. Das Innere des Gebäudes entsprach dem altertümlichen Stil der Außenfassade. Dabei wirkte jedoch nichts wirklich veraltet, sondern auf eine noble Art erhalten, gepflegt und noch immer genutzt. Der Mann geleitete sie durch die Eingangshalle in den hinteren Teil des Gebäudes. Die Räume wirkten allesamt hell, waren mit nur wenigen, aber erlesenen Antiquitäten bestückt. Ein Flur und einige kleine Stufen führten sie schließlich in ein überdimensionales Wohnzimmer. Der Raum nahm offenbar die gesamte rückwärtige Breite des Hauses ein. Große Fenster, die bis zum Boden reichten, gaben den Blick über das leicht abfallende Grundstück auf den dahinter liegenden Genfer See frei. In der Ferne verschwamm der See mit dem Horizont, und darüber ließ sich ein Gebirgsmassiv ausmachen, dessen schneebedeckte Spitzen im Licht der Sonne rotgolden leuchteten. Es war ein grandioser Ausblick.

»Herzlich willkommen«, hörten sie eine sonore Stimme. Zu ihrer Rechten, neben einem wuchtigen, ausladenden Esstisch, stand ein älterer Herr von beeindruckender Gestalt. Er war groß, kräftig gebaut und in einen edlen, anthrazitfarbenen Anzug mit Weste gekleidet. Statt einer Krawatte schmückte seinen Hals ein Seidentuch, das mit der Farbe seines Hemdes aufs Beste harmonierte. Sein Gesicht war von einem weißen, gepflegten Bart umrahmt, sein Haar mit weißen Strähnen durchsetzt. Peter bemerkte einen großen, rotgoldenen Siegelring an einem der Finger. Wie auch das Haus wirkte der Mann auf eine seltsame Art altertümlich, aber dennoch nicht antiquiert oder rückständig. Im Gegenteil. Allein sein Aussehen und das wache Blitzen seiner Augen schienen bereits einen wortlosen Kommentar über die Jugend und die Kurzlebigkeit der Zeit zu formulieren.

»Mein Name ist Steffen van Germain«, stellte er sich vor. »Es freut mich, dass Sie den Weg zu mir gefunden haben.« Er reichte allen dreien die Hand. »Madame Krüger, Professor Lavell, Monsieur Nevreux. Bitte nehmen Sie Platz. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein frühes Abendessen zu arrangieren. Ich hoffte, dass Sie genügend Zeit haben würden, mit mir zu speisen.« Er zog einen der Stühle um die mittelalterliche Tafel ein wenig hervor und bot Stefanie an, sich zu setzen, »Zweifellos haben Sie viele Fragen, und ich werde mich bemühen, Ihnen nach meinem besten Vermögen Auskunft zu geben.«

»Haben Sie uns jene beiden Faxe geschickt, die mit ›St. G.‹ unterzeichnet waren?«, fragte Peter, noch während sie sich setzten.

»Professor Lavell«, sagte van Germain, »zielstrebig, wie er bekannt ist. Ich verstehe vollkommen, dass Ihnen nicht der Sinn nach höflicher Plauderei steht. Wie könnte er auch, nach allem, was bereits geschah. Also: Ja, die Telefaxe sind von mir. Joseph versandte sie in meinem Auftrag aus dem Postamt in Morges.«

»Was wollten Sie damit bezwecken?«

»Ich beobachtete den Fortschritt Ihrer Untersuchungen und gab Ihnen Hinweise, ohne mich aufzudrängen.«

»Dann ist Ihnen die Höhle also bestens bekannt?«

»Das Archiv des Wissens im Vue d'Archiviste, selbstverständlich. Wie sonst sollte ich die Malereien kennen und die Rose, mit der Sie Ihre Nachforschungen begannen. Und das Zeichen von Montségur. Wie Sie inzwischen wissen, hat es ja überhaupt nichts mit der legendären Burg zu tun. Aber der Name ist durchaus gefällig... Oh, da kommt Joseph. Ich habe ihn gebeten, uns einen Wein zu bringen, bevor das Essen fertig ist. Sie bleiben doch zum Diner?«

»Ich bin sicher, dass es Ihren Gefallen finden wird«, erklärte nun Joseph, der ihnen Gläser hinstellte und dann einen jungen Weißwein ausschenkte. »Ich hatte eine leichte Bouillabaisse vorgesehen, gefolgt von einem Salade Niçoise, danach Lachsfilets in einer Mangosauce, ein Filetsteak vom argentinischen Rind und schließlich zum Kaffee eine Crème Brûlée sowie eine Platte mit ausgewählten Käsen und Früchten.«