»Von mir aus bleiben wir«, sagte Patrick.
»Gut«, stimmte Peter zu, als Joseph wieder gegangen war. »Nehmen wir Ihre Einladung also an. Dann verraten Sie uns, wie Sie jederzeit wissen konnten, wie es um unsere Arbeit bestellt war. Wie haben Sie uns überwacht?«
»Die Höhle ist mir seit langer Zeit bekannt. Vielleicht genügt es zu sagen, dass sie mir am Herzen liegt. Als viel beschäftigter Mann kann ich mich ihr leider nicht persönlich widmen. Wie jeder Geschäftsmann verfüge ich daher über einige sehr gute Kontakte, die mich mit notwendigen Informationen beliefern. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen keine weiteren Details geben kann. Auch andere einflussreiche Menschen vertrauen auf meine Diskretion. Gerade erst gestern hat eine solche Person auf ebendiesem Stuhl gesessen.«
»Sie erwähnten in Ihrem fragwürdig formulierten Schreiben, dass wir auf einen Kreis gestoßen seien und dass ein Kreis auf uns stoßen würde. Was hatte es damit auf sich?«
»Das Rätsel...« Van Germain nahm einen Schluck vom Wein und schmunzelte leicht. »In dieser spannenden Untersuchung voller Geheimnisse schien es mir passend, meinerseits ebenfalls ein kleines Rätsel beizusteuern. Eine Eitelkeit, gewiss, die Sie mir höflichst verzeihen mögen. Andererseits stellte es sicher, dass Sie mit gebührender Sorgfalt und Liebe zum Detail vorgehen würden.«
»Ich meinte vielmehr die Tatsache, dass Sie wiederholt einen Kreis erwähnten. Und tatsächlich gibt es diese Gerüchte um einen ›Kreis von Montségur‹. Was können Sie uns darüber erzählen?«
»Die Geschichte um den ›Kreis von Montségur‹ ist schon alt, aber wenig verbreitet. Einer der undurchsichtigeren esoterischen Mythen. Ohne Zweifel sind Sie deswegen noch nicht früher darauf gestoßen. Am Leben erhalten wird diese Geschichte seit ihrer Entstehung durch einen kleinen Orden, der sich ›Tempel Salomons‹ nennt.«
»Wir haben ihn heute Morgen kennen gelernt.«
»Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren würde.«
»Was wissen Sie über den Orden?«
»Es gibt nur wenige Informationen. Das meiste, was bekannt ist, wurde auf die eine oder andere Art von den Mitgliedern selbst in Umlauf gebracht. Der Legende nach bildete sich der Orden als eine Splittergruppe der Tempelritter.«
»Sie meinen die Templer?«, fragte Patrick. Er erinnerte sich an die Ausführungen von Peter und an den verlorenen Schatz jenes Ordens.
»Ja. Sie wissen sicherlich um ihre Taten und ihren sagenhaften Reichtum. Der Überlieferung nach beruhte der so plötzlich steigende Einfluss der Templer auf einer einzigen Ursache: Unter den Ruinen des Tempels von Salomon, wo sich ihr erstes Quartier befand, stießen sie auf ein Archiv des Wissens.«
»Eine Höhle, so wie hier?«, fragte Patrick.
»Es ist wohl nicht bekannt, ob es notwendigerweise eine Höhle war. Jedenfalls soll es ebenjene Quelle gewesen sein, aus der auch König Salomon sein Wissen und seine legendäre Weisheit bezogen hatte. Die Templer jedoch veränderten sich, wurden von der Macht verführt, häuften Reichtümer an und verfehlten das eigentliche Zieclass="underline" die Macht zum Wohl der Menschen einzusetzen – oder sie wieder zu versiegeln, falls die Menschen nicht reif dafür wären. Da spaltete sich eine kleine Gruppe von den anderen ab und nannte sich schlicht ›Tempel Salomons.‹«
»Nicht zu verwechseln mit der ›Armen Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel‹«, warf Peter ein, »dem offiziellen Namen der eigentlichen Templer.«
»Das ist völlig richtig«, sagte van Germain. »Die Mitglieder des ›Tempel Salomons« jedenfalls wollten das Archiv schützen. Doch es gelang ihnen nicht, die Templer aufzuhalten. Das Archiv Salomons ging in den Wirren der Kriege verloren, und was nicht völlig zerstört wurde, wäre wohl heute im dreigeteilten Jerusalem unzugänglicher als jemals zuvor. Die Templer hingegen bauten ihr Reich in alle Richtungen aus. Man sagt, sie seien auf Informationen über die Gründer der Archive gestoßen und hätten in Erfahrung gebracht, dass es weitere solcher Orte gäbe, die sie nun suchten.«
»Und diese Gründer sind der ›Kreis von Montségur‹«, vollendete Peter die Ausführungen.
»In der Tat«, sagte van Germain. »So viel haben Sie also bereits erfahren.«
»Nathaniel ließ es leider dabei bewenden«, sagte Peter. »Er war nicht bereit, uns mehr über den ›Kreis von Montségun zu erzählen.«
»Sie dürfen es ihm nicht verdenken, Herr Professor. Nach allem, was ich gehört habe, verliert sich die Spur an dieser Stelle in allerlei Mythologie. Oh, das Essen.«
Joseph hatte den Salon mit einem Servierwagen betreten. Darauf befand sich ein Rechaud mit der angekündigten Bouillabaisse. Er verteilte Besteck und Geschirr und stellte Brot und Perrier auf den Tisch, bevor er servierte. Dann verließ er sie wieder.
Sie aßen eine Weile schweigend. Peter hielt es nicht für angebracht, das Essen gleich zu Beginn mit Fragen und Gesprächen zu belasten. Lediglich einige Höflichkeiten über die Einladung und Komplimente über die Qualität des Essens wurden ausgetauscht. Patrick ließ es sich nicht nehmen, den Teller mit Brot auszuwischen, während Peter den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm.
»Nachdem die Templer also ein weiteres Archiv des Wissens hier in Frankreich entdeckt hatten«, mutmaßte er, »schwor sich der ›Tempel Salomons‹, dass sie zumindest dieses Archiv schützen würden?«
»Richtig«, sagte van Germain. »So leiten sie jedenfalls ihre Geschichte und Berechtigung her.«
»Und was hat es mit den legendären Gründern auf sich, dem ›Kreis von Montségur‹? Was sollen das für Leute sein? Sind sie es, die die Archive gebaut haben?«
»Nach der Ansicht des ›Tempel Salomons« handelt es sich um eine Gruppe Unsterblicher, die vor Urzeiten die Archive des Wissens gebaut haben. Der tatsächliche Ursprung liegt im Dunkeln, soll sich aber weit vor den Ägyptern und den ersten Hochkulturen befinden, vor Ur, Mohenjo-Daro und Çatal Hüyük. Ihrer Ansicht nach gab es unzählige solcher Archive – auf der ganzen Welt verstreut. Der ›Kreis von Montségur‹ baute sie und überwacht sie zum Teil noch heute, um sie der Menschheit erst zu offenbaren, wenn diese reif genug dafür ist.«
Peter hob eine Augenbraue und nahm einen Schluck Wein, bevor er weitersprach.
»Woher dann der Name ›Kreis von Montségur‹?«, fragte er schließlich. »Wo ist da der Zusammenhang?«
»Vermutlich hat sich dieser Name erst spät in der esoterischen Tradition gefestigt. Ohne Zweifel haben Sie die Geschichte um die Burg Montségur studiert. Der ›Tempel Salomons‹ glaubt, dass die Katharer das Geheimnis der Höhle kannten. Damit es nicht in die Hände der Inquisition fallen würde, soll der geheime Orden der Gründer höchstpersönlich eingegriffen haben, um das Geheimnis noch während der Belagerung aus der Burg zu schaffen.«
»Die drei Parfaits, die mit dem Schatz der Katharer kurz vor der Kapitulation der Festung 1244 fliehen konnten«, sagte Peter.
»Ja, ebenjene sollen das Geheimnis der Archive in Sicherheit gebracht haben. Dieses Ereignis hat wohl den Namen geprägt.«
»Aber weshalb sieht es der ›Tempel Salomons›‹ als seine Aufgabe, die Höhle zu schützen, wenn der ›Kreis von Montségur‹ laut eigener Überlieferung ganz offensichtlich selbst dazu in der Lage zu sein scheint? Das ergibt doch nicht viel Sinn, oder?«
»Sie haben vollkommen Recht, Herr Professor Lavell. Es sei denn, man wäre der Überzeugung, dass sich der ›Kreis‹ nicht grundsätzlich einmischen würde, und dass es sich bei dem Vorfall auf Montségur um eine ganz besondere Ausnahme, ein quasi göttliches Eingreifen, gehandelt habe.«
In diesem Moment kam Joseph erneut, entfernte die Teller und servierte den Salat. Diesmal wartete Peter lediglich, bis alle ihre Teller vor sich stehen hatten und van Germain zur Gabel griff, um den Gang zu eröffnen, bevor er das Gespräch fortsetzte.