Выбрать главу

»Einverstanden. Nehmen wir an, es wäre so. Aber wenn bereits die Katharer die Höhle kannten, wie konnte das Geheimnis dann noch vor den Templern geschützt werden, die, wie wir wissen, viele flüchtige Katharer in ihren Reihen aufnahmen und mit Sicherheit davon erfahren hätten?«

»Ich würde mir nicht anmaßen, meine bescheidenen Kenntnisse über den Templerorden den Ihren gegenüberzustellen. Man könnte jedoch spekulieren, ob nicht die Templer tatsächlich davon erfuhren. Immerhin sagte man ihnen in den Inquisitionstribunalen meiner Erinnerung nach ketzerische Praktiken nach. Vielleicht begründeten sich diese Vorwürfe darauf, dass die Templer statt dem christlichen Glauben nun tatsächlich einer anderen Quelle der Weisheit nacheiferten?«

»Quelle der Weisheit... warten Sie... Patrick! Können Sie noch einmal beschreiben, was Sie in der Höhle auf der Säule gesehen hatten? Den Kopf, meine ich.«

Patrick sah ihn erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, zur Unterhaltung beitragen zu müssen, und genoss stattdessen den Ausblick, Stefanies Anwesenheit und das Essen. Nun kaute er hastig zu Ende.

»Nun ja, der war etwa so groß«, deutete er an, »aus einem rotgoldenen Metall. Vielleicht eine Legierung mit Kupfer, eine Art Rotgold möglicherweise. Er hatte kein Gesicht, oder jedenfalls nur grob angedeutet. Was zu erkennen war, wirkte ein bisschen wie die Gesichter der Statuen auf den Osterinseln, wenn Sie sie sich vorstellen können. Irgendwie nicht europäisch, eher asiatisch oder pazifisch oder so. Ich meinte noch zu Stefanie, dass es zu keiner westlichen Kultur zu passen schien.«

»Und Sie hatten noch mehr erwähnt. Einen Bart und Hörner, richtig?«

»Der Kopf hatte eine Art Fortsatz am Kinn, vielleicht einen Bart. Und oben so was wie Hörner. Wobei es nicht klar war, ob das eine besondere Frisur oder einen speziellen Helm oder Kopfschmuck darstellen sollte.«

»Das ist es!«, sagte Peter. »Erinnern Sie sich, dass ich erzählte, man habe den Templern die Anbetung von Baphomet vorgeworfen? Dabei soll es sich um ein Idol gehandelt haben in Form des abgetrennten Kopfes eines Bärtigen. In der mystischen Tradition wird dieser Baphomet stets mit Hörnern und Ziegenbart dargestellt. Später ist daraus der Teufel in Form eines Ziegenbocks geworden. – Merkwürdig, wie sich die Dinge entwickeln, nicht wahr? – Und erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen sagte, dass es Vermutungen gäbe, dass der Name Baphomet nichts anderes sei als eine Verballhornung aus dem arabischen ›abufihamet‹, was ›Vater der Weisheit‹ bedeutet? Was für eine Offenbarung: Die Templer kannten die Höhle. Und sie verehrten den darin befindlichen Kopf!«

»Eine mutige These, Herr Professor Lavell«, sagte van Germain. »Und durchaus schlüssig. Das könnte vielleicht auch den Schatz der Templer erklären...«

»... und das Rätsel auflösen, welches Wissen Jacques de Molay verbarg und mit ins Grab nahm: Er wollte nicht, dass diese Höhle irgendjemand anderem in die Hände geriet.«

»Das könnte so gewesen sein.«

»Na schön«, sagte Patrick. »Jetzt kennen wir vielleicht die jüngste Geschichte der Höhle, aber wir wissen immer noch nicht, wer das verdammte Ding gebaut hat, oder wie es funktioniert!«

»Wohl wahr«, stimmte Peter ihm zu. »Monsieur van Germain, was wissen Sie über die Höhle? Und wie ist Ihre Meinung?«

»Wie ich schon sagte, interessiere ich mich für sie. Aber ich verfüge sicherlich nicht über ein vergleichbares Geschichtswissen wie Sie beide. In dieser Hinsicht kann ich Ihnen nicht mehr sagen, als Sie ohnehin bereits herausgefunden haben. Was meine Meinung angeht...« Er nahm einen Schluck Wein. »Es ist dort zweifellos eine gewisse Kraft am Werk. Mit Ihrem Einverständnis möchte ich versuchen, mich dem auf die Ihnen eigene, analytische Weise zu nähern. Zunächst einmal könnte die Höhle natürlichen Ursprungs sein, also auf einem bisher unbekannten, physikalisch erklärbaren Naturphänomen beruhen. Alternativ, wenn sie nicht natürlich ist, muss sie demnach konstruiert worden sein. Da unseres Wissens keine der Wissenschaft bekannte Kultur in der Lage gewesen wäre, etwas Derartiges zu konstruieren, ließe das folgende Schlüsse zu: Unsere Informationen über diese Kulturen sind unvollständig, und eine dieser Kulturen wäre sehr wohl fähig dazu gewesen. Oder aber es gibt weitere Kulturen, die wir noch gar nicht kennen. Drei meiner Meinung nach in Frage kommende Erklärungen.«

»Sehr gut abgeleitet, Monsieur«, sagte Peter schmunzelnd.

»Natürlich könnte die Höhle auch von der CIA gebaut worden sein«, warf Patrick ein, »so wie die Geheimlabors in Area 51. Und bei der Gelegenheit: Es könnten ja auch Außerirdische die Höhle gebaut haben... Nun? Was gucken Sie mich so an?«

Peter musste lachen, und auch van Germain fiel mit in das Lachen ein.

»Ist ja schon gut«, sagte Patrick schließlich grinsend. »Ich halte die Klappe.«

Der Rest des Abendessens verlief in entspannter Atmosphäre. Die meiste Zeit unterhielten sich Peter und van Germain. Es stellte sich heraus, dass dieser weitaus besser in der Kulturgeschichte bewandert war, als er in falscher Bescheidenheit zugegeben hatte. Er kannte den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis auf den Gebieten, die auch Peter beobachtete. Dabei zeigte er sich besonders interessiert an dessen Arbeit für das Museum und die Ausstellung zum Thema »5000 Jahre Schrift«. Dann und wann beteiligten sich auch Stefanie und Patrick an der Unterhaltung, doch sobald die Plaudereien ins Fachsimpeln abglitten, verflüchtigte sich insbesondere Patricks Interesse schnell. Dafür fühlte er sich außergewöhnlich gut verpflegt und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass Joseph zum Filetsteak einen Château Haut-Gléon reichte, einen Wein aus den Corbières, über den er in seinem Führer schon gelesen hatte.

Schließlich waren sie beim Nachtisch angelangt, und das Gespräch fand wieder zur Höhle, dem »Tempel Salomons« und dem »Kreis von Montségur« zurück.

»Nachdem wir den ganzen Abend so schweren Stoff gewälzt haben«, meinte Patrick und wandte sich an van Germain, »würde mich etwas ganz Einfaches interessieren: Was halten Sie eigentlich persönlich von der Geschichte über den »Kreis von Montsegur‹?«

»Ihr Interesse an meiner Meinung ehrt mich, Monsieur«, sagte van Germain. »Nun, was soll man schon von einer Gruppe Unsterblicher halten, die angeblich seit Menschengedenken überall auf der Welt Archive des Wissens hüten?« Er führte sein Glas an die Lippen, nahm einen Schluck und ließ den Gedanken eine Weile im Raum stehen. »Andererseits...«, fuhr er dann fort, »es ist ein interessanter Gedanke, nicht wahr? Von der Höhle geht offenbar gewaltige Macht aus. Wer auch immer das Geheimnis in seiner Hand hält, könnte die Geschicke der Welt lenken. Und Unheil ist der Schatten der Macht. Sollte man da nicht wünschen, dass es tatsächlich jemand gäbe, der diese Macht bewahrt und schützt?«

»Dann glauben Sie, dass es so ist?«

»Ich hoffe es, Monsieur. Sie nicht?«

Patrick zuckte mit den Schultern, doch Peter sah nachdenklich hinaus in den mittlerweile erleuchteten Garten und auf den in der Dunkelheit liegenden See. Der Mann hatte zweifellos Recht. Es war tatsächlich sehr zu hoffen, dass jemand das Geheimnis der Höhle hütete. Wer konnte schon vorhersagen, in welche Hände es geraten würde, was die jeweiligen Machthaber damit anstellen würden, welche Revolutionen, Krisen oder Kriege entstehen könnten. Könnte ein einzelner Mensch, eine Partei, eine Firma oder ein Staat, ohne jegliche Korruption und aus reiner Güte die Macht des Wissens für das Wohl der Menschheit einsetzen? Wie lange würde es dauern, bis Missgunst und Machtgier entstehen würden? Vor diesem Hintergrund verblasste die Frage nach der zugrunde liegenden, unbekannten Technologie. So interessant es auch war, zu verstehen, wer die Höhle erbaut hatte, auf welche Weise und zu welchem Zweck; wie viel wichtiger war es, sicherzugehen, dass sie nicht in die falschen Hände geriet. Und wer könnte das jemals entscheiden oder bestimmen?