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Der Wagen erreichte nach kurzer holpriger Fahrt eine Lichtung. Frische Baumstümpfe zeugten davon, dass sie erst vor kurzem angelegt worden war. Um den Rand der Lichtung gruppierten sich sechs weitere Stahlcontainer wie jener am Gatter. Menschen waren keine zu sehen.

»Normalerweise kommt man noch näher heran«, erklärte Marc und stieg aus, »aber wir hatten bis letzte Nacht eine Menge Regen und ganze Ströme aus Schlamm. Deswegen kommen wir auch mit diesem Wagen heute nicht durch. Wir müssen laufen. Bitte ziehen Sie dazu diese Schuhe an.« Er reichte den beiden je ein Paar knöchelhoher, fester Schuhe mit ausgeprägtem Profil. Sie sahen sich kurz an, zuckten dann mit den Schultern und wechselten ihr Schuhwerk.

»Was ist das denn hier?« Patrick deutete auf die Container und ging zu einem hinüber.

»Das ist das Lager der Ranger, die Sie unterstützen. Sie patrouillieren in Schichten Tag und Nacht am Zaun, um das Projekt vor unerwünschten Gästen zu schützen. Für Ortsansässige, die sich hierhin verirren sollten, machen sie den Eindruck, als würden sie ein Sperrgebiet nach tollwütigen Tieren absuchen.«

Patrick spähte in ein Fenster und kam zurück. »Elaine hat sich wirklich Mühe gegeben!«

Marc setzte sich in Bewegung und bedeutete den beiden, ihm zu folgen. »Kosten spielen bei diesem Projekt keine Rolle.«

»Das hab ich doch schon mal gehört«, flüsterte Patrick Peter zu. »Sie glauben nicht, wie mich das freut.«

»Mich macht es eher nervös. Erstaunlich, nicht wahr?«, gab Peter zurück.

Sie wanderten durch das Gehölz, das die Regenfälle mancherorts tatsächlich in undurchdringbarem Zustand zurückgelassen hatten, und kamen an ein paar Rangern vorbei, die mit Äxten und Sägen einen entwurzelten Baum entfernten, der jede Weiterfahrt spätestens hier verhindert hätte. Die Männer sahen kurz auf, nickten den drei Ankömmlingen grüßend zu und setzten ihre Arbeit fort. Marc führte sie weiter, bis sie an den Waldrand kamen. Vor ihnen eröffnete sich der Blick auf eine hügelige, fast gebirgige Landschaft, die von Tälern und Flüssen durchzogen war. Keine Telefon- oder Strommasten, kein menschliches Bauwerk durchbrach die Idylle. Es war eine grandiose Szenerie, wie sie jeden Reiseführer hätte zieren können, doch Marc ließ ihnen keine Zeit für schwelgende Gedanken. Sie folgten ihm einen immer steiler und beschwerlicher werdenden Felshang hinauf. Gerade als Peter sich wunderte, wie sie sicheren Tritts den inzwischen zur Klettertour gewordenen Steilhang erklimmen sollten, bemerkte er ein Stahlseil, das mit Sicherungshaken in der felsigen Wand befestigt war. Es glänzte ebenso neu und sauber wie die Container im Lager. Mit Hilfe des Seils und der rutschfesten Wanderschuhe konnte man Schritt für Schritt gut hinaufgehen. Peter kam trotzdem ins Schwitzen und erreichte mit einigem Abstand als Letzter einen hoch gelegenen Felsabsatz.

»Projekt Babylon spielt mit Sicherheit auf die Höhe des Turms von Babel an!« Er stemmte die Arme in die Hüften und schnappte nach Luft. Seine Souveränität hatte kleine Risse davongetragen.

Patrick grinste leicht und bot ihm seine bereits entzündete Zigarette an. »Möchten Sie?«

»Ich kann mich gerade noch zusammenreißen.«

»Ich würde auch Ihnen raten, drinnen das Rauchen einzustellen«, warf Marc nun ein. »Es geht hier weiter.«

Er ging auf dem Felsvorsprung entlang und verschwand hinter einer Biegung der Wand. Als Peter und Patrick ihm folgten, kamen sie an eine tiefe Einbuchtung in der Felswand, offensichtlich der Eingang zu einer Höhle. Er wurde jedoch von einer etwa zwei mal zwei Meter messenden Stahltür versperrt. Sie war mit massiven Bolzen im Eingang befestigt und ließ seitlich und darunter genügend Raum für einige Kabel, die ins Innere führten. Die Kabel waren an zwei leise brummende Generatoren angeschlossen, die zusammen mit einigen Fässern neben dem Tor standen.

»Eine Höhle? Sie haben uns doch wohl nicht wegen ein paar Faustkeilen gerufen«, sagte Patrick.

Marc machte sich an der Stahltür zu schaffen, entriegelte sie und zog sie auf. Sie traten in den steinernen Gang. Wie Gedärm führten die Kabel auf dem Boden und mit Klammern befestigt an der Wand entlang. Marc betätigte einen provisorischen Schalter, und eine Vielzahl von Scheinwerfern, zum Teil an den Wänden, zum Teil auf Stativen, flammte auf und durchflutete die Höhle mit gleißender Helligkeit.

»Wow«, entfuhr es Patrick. Er ging ein paar schnelle Schritte voran und betrachtete die Wand. »Nach Steinzeit sieht das aber nicht aus. Sehen Sie sich das an, Peter!«

Die Wände waren über und über mit Schriftzeichen, Symbolen und Zeichnungen bedeckt. Es waren offensichtlich aber keine steinzeitlichen Malereien, sie mussten neueren Ursprungs sein.

Patrick fuhr mit den Fingern über die Wand, ohne sie zu berühren. »Hier steht etwas auf Latein, dort drüben sind griechische Schriftzeichen! Sehen Sie sich diese Illustrationen an, sieht nach siebtem oder achtem Jahrhundert aus.«

Peter stand in der Mitte des Gangs, drehte sich um sich selbst und ließ seinen Blick über die Wände schweifen. »Wunderbare Arbeit... hier sind auch hebräische Symbole und ein Text, vielleicht biblisch.«

»Oh, hier hat es jemand zu gut gemeint«, rief Patrick und deutete auf einen tiefer gelegenen Teil der Wand.

»Wie meinen Sie das?«

»Da hat einer vielleicht aus einem Lexikon abgeschrieben, aber mittelalterlich ist das hier jedenfalls nicht.«

Peter kam heran. »Lassen Sie mal sehen.«

»Ich glaube nicht, dass im Mittelalter jemand die sumerische Keilschrift gekannt hat.«

Peter betrachtete die Wand eingehend. »Nein, das können wir wohl ausschließen. Und noch viel weniger hätte jemand diese Glyphen hier gekannt.« Er zeigte an eine andere Stelle.

»Das sind Mayas!«

»Projekt Babylon...«

»Die babylonische Sprachverwirrung, ja.« Marc, der sich bisher zurückgehalten hatte, meldete sich zu Wort. »Wir haben in unseren ersten Untersuchungen dreiundfünfzig verschiedene Sprachen hier ausmachen können. Nur etwa zwei Dutzend konnten wir eindeutig identifizieren, übersetzt haben wir noch nichts davon.«

»Nun gut«, sagte Peter, während er seine Brille aufsetzte, um sich einige der Zeichen aus nächster Nähe anzusehen. »Das mag ja ein sprachwissenschaftliches Puzzlestück sein, aber in Genf klang es, als müsse man uns erschießen, wenn wir das hier nicht geheim halten. Noch kann ich diese Dramatik nicht ganz nachvollziehen.«

»Wir hoffen, dass die Schriftzeichen einen Schlüssel zum eigentlichen Rätsel enthalten. Das Projekt wurde danach benannt, aber in der Tat sind sie fast nebensächlich, wenn Sie das hier gesehen haben...« Marc ging voran.

»Nun machen Sie's aber spannend, was, Peter?«

Sie folgten dem Mann einen Gang entlang, der sich am rückwärtigen, dunklen Ende der Höhle um eine Ecke wand. Dort blieben sie abrupt stehen. Bis hierher drang nur noch so wenig des Scheinwerferlichts, dass sie deutlich ein bläuliches Schimmern sehen konnten, das auf eine merkwürdige Weise den ansonsten düsteren Gang vor ihnen erhellte.

Marc ging ein paar Schritte voraus. »Kommen Sie hierher zu mir, aber gehen Sie keinen Schritt weiter.« Er deutete auf die Steine zu seinen Füßen.