»Nein!«, sagte Peter. »Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen zur Höhle. Es geht schon.«
»Er hat Recht«, sagte Patrick. »Wir müssen uns beeilen. Oder benötigt er zum Aufstieg beide Arme?«
»Nicht zum Klettern«, erklärte Levasseur. »Aber wir werden ihn ordentlich stützen müssen.«
»Also gut«, sagte Peter und stand mit wackeligen Beinen auf. »Weiter geht's!«
Der Förster führte sie an der Steilwand entlang und zu jenem unscheinbaren Spalt, durch den er selbst erst vor wenigen Tagen gestiegen war. Ständig sahen sie sich dabei um, immer auf der Hut, nicht noch einmal entdeckt zu werden. Doch der Wald blieb ruhig, und als sie sich durch den Spalt gezwängt und den dahinter verborgen liegenden, breiteren Teil der Kluft erreicht hatten, fühlten sie sich wieder etwas sicherer.
Peter spürte, wie sich etwas in ihm ausbreitete, ohne dass er dagegen ankämpfen konnte. Er lehnte sich einen Augenblick an die Felswand und atmete tief durch. Kalter Schweiß brach aus ihm heraus, er zitterte.
»Peter«, sagte Stefanie. »Sie sehen aus wie eine Leiche! Setzen Sie sich einen Augenblick hin!«
»Hat er zu viel Blut verloren?«, fragte Patrick.
»Nein«, sagte Stefanie. »Das kann nicht sein. Wahrscheinlich der Schock.«
In diesem Augenblick beugte sich Peter abrupt nach vorn und erbrach sich unter Krämpfen. Als er wieder aufsah, reichte ihm Stefanie ein Taschentuch. Er wischte sich den Mund ab und atmete einige Male tief durch. »Es geht gleich wieder«, sagte er halblaut.
Es dauerte mehrere Minuten, bis seine Übelkeit verging. Er fragte sich, ob Patrick ihn wohl jetzt für einen ausgesprochenen Schlappschwanz hielt, und ob es normal war, dass man nach einem Streifschuss gleich einen Kreislaufzusammenbruch bekam und sich übergeben musste.
»Wir können weiter«, sagte er schließlich.
»Sind Sie sicher?«
»Ja, bestimmt. Es wird schon gehen.«
So setzten sie ihren Weg fort. Wie der Förster versprochen hatte, war es nicht nötig, zu klettern, dennoch war der mit Geröll übersäte, stetig ansteigende Untergrund so unwegsam, dass sie Peter stützen mussten und nur sehr langsam vorankamen. Eine gute Stunde und mehrere Verschnaufpausen später, erreichten sie einen steinernen Vorsprung, der wie ein schmaler Sims an der Felswand entlangführte.
»Dieser Weg führt zur Vorderseite des Berges und kommt oberhalb des Höhleneingangs heraus«, erklärte der Förster. »An einigen Stellen wird er sehr schmal, also immer dicht an der Wand halten!«
»Man wird uns von unten sehen können«, sagte Patrick.
»Richtig. Deswegen ab jetzt leise und ganz langsam! Und immer den Wald unter uns absuchen.«
Angeführt vom Förster, beschritten sie den Pfad. Als Zweiter folgte Patrick, dann Peter und schließlich Stefanie. Ihre Aufmerksamkeit war besonders darauf gerichtet, dass der Engländer vor ihr nicht das Gleichgewicht verlor. Mehrfach blieben sie auf sein Zeichen hin stehen und pressten sich so gut es ging an den Felshang, während Levasseur um eine Ecke herum oder in die Tiefe spähte. Aber es war niemand zu sehen, keine Spur irgendeiner Aktivität auszumachen.
»Anscheinend sind sie noch alle im Lager«, sagte Patrick. »Wir haben eine gute Chance, unbemerkt in die Höhle zu kommen!«
»Sie ist jetzt direkt unter uns«, erklärte Levasseur. »Sehen Sie: Dort ist das Seil für den Aufstieg. Da vorne können wir runter.«
Unter den Anweisungen des Försters kletterten sie auf den Absatz, der sich nur wenige Meter unter ihnen befand. Für Peter, der sich nur mit einer Hand abstützen und festhalten konnte, war es eine schweißtreibende Angelegenheit, die seine volle Konzentration erforderte. Er fühlte sich wie eine Fliege im Spinnennetz, nahezu hilflos und offensichtlich schutzlos allen Blicken ausgeliefert. Unter ihm gab ihm Patrick Hilfestellung, während Stefanie über ihm darauf bedacht war, ihn zur Not festhalten zu können. Als er schließlich mit beiden Beinen auf dem Absatz vor dem Höhleneingang stand, war ihm klar, dass er diesen Weg niemals zurückgehen könnte.
»Das Stahltor ist verriegelt«, erklärte Levasseur, der in der Zwischenzeit den Eingang untersucht hatte.
»Das macht nichts, wir haben einen Schlüssel dafür«, sagte Patrick. Er ging zum Schott, fummelte herum, nur, um einige Augenblicke später seinen Sicherheitsschlüssel wütend auf den Boden zu werfen. »So ein Dreck!«, fluchte er.
»Man kann doch nicht innerhalb von einer Nacht mal eben dieses Schloss austauschen«, meinte Peter mit Blick auf die massive Konstruktion.
»Nein, aber den verdammten Code, der im Schloss gespeichert ist«, sagte Patrick. »Wir leben leider im einundzwanzigsten Jahrhundert.«
»Keine Bewegung!«, ertönte plötzlich eine Stimme von unten. Sie sahen auf die Lichtung am Fuß des Hanges unter ihnen. Dort standen zwei Ranger, die ihre Waffen auf sie richteten. »Kommen Sie sofort herunter! Und Sie, legen Sie Ihr Gewehr dort auf den Boden!«
Die Forscher sahen sich an. »Sieht schlecht aus«, meinte Patrick. »Wir könnten uns vielleicht hier verschanzen...«
»Ich für meinen Teil habe genug«, widersprach Peter. »Wenn Sie die Belagerung und das Gemetzel von Montségur nachspielen möchten, dann ohne mich.«
»Er hat Recht«, sagte der Förster. »Ich schätze, das war's.«
»Das fürchte ich auch«, sagte Stefanie. »Gehen wir runter.«
Der Förster legte sein Gewehr mit langsamen, deutlich sichtbaren Bewegungen auf den Boden und begann, am Seil den Hang hinunterzusteigen. Die anderen folgten ihm, wobei Stefanie wieder den Abschluss bildete und auf den verletzten Peter achtete, der sich nur mit einer Hand am Seil festhalten konnte und entsprechend langsam war. Immer wieder musste er kurz verweilen. Seine Hand und die Muskeln semes gesunden Arms brannten vor Anstrengung, aber es gab keine andere Möglichkeit. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich wieder ebenen Boden unter den Füßen hatte.
Die beiden Ranger waren in der Zwischenzeit einige Schritte näher gekommen, die Waffen noch immer auf sie gerichtet.
»Legen Sie die Hände auf den Kopf!«, befahl einer von ihnen.
»Ich kann einen Arm nicht heben!«, rief Peter und wandte ihnen die Seite mit seinem Verband zu.
»Dann heben Sie nur den anderen. Aber keine merkwürdigen Bewegungen!«
Sie taten, was man von ihnen verlangte, und die Ranger traten an sie heran. Peter fiel auf, dass sich die Männer von den Rangern aus dem Lager deutlich unterschieden. Während Letztere irgendwie immer wie aus einem Guss gewirkt hatten – natürlich! Militär! –, sahen diese beiden ganz anders aus. Unrasiert, lange Haare,... und sie trugen auch nicht dieselben Gewehre... Das waren keine Ranger!
In diesem Augenblick preschte ein weißer Landrover aus dem Wald und auf die Lichtung. Er schien aus dem Lager zu kommen. Als er bremste, öffneten sich die Türen auf der ihnen abgewandten Seite. »Waffen fallen lassen!«, war eine laute Stimme zu vernehmen.
Die Männer, die die Forscher in Schach hielten, sahen sich einen Augenblick lang irritiert an. Dann liefen sie zur Seite fort und eröffneten dabei das Feuer auf den Wagen. Neben dem täuschend harmlos klingenden Tackern ihrer halbautomatischen Waffen hörte man das metallische Klatschen, mit dem die Geschosse Löcher in das Autoblech schlugen.
»Runter!«, rief Levasseur und warf sich auf den Boden. Die anderen folgten seinem Beispiel.
Einer der beiden Männer erreichte gerade eine Gruppe Bäume, um dahinter Deckung zu suchen, als er plötzlich einen halben Meter zur Seite geschleudert wurde. Das Geschehen lief vor Peters Augen wie in Zeitlupe ab: Er sah, wie der Mann von einer unsichtbaren Wucht getroffen den Boden für einen Augenblick unter den Füßen verlor, wie sich der Kopf zur Seite neigte und ein dunkelroter Sprühregen auf der anderen Seite des Schädels herausschoss. Wie in einer grausamen Inszenierung von Schrödingers Katzenexperiment, nahm Peter jenen undefinierbaren, endlosen Zeitpunkt wahr, in dem der Mann auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu verharren schien, wie sein Herz noch pumpte, seine Nerven und Muskeln noch arbeiteten; er hing wie eingefroren in der Luft, umklammerte dabei seine Waffe. Und dann schlug der Körper wie ein Klumpen Schlachtfleisch zu Boden. Peter wandte den Blick ab.