Elaine de Rosney war in Richtung des Berghangs weggerannt und befand sich bereits auf halber Höhe des Aufstiegs.
»Shit!«, rief er. »Patrick! Wir kriegen sie nicht rechtzeitig! Laufen Sie ihr hinterher! Ich kann es nicht!«
Patrick wollte gerade etwas erwidern, als Stefanie ihre Augen aufschlug. Patrick schrak zurück.
»Ich kümmere mich darum«, sagte sie mit ruhiger Stimme und erhob sich.
Fassungslos und unfähig, sich zu rühren, starrte Patrick Stefanie nach. Sie war aufgestanden und lief mit großen Schritten zum Hang.
»Aber sie ist tot!«, brachte Patrick schließlich atemlos hervor.
»Das kann einfach nicht sein...«, sagte Peter und sah Stefanie entgeistert zu, wie sie am Seil hinaufkletterte, als sei nichts geschehen. In der Zwischenzeit hatte Elaine das Gewehr des Försters aufgehoben und machte sich gerade an der Stahltür zu schaffen.
»Ich hab eine!«, hörten sie Levasseur aus dem Wald rufen, und kurz darauf kam er mit einer der Waffen auf die Lichtung gerannt. Doch in diesem Augenblick verschwand Elaine bereits aus dem Sichtfeld.
»Was ist denn das?!«, fragte der Förster ungläubig, als er Stefanie entdeckte.
»Ich habe keine Ahnung...«, sagte Patrick. Dann verschwand sie ebenfalls in der Höhle.
Die drei Männer blieben allein auf der Lichtung zurück, starrten nach oben und ahnten nicht, was passieren würde.
Sie erwarteten, Rufe zu hören, Schüsse oder Geschrei, aber es blieb ruhig. Eine unheimliche Stille umfing sie.
Weder Wald noch Wind machten irgendein Geräusch.
Sie hörten sich atmen, hörten das Blut in ihren Ohren pulsieren.
Und plötzlich geschah es.
Flirrende, ringförmige Wellen bildeten sich in der Luft vor dem Berghang, und plötzlich schoss gleißendes blaues Licht aus dem Fels. Eine unsagbare Kraft hatte sich ihren Weg ins Freie gebrochen. Nur einen Lidschlag später erreichte die Männer das Toben einer gewaltigen Explosion, die Druckwelle schlug ihnen mit voller Wucht entgegen und schleuderte sie rückwärts zu Boden. Hoch über ihnen sahen sie das aus der Verankerung gerissene Stahlschott wie eine Spielkarte durch die Luft wirbeln.
Der Boden unter ihnen vibrierte, der ganze Berg vor ihnen zitterte und grollte. Dann bewegte er sich, schien sich in der Mitte ein Stück nach vorne zu beugen. Geröll löste sich.
»Los, weg hier!«, rief Patrick. Er sprang auf, riss Peter am gesunden Arm hoch, und sie stürmten über die Lichtung in Richtung der Wagen und der Bäume.
Das Rumoren im Berg hinter ihnen wurde lauter, und mit einem Ruck sackte der gesamte Hang in sich zusammen. Durch das plötzliche Gewicht und den Aufschlag wurden Gesteinstrümmer nach allen Seiten weggesprengt, schossen wie Kanonenkugeln durch den Wald und mähten die Bäume in ihrer Flugbahn nieder.
Während hinter ihnen der Vue d'Archiviste in sich zusammenstürzte und die Lichtung mit einer meterhohen Gerölllawine überflutet wurde, flohen die drei Männer durch den Wald, einzig, um ihr Leben zu retten und sich in Sicherheit zu bringen. Erst allmählich kam ihnen zu Bewusstsein, dass dort hinter ihnen nun jedes Schriftzeichen, jedes Rätsel und auch jedes Leben unter Millionen Tonnen Gestein zu Staub zermahlen worden war.
Epilog
18. Mai, Museum für Völkerkunde, Hamburg
»Paris: Der Vorsitzende der französischen Partei PNF, Jean-Baptiste Laroche, ist heute Morgen erschossen in seinem Haus am Pariser Stadtrand aufgefunden worden. Ein Sprecher der Polizei wollte keine Angaben zu den näheren Umständen machen, erklärte aber, dass die ersten Indizien für einen Selbstmord sprächen. Der erfolgreiche Geschäftsmann und Gründer der Rechtsnationalistischen Partei, Laroche, hatte als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat gegolten, bis er vor knapp einer Woche durch eine Anklage wegen Landesverrats in die Schlagzeilen geraten war. Zur gleichen Zeit hatte die britische Tageszeitung Sun berichtet, dass sich Laroche für einen Verwandten von Jesus Christus halte, und ihn in der Folge zum Gespött der Medien in beiden Ländern gemacht. Wie ein Sprecher der PNF in einer Pressekonferenz mitteilte...«
Peter schaltete das Radio aus, als es an der Tür seines Büros klopfte. »Ja, bitte.«
Patrick Nevreux trat ein. Leger gekleidet, aber frisch rasiert, lachte er ihn an. »Hallo, Sportsfreund! Schön, Sie zu sehen!«
»Patrick, die Freude ist ganz meinerseits!« Er wies auf den alten Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Setzen Sie sich! Was führt Sie her? Sie haben mich doch nicht etwa vermisst?«
»Aber nein, wo denken Sie hin! Ich war gerade zufällig in der Gegend und dachte, ich schau mal beim alten Professor vorbei.«
»Wie aufmerksam!« Peter beobachtete amüsiert Patricks zweifelnden Blick auf den Stuhl und erwartete eigentlich, dass der Franzose, nachdem er sich zögernd niedergelassen hatte, seine Füße auf den Tisch legen würde. Aber Patrick blieb gesittet und sah sich im Raum um. »Nettes Büro«, sagte er dann. »Aber etwas langweilig, oder?«
»Ich kann nicht klagen. Zumindest ist es ungefährlich.«
»Da haben Sie wohl Recht.«
»Und wie geht es Ihnen?«, fragte Peter. »Denken Sie noch oft an sie?«
»An Stefanie? Ja. Ich vermisse sie... Sie hatte es nicht verdient. Ich frage mich immer wieder, was wir ohne sie erreicht hätten. Ich habe versucht, herauszufinden, wo sie herkam, ob sie eine Familie oder Verwandte hinterließ. Aber es war nichts zu finden. Sie war auf eine merkwürdige Art anders, fanden Sie nicht auch?«
»Ich hatte manchmal das Gefühl, dass sie etwas vor uns verbarg«, stimmte Peter zu. »Die Art, wie sie sich immer im Hintergrund hielt und doch stets diejenige war, die uns weitergebracht hat. Sie schien irgendwie selbstlos. Wie sie selbst trotz ihrer schweren Verletzung Elaine noch verfolgte... meinen Sie, sie hat sich bewusst für die Höhle geopfert?«
»Wer weiß... Ich habe auch über die Höhle nachgedacht. Vielleicht hätte sie gar nicht jede Frau betreten können. Immerhin wäre das ja kein besonders guter Schutz, wenn ein paar Milliarden Menschen einfach hineinspazieren könnten, oder? Aber vielleicht war Stefanie wirklich anders. Vielleicht war sie tatsächlich eine Bewahrerin der Mysterien... auf eine ganz andere Art, die wir nie erahnt haben.« Patrick atmete tief ein. »Aber nun gut, wir werden es niemals erfahren...«
»Nein, in der Tat.« Peter schwieg einen Augenblick. »Aber sagen Sie«, setzte er dann neu an, »wie ist es Ihnen in den letzten Tagen ergangen? Haben Sie sich noch mit Levasseur auseinander gesetzt?«
»Nur wenig«, sagte Patrick. »Die Leute von Nuvotec sind ziemlich schnell – und natürlich unverrichteter Dinge – abgezogen, und der fette Fauvel hat seine Schergen ebenfalls zurückgepfiffen. Levasseur konnte ihn anscheinend überzeugen, dass es am Vue d'Archiviste irgendeine Art seismischer Aktivität gäbe, so stark, dass ganze Berge einstürzen können und man das Gebiet folglich keinesfalls bebauen sollte. Fauvel hat das wohl geschluckt.«
»Also ist dort alles wieder beim Alten. Als sei nie etwas geschehen, wird die Höhle im Vergessen versinken. Sie ist unwiederbringbar verloren. Und wir beide sind genauso schlau, wie wir es vor ein paar Wochen waren.«
»Aber um viele zehntausend Euro reicher.«
»Das stimmt allerdings.«
»Und wie es der Zufall so wollte, musste ich deswegen an Sie denken«, sagte Patrick und holte eine Zigarettenschachtel hervor. »Ich darf doch?«
»Sie machen mich neugierig. Und was das Rauchen angeht: natürlich nicht.« Mit diesen Worten und einem verschmitzten Funkeln in den Augen griff Peter nach einer Dose Tabak und einer Pfeife aus seinem Pfeifenständer und begann damit, sie sorgfältig zu stopfen.
Patrick grinste den Engländer an, entzündete seine Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Dann blies er den Rauch in die Höhe.
»Wissen Sie«, sagte er, »ich habe nachgedacht.«
»Nein.«
»Über unsere Recherchen, die verrückten Leute, die wir getroffen haben, das wirre Zeug, das man uns erzählt hat, und diese Menge an Sachen, die Sie ganz offensichtlich wissen...«