»Aha...«
»Und ich dachte mir, Patrick, alter Junge, von dem kannst du noch was lernen.«
»Ist das so?« Peter entzündete ein Streichholz, wartete einen Augenblick und entfachte dann damit seine Pfeife.
»Ich weiß, dass Sie hier im Museum jobben«, erklärte Patrick. »Ist bestimmt mächtig spannend. Aber jetzt, wo wir beide ein bisschen Spielgeld haben, interessiert Sie vielleicht eine kleine Abwechslung?«
»Wollen Sie mich zum Essen einladen?«
»Nicht direkt... na ja, vielleicht springt ein Essen dabei heraus ... Gut, einverstanden, ein Abendessen ist drin. Und dann erzähle ich Ihnen von meiner Idee. Es hat mit alten Kulturen zu tun. Und der Suche nach weiteren Archiven des Wissens.«
Peter hob eine Augenbraue und sah den Franzosen eine Weile schweigend an. Dann griff er nach einem Zettel und reichte ihn über den Tisch.
Patrick nahm ihn entgegen, las ihn und stutzte.
»Meine Adresse in Lissabon?«
»Ich wollte morgen einen Flug buchen und Ihnen in einer portugiesischen Fischkneipe von derselben Idee erzählen.«
Patrick sah ihn erstaunt an. »Zwei Dumme, ein Gedanke, was? Und was war Ihr Ziel? Ich hatte da recht vage an Pyramiden gedacht...«
Peter schob eine Ausstellungsbroschüre des Museums über den Tisch. Abgebildet war der Stein von Rosette und darüber prangte die Aufschrift: »5000 Jahre Schrift. Mit einer Sonderausstellung von Professor Peter Lavelclass="underline" Ägypten – Wiege der Kultur?«
18. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz
Auf der Rasenfläche vor der herrschaftlichen Villa stand ein Hubschrauber, dessen Rotorblätter sich langsam drehten. Steffen van Germain warf einen letzten Blick auf das Anwesen. Ein wunderbarer Ort, der ihm lange zu Diensten gewesen war. Aber wie immer, ging jede Zeit einmal zu Ende. Wenn Neues beginnt, muss das Alte weichen. Ebenso wie die Ereignisse im Languedoc ein Ende in der entsetzlichen Zerstörung der Archive gefunden und das Augenmerk zugleich auf einen neuen Anfang gelenkt hatten.
Eine Weile hatte er gezweifelt, ob sie alles richtig gemacht hatten. Wie immer schalt er sich einen Narren, bei vielem, was sie übersehen hatten und was zu den furchtbaren Ereignissen geführt hatte. So viel vergossenes Blut, so viel fehlgeleiteter Eifer, so viel verlorenes Wissen. Es war immer dasselbe, seit Menschengedenken. Aber er wusste auch, dass er nichts hätte anders entscheiden wollen. Sie mussten es immer wieder darauf ankommen lassen. Mussten beobachten, mussten lenken, wenn es angebracht war, und immer wieder prüfen, ob die Zeit gekommen war. Und eines Tages würde es so weit sein. Dann würde eines der Archive seine Bestimmung erfüllen.
Er wandte sich ab, bestieg den Hubschrauber und setzte sich neben Joseph, der die Tür schloss.
»Seid Ihr bereit, Steffen?«, fragte der junge Mann.
»Ja. Es kann losgehen.«
Dann wandte sich van Germain an die Frau, die ihnen gegenübersaß. Ihre blonden Haare fielen ihr über eine Schulter, auf der anderen Seite hatte sie sie hinters Ohr geklemmt. Sie wirkte ebenfalls nachdenklich, wenn auch aus anderen Gründen als er selbst.
»Du musstest es zerstören«, sagte er. »Es war das einzig Richtige, Johanna.«
»Ich weiß... aber das beschäftigt mich auch weniger.«
»Dann denkst du noch an ihn?«, fragte er.
»Ja. Er war auf eine unverschämte Art liebenswürdig. Und er hatte ein gutes Herz. Es ist lange her, dass jemand Tränen für mich vergossen hat.«
»Es tut mir leid«, sagte van Germain. »Wirklich. Aber es war deine Entscheidung.«
»Ja«, sagte sie. Und mit einem entschlossenen Nicken fügte sie hinzu: »Und es war auch gut so.«
Der Hubschrauber hob langsam vom Boden ab, stieg in die Höhe und flog in einer Schleife über das Grundstück. Er folgte der Auffahrt, flog über das Tor, gewann dort schnell an Höhe und verschwand in der Ferne.
Vor der Toreinfahrt war ein hohes Gestell aufgebaut, auf dem die Villa abgebildet war. Darüber stand in großen Buchsraben: À vendre – Zu verkaufen.
Nachwort des Autors
Wer der Magie der Fiktion nicht entfliehen möchte, der mag diese Absätze auslassen. Nicht jeder will alle Fragen beantwortet haben, nicht alles muss erklärt werden, und das zauberhafteste Geheimnis bleibt ebendies: ein Geheimnis. Aber es gibt auch jene, die das Verstehen dem Erleben vorziehen.
In diesem Buch habe ich historische Fakten mit traditionellen und modernen Mythen und Legenden vermischt und versucht, die Fugen mit frech zusammengelogener Fiktion zu kitten. Es wäre nur schwer möglich, hier alles auszubreiten, ohne mich in ähnlich langatmigen Ausführungen zu ergehen wie Professor Lavell. Aber einige Stichworte seien an dieser Stelle erläutert.
Die Festung von Montségur gibt es tatsächlich. Hoch oben, scheinbar völlig unzugänglich, auf einem Berg im Languedoc, steht heute nur noch ein kläglicher Ring der äußeren Mauer. Nur eine kleine Gedenktafel weist heute darauf hin, dass diese Festung einmal eine so tragische Rolle gespielt hat. Was Peter über die Geschichte des Languedoc erzählt, über die Katharer, die Albigenserkreuzzüge und die Belagerung von Montségur, entspricht im Wesentlichen tatsächlich dem heutigen Wissensstand. Ebenso verhält es sich mit den Informationen über die Templer, die Merowinger sowie den Legenden über die Rosenkreuzer. Auch Martin Luther hat es natürlich gegeben, dessen Übersetzung der Bibel verbürgt ist, wenngleich ich mir die Freiheit genommen habe, ihn mit den Rosenkreuzern in Verbindung zu bringen und ihm eine intensive Beschäftigung mit der Kabbala anzudichten. Eine »Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose« gibt es allerdings ebenso wenig (oder zumindest ist mir keine bekannt) wie eine »Mission des Lichts«, eine »Hand von Belial« oder einen »Tempel Salomon«. Eine Ähnlichkeit mit tatsächlich existierenden Organisationen, Gruppierungen, Firmen oder Personen ist unbeabsichtigt und wäre rein zufällig.
Wer auf den Gebieten, die dieses Buch behandelt, bewandert ist, mag viele eingestreute Details wie alte Bekannte wiedererkennen, die von meiner Begeisterung zeugen sollen, und wenn nicht das, dann zumindest von den Schlachtfeldern meiner Recherchen. Falls sie dem unbefangenen Leser bisweilen als verworrene Fantasterei erscheinen, tut mir dies aufrichtig leid.
Bei den zum Teil individuellen Übersetzungen des Hebräischen, Lateinischen und Altgriechischen gilt mein Dank Ioannis Chatziandreou, Hans Eideneier, Klaus Pradel, Lauri Lehrmann, Martin Conitzer, Georg W., Christian P. Görlitz, Eva Feldheim, Leonard S. Berkowitz, Hans Zimmermann sowie den Mitarbeitern des Instituts für Altes Testament (I.A.T.) der Universität Hamburg, für ihre Zeit und Mühe, mit denen sie sich meinen ungewöhnlichen Anfragen gewidmet haben.
Besonders gefreut habe ich mich über die Unterstützung von Patrick Rocher vom Institut de mécanique céleste et de calcul des éphémérides (IMCCE) in Paris, der mir die exakten Daten einer im Languedoc sichtbaren Sonnenfinsternis im 13. Jahrhundert berechnet und samt Karte geschickt hat.
Eine wunderbare Inspiration waren die Theorien von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh, deren Sachbücher über einen möglichen Fortbestand der Blutlinie Jesu und dem geheimnisvollen Orden »Prieuré de Sion« ihre Spuren in diesem Roman hinterlassen haben.
Nicht zu vergessen sind all jene, denen ich meinen Text in den unterschiedlichen Entstehungsphasen zum Lesen geben durfte. Herausragend dabei mein Schriftstellerkollege René Rose, der von der sachlichen Ebene bis in philosophische Sphären alle Aspekte des Lebens, des Schreibens und des Wesens der Dinge im Allgemeinen abdeckte: Mast- und Schotbruch nach Berlin!
Meinem Agenten, Joachim Jessen, herzlichen Dank für den bisherigen Weg, meiner Lektorin, Linda Walz, und meinem Redakteur, Gerhard Seidl, danke für die wertvolle Hilfe beim Zurechtfeilen. Und zu guter Letzt mein größter Dank an meine Kinder für ihre Rücksicht (»Lasst Papa mal in Ruhe schreiben«) und an meine Frau Martina, die mich so sehr unterstützt und selbst dann an mich geglaubt hat, als ich drauf und dran war, alles in die Ecke zu werfen. Nur deiner Kraft und Beständigkeit ist es zu verdanken, dass die spannende Reise jetzt weitergehen kann.