«Lieber Vetter, «sagte der König,»Ihr seht meine Nachgiebigkeit auf eine harte Probe. Der Herzog ist der verlobte Bräutigam meiner Tochter Johanna. Seid großmütig — gebt diesen Punkt auf, und laßt uns lieber von den Städten an der Somme sprechen.«
«Darüber wird mein Rat mit Ew. Majestät Rücksprache! nehmen; mir selbst liegt eine Gebietserweiterung weniger am Herzen, als erlittene Unbilden wieder gut zu machen. Ihr habt Einverständnis mit Vasallen unterhalten, und es muß Ew. Majestät zum Vergnügen gereichen, über die Hand einer burgundischen Mündel verfügen zu können. Vermählt sie denn mit einem Mitgliede Eurer eignen Familie, da Ihr Euch einmal in die Sache gemischt habt — dann sind wir wieder Vettern und Freunde; andernfalls sind unsere Verhandlungen angebrochen.«—»Danken wir dem Himmel!«sagte Ludwig,»der die Herzen der Fürsten lenkt, sie gnadenvoll zum Frieden und zur Milde hinneigt und das Vergießen von Menschenblut abwendet. — Oliver, «raunte er beiseite seinem Günstling zu,»sage Tristan, er solle mit dem Zigeuner schnell zu Ende kommen!«
Sechzehntes Kapitel
«Gott sei gelobt, daß er uns Kraft verlieh, zu lachen und andre mit unserm Lachen anzustecken, und Schimpf und Schande über den Tropf, der das Amt des Narren verachtet! da haben wir nun mal einen Jux, wenn auch gerade keinen großartigen! aber er mag hingehen, denn er hat zwei Fürsten amüsiert! — und es ist ihm doch besser als tausend Gründen der hohen Politik gelungen, einem Kriege zwischen Frankreich und Burgund vorzubeugen.«
So Narr Glorieux! und zwar in dem Augenblicke, als er die burgundischen Wachen von Peronne abziehen sah, nachdem die Versöhnung erfolgt war und der König aus dem verhängnisvollen Hubertusturme wieder ausziehen durfte. Ja, die Freundschaft war, wenigstens nach außen, zwischen dem Herzoge Karl von Burgund und seinem Oberlehnsherrn wieder hergestellt; immerhin bemerkte der letztere, wenn er auch mit zeremonieller Ehrerbietung behandelt wurde, recht gut, daß er nach wie vor ein Gegenstand des Argwohns blieb, aber er besaß Klugheit genug, es nicht merken zu lassen und sich völlig unbefangen zu benehmen.
Mittlerweile sollte es eine der bei dieser Komödie mitwirkenden Nebenpersonen verspüren, daß es immer eine schlechte Sache ist, für große Herrn die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das war Hayraddin Maugrabbin, der von den herzoglichen Beamten dem königlichen Generalprofoßen überantwortet wurde, um ihn ohne Verzug vom Leben zum Tode zu bringen. Es dauerte nicht lange, so wurde eine Eiche ausfindig gemacht, die, wie Petit-André sich witzig ausdrückte, solche Eichel ganz gut zu tragen vermöge. Der Unglückliche mußte sich auf eine Bank setzen, während der Profoß mit seinen beiden Gehilfen die zur letzten Katastrophe notwendigen Anstalten traf. Da warf Hayraddin einen Blick auf die umherstehende Menge und begegnete Quentin Durwards Augen, der in den Zügen des entlarvten Verbrechers diejenigen seines treulosen Führers wiederzufinden meinte und sich dem Zuge angeschlossen hatte, um Zeuge von der Hinrichtung zu sein und sich von der Identität des Wichtes zu überzeugen… Als die beiden Henker ihm sagten, es sei nun alles bereit, er möchte sich auf die letzten Augenblicke vorbereiten, da bat sie der Delinquent noch um eine letzte Gefälligkeit…
«Was sich mit unserer Pflicht verträgt, mein Sohn, «antwortete ihm Trois-Echelles,»das soll Dir werden.«—»Sehr gütig, «erwiderte der Zigeuner. — »Wir riskieren freilich, daß wir deshalb einen Wischer bekommen, «meinte Petit-André,»aber darauf soll's nicht ankommen. Für solchen fixen Kerl, der sich mit einem Schwung aus dem Leben befördert, könnt ich fast selber mein Leben lassen.«—»Solltet Ihr etwa einen Beichtvater wünschen, «meinte Trois-Echelles. — »Oder einen Pfiff Schnaps oder Vinum bonum…«ergänzte Trois-Echelles' spaßiger Kamerad. — »Nichts von dem, meine dienstwilligen Freunde, «sagte der Zigeuner,»sondern ich möchte bloß ein paar Augenblicke mit dem schottischen Bogenschützen dort reden, wenn das nicht wider die Regeln verstößt.«
Einen Augenblick lang besann sich das Henkerpaar. Dann fiel dem einen ein, daß Quentin Durward sich der besonderen Gunst König Ludwigs zu erfreuen hätte, und er sagte zu seinem Kollegen, daß dem Wunsche unter solchen Umständen sehr wohl willfahrt werden könne. So wurde Quentin Durward benachrichtigt, und er näherte sich dem Verbrecher, jedoch nicht ohne eine Empfindung herben Mitgefühls. Was von seinem Heroldsausputz von den Fängen der Doggen und den Griffen der Schergen, die ihn den Doggen entrissen hatten, noch übrig war, gab ihm ein ebenso wunderliches wie jämmerliches Aussehen. Sein Gesicht war durch Schminke entstellt, wie auch durch die Reste des falschen Bartes, durch den er sich noch unkenntlicher zu machen gesucht hatte. Auf seinen Wangen stand Todesblässe, und seine Lippen waren kreideweiß, aber er befaß die ganze Standhaftigkeit seiner Rasse im Ertragen von Leid und Schmerz, und so schien er mit seinen spähenden Augen und dem verzerrten Lächeln, das seinen Mund umspielte, dem Tode, den er erdulden sollte, zu trotzen.
«Nur flotter heran, Herr Bogenschütze!«rief Petit-André, da Quentin sich, von Schauder wie auch von Mitleid ergriffen, zaghaft näherte,»viel Muße, auf Euch zu warten, hat der Herr nicht mehr. Ihr geht wie auf Eiern, und habt doch feste Steine unter den Sohlen.«—»Ich muß unter vier Augen mit ihm reden, «sagte der Delinquent mit gebrochener Stimme. — »Das wird sich nun freilich mit unserer Pflicht nicht recht vertragen, mein kleiner Spring-in-die-Luft, «erwiderte Petit-André,»denn wir wissen ja noch von anno dazumal, was für ein glatter Aal Ihr seid.«—»Ihr habt mich doch an Händen und Füßen gebunden, «sagte der Delinquent,»könnt mich doch auch aus gewissem Abstande unter Augen behalten. Bloß anhören sollt Ihr nichts von dem, was ich dem Schützen sagen werde, der ja übrigens beim Könige so gut angeschrieben steht, wie kaum Ihr beide. Außerdem will ich Euch gern zehn Gulden geben…«
«Hm, wenn wir sie auf Messen verwenden, «meinte Trois-Echelles,»dann könnten sie seiner armen Seele noch zugute kommen.«—»Und in Wein oder Schnaps angelegt, werden sie meinen armen Leichnam stärken, «setzte Petit-André hinzu,»also heraus mit dem Mammon, Du Galgenvogel!«—»Durward, «sagte Hayraddin zu dem Bogenschützen,»gebt den beiden Bluthunden das Geld, denn mir haben sie den letzten Stüber abgeluchst, und ich sage Euch, Ihr sollt nicht dadurch in Schaden kommen!«—»Also so weit hat´s mit Dir kommen müssen?«sagte Quentin, nachdem er den beiden Schergen das Geld gegeben hatte,»so weit?«—»Ja doch, «versetzte Hayraddin,»dazu hab' ich weder Sterndeuter gebraucht noch Wahrsager. Das ist nun mal das Los meiner Familie!«—»Ein frühes Ende nach langer Reihe von Verrat und Missetat, «sagte Quentin. — »Nein, beim flammenden Aldeboran und seinen Lichtbrüdern!«erwiderte der Zigeuner,»bloß meine Torheit hat mich hierher gebracht, die Torheit nämlich, zu glauben, eines Franken blutdürstige Grausamkeit ließe sich in Schranken halten durch das, was er am heiligsten hält. Da hätte mir freilich ein Pfaffenkittel mehr genützt als dieses Heroldskostüm, so heilig auch Eure Beteuerungen von Gottesfurcht und Rittersinn sein mögen!«—»Ihr verschwendet Eure Zeit, Hahraddin, «sagte Quentin,»sofern Ihr mir noch etwas zu sagen habt, sagt's schnell, und dann tragt für Eure arme Seele Sorge!«—»Für meine Seele?«erwiderte der Zigeuner mit gräßlichem Lachen,»denkt Ihr, ein Aussatz, der zwanzig Jahre alt ist, sei im Handumdrehen zu kurieren? Falls ich ein solches Ding besitze, das Ihr Seele nennt, so ist sie von meinem zehnten Jahre ab so scharf in Atem gehalten worden, daß ich wenigstens vier Wochen brauchte, um mich auf alles das zu besinnen, was ich damit verbrochen habe… und dann nochmal vier Wochen, sie zu beichten… und sollte man mir solche Galgenfrist lassen, dann würde ich sie ganz gewiß zu ganz was anderem brauchen.«—»Lästere nicht, Du verstockter Bösewicht!«sagte Quentin Durward,»sage mir, weshalb Du mich hast rufen lassen, und dann überlasse ich Dich Deinem Schicksale.«