«Ihr könnt's ja an seinen Reden und an seiner Narrenkappe sehen, daß er einer von den fremden Marktschreiern ist, die jetzt ins Land kommen. Laßt ihn also in Ruhe seines Weges gehen. Ihr aber, Freund, wenn Ihr was Böses im Sinne habt, geht still und ruhig davon und behelligt uns nicht weiter mit Eurem Meister Peter; es ist am Ende doch wohl nur ein anderer Name für den Teufel!«Der Schotte sah ein, daß er hier offenbar die schwächere Partei war, und hielt es fürs klügste, still seinen Weg fortzusetzen.
Auf einer kleinen Anhöhe, die sich über dem reißenden Cher in der Richtung seines Weges erhob, bildeten ein paar Wallnußbäume eine schone Gruppe. Neben ihr standen ein paar Landleute, starr und bewegungslos, die Augen aufwärts gerichtet, dem Anschein nach auf einen unter den Zweigen befindlichen Gegenstand. Neugierig, wie ja die Jugend immer ist, eilte Quentin dorthin und sollte nun das schrecklichste Schauspiel mitansehen, das sich einem menschlichen Auge bieten kann. An einem der Baumäste hing der Körper eines Mannes, dessen Züge die Todesangst verzerrte.
«Warum schneidet Ihr denn den armen Kerl nicht ab?«rief der junge Schotte den Leuten zu; denn ebenso, wie er immer bereit war, seine Ehre zu behaupten, so ließ er sich auch nie nötigen, Menschen, die in Not waren, Beistand und Hilfe zu leisten. Einer von den Bauern sah ihn mit einem völlig entgeisterten Gesicht an, wies mit der Hand, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen, auf ein in der Baumrinde befindliches Zeichen, das mit einer Lilie eine gewisse Aehnlichkeit hatte, aber von verschiedenen unverständlichen Kritzeleien umzogen war. Durward, der weder dies Zeichen kannte, noch es zu entziffern verstand oder zu entziffern Lust hatte, kletterte auf den Baum, langte aus dem Gurte den jedem Hochländer unentbehrlichen» Skene Dhu «oder zweischneidigen Dolch, rief den Bauern zu, den Körper aufzufangen, und schnitt den Strick, an dem der Unglückliche hing, mit einem kräftigen Schnitt mitten entzwei. Aber die Bauern hatten wenig Sinn für menschliche Empfindung, die den jungen Schotten leitete. Statt Durward auch nur den geringsten Beistand zu leisten, ergriffen sie vielmehr, sichtlich entsetzt über diesen Eingriff des jungen Menschen in andre Rechte, das Hasenpanier, ohne sich weder um ihn, noch um den Körper, den er losgeschnitten hatte, und der nun vom Baume herunterfiel, zu kümmern. Aber Quentin, trotzdem er sah, daß infolge des Sturzes aus der nicht unbeträchtlichen Höhe der letzte Lebensfunke aus dem Körper des Gehenkten gewichen war, gab seinen humanen Vorsatz, demselben zu helfen, nicht auf, sondern löste die schreckliche Schlinge von seinem Halse, knöpfte ihm das Wams auf, bespritzte ihm das Gesicht mit Wasser und bot alles mögliche auf, ihn wieder ins Leben zurückzubringen. Da ertönte auf einmal ein wildes Stimmengewirr um ihn her in einer ihm völlig unbekannten Mundart, und kaum hatte er die nötige Zeit gefunden, sich umzudrehen, als er sich ziemlich unsanft am Arme gepackt fühlte und ein Messer blitzen sah, das auf seine Brust gezückt wurde.»Elender Sklave von Eblis!«schrie ihm ein Mann zu, der von andern Männern, Weibern und Kindern umringt wurde, die alle wild durcheinander schrien, aber in einem gräßlichen Kauderwelsch,»willst Du den Menschen, den Du ermordet hast, auch noch berauben? Dafür sollst Du büßen!«Grimmige, verzerrte Gesichter starrten ihm entgegen, und von allen Seiten erhoben sich Messer gegen ihn. Aber den jungen Schotten verließ seine Geistesgegenwart nicht, und er wehrte sich die ihm zunächst Stehenden mit einem kräftigen Rucke vom Leibe! dann rief er:»Was wollt Ihr von mir, Leute? Wenn Ihr in dem Unglücklichen einen Kameraden oder Freund zu beklagen habt, so laßt Euch sagen, daß ich ihn eben vom Baume losgeschnitten habe, und gar nicht daran denke, mich an seinem bißchen Habe zu bereichern. Besser wär's, statt Euch an mir zu reiben, Ihr versuchtet, ihn wieder ins Leben zurückzurufen. Wären die Bauern nicht so erbärmlich weggelaufen, so hätte der arme Kerl wohl noch ein bißchen Leben in sich; aber durch den Sturz scheint ihm das letzte davon abhanden gekommen zu sein,«
Inzwischen hatten sich die Weiber über den Leib des Unglücklichen hergemacht und alles mögliche versucht, wieder Leben in ihn zu bringen; aber mit ebenso geringem Erfolge, wie vor ihnen Durward. Auch sie sahen das Vergebliche ihrer Bemühungen ein, erhoben nach orientalischer Sitte ein klägliches Geschrei und rauften sich die langen Haare, während die Männer ihre Kleider zerrissen und Straßenstaub auf ihr Haupt zu schütten anfingen. Jetzt erst betrachtete Durward sich die Gestalten genauer, denn es befaßte sich keiner von den seltsamen Menschen mehr mit ihm, nachdem sie sich durch die Umstände ohne Zweifel von seiner Unschuld sattsam überzeugt hatten. Es wäre nun freilich für Durward das gescheiteste gewesen, sich nicht weiter um den wilden Haufen zu bekümmern, sondern stumm und still seiner Wege zu gehen; aber er war nun einmal daran gewöhnt, Gefahren ohne Rücksicht auf die Folgen zu trotzen, und auch von einiger Neugierde befallen, was wohl hinter diesen merkwürdigen Menschen stecken möchte, die so krause schwarze Bärte hatten und von so dunkelbrauner Hautfarbe waren, daß sie ganz aussahen wie Afrikaner. Ein paar von ihnen, augenscheinlich die Anführer der Horde, trugen seltsamen Zierat um den Hals: ganze Ketten von Silbermünzen, und ebenso in den Ohren, dazu gelbe, hellgrüne und scharlachrote Schärpen um den Leib. Außer den langen Messern, mit denen sie ihn eben bedroht hatten, bemerkte Quentin keinerlei Waffen bei ihnen, bloß einer von ihnen trug eine Art Krummsäbel oder Maurenschwert an der Seite, an das er des öftern die Hand legte; dabei überbot er die andern an Ausbrüchen von schmerzlichem Geheul, wie von Drohungen, durch die er die andern zur Rache anfeuern zu wollen schien.
Plötzlich ertönte von der andern Seite her Pferdegetrappel, und die Leute, in denen Quentin Sarazenen zu erblicken meinte, sahen sich, eben als sie den Leichnam ihres toten Kameraden auf die Schultern heben wollten, von einer Reiterschar angegriffen. Auf der Stelle ließen sie den Leichnam wieder fallen, ihre Klagen wandelten sich in Ausrufe wilden Schreckens, und die meisten von ihnen wandten sich kurz entschlossen zur Flucht, ohne sich an die gegen sie gerichteten Lanzen zu kehren. Bis auf zwei gelang es ihnen auch, sich durch die Reiter hindurch zu schlagen! und von diesen beiden, die in die Hände der Reiter fielen, war einer derjenige, der vorhin mit dem Krummsäbel so wild hantiert hatte. Der nächste, der von den Reitern ergriffen und ungeachtet allen Einspruchs gebunden wurde, war Quentin Durward. An der Gewandtheit, mit der sich die Soldaten dieser Verrichtung entledigten, ließ sich erkennen, daß sie keineswegs Neulinge in dieser Polizeitätigkeit waren. Quentin, der sich bestürzt nach dem Anführer der Reiterschar umsah, wußte nicht, ob er sich freuen oder sorgen sollte, als er in ihm den Gefährten Meister Peters erkannte, der den Blick immer zur Erde gerichtet hielt. Welches Verbrechens nun aber diese Fremdlinge beschuldigt sein mochten, so mußte dieser Beamte doch aus der Geschichte des Morgens wissen, daß Durward in keinerlei Verbindung mit ihnen stehen konnte; allein schwieriger war die Antwort auf die andere Frage, ob dieser finstre Mann für ihn ein günstiger Richter oder williger Zeuge sein werde, und ob er seine Lage verbessern möchte, wenn er sich geradezu an ihn wendete.
Aber es blieb wenig Zeit zum Nachdenken übrig.»Trois-Echelles und Petit-André!«sagte der Mann mit dem zu Boden gesenkten Blick zu zweien seiner Truppe;»die Bäume hier stehen gerade recht bequem. Ich will dies ungläubige, diebische Gesindel lehren, mit des Königs Gerechtigkeit zu spaßen, wenn sie einen von der verruchten Rasse erwischt hat. — Steigt ab, Kinder, und tut ohne weiteres Eure Schuldigkeit!«