Trois-Echelles und Petit-André standen augenblicklich auf den Füßen, und Quentin bemerkte, daß jeder von ihnen am Schwanzriemen und Sattelknopf seines Pferdes ein Bund Stricke befestigt hatte, die sie schleunigst ablösten und zu der verhängnisvollen Schleife knüpften, die dann für solche, die gehenkt werden sollen, den letzten Halsschmuck bildet. Eiskalt rann das Blut durch Quentins Adern, als er sah, daß man drei Stricke auswählte, offenbar in der Absicht, einen davon um seinen Hals zu schlingen. Er erinnerte den Mann mit lauter Stimme an ihr Zusammentreffen am Morgen, machte sein Recht als freigeborner Schotte in befreundetem Lande geltend, und behauptete, daß er weder die Personen kenne, in deren Gesellschaft er gefangen worden, noch wisse, was sie eigentlich verbrochen hätten.
Der Mann würdigte ihn aber kaum eines Blicks, sondern wandte sich ohne weiteres zu ein paar Bauern, die jetzt zum Vorschein kamen, entweder um gegen die Gefangenen auszusagen oder aus Neugier; und er fragte kurz:»War der junge Mensch da bei den Vagabunden?«—»Allerdings war er dabei, Sir, «antwortete einer der Bauern,»und mit Ew. Edlen des Herrn Generalprofoß Erlaubnis, wie wir schon gesagt haben, er war der erste, der den Schurken abschnitt, den Se. Majestät Gerechtigkeit verdientermaßen hatte aufknüpfen lassen.«—»Ich kann's bei Gott und dem heiligen Martin von Tours beschwören, «sagte ein anderer,»daß ich ihn mit ihnen gehen sah, als sie unsere Meierei plünderten.«—»Ja, aber der Heide war doch schwarz, Vater!«sagte ein Knabe,»und der hier ist weiß; der hatte ganz kurzes, krauses Haar und der hier hat schöne, lange Haare.«—»Das ist wohl wahr, Junge, «versetzte ein Bauer;»jener hatte auch einen grünen Mantel, und dieser hat ein graues Wams. Aber Ew. Edlen der Herr Profoß wissen ja selbst, daß diese Halunken ihr Gesicht wechseln können wie ihre Jacke, so daß ich doch immer noch der Meinung bin, es sei derselbe,«—»Es genügt, «sagte der Mann mit dem zu Boden gesenkten Blick,»daß Ihr gesehen habt, wie er sich bemüht hat, einen gerichteten Verbrecher ins Leben zurückzurufen. Trois-Echelles und Petit-André, macht Euch fertig!«—»Haltet ein, Herr Offizier!«rief der Jüngling in Todesangst;»hört mich an und laßt mich nicht schuldlos sterben! Mein Blut wird von Euch gefordert werden durch meine Landsleute in dieser Welt und durch die Gerechtigkeit des Himmels in der künftigen!«—»Ich werde meine Handlungen hier und dort zu verantworten wissen!«sagte der Profoß kaltblütig, indem er mit der linken Hand den Scharfrichtern ein Zeichen gab. Dann zeigte er mit boshaftem Lächeln auf seinen rechten Arm, den er in einer Binde trug, wahrscheinlich infolge des Schlages, den er am Morgen von Durward erhalten hatte. — »Elender, rachsüchtiger Bube!«rief Quentin, nunmehr überzeugt, daß er von ihm kein Mitleid zu erwarten habe. — »Der arme Junge ist nicht bei Sinnen!«sagte der Profoß:»sprich ihm doch ein tröstliches Wort zu, Trois-Echelles, ehe sein Hintritt erfolgt. Du stellst ja in dergleichen Fällen Deinen Mann, wenn es an einem Beichtvater fehlt. Nur eine Minute erteil ihm geistlichen Rat und Zuspruch und dann fort mit ihm! Ich muß jetzt die Runde machen — Soldaten, folgt mir!«
Der Profoß eilte nun mit seiner Wache fort, ein paar Mann ausgenommen, die zurückgeblieben, um bei der Hinrichtung behilflich zu sein. Der unglückliche Jüngling sah ihm verzweifelt nach und glaubte mit jedem verhallenden Hufschall die Möglichkeit einer Rettung schwinden zu sehen. Er schaute sich voll Todesangst um und sah zu seinem großen Erstaunen, daß seine Mitgefangenen in stoischer Gleichgiltigkeit verharrten. Anfangs hatten sie sämtlich Furcht gezeigt und zu fliehen gesucht; nachdem sie aber allem Anschein nach dem unvermeidlichen Tode entgegengingen, erwarteten sie ihr Schicksal mit unerschütterlichem Gleichmut. Die beiden Scharfrichter hatten Quentin zu dem Baume geschleppt und legten ihm die Schlinge um den Hals. Mit verstörtem Blick sah er sich ringsum.»Gibt es denn keinen guten Christen hier, «sagte er,»der es dem Ludwig Lesley von der schottischen Leibwache, hier zu Lande Balafré genannt, hinterbringen möchte, daß man hier seinen Neffen schändlich umbringt?«
Diese Worte waren zur rechten Zeit gesprochen; denn ein Bogenschütze von der schottischen Garde, den die Zurüstungen zur Hinrichtung herbeigelockt hatten, stand mit ein paar anderen zufälligen Passanten da, um zu sehen, was hier geschähe. — »Nehmt Euch in acht!«sagte er;»ist der junge Mensch hier vielleicht ein Schotte von Geburt, so solltet Ihr nicht solchen schlechten Spaß mit ihm treiben!«—»Gott behüt uns, Herr Reiter!«versetzte Trois-Echelles;»aber wir müssen tun, was man uns befohlen hat!«—»Das kürzeste Spiel ist immer das beste!«sagte Petit-André und wollte Quentin aufheben. Der aber hatte die tröstlichen Worte kaum vernommen, als er seine ganze Kraft aufbot und die beiden Schergen des Gesetzes auf die Seite warf und mit gebundenen Händen dem schottischen Bogenschützen entgegenlief. — »Steh mir bei, Landsmann!«sagte er in seiner Muttersprache,»um Schottlands und des heiligen Andreas willen! Ich bin unschuldig — bin Dein Landsmann! Steh' mir bei, wenn Du es nicht dereinst am jüngsten Tag zu verantworten haben willst!«—»Beim heiligen Andreas!«rief der Bogenschütze;»sie sollen nicht an Dich kommen, so lang ich lebe!«Mit diesen Worten zog er sein Schwert. — »Mach mich von den Stricken frei!«sagte Quentin,»und ich will mir schon allein helfen.«
Das war schnell geschehen, und Quentin sprang auf einen von der Wache des Profoßen los und entriß ihm die Hellebarde…»Und nun, «rief er,»kommt heran, wenn Ihr es wagt!«—»Reite Du dem Generalprofoß nach!«sagte Trois-Echelles zu seinem Gefährten,»ich will sie einstweilen hier aufhalten. Soldaten von der Wache des Profoßen! Ergreift die Waffen!«
Petit-André bestieg sein Pferd und verließ den Schauplatz. Die übrigen Leute von dem Gefolge des Profoßen zogen sich auf Trois-Echelles Befehl eilig zusammen; bei der daraus entstandenen Verwirrung entschlüpften die beiden Gefangenen.
«Sagt mir doch, «wandte sich der Bogenschütze an den Scharfrichter,»was hat der junge Mensch denn eigentlich verbrochen?«—»Er hat sich unterfangen, den toten Körper eines Verbrechers abzunehmen, trotzdem der Baum, an dem ich ihn aufgehängt hatte, mit der Lilie bezeichnet war.«—»Junger Mann?«sagte der Bogenschütze,»wie kommt Ihr dazu, solche Ungebühr zu verüben?«—»So wahr ich Euren Schutz wünsche, «antwortete Durward,»will ich Euch die Wahrheit sagen, wie meinem Beichtiger. Ich sah einen Mensch an dem Baume zappeln und schnitt ihn ab, aus bloßer Menschenliebe. Ich habt weder an die Lilie noch sonst eine Blume gedacht, oder gar, daß ich dadurch den König von Frankreich, oder unsern heiligen Vater, den Papst beleidigte.«
«Aber zum Henker, was ging Dich denn der tote Körper an? Wohin der Herr hier den aussetzt, dort wirst Du dergleichen immer wie Aepfel an den Bäumen hängen sehen, und Du hättest wahrscheinlich hier zu Lande viel zu tun, wenn Du hinter dem Henker eine Aehrenlese halten wolltest. — Ein Wort, Herr Gerichtsmann! Es ist ein Mißverständnis, wie Ihr seht. Ihr solltet Mitleid haben mit einem so jungen Reisenden. In unsrem Lande, zu Hause, ist er nicht gewohnt gewesen, dergleichen schnelle Prozeduren, wie die Euren und die Eures Meisters sind, zu sehen.«—»Weil sie dort etwa nicht nötig wären? Nein! Herr Bogenschütze!«sagte Petit-André, der in diesem Augenblicke zurückkehrte.»Nicht gewankt, Trois-Echelles! Da kommt der Generalprofoß. Wir werden's gleich sehen, wie er's anfangen wird, daß ihm das Werk aus der Hand genommen worden, eh' es noch vollendet war.«—»Da kommen ja auch noch zu gelegener Zeit ein paar von meinen Kameraden!«versetzte der Bogenschütze. Wirklich nahten, als der Profoß Tristan mit seiner Patrouille auf der einen Seite des Hügels, der der Schauplatz des Streits war, heraustritt, vier oder fünf Bogenschützen auf der andern mit Balafré an ihrer Spitze.