In dieser dringlichen Lage zeigte Lesley keineswegs Gleichgültigkeit gegen seinen Neffen; denn kaum hatte er bemerkt, daß derselbe in peinlicher Not war, als er rief:»Cunningham, ich danke Dir! Kameraden! Steht mir bei! Es ist ein junger schottischer Edelmann, mein Neffe — Lindesay! Guthrie! Tyrie! Zieht und haut ein!«Nun war alle Aussicht zu einem verzweifelten Kampfe zwischen beiden Parteien da, die zwar an Zahl nicht gleich waren; allein die besseren Waffen der Schotten konnten ihnen doch vielleicht zum Siege verhelfen. Aber der Generalprofoß, entweder weil er den Ausgang des Gefechts fürchtete, oder weil er sorgte, es möchte dem König unangenehm sein, daß es zwischen seinem Profoßen und seiner Leibgarde zu Blutvergießen gekommen, gab seinem Gefolge ein Zeichen, keine Gewalt zu gebrauchen, stellte aber Balafré die Frage, was denn er, als ein Ritter von der königlichen Leibwache damit bezwecke, sich der Hinrichtung eines Verbrechers zu widersetzen? — »Ich leugne, daß dem so ist!«versetzte Balafré.»Beim heiligen Martin! es ist doch ein Unterschied zwischen der Hinrichtung eines Verbrechers und der Ermordung meines eigenen Neffen!«—»Euer Neffe kann ebensogut ein Verbrecher sein, wie jeder andere!«sagte der Generalprofoß;»und jeder Fremde ist den Gesetzen Frankreichs unterworfen.«—»Ja, aber wir haben Privilegien, wir schottischen Bogenschützen, «sagte Balafré;»ist dem nicht so, Kameraden?«—»Allerdings, allerdings!«riefen alle zugleich.»Privilegien — Privilegien! Lang lebe der König Ludwig! Und Tod allen, die uns unsere Vorrechte schmälern wollen!«—»Aber seid doch nur vernünftig, Ihr Herren!«sagte der Generalprofoß;»und bedenkt meinen Auftrag!«—»Von Euch nehmen wir keine Vernunft an!«entgegnete Cunningham,»unsere eigenen Offiziere sollen uns Vernunft lehren. Wir wollen gerichtet sein von des Königs Gnaden, oder durch unsern eigenen Kapitän, da jetzt der Großkonnetable nicht zugegen ist.«»Und von niemand gehängt werden, «sagte Lindesay,»als von Sandie Wilson, dem alten Profoß von unserm eigenen Korps.«—»Aber so hört doch nur!«sagte der Generalprofoß:»der junge Mensch tat ja Euch gar nichts an und kann keine Ansprüche machen auf das, was Ihr Eure Privilegien nennt.«—»Er ist mein Neffe, «sagte Balafré mit triumphierender Miene. — »Aber soviel ich weiß, kein Bogenschütze von der Leibwache, «versetzte Tristan l'Hermite.
Die Bogenschützen sahen zweifelhaft einander an…»Nur standhaft, Vetter, «flüsterte Cunningham Balafré zu,»sprich, er sei bei uns angeworben.«—»Beim heiligen Martin! Du hast recht, Vetter!«entgegnete Lesley, und mit lauter Stimme schwur er nun, daß er diesen Tag seinen Verwandten als Gefolgsmann angenommen habe.
Diese Erklärung war ein entscheidender Beweisgrund, und Profoß Tristan, der des Königs Besorgnis vor einem Zwiste unter seiner Leibwache kannte, brach mit seinen Leuten auf, indes die Bogenschützen zurückblieben und eilig beratschlagten, was nun zunächst zu tun sei.»Vor allen Dingen, «hieß es,»müssen wir die Sache unserm Kapitän Crawford berichten und dann den Namen des jungen Menschen in unsere Liste eintragen lassen.«
«Aber, werte Freunde und Retter, «sagte Quentin, wie wenn er nicht recht mit der Sprache herauswollte,»ich habe mich ja noch gar nicht entschieden, ob ich bei Euch überhaupt in Dienste treten will oder nicht.«—»Dann mußt Du darüber eins werden, ob Du's tun oder hängen willst, «versetzte sein Oheim;»denn sonst, lieber Neffe, bleibt Dir wohl kaum ein Ausweg aus dieser Klemme übrig.«
Das war ein unwiderleglicher Beweisgrund, der Quentin in die Notwendigkeit versetzte, sich in eine Verpflichtung zu fügen, in die er sonst nicht gern gewilligt hätte.
«Jetzt zum Schlosse!«sagte Balafré;»unterwegs soll uns mein Neffe erzählen, wie er sich den Generalprofoß auf den Hals gehetzt hat, damit wir wissen, wie wir unsern Bericht an Crawford einzurichten haben.«
Siebentes Kapitel
Als sie näher an das Schloß heran kamen, öffnete sich das kleine Pförtchen im Tore, und die Zugbrücke fiel. Einer nach dem andern ritt hinein; die Schildwachen aber kreuzten ihre Piken vor Quentin und befahlen ihm, Halt zu machen, während von den Wällen Bogen gegen ihn gespannt und Arkebusen auf ihn gerichtet wurden — trotzdem der Jüngling in Begleitung des nämlichen Korps einritt, das die Schildwachen, die auf dem Posten standen, gestellt hatte.
Balafré war seinem Neffen zur Seite geblieben und gab die nötigen Erklärungen; endlich wurde der Jüngling unter starker Bedeckung in Begleitung Balafrés und Cunninghams nach der Wohnung Crawfords gebracht.
Dieser schottische Edelmann war einer der letzten Ueberreste jenes tapfern Stammes schottischer Lords und Ritter, der Karl dem Sechsten so lang und treu in den blutigen Kriegen gedient hatte, durch welche die Unabhängigkeit der französischen Krone und die Vertreibung der Engländer entschieden worden war. Schon als Knabe hatte er unter Douglas und Buchanan gefochten, hatte unter der Fahne der Johanna d'Arc gestanden und war vielleicht einer der letzten der schottischen Ritterschaft gewesen, die so willig ihre Schwerter für die Lilie der Bourbonen gegen ihren alten englischen Erbfeind gezogen hatte.
Lord Crawford war schlank, schon bejahrt und ziemlich hager und dürr. Indes hatten seine Glieder, wenn auch nicht die Geschmeidigkeit, so doch die Kraft der Jugend behalten, und er konnte das Gewicht seiner Rüstung noch immer so gut tragen, wie der jüngste Mann in seinem Gefolge. Seine Züge waren etwas grob, sein Gesicht mit Narben bedeckt und von der Sonne stark gebräunt. Sein Blick, der dem Tod in dreißig großen Schlachten ins Angesicht geblickt hatte, drückte mehr gutmütige Verachtung der Gefahr als den wilden Söldnermut aus. Seine hochaufgerichtete Gestalt war eben in einen weiten Schlafrock gehüllt, den ein büffellederner Gürtel umschloß, an dem ein mit kostbarem Griffe versehener Dolch hing. Um den Hals trug er die Kette und das Zeichen des St. Michaels-Ordens. Er saß auf einer Art von Kanapee, das mit einer Wildhaut bedeckt war, und las, eine Brille auf der Nase — damals eine neue Erfindung — mit Anstrengung ein großes Manuskript,»le Rosier de la guerre «genannt — ein Gesetzbuch für militärische und bürgerliche Polizei, das Ludwig zum besten seines Sohnes, des Dauphins, hatte zusammentragen lassen und worüber er die Meinung des erfahrenen schottischen Kriegers zu hören wünschte.
Lord Crawford legte sein Buch etwas verdrießlich beiseite, als der unerwartete Besuch eintrat, und fragte in seinem breiten Dialekt:»Was ins Teufels Namen wollt Ihr denn?«
Balafré schilderte nun umständlich die Lage, in der sich sein Neffe befand, und bat demütig um Schutz für ihn. Crawford hörte aufmerksam zu und konnte nicht umhin, über die Einfalt zu lächeln, womit der Jüngling sich des Verbrechers angenommen hatte; allein er schüttelte den Kopf bei dem Berichte über den Streit zwischen den schottischen Bogenschützen und der Wache des Generalprofoßen.
«Wie oft, «sagte er,»werdet Ihr mir noch solche Knäuel zu entwirren bringen? Wie oft soll ich's Euch wiederholen, Ludwig Lesley und Archie Cunningham, daß sich die fremden Truppen bescheiden und anständig benehmen sollen gegen das Volk des Landes, sofern sie nicht alle Hunde der Stadt an ihren Fersen haben wollen? Immerhin ist mir's lieber, daß Ihr mit dem Profoß, als jemand anders in Streit geraten seid. Zudem war es natürlich von Euch, Eurem Verwandten beizuspringen, denn der einfältige Bursche konnte in arge Verlegenheit geraten. Langt mir die Musterrolle der Kompagnie von dem Gesims; wir wollen seinen Namen gleich auf die Liste setzen.«