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Meister Oliver beantwortete diese Bemerkung bloß dadurch, daß er auf den kühnen, prahlerischen Sprecher einen jener langsamen, zweifelhaften Blicke warf, die, begleitet von einer leichten Bewegung der Hand und einem leichten Herabsenken des Kopfes nach der einen Seite, entweder als eine stillschweigende Zustimmung zu dem Gesagten, oder als eine vorsichtige Ablehnung, den Gegenstand des Gespräches weiter zu verfolgen, gedeutet werden können. Einen kühneren, mehr forschenden Blick warf er auf den Jüngling, indem er mit einem zweideutigen Lächeln sagte:»So, junger Mann, ist es also Sitte in Schottland, Eure Fürsten in Umständen, wie die heutigen waren, aus Mangel an Beistand in Gefahr geraten zu lassen?«—»Es ist Sitte bei uns, «antwortete Quentin, entschlossen, kein weiteres Licht über den Gegenstand zu verbreiten,»sie bei ehrenvollem Zeitvertreib nicht mit unserer Hilfe zu belästigen, wenn sie sich selbst helfen können. Wir halten dafür, daß ein Fürst auf der Jagd so gut wie ein anderer sein Glück versuchen muß, und daß er sich dahin auch bloß in dieser Absicht begibt. Was wäre auch das edle Weidwerk ohne Beschwerde und Gefahr?«—»Da hört einmal den Teufelsjungen, «sagte sein Oheim,»so macht er es immer; auf alles hat er eine Antwort, einen Grund in Bereitschaft, woher er nur das alles haben mag, — ich habe meine Lebtage keinen Grund für etwas angeben können, außer fürs Essen, wenn mich hungerte, oder für die Musterung meiner Leute, und andere Dinge, die meines Dienstes sind.«—»Aber sagt mir einmal, werter Herr, «sprach der königliche Bartkünstler, indem er unter seinen Augenwimpern ihn anblinzelte,»was war denn wohl der Grund, Eure Soldaten zu mustern?«—»Weil's der Hauptmann befahl, «antwortete Balafré.»Beim heiligen Aegidius, ich kenne keinen andern Grund! Hätt er's dem Tyrie oder Cunningham befohlen, sie hätten das nämliche tun müssen.«—»Ein echt soldatischer Entscheidungsgrund!«sprach Oliver. — »Aber, Herr Balafré, Ihr werdet ohne Zweifel erfreut sein, zu vernehmen, daß Se. Majestät, weit entfernt, mit Eures Neffen Benehmen unzufrieden zu sein, ihn vielmehr auserlesen hat, diesen Nachmittag einen besonderen Dienst zu übernehmen.«—»Ihn auserlesen?«fragte Balafré mit großem Erstaunen; —»mich auserlesen, wolltet Ihr ohne Zweifel sagen.«—»Ich meine genau das, was ich sage, «versetzte der königliche Barbier mit mildem, aber entschiedenem Tone; —»der König will Euerm Neffen einen Auftrag zur Vollziehung anvertrauen.«

«Wie, warum, aus welchem Grunde?«fragte Balafré.»Warum wählt er den Jungen und nicht mich?«—»Ich muß auf Euren eigenen letzten Grund zurückkommen, Herr Balafré; so lautet Sr. Majestät Befehl. Aber, «fuhr er fort,»wenn ich eine Vermutung wagen darf, so wird Se. Majestät etwas zu tun haben, das besser für einen jungen Mann paßt, wie Euer Neffe ist, als für einen erfahrenen Krieger, wie Ihr, Herr Balafré! — Also, junger Mann, legt Eure Waffen an und folget mir. Nehmt Euer Feuergewehr mit, denn Ihr müßt Schildwache stehn.«—»Schildwache!«versetzte der Oheim. — »Seid Ihr auch sicher, daß Ihr recht gehört habt, Meister Oliver? Die innern Wachen sind immer bloß von solchen bezogen worden, die, gleich mir, ihre zwölf Jahre in unserm ehrenwerten Korps gedient haben.«—»Ich bin des Willens Sr. Majestät ganz gewiß, «sagte Oliver,»und darf nicht länger säumen, ihn zu vollstrecken. Habt die Güte und geht Euerm Neffen an die Hand, damit er bald zum Dienste bereit ist.«

Balafré, der von Natur weder böse noch mißgünstig war, schickte sich sogleich an, den Anzug seines Neffen in Ordnung zu bringen, und gab ihm Lehren, wie er sich unter den Waffen zu benehmen habe, konnte sich aber nicht enthalten, Ausrufungen des Erstaunens mit einfließen zu lassen, wie doch dem jungen Manne ein solches Glück so früh zuteil geworden sei…»Das fand noch nie statt bei der schottischen Garde, «sagte er,»auch nicht bei mir selbst! Aber ganz gewiß soll er Wache stehen bei den Papageien und indianischen Pfauen, die der venetianische Gesandte kürzlich dem Könige zum Geschenk gemacht hat. Anders kann es nicht sein, und solch ein Dienst schickt sich denn freilich einzig nur für einen bartlosen Jungen«(hier strich er sich seinen ungeheuern Knebelbart),»und ich bin im ganzen froh, daß das Los auf meinen guten Neffen gefallen ist.«

Lebendig, scharfsichtig und mit glühender Einbildungskraft begabt, sah Quentin in dieser so schnellen Entbietung zum Könige Dinge von höherer Wichtigkeit im Geiste voraus und sein Herz schlug hoch im Vorgenuß der Empfindung baldiger Auszeichnung. Er nahm sich vor, das Benehmen und die Sprache seines Führers genau zu studieren, denn er argwöhnte bereits, daß man sie wenigstens in gewissen Fällen im entgegengesetzten Sinne zu verstehen habe, gleichwie die Wahrsager die Deutung der Träume finden sollen. Er wünschte sich Glück, daß er über die Vorfälle der Jagd das strengste Stillschweigen beobachtet hatte, und faßte den für einen jungen Menschen sehr klugen Entschluß, so lange er die Luft dieses abgeschiedenen und geheimnisvollen Hofes atmete, seine Gedanken tief in sich verschlossen, und seine Zunge unter der strengsten Zucht zu halten… Sein Anzug war bald vollendet, und die Hakenbüchse auf der Schulter (denn obgleich die schottische Garde immer noch Bogenschützen genannt wurden, so hatten sie doch sehr früh ihren langen Bogen, in dessen Gebrauch sich ihre Nation nie besonders auszeichnete, mit dem Feuergewehr vertauscht,) folgte er Meister Oliver aus der Kaserne.

Lange sah ihm sein Oheim nach, mit einer Miene, in der sich halb Erstaunen, halb Neugier aussprachen; beschlichen auch weder Neid noch die bösartigen Gesinnungen, die er geweckt hatte, sein ehrliches Gemüt, so blieb doch ein gewisses Gefühl verwundeten und gedrückten Selbstgefühls zurück, das sich in Freude über den glücklichen Dienstanfang seines Neffen verwandelte. Er schüttelte bedenklich den Kopf, öffnete einen geheimen Schrank, nahm eine große Flasche starken alten Weins heraus, rüttelte sie, um zu untersuchen, wie weit der Inhalt schon geschmolzen wäre, füllte einen Becher und tat einen derben Trunk; hierauf nahm er halb sitzend, halb liegend in dem großen eichenen Armsessel Platz, und nachdem er wieder langsam den Kopf geschüttelt, empfand er von dieser Bewegung eine so wohltätige Wirkung, daß er sie, gleich dem Mandarin, womit die Kinder spielen, so lange fortsetzte, bis er in einen Schlummer sank, aus welchem ihn erst das Zeichen zum Mittagessen weckte.

Indes Ouentin Durward seinen Oheim diesen erhabenen Betrachtungen überließ, folgte er seinem Führer, Meister Oliver, der ihn, ohne einen der Haupthöfe zu berühren, teils durch geheime, der Luft ausgesetzte Gänge, hauptsächlich aber über ein Labyrinth von Treppen, Gängen und Galerien führte, die miteinander durch verborgene Türen in Verbindung standen, bis sie eine große, geräumige, vergitterte Galerie erreichten, die man vermöge ihrer Breite füglich hätte einen Saal nennen dürfen. Sie war mit mehr altväterischen denn schönen Tapeten und mit einigen wenigen jener steifen, kalten, geisterhaft aussehenden Gemälde behangen, die der ersten Morgenröte der Kunst angehörten, ehe die Sonne in ihrem Glanze über ihr aufging. Sie stellten die Paladine Karls des Großen vor, die in der romantischen Geschichte Frankreichs eine so ausgezeichnete Rolle spielen, und weil die riesenhafte Gestalt des berühmten Roland die hervorstechendste Figur bildete, so hatte das Gemach davon den Namen der Rolandshalle oder der Rolandsgalerie erhalten.

«Hier sollt Ihr Wache stehen, «flüsterte Oliver in einem so leise lispelnden Tone, als hätten die rohen Abbildungen der Monarchen und Krieger umher durch eine stärkere Erhebung der Stimme beleidigt werden können, oder als fürchtete er, das in den Kreuzgewölben und gotischen Steinmassen dieses großen und öden Gemaches lauernde Echo zu wecken. — »Was habe ich auf meinem Posten zu tun, und was ist das Losungswort?«fragte Quentin in demselben leisen Tone. — »Ist Euer Gewehr geladen?«versetzte Oliver, ohne auf seine Frage zu antworten. — »Das ist bald getan, «antwortete Ouentin, schickte sich an, sein Gewehr zu laden, und zündete eine Lunte (mit der es losgebrannt werden mußte) an der glühenden Asche eines Herdfeuers an, das in dem ungeheuren Kamin der Halle dem Verglimmen nahe war, einem Kamine, der an und für sich schon so geräumig war, daß man ihn für ein gotisches Kabinett oder eine zur Halle gehörige Kapelle hätte nehmen können.