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Ludwig, dessen tyrannisches Wesen weniger aus angeborener Wildheit oder Grausamkeit entsprang als aus kaltblütiger Politik und mißtrauischem Argwohn, hatte dennoch eine starke Zugabe kaustischer Strenge, die ihn auch zum Despoten im gewöhnlichen Umfang gemacht haben würde, und schien sich immer an der Verlegenheit anderer bei Gelegenheiten, wie die gegenwärtige war, zu weiden. Doch trieb er seinen Triumph nicht weiter, sondern begnügte sich, zu sagen:»Der Dienst, den Du uns diesen Morgen geleistet hast, hat bereits einige Nachlässigkeit bei einem jungen Soldaten vergütet. Hast Du zu Mittag gegessen?«Quentin, der eher geglaubt hätte, zum Generalprofoß gesandt, als auf solche Art angeredet zu werden, antwortete mit einem demütigen» Nein!«—»Armer Junge, «sprach Ludwig in einem sanfteren Tone, als er gewöhnlich pflegte,»der Hunger hat ihn lässig gemacht. — Ich weiß, Dein Appetit ist ein Wolf, «fuhr er fort;»und ich will Dich von einem wilden Tiere befreien, wie Du mir heute bei einem andern getan. Du hast Dich klug bei der Sache benommen, und ich weiß Dir Dank dafür. Kannst Du's noch eine Stunde ohne Nahrung aushalten?«—»Noch vierundzwanzig, Sire, «erwiderte Durward,»oder ich wäre kein echter Schotte.«—»Aber da wollte ich auch nicht um ein zweites Königreich die Pastete sein, die Dir nach solch einer Wache in die Hände fiele, «sagte der König;»allein es handelt sich jetzt nicht um Dein Mittagessen, sondern um das meinige. Ich habe heute insgeheim den Kardinal Balue und diesen Burgunder, diesen Grafen Crevecoeur, zu Tische; und wer kann wissen, was sich da zuträgt — der Teufel ist niemals geschäftiger, als wenn Feinde auf freundlichem Fuße zusammentreffen. «Er hielt inne, und schwieg mit einem tiefen, düstern Blicke. Als der König sich nicht beeilte fortzufahren, wagte es endlich Quentin, ihn zu fragen: Was nun in diesem Falle seine Obliegenheit wäre? — »Beim Schenktische mit geladenem Gewehr zu stehen, «sagte Ludwig,»und wenn es Verrat gibt, den Verräter sogleich niederzuschießen.«—»Verrat! Sire, und in diesem wohlbewachten Schlosse!«rief Durward aus. — »Du hältst das für unmöglich, «sagte der König, nicht beleidigt, wie es schien, durch diese Freimütigkeit.»Aber unsere Geschichte hat gelehrt, daß Verrat sich durch ein Bohrloch einschleicht. — Verrat durch Wachen ausgeschlossen! — o einfältiger Junge! — quis custodiat ipsos custodes? wer bürgt mir dafür, daß nicht eben diese Wächter an mir zu Verrätern werden?«—»Ihre schottische Ehre, «sagte Durward kecklich. –

«Wahr, sehr wahr — Du gefällst mir, «sagte der König freundlich;»die schottische Ehre hat sich zu jeder Zeit bewährt, und ich baue auf sie. Aber Verrat!«Hier verfiel er wieder in seine vorige düstere Stimmung und ging im Zimmer mit ungleichen Schritten auf und ab; —»er sitzt bei unsern Festen, perlt in unserem Becher, trägt den Bart unserer Räte, lacht in der Miene des Höflings, schallt in dem wilden Gelächter des Hofnarren — vor allem aber liegt er hinter der freundlichen Miene eines versöhnten Feindes verborgen. Ludwig von Orleans traute Johann von Burgund — er ward in der Straße Barbette ermordet. Johann von Burgund traute der Orleansschen Partei — und wurde auf der Brücke von Montereau ermordet. Ich traue niemandem — niemandem. Höre! ich werde ein scharfes Auge auf diesen übermütigen Grafen haben; ja — auch auf den geistlichen Herrn, dem ich ebenfalls nicht allzusehr traue. Wenn ich sage, Ecosse, enavant, so schießt Du den Grafen Crevecoeur nieder.«—»Es ist meine Pflicht, «sagte Ouentin,»wenn Ew. Majestät Leben in Gefahr ist.«

«Gewiß — nicht anders mein' ich's auch, «sagte der König.»Was hätt ich wohl davon, wenn ich diesen ungeschlachten Soldaten aus der Welt schaffte? — Ja, wäre es der Großkonnetable aus Saint-Paul!«Hier machte er wieder eine Pause, gleich als ob er glaubte, ein Wort zu viel gesagt zu haben, fuhr aber dann lächelnd fort —»unser Schwager von Schottland, Euer Jakob, Quentin — der erdolchte den Douglas bei einem gastfreundlichen Besuche auf seinem eigenen Schlosse Skirling.«

«Stirling, «entgegnete Quentin,»wenn Ew. Majestät zu Gnaden halten; es war eine Tat, von der wenig Gutes kam.«

«Stirling nennt Ihr das Schloß?«fügte der König, indem er die letzten Worte Quentins überhört zu haben schien. — »Gut, also Stirling — der Name tut nichts zur Sache. Ich aber will diesen Männern nichts zuleide tun. — Es würde mir zu nichts dienen. Sie sind freilich nicht gut gegen mich gesinnt. — Ich verlasse mich auf Deine Waffe.«

«Ich werde bereit sein auf das Losungszeichen, «sagte Quentin,»aber — «

«Du hast noch etwas auf dem Herzen, «fragte der König.»Sprich es aus — ich gebe Dir volle Erlaubnis. Leute, wie Du, geben oft Winke, die sich wohl der Rede verlohnen.«

«Ich wollte mir nur die Freiheit nehmen, zu bemerken, «versetzte Quentin,»daß, da Ew. Majestät Gründe hat, diesem Burgunder nicht zu trauen, ich mich wundere, wie Ihr ihn Euch so nahe kommen laßt, und noch dazu in so kleiner Gesellschaft.«

«Laßt das gut sein, Herr Knappe, «sagte der König.»Es gibt Gefahren, die, wenn man ihnen trotzt, verschwinden, wenn man aber Furcht vor ihnen zeigt, gewiß und unvermeidlich werden. Gehe ich dreist auf einen knurrenden Bullenbeißer zu und liebkose ihn, so wett ich zehn gegen eins, daß ich ihn in gute Laune bringe; zeige ich Furcht vor ihm, gleich ist er mir auf dem Leibe und reißt mich in Stücke. Ich will frei mit Dir sprechen. — Es liegt mir alles daran, daß dieser Mann nicht in gereizter Stimmung zu seinem hitzköpfigen Herrn zurückkehrt; und deswegen setze ich mich einiger Gefahr aus. Nie hab ich mich bedacht, für meines Reiches Wohl mein Leben aufs Spiel zu setzen. — Folge mir!«

Ludwig führte seinen jungen Trabanten, für den er eine besondere Vorliebe gefaßt zu haben schien, durch die Seitentür, durch die er selbst eingetreten war, und sagte, auf sie hindeutend:»Wer am Hofe fortkommen will, muß alle geheimen Pförtchen und verborgenen Treppen, ja alle Fußschlingen und Fallgruben des Palastes sowohl, als die Haupteingänge, Flügeltüren und Portale kennen.«

Nach vielen Wendungen und Gängen trat der König in ein kleines, gewölbtes Gemach ein, wo eine Tafel mit drei Gedecken zum Mittagessen in Bereitschaft stand. Der ganze Hausrat, sowie die ganze Einrichtung des Gemaches war äußerst einfach, ja beinahe dürftig. Auf einem beweglichen Schenktische mit einem Aufsatze zum Zusammenlegen standen einige wenige Gefäße aus Gold und Silber — die einzigen Stücke, in dem Zimmer, die einigermaßen wenigstens das Ansehen von etwas Königlichem hatten. Hinter diesem Schenktische nun, und ganz von ihm verdeckt, war der Posten, den Ludwig Quentin anwies; und nachdem er sich von verschiedenen Seiten her überzeugt hatte, daß er dort durchaus nicht gesehen werden konnte, gab er ihm noch schließlich seine Verhaltungsbefehle. — »Gedenke der Worte: Ecosse, en avant! Sobald ich diese Worte ausspreche, wirfst Du den Schirm um, kehrst Dich nicht an Becher oder Schalen, und zielst gut auf Crevecoeur. — Versagt Dir Dein Gewehr, so wirfst Du Dich auf ihn und bedienst Dich Deines Messers — Oliver und ich wollen dann schon mit dem Kardinal fertig werden.«

Als er so gesprochen, pfiff er laut, und Oliver, der sowohl erster Kammerdiener als Barbier war und alle persönlichen Dienstleistungen bei dem Könige versah, trat in Begleitung zweier alter Männer, der einzigen Diener oder Aufwärter bei der königlichen Tafel, in das Zimmer ein. Sobald der König seinen Platz eingenommen hatte, wurden die Gäste eingelassen; und Quentin, obgleich selbst ungesehen, konnte alle Einzelheiten dessen, was unter ihnen vorging, genau beobachten.