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Der König hieß seine Gäste mit einer Herzlichkeit willkommen, die Quentin sehr schwer vereinigen konnte mit den Befehlen, die er soeben noch bekommen hatte, sowie mit der Absicht, um deren willen er hinter dem Schenktische mit seiner tödlichen Waffe in Bereitschaft stand. Der König schien nicht allein ganz frei von aller Besorgnis zu sein, sondern man hätte auch glauben sollen, daß die Gäste, denen er die hohe Ehre erwies, sie an seine Tafel zu ziehen, gerade diejenigen wären, denen er aufs rücksichtsloseste vertrauen könnte, und die er am liebsten ehrte. Nichts konnte würdiger und zugleich verbindlicher sein, als sein Betragen gegen sie. Während alles um ihn her, selbst seine eigene Kleidung, weit unter dem stand, was der unbedeutendste Fürst seines Reichs bei Festlichkeiten zur Schau trug, waren seine Sprache und sein Benehmen die eines mächtigen Herrschers in seiner herablassendsten Stimmung. Quentin war versucht, zu glauben, daß entweder die ganze vorhergegangene Unterhaltung mit Ludwig ein Traum gewesen sei, oder daß das ehrerbietige Benehmen des Kardinals, sowie die freie, offene, ritterliche Haltung des burgundischen Edelmannes des Königs Verdacht gänzlich entfernt habe.

Während indessen die Gäste auf das Ersuchen des Königs an der Tafel Platz nahmen, warf Se. Majestät einen durchdringenden Blick auf beide und richtete ihn dann sogleich auf Quentins Posten. Alles dies war ein Werk eines Augenblicks; allein in diesem Blicke lag soviel Zweifel und Haß gegen seine Gäste, und ein so bestimmter Befehl an Quentin, auf alles wachsam und stets zur Vollstreckung seines Willens bereit zu sein, daß ihm kein Zweifel mehr übrig blieb, die Gesinnungen des Königs seien noch die nämlichen, und seine Besorgnisse ungemindert. Er war deshalb mehr denn je darüber erstaunt, wie dieser Fürst die Anregungen seines Argwohns und Mißvertrauens in einen so dichten Schleier verhüllen konnte.

Gleich als hätte er völlig vergessen, welche Sprache Crevecoeur gegen ihn angesichts Ludwigs und des ganzen Hofes geführt hatte, unterhielt sich der König mit ihm über die alten Zeiten und die Vorfälle, die sich während seiner Verbannung auf dem burgundischen Gebiete begeben hatten, und erkundigte sich nach allen Edelleuten, mit denen er damals Umgang gepflogen hatte, als ob jene Zeit die glücklichste seines Lebens gewesen wäre, und als ob er gegen alle, die dazu beigetragen, ihm das Harte seiner Verbannung zu mildern, die wohlwollendsten und dankbarsten Gefühle hegte.

«Den Gesandten einer andern Nation würde ich mit mehr Prunk empfangen haben; aber einem alten Freunde, der auf dem Schlosse Gemappes mein Tischgenosse war, wünschte ich mich zu zeigen, wie ich es am liebsten habe, als den alten Ludwig von Valois, schlicht und einfach. Indessen habe ich doch befohlen, ein besseres Mahl für Euch, Herr Graf, zu bereiten. Was den Wein betrifft, so wißt Ihr wohl, daß er der Gegenstand alter Eifersucht zwischen Frankreich und Burgund ist, aber wir wollen's heute ausgleichen! — ich trinke Euch in Burgunder zu, und Ihr, Herr Graf, tut mir in Champagner Bescheid. — Hier, Oliver, reicht mir einen Becher Auxerre! Herr Graf, ich trinke auf das Wohl des edlen Herzogs von Burgund, unsers freundlichen und geliebten Vetters. — Oliver, fülle jenen goldenen Becher mit Goldperle und reiche ihn kniend dem Grafen — er vertritt unsern lieben Bruder. — Herr Kardinal, Euch füllen wir den Becher selbst.«

«Ihr habt es ja schon getan, bis zum Ueberfließen, «sprach der Kardinal mit der demütigen Miene eines Günstlings gegen seinen nachsichtigen Gebieter.

«Wir wissen aber auch, daß Ew. Eminenz ihn mit fester Hand führen kann, «sagte Ludwig.»Auf welche Seite schlagt Ihr Euch denn in diesem edlen Streit — Sillery oder Auxerre, Frankreich oder Burgund?«

«Ich will da neutral bleiben, Sire, «sprach der Kardinal,»und meinen Becher mit Auvergner füllen.«

«Der Neutrale hat immer einen schweren Stand, «versetzte der König; allein als er bemerkte, daß der Kardinal sich etwas entfärbte, ging er von dem Gegenstande ab und fügte hinzu:»Ihr zieht vielleicht den Auvergner vor, weil er so edel ist, daß er kein Wasser verträgt. — Aber Ihr, Herr Graf, zögert, Euern Becher zu füllen. Ich hoffe, Ihr habt keine Nationalbitterkeit auf dem Boden gefunden?«

«Ich wünschte, Sire, «entgegnete Graf Crevecoeur,»es könnten alle Nationalstreitigkeiten so freundlich abgemacht werden, wie der Wettstreit zwischen unsern Weinbergen.«

«Mit der Zeit, Herr Graf — mit der Zeit — soviel Zeit, als Ihr Euch genommen habt, diesen Champagnertrunk zu tun. Jetzt aber, da dies geschehen ist, tut mir den Gefallen, den Becher zu Euch zu stecken und ihn als Zeichen unserer Wertschätzung anzunehmen. Nicht jedem würden wir ihn überlassen haben. Er gehörte vor Zeiten dem Schrecken Frankreichs, Heinrich V. von England, und ward erbeutet, als Rouen wieder genommen ward und die Insulaner durch die vereinten Waffen von Frankreich und Burgund aus der Normandie vertrieben wurden. Er kann in keine besseren Hände kommen, als in die eines edlen, tapferen Burgunders, der wohl weiß, daß von der Vereinigung dieser beiden Nationen die Fortdauer der Unabhängigkeit des Festlandes vom englischen Joche abhängt.«

Der Graf gab eine passende Antwort, und Ludwig überließ sich nun ganz seiner satirischen Lustigkeit, die manchmal die dunkleren Seiten seines Charakters erhellte. Er gab natürlicherweise in der Unterhaltung den Ton an; seine Bemerkungen waren immer fein und beißend, oft wirklich witzig, aber selten gutmütig, und die Schwänke, mit denen er sie erläuterte, zeugten oft mehr von guter Laune, als von Zartgefühl, aber mit keinem Worte, keiner Silbe, keinem Zuge verriet er den Gemütszustand eines Mannes, der, Meuchelmord befürchtend, einen bewaffneten Soldaten mit geladenem Gewehr im Zimmer versteckt hält, um die Tat entweder zu verhindern oder ihr zuvorzukommen. Graf Crevecoeur ging ganz unbefangen in des Königs muntre Laune ein, während der geschmeidige, glattzüngige Priester jeden Scherz belachte und jede schlüpfrige Anspielung aufgriff, um sie noch weiter auszumalen, ohne irgend eine Scham über Ausdrücke an den Tag zu legen, welche dem jungen, unerfahrenen Schotten sogar in seinem Schlupfwinkel die Schamröte ins Gesicht trieben. Nach ungefähr anderthalb Stunden ward die Tafel aufgehoben, und nachdem der König seine Gäste höflich verabschiedet hatte, gab er das Zeichen, daß er allein zu sein wünsche.

Sobald sich alle, auch Oliver, zurückgezogen hatten, rief er Quentin aus seinem Verstecke hervor, allein mit so schwacher Stimme, daß der Jüngling kaum glauben konnte, daß es die nämliche sei, die soeben noch den Scherzen solche Frische, den Erzählungen soviel Würze verliehen hatte. Als er näher trat, bemerkte er auch in seinem Gesichte die gleiche Veränderung. Das Feuer erkünstelter Lebhaftigkeit war in seinen Augen erloschen, das Lächeln von seinen Lippen verschwunden, und er verriet ganz die Ermattung eines berühmten Schauspielers, wenn er die erschöpfende Darstellung einer Lieblingsrolle vollendet hat.

«Deine Wache ist noch nicht vorüber, «sagte er zu Quentin,»nimm indessen einige Erfrischungen zu Dir — jener Wandtisch dort beut Dir die Mittel dazu. — Ich werde Dich dann weiter unterrichten, was Du zu tun hast. — Einem hungrigen Magen ist nicht gut predigen.«

Damit warf er sich in seinen Sessel zurück, bedeckte seine Augen mit der Hand und schwieg.

Elftes Kapitel

Mit einer Geduld, welche die meisten andern Fürsten unter ihrer Würde gehalten hätten, und nicht ohne im stillen sich daran zu weiden, erwartete Frankreichs Monarch, bis sein Leibgardist seine starke jugendliche Eßlust befriedigt hatte. Man darf jedoch voraussehen, daß Quentin Verstand und Einsicht genug besaß, die königliche Geduld auf keine zu lange und ermüdende Probe zu stellen; er wollte auch wirklich zu mehreren Malen seine Mahlzeit beschließen, ehe Ludwig es ihm gestattete.»Ich lese in Deinen Augen, «sagte er,»daß Dein Mut noch nicht zur Hälfte gebrochen ist. Vorwärts — bei Gott und dem heiligen Denis! — noch einmal angegriffen! Ich sage Dir, Essen und Messe«(hier bekreuzte er sich)»sind noch nie einem guten Christen bei seinem Berufe hinderlich gewesen. Vergiß auch das Trinken nicht, aber sei vorsichtig mit der Weinflasche — das ist ein Fehler Deiner Landsleute und der Engländer, die, diese Schwachheit abgerechnet, die besten Soldaten sind, die je eine Rüstung trugen. Und nun wasche Dich schnell — vergiß nicht Dein Benedicite, und folge mir.«