Quentin gehorchte und folgte dem Könige durch verschiedene labyrinthartige Gänge in die Rolandshalle.
«Merke Dir's, «sprach der König in einem gebieterischen Tone,»Du hast diesen Posten nicht zu verlassen! Laß dies Deine Antwort an Deinen Oheim und Deine Kameraden sein, — und um Dir dies recht ins Gedächtnis zu prägen, gebe ich Dir diese goldene Kette«(er warf ihm eine solche von bedeutendem Werte über den Arm).»Wenn ich mich auch selbst nicht schmücke, so haben doch die, denen ich vertraue, die Mittel, es mit den Besten aufzunehmen. Sollten aber dergleichen Ketten eine schwatzhafte Zunge zu fesseln imstande sein, so hat mein Gevatter Tristan ein Amulett für die Kehle, ein Heilmittel, das seine Wirkung nie verfehlt. Nun höre weiter! — Kein Mann, außer Oliver oder mir selbst, betritt diesen Abend dies Gemach; aber Damen werden entweder von dem einen oder dem andern Ende der Galerie, vielleicht von beiden, hierherkommen. Wenn sie Dich anreden, kannst Du antworten; da Du aber Dienst hast, so müssen Deine Antworten kurz sein; Du selbst darfst sie nichts fragen, noch Dich in ein längeres Gespräch mit ihnen einlassen. Aber horche auf das, was sie sagen. Deine Ohren, sowie Deine Arme gehören mir jetzt an, — ich habe Dich mit Leib und Seele erkauft. Hörst Du etwas von einem Gespräch, so mußt Du es im Gedächtnis behalten, bis es mir mitgeteilt worden, und dann vergessen. Doch jetzt fällt mir etwas Besseres ein! Es wird am klügsten sein, Du stehst für einen schottischen Rekruten, der gerade vom Gebirge kommt, und unsere allerchristliche Sprache noch nicht versteht. — Recht so! wenn sie Dich dann anreden, so antwortest Du nicht; das überhebt Dich so aller Verlegenheit und veranlaßt sie, ohne Rücksicht auf Deine Gegenwart, sich miteinander zu unterhalten. Du verstehst mich, leb wohl. Sei klug, und Du hast einen Freund.«
Der König hatte kaum ausgesprochen, als er hinter den Tapeten verschwunden war, Quentin seinen Gedanken über das Geschehene und Gehörte überlassend. Der Jüngling war in einer von jener Lagen, in welcher man lieber vorwärts als rückwärts schaut; denn der Gedanke, daß er gleich einem Schützen, der im Dickicht dem Hirsch auflauert, aufgestellt gewesen war, um im Notfall dem Grafen Crevecoeur das Leben zu nehmen, hatte eben nicht viel Ehrenvolles in seinen Augen. Des Königs Maßregel war allerdings nur zur Vorsicht und Verteidigung genommen, aber wer stand ihm dafür, daß er nicht im nächsten Augenblick Befehl erhielt, sich über einen seiner Mitmenschen herzumachen? Er kehrte jedoch seine Gedanken von diesem Gegenstande mit dem weisen Troste ab, zu dem so oft die Jugend bei drohenden Gefahren ihre Zuflucht nimmt, daß es noch Zeit sei, zu bedenken, was zu tun wäre, wenn der Fall wirklich einträte, und daß da jeder Tag seine eigne Plage habe.
Quentin überließ sich dieser beruhigenden Betrachtung um so lieber, als ihn die letzten Befehle des Königs an etwas Angenehmeres als seine eigene Lage denken ließ. Die Dame mit der Laute war sicherlich eine von denen, welchen seine Aufmerksamkeit gewidmet sein sollte; und er nahm sich im Geiste vor, dem einen Teile des königlichen Befehls aufs genaueste nachzukommen, auf jedes Wort nämlich, das über ihre Lippen käme, zu lauschen, damit er sich überzeugen könne, ob der Zauber ihrer Unterhaltung dem ihrer Musik gleich käme. Allein ebenso aufrichtig gelobte er sich auch, daß kein Teil ihrer Rede dem Monarchen hinterbracht werden sollte. Indessen war nicht mehr zu besorgen, daß er auf seinem Posten einschlummern würde. Jede Zugluft, die durch das offene Gitterfenster strich und die alte Tapete bewegte, klang ihm wie die Annäherung des schönen Gegenstandes seiner Erwartung. Kurz, er fühlte all die geheimnisvolle Unruhe, die sehnsuchtsvolle Ungeduld, die stets die Begleiterin der Liebe ist und zuweilen großen Anteil an ihrem Entstehen hat.
Endlich knarrte und pfiff eine Tür (denn damals drehten sich selbst in den Palästen die Türen nicht so geräuschlos, wie heutzutage), aber leider nicht von der Seite, von welcher die Laute gehört worden war. Sie öffnete sich und herein trat eine weibliche Gestalt, begleitet von zwei andern, welchen sie ein Zeichen gab, zurückzubleiben, während sie selbst weiter vor in die Halle trat. An dem wankenden, ungleichen Gang, durch den sie sich nicht zum besten ausnahm, als sie durch die lange Galerie hinschritt, erkannte Quentin sogleich die Prinzessin Johanna, und mit der ihrem Stande ziemenden Ehrfurcht stellte er sich in Positur und senkte, salutierend, sein Gewehr. Sie dankte für diese Höflichkeit durch ein huldvolles Kopfnicken, und er bekam Gelegenheit, ihr Gesicht genauer zu betrachten, als er es diesen Morgen vermocht hatte.
Es lag wenig in den Zügen dieser unglücklichen Prinzessin, das für die Mängel in Gestalt und Gang hätte entschädigen können. Ihr Gesicht war an und für sich nicht unangenehm, ermangelte aber eigentlicher Schönheit, und ein sanfter Ausdruck leidender Hingebung lag in den großen, blauen Augen, die sie gewöhnlich auf den Boden heftete. Allein außerdem hatte sie eine äußerst blasse Gesichtsfarbe, ihre Haut war von kränklichem Gelb; und obgleich ihre Zähne weiß und regelmäßig waren, so waren ihre Lippen schmal und blaß. Die Prinzessin hatte eine Fülle blonden Haars, aber von so lichter Farbe, daß es beinahe ins Bläuliche spielte; und ihre Kammerfrau, die die reichen Flechten wahrscheinlich als eine Schönheit betrachtete, hatte die Sache eben nicht dadurch besser gemacht, daß sie dieselben rund um ihr blasses Gesicht in Locken ordnete, so daß sie ihm einen beinahe geisterhaften Ausdruck gaben, Um das Ganze noch schlimmer zu machen, hatte sie ein blaßgrünes, seidenes Kleid gewählt, wodurch sie im ganzen ein unheimliches und gespensterhaftes Ansehen erhielt.
Während Quentin diese sonderbare Erscheinung mit Augen verfolgte, in denen eine Mischung von Neugier und Mitleid lag, denn jeder Blick und jede Bewegung der Prinzessin schien letztere Empfindung hervorzurufen, traten von dem obern Ende des Gemaches zwei Damen ein.
Die eine von diesen war die junge Dame, die ihn auf Ludwigs Geheiß mit Früchten bedient hatte, als Quentin sein merkwürdiges Frühstück im Gasthof» zur Lilie «einnahm. Angetan mit all der geheimnisvollen Würde, die der Nymphe vom Schleier und von der Laute gebührte, und überdies, wenigstens Quentins Ueberzeugung nach, nunmehrige hochgeborene Erbin einer reichen Grafschaft, machte sie durch ihre Schönheit einen zehnmal tieferen Eindruck auf ihn denn damals, als er in ihr noch die Tochter eines elenden Dorfwirts und die Aufwärterin eines reichen und launenvollen Bürgers erblickte. Er wunderte sich nun, durch welch einen Zauber ihm ihr wahrer Stand habe verborgen bleiben können. Ihr Anzug war beinahe so einfach, wie früher, und bestand in einem Kleide tiefer Trauer ohne allen weiteren Schmuck.