Выбрать главу

Als Kopfputz diente ihr bloß ein Kreppschleier, ganz nach hinten zurückgeschlagen, so daß man ihr Gesicht vollständig sehen konnte, und einzig die Kenntnis ihres eigentlichen Ranges war es, die Quentin in ihrer Gestalt neue Zierlichkeit, in ihrem Gange eine vorher unbeachtete Würde erblicken ließ, sowie er in der Regelmäßigkeit ihrer Züge, ihrer blendenden Gesichtsfarbe, in ihren bezaubernden Augen ein Bewußtsein eignen Adels fand, das ihre Schönheit noch zu erhöhen schien.

Und hätte Todesstrafe darauf gestanden, so hätte Durward dieser Schönheit und ihrer Begleiterin dieselbe Ehrenbezeugung erweisen müssen, die er der königlichen Prinzessin dargebracht hatte. Sie nahmen sie mit einer Miene an, als wären sie an die Unterwürfigkeit geringerer Leute gewöhnt, und erwiderten sie mit Artigkeit; allein er glaubte zu bemerken, — vielleicht nur mit den Augen verliebter Jugend — daß die Dame leicht errötete, die Augen zu Boden schlug und unmerklich verlegen ward, als sie seine kriegerische Begrüßung erwiderte. Dies konnte nur darin seinen Grund haben, daß sie sich des vermessenen Fremdlings in dem benachbarten Türmchen in dem Gasthofe» zur Lilie «erinnerte; aber drückte diese Verlegenheit nicht Mißfallen aus? Diese Frage vermochte er sich nicht zu beantworten.

Die Begleiterin der jungen Gräfin, ebenso einfach und gleich dieser in tiefe Trauer gekleidet, stand in dem Alter, in welchem die Frauen noch am meisten den Ruf einer Schönheit zu erhalten suchen, mit der es schon seit Jahren auf die Neige geht. Indessen waren immer noch Reste genug vorhanden, um zu zeigen, wie groß die Macht ihrer Reize einst gewesen sein mußte, und deutlich sah man aus der Art ihres Benehmens, daß sie, früherer Triumphe sich erinnernd, immer noch ihre Ansprüche auf künftige Eroberungen geltend zu machen suchte. Sie war schlank und anmutsvoll, obgleich etwas stolz in ihrem Benehmen, und erwiderte Quentins Gruß mit einem Lächeln gnädiger Herablassung, wobei sie im nächsten Momente ihrer Nachbarin etwas ins Ohr flüsterte. Darauf wandte diese sich gegen den Krieger, als ob es auf eine Weisung der älteren Dame geschähe, jedoch ihr antwortete, ohne ihre Augen aufzuschlagen. Quentin konnte nicht umhin, zu vermuten, daß diese der jungen Dame zugeflüsterte Bemerkung sich auf sein gutes Aeußere bezöge; und er war (ich weiß nicht, warum) entzückt bei dem Gedanken, daß die fragliche Partei nicht für nötig fand, ihn nochmals anzuschauen, um sich von der Wahrheit der gemachten Bemerkung zu überzeugen. Wahrscheinlich dachte er, daß sich zwischen ihnen bereits eine Art geheimnisvollen Wechselgefühls, das der unbedeutendsten Kleinigkeit Gewicht verlieh, auszubilden beginne.

Diese Bemerkung war indessen das Werk eines Augenblicks; denn seine Aufmerksamkeit wurde sogleich von dem Zusammentreffen der Prinzessin mit diesen fremden Damen in Anspruch genommen. Sie war bei ihrem Eintreten stehen geblieben, um sie zu empfangen, vielleicht weil sie wußte, daß ihre Haltung im Gehen ihr nicht vorteilhaft anstehe. Da sie etwas Verlegenheit zeigte in der Art, wie sie den Gruß der Damen empfing und erwiderte, so veranlaßte dies die ältere Fremde, die den Rang derjenigen, an die sie sich wandte, nicht kannte, sie so zu begrüßen, als ob sie durch diese Unterredung mehr Ehre erzeigte, als empfinge.

«Es freut mich, «sprach sie mit einem Lächeln, das zugleich Herablassung und Ermutigung ausdrücken sollte,»daß es uns endlich vergönnt ist, die Gesellschaft einer so achtbaren Person, wie Ihr zu sein scheint, genießen zu dürfen. Ich muß sagen, daß meine Nichte und ich eben nicht viel Ursache haben, dem Könige Ludwig für seine Gastfreundschaft vielen Dank zu wissen. Ei, Nichte, so zupft mich nur nicht am Aermel! — Ich bin gewiß, — ich lese in den Augen dieser Dame Mitgefühl für unsere Lage. Seitdem wir hierher gekommen, schöne Dame, wurden wir um weniges besser, denn als Gefangene behandelt, und nach tausend Aufforderungen, unsere Sache und unsere Personen unter den Schutz Frankreichs zu stellen, hat uns der allerchristliche König eine elende Dorfschenke zu unserem Aufenthalt, und nun einen Winkel seines verwitterten Palastes angewiesen, aus dem wir erst gegen Sonnenuntergang hervorkriechen dürfen, als ob wir Fledermäuse oder Eulen wären, deren Erscheinung beim Tageslicht für eine üble Vorbedeutung gehalten wird.«—»Es tut mir leid, «sprach die Prinzessin, verlegen ob der unangenehmen Lage, in welche die Unterhaltung sie versetzte,»daß wir bisher nicht imstande waren, Euch nach Würden aufzunehmen. — Eure Nichte ist, wie mir scheint, etwas mehr zufriedengestellt.«

«Mehr, — mehr, als ich auszudrücken vermag, «antwortete die junge Gräfin.»Ich suchte bloß Schutz und habe Einsamkeit und Zurückgezogenheit zumal gefunden. Die Abgeschiedenheit unseres früheren und die noch größere Einsamkeit des uns jetzt angewiesenen Aufenthalts erhöhen in meinen Augen noch die Gnade, die der König uns Unglücklichen angedeihen ließ.«

«Schweig, einfältiges Mühmchen, «entgegnete die ältere Dame,»und laß uns sprechen, wie wir's fühlen, da wir endlich mit einer Person unsers Geschlechts allein sind. — Ich sage allein, denn der schöne, junge Soldat ist ja eine bloße Bildsäule, da ihm der Gebrauch seiner Glieder, und wie man mir auch sagte, auch der seiner Zunge, wenigstens in einer gebildeten Sprache zu fehlen scheint. — Da uns also niemand, als diese Dame zu verstehen vermag, so gestehe ich offen, daß ich nichts so sehr bedaure, als hierher nach Frankreich gereist zu sein. Ich erwartete einen so glänzenden Empfang, Tourniere, Ringelrennen, Bankette und Festlichkeiten, und fand statt dessen lediglich Abgeschiedenheit und Verborgenheit; und die beste Gesellschaft, die der König bei uns einführte, war bis jetzt noch ein herumstreichender Zigeuner, durch den wir mit unseren Freunden in Flandern in Briefwechsel treten sollten. — Vielleicht, «fuhr die Dame fort,»ist es gar sein Plan, uns hier absterben zu lassen und beim Erlöschen des alten Hauses von Croye sich unserer Lande zu bemächtigen. Der Herzog von Burgund war nicht so grausam; er bot meiner Nichte einen Gemahl an, wenn's gleich ein schlechter war.«—»Ich dächte, «sprach die Prinzessin, die mit Mühe Gelegenheit fand, ein Wort dazwischen zu sprechen,»einem schlechten Ehegemahl müßte der Schleier immer vorzuziehen sein.«—»Man will wenigstens die Wahl haben, Madame, «versetzte die redselige Dame.»Der Himmel weiß es, ich spreche nur für meine Nichte; was mich betrifft, so habe ich es längst aufzugeben, mich mit dem Gedanken an die Möglichkeit der Veränderung meiner Lage zu befassen. Ich seh Euch lächeln, aber bei allem, was heilig ist, ich rede reine Wahrheit; — allein dies entschuldigt den König nicht, dessen Benehmen, wie sein Aufzug, mehr dem des alten Michaud, des Geldmaklers zu Gent, als dem Nachfolger Karls des Großen gleicht.«—»Still!«sprach die Prinzessin,»bedenkt, daß Ihr von meinem Vater sprecht!«—»Von Eurem Vater!«erwiderte die burgundische Dame erstaunt. — »Von meinem Vater, «wiederholte die Prinzessin mit Würde.»Ich bin Johanna von Frankreich. — Aber seid ohne Furcht, Madame, «fuhr sie in dem ihr eigenen milden Tone fort,»Ihr habt keine Beleidigung zur Absicht gehabt, und ich habe auch keine gefunden. Verfügt über meinen Einfluß, Euch und dieser liebenswürdigen jungen Dame Euer Exil erträglicher zu machen. Leider vermag ich nur wenig; allein, was ich vermag, steht Euch gerne zu Diensten.«

Tief und demütig war die Verbeugung, womit die Gräfin Hameline von Croye — so hieß die ältere Dame — das verbindliche Anerbieten der Prinzessin annahm. Sie hatte lange an Höfen gelebt, war der Sitten, die man sich dort aneignet, völlig mächtig und hielt die von den Hofleuten aller Zeiten befolgte Regel hoch, die, wenn sie auch die Fehler und Schwächen ihrer Gebieter, sowie etwa erlittene Beleidigungen und Hintansetzungen zum Gegenstand ihrer Privatunterhaltung machen, doch in Gegenwart des Fürsten oder seiner Familie niemals auch nur einen diesbezüglichen Wink fallen lassen würden.