Die Dame war deshalb über den Mißgriff, in Gegenwart der Tochter Ludwigs so unziemlich gesprochen zu haben, äußerst beschämt. Sie hätte es an Entschuldigungen und Abbitten sicher nicht fehlen lassen, hätte die Prinzessin ihr nicht Stillschweigen auferlegt und sie beruhigt, indem sie sie in dem freundlichsten Tone, der aber in dem Munde einer Tochter von Frankreich das volle Gewicht eines Befehls hatte, bat, nichts Weiteres mehr zur Entschuldigung oder Rechtfertigung vorzubringen.
Die Prinzessin Johanna nahm sich dann mit einer Würde, die ihr wohl anstand, einen Sessel und nötigte die beiden Damen, sich zu ihren Seiten zu setzen, was denn auch die jüngere mit ungekünstelter, achtungsvoller Schüchternheit, die ältere aber mit großem Aufgebot von tiefer Ehrfurcht und Demut tat. Sie sprachen zusammen, aber in so leisem Tone, daß die Schildwache nichts von ihrem Gespräche verstehen konnte.
Die Unterredung hatte noch keine Viertelstunde gedauert, als am andern Ende der Halle die Tür sich öffnete und ein Mann, in einen Reitermantel gehüllt, eintrat. Eingedenk der Befehle des Königs, und entschlossen, sich nicht zum zweiten Male lässig finden zu lassen, schritt Quentin sogleich auf den Eintretenden zu, stellte sich zwischen ihn und die Damen und forderte ihn auf, sich sogleich wieder zu entfernen.
«Auf wessen Befehl?«fragte der Fremde im Tone hochmütiger Verwunderung. — »Auf Befehl des Königs, «erwiderte Quentin mit Festigkeit,»ich stehe hier, ihn zu vollstrecken.«—»Nicht gegen Ludwig von Orleans, «sprach der Herzog, seinen Mantel abwerfend.
Der junge Mann zögerte einen Augenblick, aber wie sollte er den Befehl gegen den ersten Prinzen von Geblüt, der dem allgemeinen Gerüchte zufolge im Begriff stand, mit des Königs Familie selbst in Verwandtschaft zu treten, geltend machen?
«Ew. Hoheit Willen, «sprach er,»vermag ich nichts entgegen zu setzen. Ich hoffe, Ew. Hoheit wird es mir bezeugen, daß ich meine Schuldigkeit getan habe, soweit es Euer Wille mir erlaubt hat.«—»Laß es gut sein, junger Mann, es soll Dir nichts zur Last gelegt werden, «sagte Orleans und begrüßte, einen Schritt vortretend, die Prinzessin mit einem Ausdruck von Gezwungenheit, der jedesmal, so oft er sich an sie wandte, bei ihm bemerklich wurde. — »Er habe, «sagte er,»bei Dunois gespeist, und wie er da gehört, daß in der Rolandshalle Gesellschaft sei, habe er gewagt, die Zahl der Mitglieder durch seine Gegenwart um eins zu vermehren.«
Die Röte, welche die bleichen Wangen der unglücklichen Johanna überzog und ihren Zügen für den Augenblick einen gewissen Reiz verlieh, zeugte davon, daß dieser Zuwachs der Gesellschaft ihr keineswegs gleichgiltig war. Sie stellte den Prinzen sogleich den beiden Gräfinnen von Croye vor, die ihn mit der seinem hohen Range gebührenden Ehrerbietung empfingen, und ersuchte ihn, auf einen Sessel deutend, an ihrer Unterhaltung teilzunehmen.
Der Herzog lehnte das Anerbieten ab, in solcher Gesellschaft einen Sessel einzunehmen, zog dagegen ein Kissen von einem der Sessel, legte es zu den Füßen der schönen Gräfin von Croye und ließ sich auf dasselbe nieder.
Anfangs schien es, als ob dieses Benehmen die ihm bestimmte Braut mehr freute als kränke. Sie munterte den Herzog in seinen Artigkeiten gegen die schöne Fremde auf und schien sie als eine ihr selbst erwiesene Gefälligkeit anzusehen. Aber der Herzog, obgleich gewohnt, dem strengen Joche seines Oheims, des Königs, sich in dessen Gegenwart zu fügen, hatte doch fürstlichen Sinn genug, um seinen Neigungen zu folgen, wenn dieser Zwang nicht vorhanden war, und da sein hoher Rang ihm ein Recht gab, sich über die gewöhnlichen Förmlichkeiten hinwegzusetzen und sogleich in einen vertrauteren Ton überzugehen, wurde sein Lob der Schönheit der Gräfin Isabelle am Ende so feurig und floß mit so rücksichtsloser Freiheit von den Lippen, vielleicht unter besonderem Einflusse des Weins, den er bei Dunois, der eben kein Feind des Bacchusdienstes war, in zu reichlichem Maße zu sich genommen hatte, daß er zuletzt ganz in Leidenschaft geriet und die Anwesenheit der Prinzessin so gut wie ganz vergessen hatte. Der Ton der Schmeichelei, den er sich erlaubte, gefiel indes nur einer einzigen Person in dem Kreise; denn die Gräfin Hameline sah schon im Geiste eine glänzende Verbindung des ersten Prinzen von Geblüt mit ihrer Nichte voraus, deren Geburt, Schönheit und große Besitzungen solch einen ehrgeizigen Plan keineswegs unmöglich machten, wenn die Pläne Ludwigs XI. hätten außer Berechnung bleiben dürfen. Die jüngere Gräfin hörte des Herzogs Schmeicheleien mit Aengstlichkeit und Verlegenheit an und warf dann und wann einen bittenden Blick auf die Prinzessin, als wollte sie dieselbe ersuchen, ihr zu Hilfe zu kommen. Allein die Empfindsamkeit und Schüchternheit Johannas von Frankreich ließen es zu keinem Versuch kommen, der Unterhaltung eine allgemeinere Richtung zu geben.
Aber ich darf nicht vergessen, daß noch eine dritte Person, die unbeachtete Schildwache, zugegen war, die ihre schönen Träume wie Wachs an der Sonne schmelzen sah, als der Herzog in dem warmen Tone seiner leidenschaftlichen Aeußerungen ungestört fortfuhr. Endlich machte die Gräfin Isabelle von Croye einen entschlossenen Versuch, einem Gespräche, das ihr, und zwar besonders dadurch, daß das Benehmen des Herzogs die Prinzessin sichtbar kränkte, unerträglich wurde, ein Ende zu machen. Sie wandte sich an letztere und sagte bescheiden, aber mit einiger Festigkeit, daß die erste Gnade, welche sie von dem ihr versprochenen Schutz erbitten müßte, die sei, daß sie den Herzog von Orleans zu überzeugen suchen möchten, daß die Damen von Burgund, obgleich sie an Geist und gefälligen Sitten denen von Frankreich nachständen, doch nicht so ausgemachte Törinnen seien, um an keiner andern Unterhaltung, als an ausschweifenden Lobeserhebungen, Geschmack zu finden.
«Es tut mir leid, Madame, «versetzte der Herzog, einer Antwort der Prinzessin zuvorkommend,»daß Ihr in einer und derselben Rede der Schönheit der Damen von Burgund und der Aufrichtigkeit der Ritter Frankreichs spottet. Wenn wir zu leidenschaftlich und auf übertriebene Art unsre Bewunderung an den Tag legen, so kommt dies daher, daß wir lieben, wie wir fechten, ohne kalter Berechnung Raum zu geben, und uns ebenso schnell der Schönheit ergeben, als wir den Tapfern bekämpfen.«
«Die Schönheit unserer Landsmännin, «sagte die junge Gräfin mit einem schärferen Tone, als sie sich bisher gegen ihren erlauchten Verehrer erlaubt hatte,»ist nicht imstande, auf solche Triumphe Anspruch zu machen, so wenig, als die Tapferkeit der Burgunder sie einzuräumen fähig ist.«
«Ich ehre Eure Vaterlandsliebe, «entgegnete der Herzog,»und will den letzten Teil Eures Satzes solange nicht bestreiten, bis ein burgundischer Ritter die Lanze einlegt, um ihn gegen mich zu verfechten. Was aber die Ungerechtigkeit betrifft, die Ihr gegen die Reize, die Euer Vaterland spendet, begeht, so appelliere ich von Euch an Euch selbst. — Schaut her, «fuhr er fort, auf einen großen Spiegel deutend (ein Geschenk der Republik Venedig, und zur damaligen Zeit von der höchsten Seltenheit und Kostbarkeit),»und sagt mir, wo ist das Herz, das den Reizen widerstände, die sich hier im Abbilde zeigen?«
Die Prinzessin, unfähig, die Vernachlässigung ihres Geliebten länger zu ertragen, sank in ihren Sessel zurück mit einem Seufzer, der auf einmal den Herzog aus dem Lande der Schwärmerei zurückrief und die Gräfin Hameline veranlaßte, zu fragen, ob sich Ihre Hoheit nicht wohl befände.