Petit-André tat, wie ihm befohlen, und, indem er sich possierlich in dem Sattel herumdrehte, erwiderte er:»Das, lieber Herr! sind weder Eure noch meine Kameraden, weder Bogenschützen noch Leute von der Polizeiwache — denn mir deucht, sie tragen Helme mit niedergelassenen Visieren und Ringkrägen. Hol der Henker diese Ringkrägen und all das Rüstzeug! Ich habe schon oft eine ganze Stunde an den Dingern herumklauben müssen, ehe ich die Nieten losmachen konnte.«
«Edle Damen!«sprach Durward, ohne auf Petit-André zu hören,»reitet vorwärts, doch nicht so schnell, daß man meinen könnte, ihr fliehet, aber schnell genug, daß euch das Hindernis, welches ich den beiden uns verfolgenden Männern in den Weg legen werde, zustatten komme. «Die Gräfin Isabelle sah ihren Führer an und flüsterte dann ihrer Muhme etwas zu, worauf diese zu Quentin sagte:»Wir setzen volles Vertrauen in Euch, guter Bogenschütze, und wollen uns lieber jeder Gefahr in Eurer Gesellschaft aussetzen, als daß wir mit diesem Manne, dessen Miene nicht viel Gutes verspricht, unsern Weg fortsetzen.«
«Es geschehe, wie ihr wollt, meine Damen, «sagte der Jüngling,»es sind ihrer nur zwei, die hinter uns herkommen, und ob es gleich, nach ihren Waffen zu urteilen, Ritter sind, so sollen sie doch, wenn sie etwas Böses im Schilde führen, erfahren, wie ein Schotte zur Verteidigung solcher Damen, wie ihr seid, seine Schuldigkeit tun kann. — Wer von euch, «fuhr er, an die unter seinem Befehle stehende Sicherheitswache sich wendend, fort,»hat Lust, sich an mich anzuschließen und mit jenen Kämpen eine Lanze zu brechen?«
Zwei von ihnen schienen unschlüssig zu sein; aber der dritte, Bertrand Guyot, schwor, er wolle, cap de Diou, zur Ehre von Gaskogne sich mit ihnen messen, und wären es auch Ritter von König Arthurs Tafelrunde.
Indes er so sprach, erreichten die beiden Ritter, denn nichts Geringeres schienen sie zu sein, den Nachtrab des Zuges, wo Quentin sich mit seinem handfesten Genossen aufgestellt hatte. Sie waren in voller, glänzender Rüstung von poliertem Stahl ohne irgend ein Wappenzeichen, an dem man sie hätte erkennen können.
Als sie nahe genug waren, rief einer von ihnen Quentin zu:»Macht Platz, Herr Knappe, wir kommen, Euch von einem Posten abzulösen, der über Euern Rang und Stand geht. Ihr werdet wohl tun, die Damen unserem Schutze zu überlassen: wir sind geeigneter zu diesem Dienste, um so mehr, da wir wissen, daß sie unter Eurer Obhut nicht viel besser als Gefangene sind.«
«Als Antwort auf euer Ansinnen, ihr Herren, «versetzte Durward,»diene euch zuerst, daß dieser Auftrag mir von meinem Gebieter, dem König von Frankreich, gegeben ward, und dann, daß, wie unwürdig ich auch dessen sein mag, die Damen unter meinem Schutze zu bleiben wünschen.«
«Wie, Bursche, «rief einer der Kämpen,»Du heimatloser Bettler, willst Dich Männern, die mit dem Ritterschwert geschmückt sind, widersetzen?«
«Ja, das will ich, «versetzte Quentin,»ich will gegen euern ungesetzlichen Angriff mich zur Wehr setzen; und wenn zwischen uns, was ich jedoch noch nicht weiß, eine Ungleichheit des Ranges stattfindet, so hat sie eure Unhöflichkeit ausgeglichen. — Ziehet euer Schwert, oder nehmt, wollt ihr die Lanze lieber brauchen, euern Anlauf.«
Während die Ritter ihre Pferde umwandten und auf eine Entfernung von hundertfünfzig Ellen zurückritten, beugte sich Quentin, nach den Damen hinblickend, bis auf seinen Sattelknopf, als wünschte er einen beifälligen Blick; und als sie nun zum Zeichen der Aufmunterung ihre Tücher wehen ließen, hatten die zwei Angreifenden die für den Anlauf nötige Entfernung erreicht.
Durward rief dem Gaskogner zu, sich mannhaft zu halten, setzte dann sein Streitroß in Bewegung, und die vier Reiter trafen in vollem Laufe in der Mitte des Raumes aufeinander. Dem armen Gaskogner war dieser Angriff verderblich; denn da sein Gegner die Lanze gegen sein Gesicht gerichtet hatte, das durch kein Visier geschützt war, stach er ihm diese durch das Auge in das Gehirn, so daß er tot vom Pferde stürzte.
Quentin trug ebenfalls kein Visier zu seinem Schutze, wußte sich aber so geschickt in dem Sattel zu wenden, daß ihm die feindliche Lanze nur leicht die Wange ritzte und über seine rechte Schulter hinfuhr, während sein eigner Speer seinen Gegner gerade vor die Brust traf und auf den Grund setzte. Quentin sprang vom Pferde, um dem Gefallenen den Helm abzunehmen; allein der andere Ritter schwang sich, da er seines Gefährten Mißgeschick sah, noch schneller als Durward, vom Pferde, stellte sich vor seinen bewußtlos daliegenden Freund hin und rief:»Im Namen Gottes und des heiligen Martin, steig auf Dein Pferd, guter Freund, und mach Dich mit Deiner Weiberware aus dem Staube! — Ventre-Saint-Gris, sie haben diesen Morgen schon Unheil genug angerichtet!«
«Mit Euerm Verlaub, Herr Ritter, «sagte Quentin, dem der drohende Ton, mit dem diese Weisung gegeben wurde, nicht behagen wollte,»erst will ich sehen, mit wem ich es zu tun gehabt habe, und erfahren, wer mir für den Tod meines Kameraden verantwortlich ist.«
«Das sollst Du in Deinem Leben nie erfahren, «entgegnete der Ritter.»Zieh in Frieden Deines Weges, guter Freund. Wenn wir so töricht waren, Eure Reise zu unterbrechen, so sind wir hinlänglich dafür bestraft, denn Du hast mehr Unheil angerichtet, als Dein Leben und das Leben Deines ganzen Haufens je wieder gut machen können. Nun, wenn Du es denn so haben willst, «sprach er, als er Durward sein Schwert ziehen und auf ihn eindringen sah,»so nimm es denn hin!«
Mit diesen Worten gab er dem Schotten einen so gewaltigen Streich über den Helm, wie dieser bisher, obgleich in einem Lande aufgewachsen, wo tüchtige Streiche nichts Seltenes sind, bloß in Romanen gelesen hatte. Er fuhr wie ein Blitzstrahl herab, schlug das Schwert, welches der junge Soldat, sein Haupt zu decken, erhoben hatte, nieder und spaltete seinen tüchtigen Helm dergestalt, daß er den Kopf traf, ohne jedoch weitern Schaden zu tun. Durward aber sank schwindelnd und betäubt auf ein Knie und befand sich einen Augenblick in der Gewalt des Ritters. Geschah es indes aus Mitleid mit der Jugend Quentins oder aus Bewunderung seines Mutes, oder aus edelmütiger Liebe zu rechtlichem Kampfe — genug, der Ritter enthielt sich, einen solchen Vorteil zu benützen. Quentin aber sammelte sich wieder, sprang auf und griff seinen Gegner mit dem Ungestüm eines Mannes an, der entschlossen ist, zu siegen oder zu sterben, und zugleich mit all der Geistesgegenwart, die erforderlich ist, um den Kampf mit Benutzung aller Vorteile durchzufechten. Entschlossen, sich nicht zum zweitenmal einem zu furchtbaren Streiche auszusetzen, bediente er sich des Vorteils überwiegender Gewandtheit, die noch durch die verhältnismäßig größere Leichtigkeit seiner Rüstung gesteigert wurde, um seinen Gegner zu ermüden, indem er ihn von allen Seiten mit solcher Schnelligkeit angriff, daß es dem Ritter schwer ward, sich in seiner gewichtigen Rüstung ohne große Ermüdung und Anstrengung zu verteidigen.
Vergeblich rief ihm sein edelmütiger Gegner zu,»daß kein Grund zu weiterem Kampfe zwischen ihnen vorhanden sei, und es ihm leid wäre, ihm mehr zu tun. «Einzig nur den Eingebungen seines leidenschaftlichen Verlangens, die Schande seiner augenblicklichen Niederlage abzuwaschen, Gehör gebend, fuhr Durward fort, ihn mit Blitzesschnelle anzugreifen, indem er ihn bald mit der Schärfe, bald mit der Spitze des Schwertes bedrohte und zugleich die Bewegungen seines Gegners, von dessen überlegener Stärke er einen furchtbaren Beweis erhalten hatte, scharf bewachte, so daß er stets bereit war, den Streichen seiner gewaltigen Waffe bald seitwärts, bald rückwärts auszuweichen.