«Ei, so hole doch der Henker den hartnäckigen, anmaßenden Toren, «sprach der Ritter halblaut vor sich hin;»er kann nicht ruhen, bis er eins vor den Kopf bekommen hat. «Mit diesen Worten veränderte er seine Fechtart, sammelte sich wieder, als ob er sich nur verteidigungsweise halten wollte, und schien sich damit zu begnügen, die Streiche, mit denen ihm Quentin unaufhörlich zusetzte, zu parieren, ohne sie zu erwidern, jedoch in seinem Innern entschlossen, sobald Erschöpfung oder ein falscher unbedachter Schritt des jungen Soldaten ihm eine Blöße darböte, dem Kampfe mit einem einzigen Streich ein Ende zu machen. Wahrscheinlich wäre ihm auch diese Kriegslist gelungen; allein das Schicksal hatte es anders beschlossen.
Der Zweikampf war am hitzigsten, als ein zahlreicher Reitertrupp mit dem Rufe heransprengte:»In des Königs Namen, haltet ein!«Beide Kämpfer traten zurück, und Quentin sah zu seinem Erstaunen seinen Hauptmann, Lord Crawford, an der Spitze der Bewaffneten, die seinen Zweikampf mit dem Ritter unterbrochen hatten. Auch war Tristan l'Hermite nebst zwei oder drei seiner Leute dabei, so daß es in allem zusammen etwa zwanzig Pferde sein mochten.
Fünfzehntes Kapitel
Die Ankunft Lord Crawfords und seiner Wache machte dem eben beschriebenen Kampfe sogleich ein Ende. Der Ritter nahm seinen Helm ab und übergab dem alten Lord sein Schwert mit den Worten:»Crawford, ich ergebe mich. — Aber hier — ein Wort im Vertrauen — um Gotteswillen, rettet den Herzog von Orleans!«—»Wie? — was? Den Herzog von Orleans?«rief der schottische Befehlshaber aus, — »wie kam das, ins Teufels Namen? — Das muß den Anstifter dieser Tat für immer bei dem Könige in Ungnade bringen.«—»Fragt nicht weiter, «sprach Dunois, denn kein anderer, als dieser war es;»ich bin an allem schuld. — Aber seht, es ist noch Leben in ihm. Ich kam her, mir eines der Dämchen dort wegzufangen und so zu Weib und Land zu kommen — und seht, was draus entstanden ist. Laßt die Kerls zurücktreten — es soll ihn niemand erkennen. «Mit diesen Worten öffnete er dem Herzoge das Visier und spritzte ihm Wasser aus dem nahen See ins Gesicht.
Quentin Durward stand wie vom Donner gerührt; so schnell stürmten Abenteuer über Abenteuer auf ihn ein. Die bleichen Züge seines Gegners überzeugten ihn jetzt, daß er den ersten Prinzen von französischem Geblüt zu Boden gestreckt und sich mit seinem besten Kämpen, dem berühmten Dunois, gemessen hatte; — beides an und für sich höchst ehrenvolle Taten; allein ob er damit auch dem Könige einen Dienst geleistet hatte, war eine Frage.
Der Herzog war wieder zu sich gekommen und imstande, auf das, was zwischen Dunois und Crawford vorging, acht zu geben; der erstere behauptete nämlich sehr eifrig, es sei nicht nötig, in der ganzen Sache auch nur den Namen des edeln Herzogs zu erwähnen, indem er bereit sei, alle Schuld auf sich zu nehmen und zu erklären, daß der Herzog ihm aus bloßer Freundschaft hierher gefolgt sei. Mit gesenktem Blicke hörte ihm Crawford zu, seufzte von Zeit zu Zeit und zuckte die Achseln. Endlich erwiderte er, indem er aufblickte:»Du weißt, Dunois, daß ich sowohl um Deines Vaters als um Deiner selbst Willen Dir gern einen Dienst erweisen würde.«—»Ich verlange nichts für mich, «antwortete Dunois.»Du hast mein Schwert, und ich bin Dein Gefangener — was braucht es mehr? Es ist mir bloß um diesen edeln Prinzen zu tun, — Frankreichs einzige Hoffnung, wenn der Himmel den Dauphin zu sich nehmen sollte. Er kam nur mir zu Gefallen hierher — um — mein Glück zu machen — wozu mich gewissermaßen der König selbst aufgemuntert hatte.«—»Dunois, «erwiderte Crawford,»hätte mir sonst jemand gesagt, Du habest um eigenen Vorteils willen den edlen Prinzen in diese Gefahr gebracht, ich hätte ihn Lügen gestraft. Nun aber Du selbst es tust, kann ich kaum glauben, daß Du die Wahrheit sagst.«
«Edler Crawford, «fiel Orleans ein, der sich indessen von seiner Ohnmacht wieder gänzlich erholt hatte,»Euer Charakter gleicht dem Eures Freundes Dunois zu sehr, als daß Ihr ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen solltet. Ich war es, der ihn gegen seinen Willen in dieses unbesonnene, unsinnige Unternehmen mit fortriß. Seh mich an, wer da will, «setzte er hinzu, indem er sich zu den Soldaten wandte. — »Ich bin Ludwig von Frankreich und bereit, die Strafe für meine Torheit zu büßen. Hoffentlich wird der König, wie es recht und billig ist, seine Ungnade auf mich allein beschränken. — Indessen darf ein Sohn Frankreichs sein Schwert niemandem, auch Euch nicht, wackrer Crawford, übergeben — so fahre denn wohl, guter Stahl!«— Mit diesen Worten zog er sein Schwert aus der Scheide und schleuderte es in den See. Es zuckte durch die Luft wie ein Blitzstrahl, und fiel plätschernd in das Wasser, das sich schnell über ihm schloß. — Alle standen unentschlossen und erstaunt umher, so hoch war der Rang, so allgemein geachtet der Charakter des Schuldigen; jeder mußte es sich jedoch sagen, daß die Folgen dieses unbesonnenen Unternehmens in Betracht der Absichten, die der König mit ihm hatte, wahrscheinlich mit seinem gänzlichen Verderben enden würden.
Dunois nahm zuerst wieder das Wort, und in dem zürnenden Tone eines durch Mangel an Zutrauen gekränkten Freundes sprach er!» Ew. Hoheit findet also für gut, Euer bestes Schwert an demselben Morgen wegzuwerfen, an dem ihr kein Bedenken trugt, die Gnade des Königs zu verscherzen und Dunois' Freundschaft zu verschmähen?«—»Teuerster Vetter, «sprach der Herzog,»wie konnte ich Deine Freundschaft verschmähen wollen? Doch nicht dadurch, daß ich die Wahrheit sagte, wo ich sie Deiner Sicherheit und meiner Ehre schuldig war?«—»Was ging Euch denn meine Sicherheit an, fürstlicher Vetter, das möcht ich wissen?«sagte Dunois kurz; —»was in aller Welt kann es Euch verschlagen, wenn ich Lust habe, mich hängen oder erdrosseln, in die Loire werfen, oder erdolchen oder rädern, oder in einem eisernen Käfig einsperren, oder in einem unterirdischen Burgverließ lebendig begraben, oder sonst auf irgend eine Art aus der Welt schaffen zu lassen, wie es König Ludwig über seine getreuen Untertanen zu verhängen für gut finden mag? Ihr habt nicht nötig, mir zuzuwinken, die Stirne zu runzeln und auf Tristan l'Hermite zu deuten, ich sehe den Schuft so gut wie Ihr. — Aber so wär' es mir wohl nicht ergangen. — Soviel inbetreff meiner Sicherheit. Und was Eure Ehre anbelangt — bei dem Erröten der heiligen Magdalene! die wäre, dächt' ich, gerettet worden, wenn man das Unternehmen von diesem Morgen ganz unterlassen hätte, oder wenn Ihr dabei Euch nicht hättet blicken lassen. Da ist nun Eure Hoheit von einem wilden, schottischen Burschen aus dem Sattel gehoben wurden.«—»Still, still!«entgegnete Lord Crawford,»ich lese Eure Handschrift auf dieser gespaltenen Sturmhaube da. Man nehme sie dem Jungen ab, und gebe ihm meine Mütze, die ihm mit ihrem Stahlfutter den Kopf besser schützen wird als das zerbrochene Ding da. — Und nun, Dunois, muß ich Euch und den Herzog von Orleans ersuchen, aufzusitzen und mich zu begleiten, da ich Vollmacht und Auftrag habe, Euch an einen Ort zu führen, der, leider! sehr verschieden ist von dem, den ich Euch gern anweisen möchte.«—»Darf ich nicht noch ein Wort mit jenen schönen Damen dort sprechen, Lord Crawford?«fragte der Herzog von Orleans. — »Nicht eine Silbe, «antwortete Lord Crawford;»ich bin zu sehr Freund Ew. Hoheit, als daß ich eine solche Unbesonnenheit zulassen sollte. «Dann wandte er sich an Quentin und sagte:»Ihr, junger Mann, habt Eure Schuldigkeit getan. Fahrt fort, den Euch gewordnen Auftrag auszuführen.«—»Mit Erlaubnis, Mylord, «sprach Tristan mit seinem gewöhnlichen, rauhen Wesen,»der junge Mann muß sich einen andern Führer suchen. Ich kann Petit-André nicht entbehren, da sich leicht Geschäfte für ihn finden möchten.«—»Der junge Herr, «sprach Petit-André, der jetzt wieder zum Vorschein kam,»braucht nur den Weg, der gerade vor ihm liegt, zu verfolgen, und er wird an den Ort gelangen, wo er den Mann finden wird, der ihm zum Wegweiser bestimmt ist. Nicht um tausend Dukaten wollte ich mich heute von der Seite meines Vorgesetzten entfernen. Ich habe schon manche Ritter und Knappen, reiche Schöppen und Bürgermeister gehenkt — sogar Grafen und Marquis schon zu bedienen gehabt — aber, hm, hm,«— hier sah er den Herzog an, als wollte er sagen,»es fehlt nur noch ein Prinz von Geblüt! — Ho, ho, ho! Petit-André, man wird von Dir noch in der Chronik lesen.«—»Erlaubt Ihr Euern Schuften, in solcher Gegenwart eine solche Sprache zu führen?«sagte Crawford, indem er einen ernsten Blick auf Tristan warf. — »Warum weist Ihr ihn nicht selbst zurecht, Mylord?«entgegnete Tristan tückisch. — »Weil Deine Hand die einzige in der ganzen Gesellschaft ist, die ihn züchtigen kann, ohne durch eine solche Handlung entehrt zu werden, «versetzte Crawford. — »So haltet denn Eure eignen Leute in Ordnung, Mylord, und ich will für die meinigen verantwortlich sein, «sprach der Generalprofoß.