«Das ist ein Stelldichein, «dachte Quentin;»aber wie soll ich nahe genug herankommen, um zu hören, was vorgeht? Aber beschleichen will ich sie, beim heiligen Andreas, als wenn sie Damhirsche wären — sie sollen erfahren, daß ich nicht umsonst die Weidmannskunst erlernt habe. Dort treffen sie zusammen — es sind ihrer zwei, ich sah es an den Schatten — zwei gegen einen — ich bin verloren, wenn ich entdeckt werde, falls ihre Absicht feindlicher Natur ist, was nicht zu bezweifeln steht. Dann aber verliert die Gräfin Isabelle ihren armen Freund! aber hab ich nicht mein Schwert gegen Dunois, den besten Ritter Frankreichs, versucht, und sollte mich vor solchem Landstreichergesindel fürchten? — Pah — Mit Gott und dem heiligen Andreas — sie sollen mich tapfer, aber auch vorsichtig finden.«
Mit diesem Entschlusse und einer Behutsamkeit, die ihn sein Jagdleben gelehrt hatte, stieg unser Freund in das Bett des Baches hinab, dessen Wasser ihm bald bloß den Fuß bedeckte, bald bis an seine Knie reichte. So schlich er den Bach unbemerkt hinab, da seine Gestalt durch das überhängende Gesträuch gedeckt war und seine Tritte wegen des rauschenden Wassers nicht gehört werden konnten. Auf diese Weise war der junge Schotte unbemerkt so nahe gekommen, daß er die Stimmen derer, die er belauschen wollte, deutlich vernehmen konnte, ohne indes ihre Worte verstehen zu können. Er schwang sich behutsam auf den Stamm einer Trauerweide und konnte von diesem Platze aus, ziemlich sicher vor einer Entdeckung, bemerken, daß die Person, mit der sich Hayraddin unterhielt, ein Mann von gleichem Stamme war, wie dieser, ward aber zu gleicher Zeit zu seinem Verdrusse gewahr, daß sie ihr Gespräch in einer ihm völlig unbekannten Sprache führten. Plötzlich ließ sich in der Ferne ein abermaliges Pfeifen vernehmen, das Hayraddin wiederum mit ein paar gedämpften Stößen in sein Horn beantwortete. Gleich darauf erschien ein großer, starker Mann von kriegerischem Wesen, dessen stämmige, muskulöse Gestalt gegen die kleinen, zartgebauten Zigeuner einen starken Kontrast bildete. An einem über seine Schulter hängenden Wehrgehänge trug er ein Schwert, das beinahe quer über seinen ganzen Körper reichte; seine Beinkleider hatten viele Schlitze, in denen Seidenzeug von verschiedenen Farben puffenartig angebracht war; sie waren an das knappe büffellederne Wams, auf dessen rechtem Aermel er einen silbernen Eberkopf, das Wappen seines Anführers, trug, mit mehr denn fünfhundert Bandschleifen gebunden. Ein kleiner Hut saß ihm schelmisch auf dem Kopfe, von dem eine Fülle krauser Haare an dem breiten Gesichte herabfloß, um sich mit einem ebenso breiten, etwa vier Zoll langen Barte zu vermischen. Er hielt eine Lanze in der Hand; und seine ganze Ausstaffierung kündigte einen jener deutschen Abenteurer an, die, unter dem Namen Lanzknechte bekannt, einen furchtbaren Teil des Fußvolks der damaligen Zeit bildeten. Diese Söldlinge waren ein übermütiges, raublustiges Soldatenkorps; und da unter ihnen die Sage ging, daß ein Lanzknecht wegen seiner Frevel und Verbrechen nicht in den Himmel, und wegen seines Hanges zu Händeln, Meuterei und Zügellosigkeit nicht in der Hölle zugelassen werde, so handelten sie auch ganz so, als ob sie weder jenen suchten, noch diesen fürchteten.
«Donner und Blitz!«war seine erste Begrüßung, in einer Art von deutsch-französischem Kauderwelsch, das sich nicht wohl nachahmen läßt,»warum habt Ihr mich diese drei Nächte vergebens warten lassen?«—»Ich konnte Euch nicht eher sehen, mein Herr, «antwortete Hayraddin sehr demütig;»da ist ein junger Schotte, der hat ein Auge auf mich, wie eine wilde Katze, und belauert meine kleinsten Bewegungen. Er hat bereits Verdacht, und sollte er diesen bestätigt finden, ich wäre auf der Stelle ein Mann des Todes, und er führte die Weiber wieder nach Frankreich zurück.«—»Was, Henker!«sagte der Lanzknecht,»wir sind unserer drei, — wir greifen sie morgen an und entführen die Weiber, ohne ihnen länger zu folgen. Ihr sagtet, die zwei Diener wären Memmen — die könnt Ihr und Euer Kamerad schon auf Euch nehmen, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht mit Eurer schottischen Wildkatze fertig werde.«—»Da werdet Ihr ein hartes Stück Arbeit finden, «versetzte Hayraddin;»denn abgesehen davon, daß wir uns eben nicht zum besten aufs Fechten verstehen, hat dieser Fant sich mit dem besten Ritter Frankreichs gemessen und ist mit Ehren davon gekommen — ich habe Leute gesehen, die Augenzeugen waren, wie er dem Dunois hitzig zu Leibe ging.«—»Hagel und Wetter! Eure Feigheit spricht aus Euch, «versetzte der andere;»aber fechten ist einmal nicht meine Sache. — Wenn Ihr Euch da einstellt, wo es verabredet ist, so ist es gut; wo nicht, geleite ich sie sicher in den Palast des Bischofs, und wenn Wilhelm von der Mark nur halb so stark ist, als er vor einer Woche noch zu sein behauptete, so mag er sich ihrer dort mit Leichtigkeit bemächtigen.«—»Potz tausend!«sagte der Soldat,»wir sind so stark und noch stärker; aber wir hören von hundert Lanzen aus Burgund — das macht — seht Ihr — fünf Mann auf die Lanze, fünfhundert Mann, und dann, hol mich der Teufel, tun sie besser daran, uns aufzusuchen, als wir sie; denn der Bischof hat selbst eine hübsche Mannschaft auf den Beinen — ja, wahrhaftig!«—»Es muß also beim Hinterhalte am Kreuze der drei Könige bleiben, oder Ihr müßt das Abenteuer ganz aufgeben, «sprach der Zigeuner. — »Aufgeben — das Abenteuer mit der reichen Braut für unseren edlen Hauptmann aufgeben — Teufel! ich wollte es eher mit der Hölle selbst aufnehmen! Meiner Seel! wir werden alle noch Prinzen und Herzöge, die man hier Ducs nennt! da gibt's genug Schnaps im Keller, und alte französische Kronentaler die schwere Menge und schmucke Dingerchen noch obendrein, wenn der mit dem Barte ihrer überdrüssig ist.«—»Es bleibt also beim Hinterhalt am Kreuze der drei Könige?«sagte der Zigeuner. — »Mein Gott, ja doch! Ihr schwört mir, sie dahin zu bringen; wenn sie dann auf den Knien vor dem Kreuze liegen, und von den Pferden runter sind, wie alle Leute tun, außer schwarzen Heiden, — dann über sie her, und sie sind unser.«—»Ja; aber ich versprach diesen Streich notwendiger Schurkerei bloß unter einer Bedingung, «sagte Hayraddin.»Dem jungen Manne darf kein Haar gekrümmt werden. Wenn Ihr mir dies bei Euern drei toten Männern zu Köln schwört, so schwör ich Euch bei den sieben nächtlichen Wanderern, daß ich Euch im übrigen treulich dienen will. Brecht Ihr diesen Eidschwur, so sollen die sieben nächtlichen Wanderer Euch sieben Nächte lang zwischen Nacht und Morgen aus dem Schlafe wecken, und in der achten erwürgen und verschlingen.«—»Aber Donner und Hagel, was liegt Dir denn soviel an dem Leben dieses Burschen, der doch weder Dein Verwandter noch von seinem Stamme ist?«fragte der Deutsche. — »Tut nichts, ehrlicher Heinrich; manche Leute finden Vergnügen daran, Hälse abzuschneiden und andern sie sitzen zu lassen. — So schwöre mir denn, ihm kein Leid zu tun, weder am Leben noch an Gliedern, oder — bei dem glänzenden Stern Aldeboran, es soll weiter nichts in dieser Sache geschehen. — Schwöre bei den drei Königen von Köln, wie Du sie nennst. — Ich weiß schon, aus einem andern Schwure machst Du Dir nichts.«—»Du bist ein komischer Kerl, «sagte der Lanzknecht,»so schwör ich denn.«—»So nicht, «fiel der Zigeuner ein —»den Kopf herum, braver Lanzknecht, und nach Osten geschaut! Sonst möchten Dich die Könige nicht hören.«
Der Soldat leistete den Eid auf die vorgeschriebene Weise und erklärte dann, daß er zur Hand sein wolle, wobei er bemerkte, der Ort sei gut gelegen, da er kaum fünf Meilen von ihrem jetzigen Lager entfernt sei.»Aber wäre es nicht sicherer, ein Fähnlein auf der andern Landstraße links vom Wirtshause aufzustellen, für den Fall, daß sie jenen Weg nehmen sollten?«