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Auf ein leises Klopfen am Tore wurde ihm durch einen Bruder, den der Prior ausdrücklich dahin gestellt hatte, das Tor geöffnet und zugleich gemeldet, daß sich die Brüder sämtlich bis zu Tagesanbruch im Chore befänden, um den Himmel anzuflehen, daß er der Brüderschaft die mancherlei Aergernisse vergeben möchte, die an diesem Abend in ihrer Mitte stattgefunden hätten. Der ehrwürdige Bruder erteilte Quentin die Erlaubnis, an ihrer Andacht teilzunehmen; aber seine Kleider waren so durchnäßt, daß er diese Einladung ablehnen und um die Erlaubnis bitten mußte, sich an das Küchenfeuer niederzusetzen. Es war ihm besonders daran gelegen, daß der Zigeuner, wenn sie wieder mit ihm zusammenträfen, keine Spuren von seiner nächtlichen Streiferei an ihm entdeckte. Der Klosterbruder gestattete ihm nicht nur sein Gesuch, sondern leistete ihm sogar Gesellschaft, was denn auch Quentin sehr erwünscht war, da er über die zwei Straßen, deren der Zigeuner in seinem Gespräch mit dem Lanzknechte erwähnt hatte, gern genauere Auskunft erhalten hätte. Der Mönch, dem oft Geschäfte außerhalb des Klosters aufgetragen wurden, konnte ihm die gewünschte Auskunft geben; doch machte er ihm bemerklich, daß die Damen, die Durward geleitete, als echte Pilgrime verpflichtet wären, ihren Weg nach dem rechten Ufer der Maas, bei dem Kreuze der drei Könige vorbei, zu nehmen, wo die gebenedeiten Reliquien Kaspars, Melchiors und Balthasars (wie die katholische Kirche die drei Weisen nennt, die mit ihren Gaben aus dem Morgenlande nach Bethlehem kamen) viele Wunder getan hätten.

Quentin erwiderte, die Damen wären entschlossen, alle diese heiligen Andachtsorte mit der größten Pünktlichkeit zu besuchen, und würden unfehlbar entweder auf ihrer Hinreise nach Köln oder, von da zurückkehrend, an dem Kreuze ihre Andacht verrichten, allein sie hätten in Erfahrung gebracht, daß die Straße auf dem rechten Ufer des Flusses gegenwärtig durch die Soldaten des wilden Wilhelm von der Mark unsicher gemacht würde.

«Möge der Himmel verhüten, «sprach Vater Franziskus,»daß der wilde Eber der Ardennen wieder so nahe bei uns sein Lager nimmt! — Indessen wird die breite Maas in diesem Falle zwischen ihm und uns eine gute Scheidewand bilden.«

«Aber zwischen meinen Damen und diesem Räuber bildet sie keine Scheidewand, wenn wir über den Fluß gehen und auf dem rechten Ufer desselben unsere Reise fortsetzen, «sagte der Schotte.

«Der Himmel wird die Seinen schützen, junger Mann, «versetzte der Bruder;»denn es ist kaum zu glauben, daß die Könige dort in der gebenedeiten Stadt Köln, die nicht einmal gestatten, daß ein Jude oder Ungläubiger die Ringmauern ihrer Stadt betritt, es zulassen sollten, daß ihre Verbrecher, die als treue Pilger zu ihrem Schreine kommen, von einem solchen ungläubigen Hunde, wie diesem Eber der Ardennen, geplündert und mißhandelt werden.«

So sehr auch Quentin, als guter Katholik, auf den besonderen Schutz Melchiors, Kaspars und Balthasars vertrauen mochte, so hielt er es doch für klüger, die Damen so schnell als möglich aus jeder Gefahr zu bringen. In der Einfalt seines Glaubens gelobte er selbst eine Pilgerschaft zu den drei Königen von Köln, wenn diese vernünftigen, königlichen und heiligen Personen seine Schützlinge das ersehnte Ziel sicher erreichen ließen. Um jedoch diese Verpflichtung mit aller Feierlichkeit zu übernehmen, ersuchte er den Klosterbruder, ihn in eine der verschiedenen Kapellen zu weisen, in welche man von dem Hauptgebäude der Klosterkirche trat, und wo er auf seinen Knien mit inbrünstiger Andacht das Gelübde bekräftigte, das er in seinem Innern getan hatte. Daß der Gegenstand der Andacht Quentins nicht der rechte war, war nicht seine Schuld; und da ihr Zweck rein und lauter gewesen, so läßt sich wohl annehmen, daß sie der Gottheit wohlgefällig war, der die aufrichtige Andacht eines Heiden lieber ist, als die scheinheilige Heuchelei des Pharisäers.

Nachdem Quentin sich und seine hülflosen Gefährtinnen dem Schutze der Heiligen und dem Beistande der Vorsehung anbefohlen hatte, begab er sich endlich zur Ruhe und verließ den Klosterbruder, sehr erbaut durch die Inbrunst und Aufrichtigkeit seiner Andacht.

Achtzehntes Kapitel

Schon bei Tagesanbruch hatte Quentin Durward seine kleine Zelle verlassen, die schläfrigen Reitknechte geweckt und Sorge getragen, daß alles zur bevorstehenden Reise sich imstande befände. Er untersuchte Gurte, Zäume, das ganze Pferdegeschirr, selbst die Hufeisen mit eigenen Augen, um soviel wie möglich allen den Unfällen vorzubeugen, die, so unbedeutend sie auch scheinen, nicht selten eine Reise unterbrechen oder unmöglich machen. Die Pferde wurden unter seiner Aufsicht gehörig gefüttert, um eine so lange Tagereise aushalten zu können oder im Falle der Not auch zu einer schnellen Flucht geeignet zu sein.

Quentin begab sich hierauf auf sein Zimmer, waffnete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt und gürtete sein Schwert um, in der Ahnung nahender Gefahr und mit dem festen Entschlusse, ihr bis aufs äußerste Trotz zu bieten. Diese hochherzigen Gefühle gaben seinem Gange etwas Stolzes und seinem Benehmen eine Würde, welche die Gräfinnen von Croye noch nicht an ihm bemerkt hatten. Er gab ihnen zu verstehen, es möchte nötig sein, daß sie sich diesen Morgen etwas früher als gewöhnlich zur Reise anschickten; sie verließen daher sogleich nach dem Morgenimbiß das Kloster, wofür, sowie für die übrigen Beweise von Gastfreiheit, die Damen ihre Erkenntlichkeit durch eine Gabe auf den Altar bezeigten, die mehr ihrem Range, als ihrem äußeren Ansehen entsprach. Doch erregte dies keinen Verdacht, da man sie für Engländerinnen hielt und jene Inselbewohner damals schon in dem Rufe großen Reichtums standen. Der Prior gab ihnen, als sie zu Pferde stiegen, den Segen und wünschte Quentin zur Entfernung seines heidnischen Führers Glück;»denn, «sagte der ehrwürdige Manne,»es ist besser, auf seinem Pfade zu straucheln, als sich an dem Arme eines Diebes oder Räubers aufrecht zu halten.«

Quentin war nicht ganz seiner Meinung, denn so gefährlich auch der Zigeuner war, so glaubte er doch seiner Dienste sich bedienen und zu gleicher Zeit seine verräterischen Absichten, da er nun deutlich ihre Zwecke kannte, vereiteln zu können. Allein seine Besorgnis in dieser Hinsicht war bald gehoben; denn der kleine Zug war noch keine hundert Schritte vom Kloster und dem Dorfe entfernt, als Maugrabin wieder auf seinem kleinen muntern und wilden Klepper sich ihm anschloß. Ihr Weg führte sie den nämlichen Bach entlang, wo Quentin die geheimnisvolle Beratung des vorigen Abends angehört hatte, und Hayraddin war noch nicht lange bei ihnen, so ritten sie unter derselben Weide hin, die Durward zum Versteck gedient hatte, als er unbemerkt belauschte, was zwischen dem treulosen Wegweiser und dem Lanzknechte verhandelt wurde. Die Erinnerungen, welche der Ort in sein Gedächtnis zurückrief, veranlaßten Quentin auf einmal, ein Gespräch mit seinem Führer zu beginnen, mit dem er bis dahin kein Wort gesprochen hatte.

«Wo hast Du ein Nachtlager gefunden, gottloser Bube?«fragte der Schotte.

«Eure Weisheit mag es erraten, wenn Ihr meine Schabracke anseht, «versetzte der Zigeuner, auf seine Kleidung deutend, die mit Heu bedeckt war.

«Ein guter Heuschober, «sagte Quentin,»ist ein passendes Bett für einen Sterndeuter, und besser noch, als ein heidnischer Verräter unserer heiligen Religion und ihrer Diener verdient.«