«Der Hund, «dachte der Schotte,»zeigt mir jetzt die Zähne nicht, weil er seine Rechnung mit mir mit einemmal abzumachen gedenkt, wenn er mich an der Gurgel gefaßt hat; aber wir wollen sehen, ob wir ihn nicht mit seinen eigenen Waffen schlagen. Hayraddin, «sagte er,»Du bist denn doch nun schon zehn Tage mit uns gereist und hast uns noch kein Pröbchen Deiner Geschicklichkeit im Wahrsagen gegeben. So gib mir denn jetzt einen Beweis Deiner Kunst. «Und Quentin zog den Handschuh aus und hielt seine Hand dem Zigeuner hin.
Sorgfältig betrachtete Hayraddin alle Linien, welche sich auf der flachen Hand des Schotten durchkreuzten, sowie auch die kleinen Erhöhungen und Vertiefungen an den Fingerwurzeln, von denen man damals glaubte, sie ständen in Verbindung mit der Stimmung, den Neigungen und dem Schicksale des Betreffenden.
«Das ist eine Hand, «sagte Hayraddin,»in der sich viel von überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren kundgibt. Auch lese ich eine frühere Bekanntschaft mit dem Schwerte, und doch zeigt sie auch an, daß Euch das Gebetbuch nicht fremd geblieben ist.«
«Dies betrifft mein früheres Leben, das kannst Du anderswo erfahren haben, «versetzte Quentin.»Von der Zukunft sollst Du mir etwas sagen.«
«Diese Linie von dem Venusberge, «fuhr der Zigeuner fort,»die nicht so plötzlich abbricht, sondern der Lebenslinie zur Seite hinläuft, verkündet großes Glück durch Heirat. Der Glückliche wird dadurch unter die Zahl der Reichen und Edeln erhoben.«
«Solche Versprechungen machst Du wohl allen, die Dich zu Rate ziehen, «sagte Quentin;»sie gehören mit zu Deiner Kunst.«
«Was ich Euch sage, ist ebenso gewiß, «sagte Hayraddin,»als daß Ihr in kurzem von großer Gefahr werdet bedroht werden, was ich aus dieser glänzenden, blutroten Linie folgere, welche die Lebenslinie durchschneidet und auf Schwertstreiche und andere Gewalttaten hindeutet, denen Ihr einzig und allein durch die Anhänglichkeit eines treuen Freundes entgehen werdet.«
«Durch Dich selbst wohl? Ha!«fragte Quentin, unwillig, daß der Wahrsager seine Leichtgläubigkeit so dreist mißbrauchen wollte.
«Meine Kunst, «versetzte der Zigeuner,»lehrt mich nichts von dem, was mich selbst betrifft,«
«So übertreffen denn darin die Seher bei mir zu Lande Eure gerühmte Weisheit, «sagte Quentin;»denn ihre Kunst läßt sie auch die Gefahren voraussehen, von denen sie selbst bedroht sind. Ich habe meine Berge nicht verlassen, ohne meinen Anteil an der Gabe des doppelten Gesichts mit mir zu nehmen, und ich will Dir für diese Deine Handwahrsagerei da ein Pröbchen davon geben. Hayraddin, die Gefahr, die mich bedroht, liegt auf dem rechten Ufer des Flusses. Ich will ihr dadurch aus dem Wege gehen, daß ich auf dem linken Ufer meinen Weg nach Lüttich nehme.«
Der Führer hörte ihm mit einer Gleichgültigkeit zu, die dem Schotten, da er die Umstände kannte, ganz unverständlich blieb.»Wenn Ihr Euer Vorhaben ausführt, «sagte der Zigeuner,»so geht die Gefahr von Euch auf mich über.«
«Sagtest Du nicht eben, Du könntest Dein eigenes Schicksal nicht vorhersagen?«entgegnete Quentin.
«Nicht in der Art, wie ich Euch das Eurige vorhergesagt habe, «antwortete Hayraddin;»allein man darf Ludwig von Valois nur wenig kennen, um vorauszusagen, daß er Euern Führer hängen lassen wird, weil es Euch gefiel, von dem Wege, den er empfohlen, abzugehen.«
«Wenn wir das Ziel unserer Reise glücklich erreichen, so wird er uns auch eine kleine, den Zweck der Reise fördernde und sichernde Abweichung von der vorgeschriebenen Reiseroute nicht verübeln.«
«Ja, «antwortete der Zigeuner,»wenn Ihr der Absicht des Königs gewiß seid, daß die Pilgerfahrt so enden sollte, wie er Euch glauben ließ.«
«Und wie konnte er etwas anderes dabei gewollt haben, als er in seinen Instruktionen aussprach?«fragte Quentin.
«Ganz einfach deswegen, «versetzte der Zigeuner,»weil denen, welche den allerchristlichsten König nur etwas kennen, bekannt sein muß, daß er das, was ihm am Herzen liegt, am wenigsten laut werden läßt. Laßt unsern gnädigen König zwölf Gesandtschaften schicken, und ich verschreibe meinen Hals dem Galgen ein Jahr früher, als er ihm anheimfällt, wenn nicht elfe derselben anders instruiert sind, als ihr Beglaubigungsschreiben ausweist.«
«Was gehen mich Eure schändlichen Vermutungen an?«erwiderte Quentin;»mein Auftrag lautet klar und einfach dahin, die Damen sicher nach Lüttich zu geleiten, und ich nahm mir heraus, zu glauben, daß ich mich dessen am besten entledige, wenn ich von der vorgeschriebenen Reiseroute abgehe und den Weg auf dem linken Ufer der Maas einschlage. Es ist auch die gerade Straße nach Lüttich. Wenn wir über den Fluß gehen, verlieren wir unnützerweise Zeit und ermüden uns ohne Zweck — und wozu das?«
«Einzig deswegen, weil Pilgrime, die nach Köln wallfahrten, — und dafür wollen sie doch gelten, «entgegnete Hayraddin,»gewöhnlich nicht so weit an der Maas hinabgehen; und weil man so den Weg, den die Damen nehmen, mit ihrer angeblichen Bestimmung im Widerspruch finden wird.«
«Werden wir darüber zur Rede gestellt, «sagte Quentin,»so sagen wir, daß uns beunruhigende Gerüchte von dem gottlosen Herzog von Geldern oder von Wilhelm von der Mark oder von den Ecorcheurs und Landsknechten auf dem rechten Ufer des Flusses vermocht hätten, uns lieber auf dem linken zu halten.«
«Wie Ihr wollt, guter Herr, «antwortete der Zigeuner. — »Ich für mein Teil führe Euch ebenso gern an der linken, als an der rechten Seite der Maas hinab — bei Eurem Herrn mögt Ihr Euch dann selbst entschuldigen.«
Quentin, obgleich hierüber sehr erstaunt, freute sich indessen sehr über Hayraddins bereitwilliges Einverständnis; denn er bedurfte seiner als Führer und hatte gefürchtet, daß die Vereitelung seines beabsichtigten Verrats ihn aufs äußerste treiben würde. Ihn aus ihrer Gesellschaft zu entfernen, wäre der geradeste Weg gewesen, Wilhelm von der Mark, mit dem er in Verbindung stand, auf ihre Spur zu bringen; dahingegen Quentin, wenn er bei ihnen blieb, es wohl so einrichten zu können glaubte, daß Hayraddin mit niemand Gemeinschaft pflegen konnte.
Man gab daher jeden Gedanken an ihre ursprüngliche Reiseroute auf, und der kleine Zug verfolgte jetzt den Weg auf dem linken Ufer der Maas so eilig und so glücklich, daß sie schon am nächsten Morgen frühzeitig das Ziel ihrer Reise erreichten.
Schluß des ersten Bandes
Den zweiten Band
Erstes Kapitel
Der Bischof von Lüttich befand sich seiner Gesundheit wegen, wie er sagte, oder, was wahrscheinlicher war, um einen Ueberfall von seiten der zahlreichen und aufrührerischen Volksmenge der Stadt zu vermeiden, auf seinem anmutigen Schlosse Schönwald, etwa eine Meile von Lüttich.
Gerade als sie sich dem Schlosse näherten, sahen sie den Prätaten in einer langen Prozession aus der nahen Stadt zurückkehren, wo er ein feierliches Hochamt gehalten hatte. Er befand sich an der Spitze eines glänzenden Zugs von Geistlichen, Beamten und Kriegern. Als aber unsere Reisenden näher kamen, fanden sie, daß rings um das Schloß her Sicherheitsmaßregeln getroffen waren, die dem Pompe und der Macht sehr widersprachen, von deren Entfaltung sie soeben Zeugen gewesen waren. Starke Wachen bischöflicher Soldaten waren rings um die Wohnung und in ihrer nächsten Umgebung aufgestellt, und das kriegerische Ansehen dieses geistlichen Hofes verkündigte, daß der ehrwürdige Prälat Gefahren fürchtete, die es notwendig machten, sich mit allen kriegerischen Verteidigungsmaßregeln zu umgeben. Die Gräfinnen von Croye wurden, nachdem sie von Quentin angemeldet worden, ehrerbietig in die große Halle geführt, wo der Bischof an der Spitze seines kleinen Hofes ihnen entgegentrat und sie aufs herzlichste empfing.