Gleich nach der Eröffnung langte der Zug vor der Tür von Pavillons Hause an, das zwar in einer der Hauptstraßen lag, von hinten aber durch einen Garten, sowie durch eine weitläufige Anlage von Lohgruben und andere Einrichtungen zur Zubereitung von Häuten (denn der patriotische Bürger war ein Gerber) mit der Maas zusammenhing. Es war natürlich, daß Pavillon dem vermeinten Abgesandten Ludwigs in seinem Hause einige Ehre erwies, und das Verweilen vor seinem Hause konnte vor der Menge nichts Auffallendes haben; sie brachte vielmehr Herrn Pavillon ein schallendes Lebehoch, als er seinen vornehmen Gast hineinnötigte. Quentin vertauschte sogleich seine auffallende Mütze mit der eines Gerbers und warf einen Mantel über seinen übrigen Anzug. Pavillon versah ihn dann mit einem Passe, mit dem er nach Gefallen bei Tag und Nacht zu den Stadttoren aus- und eingehen konnte, und übergab ihn der Fürsorge seiner Tochter, einer hübschen, lachenden Flamänderin; indes er selbst zu seinem Kollegen zurückeilte, um ihre Freunde auf dem Stadthause durch die besten Entschuldigungen, die sie für das Verschwinden des Gesandten Ludwigs aufbringen konnten, zu beschwichtigen.
Der ehrwürdige Bürger hatte sich nicht sobald entfernt, als sein rundes Trudchen unter manchem Erröten und mit manchem versteckten Lächeln, das zu den kirschroten Lippen, den freundlichen, blauen Augen und der reinen, durchsichtigen Haut recht gut stand, den schönen Fremdling durch die dunkeln Baumgänge in Herrn Pavillons Garten nach dem Wasser hinunterführte und ihn dort ein Boot besteigen ließ, das zwei handfeste Flamänder in ihren Pumphosen, ihren Pelzmützen und vielknöpfigen Wämsern so eilfertig in Bereitschaft gesetzt hatten, als es nur immer ihrer niederländischen Natur möglich war.
Da das hübsche Trudchen nichts als Flämisch sprach, wußte Quentin — unbeschadet seiner aufrichtigen Ergebenheit gegen die Gräfin von Croye — seinen Dank einzig nur durch einen Kuß auf die kirschroten Lippen auszudrücken, der mit der größten Artigkeit gegeben und mit der bescheidensten Dankbarkeit angenommen wurde; denn junge Herren mit einer Gestalt und einem Gesicht, wie unser schottischer Bogenschütze, kamen unter der Lütticher Bürgerschaft nicht alle Tage vor.
Indes das Boot auf den trägen Gewässern der Maas dahinruderte und bei den Festungswerken der Stadt vorüberfuhr, hatte Quentin Zeit, zu überlegen, welchen Bericht er bei seiner Rückkehr in den bischöflichen Palast zu Schönwald von seinem Abenteuer in Lüttich geben sollte; und da er ebensowenig jemand, der, wenngleich irrigerweise, ihm sein Vertrauen geschenkt hatte, verraten, noch auch dem gastfreien Bischof die aufrührerische Stimmung seiner Hauptstadt verbergen wollte, beschloß er, seinen Bericht so allgemein wie möglich zu halten, damit er den Bischof in den Stand setzen möchte, auf seiner Hut zu sein, ohne dadurch irgendjemand seiner Rache bloßzustellen. Er stieg eine Meile vom Schlosse ans Land und belohnte die Ruderer mit einem Gulden, und so kurz auch der Weg nach dem Schlosse war, den Quentin vor sich hatte, so hatte doch die Abendglocke bereits zum Essen geläutet; auch fand er überdies, daß er sich dem Schlosse von einer, dem Haupteingange gegenüberliegenden Seite genähert hatte, und daß, wenn er herumgehen wollte, seine Ankunft sich bedeutend verzögern müßte. Er richtete daher seinen Weg gerade nach der ihm zunächst gelegenen Seite, die, wie er vernahm, von einer befestigten Mauer, wahrscheinlich der des schon erwähnten kleinen Gartens, umgeben war. Sie war mit einem Pförtchen versehen, zu welchem er vermittelst eines daneben liegenden Schiffchens, wenn er jemand träfe, der ihn auf seinen Ruf über den Graben setzte, zu gelangen hoffte. Indem er sich näherte, trat jemand aus der Hintertür, sprang in das Boot, nahm seinen Weg zu einer entferntern Seite des Grabens und stieß mit einer langen Stange das Fahrzeug nach der Stelle zurück, wo er eingestiegen war. Als er näher kam, erkannte Quentin in ihm den Zigeuner, der, ihn vermeidend, was nicht schwer war, einen andern Weg nach Lüttich einschlug und ihm sogleich aus dem Gesichte war.
Dies war ein neuer Gegenstand des Nachdenkens für ihn. Hatte dieser heidnische Landstreicher die ganze Zeit bei den Gräfinnen von Croye zugebracht? und weswegen konnten sie ihm solange Gehör geschenkt haben? — Gequält von diesen Gedanken, entschloß sich Durward umsomehr, hierüber Aufklärung von ihnen zu verlangen, und nahm sich vor, ihnen mit einemmale die Verräterei Hayraddins aufzudecken.
Mit diesem Entschlusse trat Quentin zum Haupttor ein, wo er in der großen Halle den Hofhalt des Bischofs mit Einschluß seiner geistlichen Diener, der Hausbeamten und Fremden, die nicht zum hohen Adel gehörten, bereits an der Tafel fand. Am obern Ende des Tisches war jedoch neben dem Hauskaplane des Bischofs ein Platz freigelassen, der den Fremden mit dem alten Scherze:»Wer zu spät kommt, erhält die Knochen «bewillkommnete, zugleich aber Sorge trug, seinen Teller mit Leckerbissen zu beladen, die seinen gutmütigen Spaß würzen sollten.
Um sich von dem Verdachte schlechter Lebensart zu reinigen, beschrieb Quentin kurz den Auflauf, den seine schottische Mütze verursacht, und suchte seiner Erzählung dadurch eine scherzhafte Wendung zu geben, daß er sagte, mit Mühe habe er sich von dem Gewirr vermittelst eines wohlbeleibten Bürgers und dessen schöner Tochter losgemacht.
Allein die Gesellschaft nahm zu großen Anteil an der Erzählung, als daß der Scherz an seinem Orte gewesen wäre. Alle Bewegungen am Tische waren gehemmt, als Quentin zu erzählen begann, und als er geendet hatte, erfolgte eine feierliche Pause, die nur durch den Haushofmeister unterbrochen wurde:»Wollte Gott, wir hätten schon hundert Lanzen von Burgund!«
«Was sollte Euch denn gerade an ihnen soviel gelegen sein?«fragte Quentin, — »Ihr habt soviele Soldaten hier, denen das Kriegshandwerk Beruf ist, während Eure Gegner aus dem Pöbel einer meuterischen Stadt bestehen, der bei dem ersten Wehen des Banners von Bewaffneten die Flucht ergreifen wird.«
«Da kennt Ihr die Lütticher Bürger nicht, «versetzte der Kaplan,»von denen man wohl behaupten darf, daß sie die ungestümsten und unbändigsten Leute in ganz Europa sind. Möge nur Gott alles zum besten wenden! Allein ich fürchte, es wird einen blutigen Kampf setzen; ich wollte lieber, mein trefflicher, gütiger Herr hätte einen sicheren, wenn auch minder ehrenvollen Sitz; denn seine Bischofsmütze ist, statt mit Hermelin, mit Dornen gefüttert. Dies alles sage ich Euch, Herr Fremder, um Euch aufmerksam zu machen, daß Schönwald, wenn Eure Geschäfte Euch nicht drin festhalten, ein Ort ist, den jeder vernünftige Mann sobald als möglich verläßt. Ich glaube, Eure Damen sind derselben Meinung, denn sie haben einen der Reitknechte, die sie bisher begleiteten, mit Briefen an den Hof von Frankreich zurückgeschickt, ohne Zweifel, um melden zu lassen, daß sie die Absicht haben, einen sichreren Aufenthaltsort aufzusuchen.«
Zweites Kapitel
Nach aufgehobener Tafel führte der Kaplan den jungen Schotten, an dessen Gesellschaft er ein besonderes Interesse gefunden zu haben schien, in ein Nebengemach, dessen Fenster auf einer Seite in den Garten gingen. Als er sah, daß sein Begleiter verlangende Blicke dahin warf, schlug er ihm vor, hinunter zu gehen und die merkwürdigen Gewächse in Augenschein zu nehmen, mit denen der Bischof seine Blumenbeete bereichert hatte. Quentin entschuldigte sich, daß er wegen der ihm am Morgen widerfahrenen Unbill die Einladung ablehnen müßte. Der Kaplan lächelte und fügte:»es bestehe allerdings ein altes Verbot hinsichtlich des bischöflichen Gartens, allein, «setzte er lächelnd hinzu,»dies galt nur damals, als unser ehrwürdiger Vater ein fürstlicher, junger Prälat von nicht mehr denn dreißig Jahren war, und viele schöne Damen, um geistliche Tröstung zu suchen, auf das Schloß kamen; und da war es, «schloß er mit niedergeschlagenen Augen und einem halb einfältigen, halb klugen Lächeln,»allerdings notwendig, daß diese schönen Büßerinnen, die sich bei uns aufhielten, einen Raum hatten, wo sie Luft schnappen konnten, ohne von der Zudringlichkeit profaner Blicke belästigt zu werden; allein in spätern Jahren wurde dieses Verbot, wenngleich nicht förmlich zurückgenommen, doch ganz und gar nicht beachtet und spuckt nur noch in dem Gehirn des alten Zeremonienmeisters. Wenn es Euch gefällt, so gehen wir sogleich hinab und sehen, ob der Ort geheuer ist oder nicht.«