Er erwachte; allein obgleich das Traumgesicht verschwunden war und der Wirklichkeit Raum gegeben hatte, ertönte dennoch das Geräusch, welches wahrscheinlich den Traum veranlaßt hatte, noch immer an seinen Ohren fort. Quentins erste Bewegung war, sich im Bette aufzurichten und mit Verwunderung auf die Töne zu horchen, die einen furchtbaren Sturm verkündeten. Einen Augenblick darauf überzeugte er sich, daß der Aufruhr nicht von der Wut der Elemente, sondern der Menschen hervorgebracht wurde. Er sprang vom Bette auf und schaute zum Fenster seines Zimmers hinaus; allein es ging auf den Garten, und auf dieser Seite war alles ruhig. Da wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein Pochen an der Tür seines Zimmer gerichtet. Als er nicht sogleich antwortete, wurde die Tür, die nicht besonders stark war, gesprengt, und herein trat ein Mann, den er an seiner besonderen Sprache sogleich als den Zigeuner Hayraddin Maugrabin erkannte. Eine Pistole, die er in der Hand hielt und mit einer Lunte berührte, brachte sogleich eine düsterrote Flamme hervor, an der er eine Lampe, die er aus dem Busen zog, anzündete.
«Das Horoskop Eurer Schicksale, «sprach er zu Durward mit Nachdruck, ohne ihn weiter zu begrüßen,»hängt jetzt von der Entscheidung eines Augenblicks ab.«—»Schurke!«sprach Quentin hierauf,»hier ist Verrat; und wo Verrat ist, mußt Du immer die Hand im Spiele haben.«—»Ihr seid toll, «antwortete Maugrabin;»ich habe nie jemand verraten, wenn es mir keinen Nutzen brachte; und warum sollt' ich Euch verraten, da für mich bei Eurer Rettung mehr als bei Eurem Untergange zu gewinnen ist? Gebt nur für einen Augenblick, wenn es Euch möglich ist, der Vernunft Gehör, ehe sie durch den Todesklang des Verderbens in Euer Ohr gerufen wird. Die Lütticher sind im Aufstande und Wilhelm von der Mark führt sie an; gäbe es auch Mittel zum Widerstande, ihre Zahl und ihre Wut würden sie besiegen! Allein es sind keine vorhanden. Wollt Ihr die Gräfin und Eure eigene Hoffnung retten, so folgt mir im Namen derjenigen, die Euch den Tafeldiamant mit den drei Leoparden darauf sandte!«—»Zeigt mir den Weg, «sagte Quentin eilig —»auf diesen Namen hin trotze ich jeglicher Gefahr.«—»Wie ich Euch leiten werde, «sagte der Zigeuner,»ist keine Gefahr dabei, wenn anders Ihr Eure Hand von einem Kampfe, der Euch nichts angeht, zurückhalten könnt, denn was geht es Euch im Grunde an, ob der Bischof, wie sie ihn heißen, seine Herde, oder die Herde den Schäfer schlachtet! Ha! ha! ha! — Folgt mir, aber mit Vorsicht und Geduld; bändigt Euren Mut, und überlaßt Euch meiner Klugheit — meine Schuld der Dankbarkeit ist dann bezahlt, und Ihr habt eine Gräfin zur Gemahlin — folgt mir.«—»Ich folge, «versetzte Quentin, sein Schwert ziehend;»aber in dem Augenblick, wo ich das geringste Zeichen von Verrat entdecke, liegen Dein Haupt und Dein Rumpf drei Ellen voneinander.«
Ohne weiter ein Wort zu wechseln, eilte der Zigeuner, da er sah, daß Quentin nun ganz bewaffnet und gerüstet war, die Treppen vor ihm hinab und wandte sich schnell durch verschiedene Seitengänge, bis sie endlich den kleinen Garten erreichten. Kaum ein Licht war auf dieser Seite zu sehen, kaum hörte man im Hause ein Geräusch, aber Quentin war nicht sobald ins Freie getreten, als das Getöse an der entgegengesetzten Seite des Schlosses zehnmal furchtbarer sich vernehmen ließ und er deutlich die verschiedenen Losungsworte:»Lüttich! der Eber! der Eber!«von den Stürmenden rufen hörte, indes der schwächere Ruf:»Die heilige Jungfrau für den Fürstbischof!«mit matter und sinkender Stimme von seiten derer erklang, die, obwohl überfallen und im Nachteil, zur Verteidigung auf die Mauern geeilt waren.
Ungeachtet des kriegerischen Charakters, den Quentin Durward besaß, war ihm doch der Ausgang des Gefechts gleichgültig, wenn er an das Schicksal der Gräfin Isabelle von Croye dachte, das, wie er allen Grund zu fürchten hatte, schrecklich sein mußte, wenn sie nicht aus der Gewalt dieses ausschweifenden und grausamen Freibeuters, der eben, wie es schien, im Begriff war, die Schloßtore zu sprengen, befreit wurde. Er versöhnte sich mit dem Gedanken an die Hilfe des Zigeuners und folgte ihm durch den Garten hin, in der Absicht, sich solange von ihm leiten zu lassen, bis er Spuren von Verrat entdeckte; dann aber wollte er ihm das Herz durchbohren oder den Kopf vom Leibe hauen. Hayraddin schien selbst einzusehen, daß seine Sicherheit an einem Haare hänge; denn er vergaß, sobald sie ins Freie kamen, aller seiner gewohnten Scherze und Schwänke und schien ein Gelübde getan zu haben, sich mit Bescheidenheit, Mut und Tüchtigkeit zu benehmen.
An der zu den Gemächern der Damen führenden Tür erschienen auf ein leises Zeichen Hayraddins zwei Frauen, in schwarze seidene Schleier gehüllt, wie sie schon damals, wie noch heute, von den niederländischen Frauen getragen wurden. Quentin bot einer von ihnen den Arm an, und sie faßte ihn mit so zitternder Heftigkeit und hing sich so fest daran, daß, wäre ihr Gewicht größer gewesen, ihre Flucht dadurch sehr hätte gehindert werden müssen. Der Zigeuner, der die andere führte, nahm den Weg gerade auf die Hinterpforte der Gartenmauer zu, bei der dicht das kleine Boot lag, worin Quentin ihn schon einmal hatte vom Schlosse abfahren sehen. Während sie übersetzten, schien das Geschrei der Stürmenden und der Sieger anzudeuten, daß sie im Begriff waren, das Schloß zu erstürmen, und so widrig drang dieser Ton in Quentins Ohren, daß er sich nicht enthalten konnte, laut zu beteuern:»Wäre nicht mein Blut unwiderruflich der Erfüllung meiner gegenwärtigen Pflicht geweiht, ich wollte auf die Mauer zurückeilen, dem gastfreundlichen Bischof treulich Beistand leisten und einige dieser Schurken in die Hölle befördern, deren Mund so voll von Meuterei und Raublust ist.«
Die Dame, deren Arm in dem seinigen lag, schien ihm durch einen leisen Druck zu verstehen zu geben, daß sie nähere Ansprüche auf seine Ritterlichkeit habe als die Verteidigung von Schönwald; der Zigeuner aber rief laut genug, um verstanden zu werden:»Nun, das nenne ich doch einen echt christlichen Wahnsinn, zum Kampfe zurückkehren zu wollen, wenn Liebe und Glück uns zur Flucht auffordern. Fort! fort! so eilig, als Ihr könnt. — Es warten Pferde unserer dort in jenem Weidengebüsche.«—»Es sind aber nur zwei Pferde da, «sprach Quentin, der sie beim Mondlicht erblickte. — »Mehr konnte ich nicht auftreiben, ohne Verdacht zu erregen, und außerdem ist's auch genug, «versetzte der Zigeuner.»Ihr zwei müßt nach Tongres zu reiten, ehe der Weg unsicher wird. — Marthon bleibt bei den Weibern unserer Horde, deren alte Bekannte sie ist. Wisset, sie ist eine Tochter unseres Stammes und blieb nur unter Euch, um unsere Pläne, wenn es Gelegenheit gab, zu fördern.«—»Marthon!«rief die Gräfin mit einem Schrei aus, indem sie auf die Verschleierte hinblickte;»ist dies nicht meine Nichte?«—»Es ist nur Marthon, «versetzte der Zigeuner.»Verzeiht mir diesen kleinen Betrug; ich durfte dem Eber der Ardennen nicht beide Gräfinnen entreißen.«—»Schurke, «rief Quentin heftig —»aber ist es nicht — es soll nicht zu spät sein. Ich eile zurück, die Gräfin Hameline zu retten.«—»Hameline, «flüsterte die Dame im Tone der Bestürzung,»hängt an Deinem Arme, um Dir für ihre Rettung zu danken.«—»Ha! Was ist das?«rief Quentin, indem er sich von ihr losriß, und zwar mit weniger Artigkeit, als er sich sonst gegen eine Dame vom Stande erlaubt hätte, — so ist denn Gräfin Isabelle zurückgeblieben? — Lebt wohl — lebt wohl!«