Als er sich umwandte, um nach dem Schlosse zurückzueilen, hielt ihn Hayraddin zurück:»Aber so hört doch nur! — Ihr rennt da in Euern Tod. — Warum, beim Teufel, tragt Ihr denn die Farben der Alten? So will ich doch nie mehr blau und weißer Seide trauen! — Aber sie hat fast eine ebenso reiche Mitgift — hat Juwelen und Gold — und selbst Ansprüche auf die Grafschaft. «Während der Zigeuner also sprach und sich bemühte, Quentin zurückzuhalten, legte dieser endlich die Hand an seinen Dolch, um sich mit Gewalt von ihm loszumachen.»Nein, wenn es so gemeint ist, «versetzte Hayraddin, ihn loslassend,»so geht, und der Teufel, wenn es einen gibt, geleite Euch. «Der Schotte aber eilte, sobald er sich frei fühlte, mit Windesschnelle zum Schlosse zurück. Jetzt wandte sich Hayraddin zur Gräfin Hameline zurück, die vor Scham, Furcht und Aerger über ihre vereitelten Hoffnungen zu Boden gesunken war.
«Hier hat ein Mißverständnis obgewaltet, «sagte er;»auf, Gräfin, und kommt mit mir — ich will Euch, bevor der Morgen kommt, für einen weit galanteren Mann sorgen, als dieser unbärtige Laffe ist, und wenn Euch einer nicht genügt, so sollt Ihr deren zwanzig haben!«
Gräfin Hameline war ebenso heftig in ihren Leidenschaften, als eitel und schwach am Verstande. Wie manche andere, wußte sie sich bei den gewöhnlichen Vorfällen im Leben ganz gut zu helfen, aber in einem so bedenklichen Falle, wie der gegenwärtige war, war sie ganz unfähig, irgend etwas anderes zu tun, als Klagen auszustoßen, Hayraddin einen Dieb, einen elenden Sklaven, einen Betrüger und Mörder zu schelten.
«Nennt mich einen Zigeuner, «erwiderte er,»und Ihr habt alles auf einmal gesagt.«—»Ungeheuer! Du sagtest, die Sterne hätten unsere Verbindung beschlossen, und Du bewogst mich, ihm zu schreiben — O Törin, die ich war!«rief die unglückliche Gräfin aus. — »Ja, sie hatten auch Eure Verbindung beschlossen, «sagte Hayraddin,»wenn beide Teile zufrieden gewesen wären. Glaubt Ihr denn, die himmlischen Konstellationen könnten jemand zum Heiraten zwingen wider seinen Willen? — Mich haben Eure verwünschten christlichen Galanterien, Eure einfältigen Bänder und Gunstbezeugungen, zu dem Irrtum verführt. — Der junge Mann zieht nun aber Kalbfleisch dem Kuhfleisch vor, das ist alles. Nun kommt und folget mir, und wißt, daß ich weder das Weinen noch das Ohnmächtigwerden leiden kann.«—»Ich gehe nicht von der Stelle, «entgegnete hartnäckig die Gräfin. — »Beim glänzenden Firmament, Ihr sollt doch mit mir fort!«rief Hayraddin aus;»ich schwöre Euch bei allem, woran Toren je geglaubt haben, Ihr habt es mit einem zu tun, der sich wenig daraus machen würde, Euch bis aufs Hemd auszuziehen, an einen Baum zu binden, und so Eurem Schicksale zu überlassen!«—»Nein, «sagte Marthon, dazwischen tretend,»ich leide das nicht! ich lasse sie nicht mißhandeln! Ich trage ein Messer so gut wie Ihr und weiß es zu brauchen — sie ist ein gutes Weib, wenn gleich eine Törin. Und Ihr, Madame, steht auf und folgt uns jetzt — hier hat ein Irrtum stattgefunden, aber es heißt schon was, Leib und Leben gerettet zu haben. In jenem Schlosse dort wird es wohl manchen geben, der alle Schätze der Welt darum bieten würde, wenn er da stände, wo wir jetzt sind.«
Als Marthon so sprach, erschallte ein Geschrei, indem sich der Siegesruf mit dem Geheul des Schreckens und der Verzweiflung mischte, vom Schlosse Schönwald her zu ihren Ohren.
«Hört Ihr's, Dame?«sprach Hayraddin,»dankt es dem Himmel, daß Ihr nicht Euern Diskant in jenes Konzert dort mischen müßt. Glaubt mir, ich werde ehrlich für Euch sorgen, die Sterne halten gewiß Wort, und Ihr findet einen guten Ehemann.«
So wie das Tier des Waldes, erschöpft durch Schrecken und Anstrengung, sich seinem Dränger überliefert, so überließ sich Gräfin Hameline der Leitung ihrer Führer und ließ sich geduldig bringen, wohin sie wollten; ja so groß war ihre Betäubung, daß das saubere Paar, das sie halb trug, halb führte, seine Unterhaltung fortsetzte, ohne daß die Gräfin ein Wort davon verstand.
«Ich hab's immer gedacht, daß Dein Plan töricht war, «sagte Marthon.»Hättest Du die jungen Leute zusammenbringen können, ja, da hätten wir auf ihre Dankbarkeit rechnen dürfen; wie ließ sich aber denken, daß ein so hübscher, junger Mann die alte Törin da heiraten würde?«
«Rizpa, «versetzte Hayraddin,»Du hast den Namen einer Christin geführt und in den Zelten dieses betörten Volkes gewohnt, bis Du selbst ihre Torheiten angenommen hast. Wie konnte ich mir träumen lassen, daß er sich an einigen Jahren mehr oder weniger stoßen würde, da die Vorteile der Heirat so in die Augen sprangen? Du weißt ja, daß es uns nicht so leicht geworden wäre, jenes schüchterne Jüngferchen zu einem so dreisten Schritte zu vermögen, als diese mannssüchtige Gräfin da, die jetzt wie ein Wollsack an unsern Armen hängt. Auch war ich dem Jungen wirklich gut und wollte ihm eine Gefälligkeit erweisen; ihn mit dieser Alten da verheiraten, hieß ihm zu seinem Glücke verhelfen; eine Verbindung mit Isabellen hätte den von der Mark, den Burgunder, sowie Frankreich, die alle bei der Verfügung über ihre Hand ein Wort mitsprechen wollten, uns auf den Hals gehetzt, und da dieses einfältigen Weibes Reichtum hauptsächlich in Geld und Juwelen besteht, so hätten wir auch unsern Anteil daran bekommen, allein die Bogenschnur ist gerissen, und der Pfeil hat nicht getroffen. Fort mit ihr! wir bringen sie zu Wilhelm dem Bärtigen; hat er sich nur erst in Völlerei übernommen, so wird er die alte Gräfin von der jungen nicht mehr zu unterscheiden wissen. Fort also, Rizpa, — faß' Dir ein Herz, das glänzende Gestirn Aldeboran waltet noch immer über dem Geschick der Kinder der Wüste.«
Drittes Kapitel
Die überraschte und bestürzte Besatzung des Schlosses Schönwald hatte geraume Zeit den Platz gegen die Angriffe der Stürmenden verteidigt; allein die unermeßlichen Haufen, die aus der Stadt Lüttich, gleich Bienen, zum Sturme heranströmten, teilten ihre Aufmerksamkeit und schwächten ihren Mut. Auch herrschte unter den Verteidigern selbst, wenn nicht Verräterei, doch wenigstens Mißvergnügen; denn einige riefen, man solle sich ergeben, andere suchten, ihre Posten verlassend, aus dem Schlosse zu entkommen. Viele stürzten sich von den Mauern in den Graben, und diejenigen, welche nicht ertranken, warfen ihre Feldzeichen weg und retteten sich dadurch, daß sie sich unter die Angreifenden mengten. Einige wenige, die der Person des Bischofs persönlich ergeben waren, versammelten sich um ihren Gebieter und fuhren fort, in dem großen befestigten Turme, wohin er sich geflüchtet hatte, sich zu verteidigen; andere, ungewiß, ob man ihnen Pardon geben würde, oder angetrieben von dem Mute der Verzweiflung, hielten sich in einzelnen Bollwerken und Türmen des weitläufigen Gebäudes. Allein die Angreifenden hatten sich in den Besitz der Höfe und der untern Teile des Gebäudes gesetzt, verfolgten die Besiegten und suchten nach Beute, während ein einzelner, als ob er den Tod suche, vor dem alle flohen, sich einen Weg mitten durch das Getümmel und die Zerstörung zu bahnen versuchte, gequält von Besorgnissen, die vor seiner Einbildungskraft noch schrecklicher erschienen, als die Szene um ihn her seinen Sinnen sein mußte.
Da er sich Schönwald auf der nämlichen Seite näherte, auf der er es verlassen hatte, traf der Jüngling auf mehrere Flüchtlinge, die dem Walde zueilten und ihm als einem Feinde auswichen, da er aus einer, der ihrigen entgegengesetzten Richtung daherkam. Als er sich nun noch mehr näherte, sah er Leute von der Gartenmauer in den Schloßgraben springen, und erblickte andere, die von den Zinnen durch die Angreifenden hinabgestürzt wurden. Sein Mut wurde auch nicht einen Augenblick erschüttert. Es war jetzt keine Zeit, sich nach dem Boote umzusehen, und wenn es auch möglich gewesen wäre, sich seiner zu bedienen, so wäre es vergeblich gewesen, der Hintertür zu dem Garten sich zu nähern, da sie immer von Flüchtlingen angefüllt war, die, sowie sie von innen herausgedrängt wurden, in den Schloßgraben stürzten, über den sie nicht entkommen konnten… Da warf sich Quentin selbst in den Graben, in der Nähe des sogenannten kleinen Schloßtors, wo sich eine noch aufgezogene Zugbrücke befand. Nur mit Mühe vermochte er den nach ihm gerichteten Griffen der Sinkenden zu entgehen, und indem er nach der Zugbrücke schwamm, faßte er eine der herabhängenden Ketten, schwang sich mit der größten Anstrengung aus dem Wasser und erreichte so glücklich die Plattform, wo die Brücke befestigt war. Als er nun mit Händen und Knien sich bestrebte, festen Fuß zu gewinnen, kam ein Landsknecht mit blutigem Schwert in der Hand auf ihn zu und erhob seine Waffe zu einem Hiebe, der ihm wohl das Leben gekostet hätte.»Was soll das?«rief Quentin in einem gebieterischen Ton,»ist das die Art, einem Kameraden beizuspringen? — Reich mir die Hand.«