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Als Herr Pavillon von der eisernen Hülle befreit war, in die er mehr aus Rücksicht auf Lüttichs Wohl, als weil er sie zu tragen wußte, sich hatte stecken lassen, fühlte er große Erleichterung. Später ergab es sich, daß er von seiner Kompagnie, als sie zum Angriff eilte, unwillkürlich mit fortgerissen, über die Mauern gehoben, dann aber, ohne nur ein Wort hervorbringen zu können, bald dahin, bald dorthin verschlagen worden war, wie es die Ebbe und die Flut des Sturmes mit sich brachte. So war er am Ende wie ein Stück Treibholz, das die See im Sturme an die Küste spült, vor dem Eingang zu den Gemächern der Gräfinnen von Croye zu Boden gestürzt, wo die Last seiner eigenen Rüstung, sowie das Gewicht zweier am Eingange erschlagenen Männer, die auf ihn fielen, ihn wahrscheinlich ziemlich lange festgehalten hätten, wenn er nicht von Durward erlöst worden wäre. Dieselbe Leidenschaftlichkeit, die Herrn Pavillon zu einem hitzköpfigen, alles Maß verkennenden Eiferer in der Politik machte, hatte aber auch die sehr gute Folge, daß er im Privatleben ein gutmütiger, wohlwollender Mann war, der, wenn auch zuweilen ein wenig mißleitet durch Eitelkeit, doch immer es redlich und gut mit jedermann meinte. Er forderte Quentin auf, für die artige arme Jungfrau doch ja recht Sorge zu tragen, und nach dieser unnötigen Ermahnung begann er aus dem Fenster zu rufen:»Lüttich, Lüttich! die wackern Kürschner- und Gerbergesellen herbei!«Ein paar von seinen unmittelbaren Begleitern erschienen sogleich auf diesen Ruf, und auf den Innungspfiff — gleich den andern Innungen hatte auch die der Gerber ihr eigenes Signal, bildete sich alsbald unter dem Fenster vor dem Ausgangspförtchen eine Wache. Jetzt schien eine gewisse Ruhe auf dem Schlosse eingetreten zu sein. Aller Widerstand hatte aufgehört, und die Anführer der verschiedenen Abteilungen ergriffen Maßregeln, einer allgemeinen Plünderung vorzubeugen. Die große Glocke wurde geläutet, um einen Kriegsrat zusammen zu berufen, und da ihre eiserne Zunge der Stadt Lüttich die siegreiche Einnahme Schönwalds verkündete, wurde darauf mit allen Glocken der Stadt geantwortet, deren starke Stimmen aus der Ferne» Heil den Siegern!«zu rufen schienen.

Es wäre natürlich gewesen, wenn Mynheer Pavillon seine feste Stellung verlassen hätte; allein entweder aus achtsamer Sorge für die, die er unter seinen Schutz genommen hatte, oder vielleicht um seiner eigenen Sicherheit willen, begnügte er sich damit, Boten über Boten an seinen Leutnant Peterkin Geislaer abzusenden, er solle sich sogleich bei ihm einfinden.

Peterkin kam endlich zu seinem großen Troste, eine stämmige, plumpe Gestalt, mit breitem Gesichte und dicken, schwarzen Brauen, die auf einen hartnäckigen Sinn schließen ließen. Der ganze Mann war, sozusagen, ein Ratgeber aus dem ff. Er trug ein büffelledernes Wams, einen breiten Gürtel und ein kurzes Schwert an seiner Seite, auch eine Hellebarde in der Hand.

«Peterkin! lieber Leutnant!«rief sein Befehlshaber,»dies war ein ruhmvoller Tag — eine ruhmvolle Nacht, sollt' ich sagen — ich hoffe, Ihr seid doch diesmal zufrieden?«—»Es hat mir recht wohlgefallen, «erwiderte der mannhafte Leutnant,»obgleich ich nicht gedacht hätte, daß Ihr Euern Sieg, wenn Ihr ihn so nennen wollt, in dieser Dachstube da oben feiern würdet, während man Eurer im Kriegsrate bedarf!«—»Bedarf man meiner wirklich dort?«fragte der Syndikus. — »Ei freilich bedarf man Eurer; Ihr sollt die Rechte Lüttichs dort vertreten, die mehr als je in Gefahr sind, «antwortete der Leutnant. — »Ei was, Peterkin!«antwortete sein Vorgesetzter,»Du bist immer so ein Brummbär.«—»Brummbär! nein, das bin ich nicht, «entgegnete Peterkin;»was andern Leuten gefällt, gefällt auch mir. Ich möchte nur nicht gern, daß wir den Storch, statt des Klotzes, zum Könige bekämen, wie in der Fabel steht, die uns der Pfarrer von St. Lambert aus Meister Aesops Buche vorgelesen hat.«—»Ich kann nicht erraten, was Du da meinst, Peterkin, «sagte der Syndikus. — »Nun denn, so will ich's Euch sagen, Meister Pavillon. Dieser Eber oder Bär scheint Schönwald zu seiner Höhle machen zu wollen, und wird wahrscheinlich ein ebenso schlimmer, wo nicht noch schlimmerer Nachbar für uns werden, als der alte Bischof war. Da hat er nun die ganze Herrschaft an sich gerissen und ist nur noch im Zweifel, ob er sich Fürst oder Bischof taufen lassen will, — und es ist eine Schande anzusehen, wie sie den alten Mann mißhandelt haben.«—»Das leide ich nicht, Peterkin, «erwiderte Pavillon aufbrausend,»die Bischofsmütze war mir zuwider, aber nicht das Haupt, das sie trug. Wir sind zehn gegen einen im Felde, Peterkin, und wollen solche Dinge nicht geschehen lassen.«—»Ja, zehn gegen einen im Felde, aber Mann gegen Mann auf dem Schlosse; zudem haben sich Nickel Block, der Schlächter, und der ganze Pöbel der Vorstädte zu Wilhelm von der Mark geschlagen, teils um in Saus und Braus zu leben (denn er hat alle Biertonnen und Weinfässer anzapfen lassen), teils aus altem Neide gegen uns, die wir Handwerker sind und unsere Vorrechte haben.«—»Peterkin, «sagte Pavillon,»wir wollen auf der Stelle nach der Stadt aufbrechen; ich bleibe nicht länger in Schönwald.«—»Aber die Brücken sind aufgezogen, Meister, «entgegnete Geislaer,»die Tore sind verschlossen und von den Landsknechten bewacht; und wenn wir versuchen wollten, uns mit Gewalt den Weg zu bahnen, so möchten diese Kerle, deren tägliches Geschäft der Krieg ist, uns ordentlich zu Schanden hauen.«—»Aber warum hat er denn die Tore schließen lassen?«fragte der bestürzte Bürger;»wie kann er ehrliche Leute gefangen halten?«—»Das kann ich Euch nicht sagen, «versetzte Peterkin,»man sagt sich, die Gräfinnen von Croye seien während der Erstürmung des Schlosses entschlüpft; das brachte zuerst den Mann mit dem Barte außer sich vor Aerger, und jetzt ist er durch das Trinken vollends ganz vom Verstande gekommen.«

Der Bürgermeister warf einen trostlosen Blick auf Quentin und schien nicht recht zu wissen, wozu er sich entschließen sollte. Durward, dem nicht ein Wort von der Unterredung entgangen war, die ihn in nicht geringe Bestürzung setzte, sah nichtsdestoweniger wohl ein, daß ihre einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er selbst seine Geistesgegenwart nicht verlöre, und daß Pavillon bei gutem Mut erhalten werde. Er mischte sich daher kühn in die Unterhaltung, als hätte er ein Recht, bei der Beratung mitzustimmen —»Ich bemerke mit Bedauern, Herr Pavillon, «sagte er,»daß Ihr noch unschlüssig seid, was in dem vorliegenden Falle zu tun sei. Tretet hin vor Wilhelm von der Mark und verlangt von ihm, daß er Euch, nebst Eurem Leutnant, Eurem Knappen und Eurer Tochter gestatte, das Schloß zu verlassen. Er kann Euch hier unter keinem Vorwand gefangen halten.«—»Ich und mein Leutnant — das wäre ich und Peterkin, gut, aber wer ist mein Knappe?«—»Das bin ich für jetzt, «versetzte der unerschrockene Schotte. — »Ihr?«fragte der verlegene Bürger, — »aber Ihr seid ja der Abgesandte König Ludwigs von Frankreich.«—»Wohl wahr; aber meine Sendung geht an den Magistrat von Lüttich, und in Lüttich allein will ich mich ihrer entledigen. Wollte ich diese meine Eigenschaft vor Wilhelm von der Mark geltend machen, müßte ich da nicht mit ihm in Unterhandlung treten? Und höchstwahrscheinlich würde er mich dann zurückhalten. Ihr müßt mich also insgeheim als Euren Knappen aus dem Schlosse schaffen.«—»Gut, mein Knappe! — aber Ihr spracht da von meiner Tochter — meine Tochter ist hoffentlich gesund und wohl zu Hause in Lüttich, wo ich von ganzem Herzen und ganzer Seele wünsche, daß ihr Vater auch wäre.«—»Diese Dame hier, «sprach Durward,»wird Euch Vater nennen, solange wir an diesem Ort weilen.«—»Und mein ganzes Leben lang nachher!«sagte die Gräfin, indem sie sich dem Bürger zu Füßen warf und seine Knie umfaßte;»nie soll ein Tag vergehen, an dem ich Euch nicht Beweise der Liebe und Achtung geben und für Euch beten werde, wie eine Tochter für ihren Vater; nur verlaßt mich nicht in dieser schrecklichen Lage. — O! seid nicht hartherzig! Denkt, Eure Tochter knie so vor einem Fremden und flehe zu ihm um Schutz für Ehre und Leben! Daran denkt; und laßt mir den Schutz zuteil werden, den Ihr wünschet, daß sie erhalten möchte.«