Выбрать главу

Sobald ihre Gäste fort waren, ergriff auch Mutter Mabel die Gelegenheit, ihrem Trudchen eine lange Predigt über die Torheiten des Romanlesens zu halten, wodurch die Dämchen am Hofe so kühn und unternehmend würden, daß sie, anstatt daheim die ehrbaren Künste einer Hausfrau zu lernen, lieber als irrende Jüngferchen durch die Welt ritten, ohne einen andern Begleiter, als einen müßigen Schildknappen, einen ausschweifenden Pagen oder einen tollkühnen Bogenschützen aus fremden Landen, zum größten Nachteil ihrer Gesundheit, ihres Vermögens und ihres guten Rufes. Alles dies hörte Gertrud stillschweigend an, ohne das mindeste darauf zu erwidern; doch läßt sich, wenn man ihren Charakter erwägt, bezweifeln, ob sie daraus den praktischen Nutzen zog, den sich ihre Mutter davon versprach.

Mittlerweile hatte Quentin in der Tracht eines flamändischen Bauern mit der ähnlich verkleideten Gräfin das östliche Stadttor erreicht, nachdem sie durch mehrere Haufen Volks geritten waren, die glücklicherweise mit den politischen Ereignissen und den Tagesneuigkeiten zu sehr beschäftigt waren, als daß sie einem Paare, das in seinem Aeußern so wenig Auffallendes hatte, ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätten. So kamen sie auch, vermöge einer durch Pavillon besorgten, aber im Namen seines Kollegen Rouslaer ausgewirkten Erlaubnis bei den Wachen vorüber, und nahmen da von Peter Geislaer einen kurzen, aber freundlichen Abschied. Gleich darauf gesellte sich ein kräftiger junger Mann zu ihnen, der einen hübschen Grauschimmel ritt und sich sogleich als Hans Glover, Trudchens Liebhaber, zu erkennen gab. Es war ein schmucker Bursche, mit einem gutmütigen flamändischen Gesichte, aus welchem nicht großer Verstand, wohl aber Frohsinn und Gutherzigkeit sprachen. Nachdem er die Gräfin ehrerbietig begrüßt hatte, fragte er in flamändischer Sprache, welchen Weg sie geführt zu werden wünsche?

«Zur nächsten Stadt an der Grenze von Brabant.«—»Ihr habt Euch also über Ziel und Zweck Eurer Reise entschieden?«fragte Quentin, indem er zu Isabellen hinritt, in französischer Sprache, die ihr Wegweiser nicht verstand. — »Allerdings, «erwiderte die junge Dame,»in der Lage, in welcher ich mich befinde, würde es mir nachteilig sein, wenn ich meine Reise verlängerte, und sollte auch das Ende derselben strenge Gefangenschaft sein.«—»Gefangenschaft?«fragte Quentin. — »Ja, mein Freund, Gefangenschaft; aber ich will Sorge tragen, daß Ihr sie nicht teilen müßt.«—»Sprecht nicht von mir, denkt nicht an mich, «rief Quentin;»weiß ich nur Euch gerettet, so ist an mir wenig gelegen.«—»Sprecht nicht so laut, «sagte Gräfin Isabelle;»Ihr möchtet unsern Führer in Verlegenheit bringen. Ihr seht, er ist bereits etwas vorausgeritten.«— In der Tat hatte der gutmütige Flamänder sie der lästigen Gegenwart eines Dritten überhoben, sobald Quentin sich der Dame näherte.

«Ja, «fuhr sie fort, als sie sich unbeobachtet sah,»Euch, meinem Beschützer — denn warum sollte ich mich schämen, Euch so zu nennen, da der Himmel Euch dazu gemacht hat — muß ich sagen, daß mein Entschluß gefaßt ist, nach meinem Vaterlande zurückzukehren und mich der Gnade des Herzogs von Burgund anheimzugeben. Es war ein schlimmer, wenn auch vielleicht gut gemeinter Rat, der mich verleitete, mich seines Schutzes zu begeben.«—»Ihr seid also entschlossen, die Braut des Grafen von Campobasso zu werden?«

«Nein! Durward, nein!«sagte die Gräfin Isabelle, indem sie sich in ihrem Sattel aufrichtete,»zu einem so verhaßten Schritte vermag alle Macht Burgunds nicht eine Tochter des Hauses Croye zu erniedrigen. Burgund kann meine Lande und Lehen in Besitz nehmen und mich in ein Kloster sperren, aber das ist das schlimmste, was ich zu erwarten habe, und Schlimmeres noch wollte ich erdulden, als meine Hand an Campobasso geben.«—»Das schlimmste!«rief Quentin aus,»und was kann es Schlimmeres geben als Plünderung und Gefangenschaft? O, bedenkt, solange Ihr noch Gottes freie Luft um Euch fühlt und einen Mann zur Seite habt, der sein Leben daran setzen wird, Euch nach England, nach Deutschland, selbst nach Schottland zu geleiten, wo Ihr überall großmütige Beschützer finden werdet; — o, solange dies der Fall ist, entschließt Euch nicht zu voreilig, auf die Mittel Eurer Freiheit, der schönsten Himmelsgabe, zu verzichten!«— Nach einer kurzen Pause erwiderte sie mit schwermütigem Lächeln:»Nur dem Manne ist Freiheit beschieden, das Weib muß sich immer einen Beschützer suchen, da die Natur sie einmal unfähig gemacht hat, sich selbst zu verteidigen. Und wo finde ich einen? — in dem Wollüstling Eduard von England oder in dem trunkliebenden Wenzeslaus von Deutschland? — in Schottland? — ach, Durward, wäre ich Eure Schwester, und könntet Ihr mir einen Zufluchtsort in einem jener Gebirgstäler versprechen, die Ihr so gern beschreibt; könntet Ihr mir den Schutz einer ehrsamen, geachteten Matrone des Landes, eines Edeln, dessen Herz so treu wie sein Schwert wäre, zusichern, ja dann wäre eine Aussicht vorhanden, für die es sich lohnte, sich der Gefahr eines bösen Leumundes auszusetzen.«

Es lag in dem bebenden Tone, womit Gräfin Isabelle dies sprach, eine Zärtlichkeit, die Quentin mit Freude erfüllte und ihm zugleich das Herz zerschnitt. Er zögerte einen Augenblick, ehe er eine Antwort gab, indem er bei sich bedachte, ob es wohl möglich sei, ihm in Schottland einen Zufluchtsort zu verschaffen; allein die traurige Wahrheit, daß es unedel und grausam sein würde, wenn er ihr ein Ziel zeigte, wo er auch nicht entfernt die Mittel hätte, ihr einen ruhigen Aufenthaltsort zu sichern, drang sich ihm ebenso bald in all ihrer Stärke auf. — »Fräulein, «sagte er endlich,»ich würde gegen Ehre und Rittereid handeln, wenn ich Euch sagen wollte, ich besäße in Schottland Macht genug, Euch einen andern Schutz zu gewähren, als den meines Armes, ich weiß kaum, ob mein Blut noch in den Adern eines andern außer mir in meinem Heimatlande fließt.«

«Ach!«rief die Gräfin,»so gibt es keinen Winkel auf der Erde, der frei von Unterdrückung wäre?«—»Es ist eine traurige Wahrheit, die ich nicht zu bestreiten wage, «versetzte der Schotte,»daß unsere feindlichen Clans dieselbe Rolle in Schottland spielen, wie von der Mark und seine Räuber in diesem Lande.«—»Nichts mehr von Schottland dann, «sagte Isabelle,»ich erwähnte es ja auch nur im Scherze, um zu sehen, ob Ihr mir wirklich das zerrüttetste Land Europas als Ruheort anempfehlen würdet. Ich freue mich, daß ich mich auf Euch verlassen kann, auch da, wo die Vorliebe für Euer Heimatland mit im Spiele ist; so will ich denn an keinen andern Schutz denken, als an den des Herzogs von Burgund.«—»Aber warum wollt Ihr Euch nicht lieber in Eure eignen Lande und auf Euer festes Schloß begeben, wie es zu Tours Eure Absicht war?«fragte Quentin;»warum versammelt Ihr nicht die Vasallen Eures Vaters um Euch und schließt nicht lieber einen Vertrag mit Burgund, anstatt Euch sogleich ihm zu ergeben?«—»Ach!«versetzte die Gräfin,»dieser Plan, den der hinterlistige Ludwig an die Hand gab, und der, wie alle, die er je ersonnen hat, nur auf seinen Vorteil berechnet war, ist unausführbar geworden, seitdem er durch den doppelten Verräter Zamet Hayraddin an Burgund verraten worden ist. Mein Verwandter wurde ins Gefängnis gesetzt und eine Besatzung in meine Schlösser gelegt; ein Versuch von meiner Seite hieße meine Vasallen der Rache Herzog Karls preisgeben. Nein, ich will mich meinem Lehnsherrn als getreue Vasallin in allen Dingen unterwerfen, die meine persönliche Wahlfreiheit unangetastet lassen, und das umsomehr, da ich glaube, daß meine Verwandte, die Gräfin Hameline, die meine Flucht zuerst anriet und betrieb, bereits diesen weisen und ehrenvollen Schritt getan hat.«—»Eure Verwandte?«wiederholte Quentin, an Dinge denkend, von denen die junge Gräfin nichts wußte und die durch die Ereignisse, die ihn näher angingen, aus seinem Gedächtnisse verdrängt worden waren. — »Ja, meine Muhme, die Gräfin Hameline von Croye, «versetzte Gräfin Isabelle,»wißt Ihr etwas von ihr? Ich hoffe, sie befindet sich unter dem Schutze des burgundischen Banners. Ihr schweigt — wißt Ihr etwas von ihr?«