«Die Strafe der Verwirkung möchte im vorliegenden Falle schwer vollstreckbar sein, «antwortete Argenton ruhig;»denn Ew. Majestät weiß, daß die buchstäbliche Auslegung des Lehensrechtes, selbst im heiligen römischen Reiche, außer Brauch zu kommen anfängt, und daß Lehnsherr und Vasall ihre Lage gegenseitig zu verbessern suchen, sowie sich Macht und Gelegenheit dazu bieten. Ew. Majestät Verbindungen mit des Herzogs Vasallen in Flandern werden das Verhalten meines Herrn entschuldigen, wenn er darauf bestehen sollte, daß durch Erweiterung seiner Unabhängigkeit Frankreich für die Zukunft eines jeden Vorwands, sich auf gleiche Weise gegen ihn zu verhalten, überhoben werde.«—»Argenton!«rief Ludwig aus, indem er abermals aufstand und gedankenvoll im Zimmer auf und ab schritt,»Ihr haltet mir eine furchtbare Vorlesung über den Text: Wehe den Besiegten! Es kann doch wohl nicht Eure Meinung sein, daß der Herzog auf allen diesen harten Bedingungen bestehen sollte?«—»Wenigstens wünschte ich, Ew. Majestät hielte sich bereit, solche sämtlich zu erörtern.«—»Aber Mäßigung, Argenton, Mäßigung im Glück, ist — niemand weiß es besser, als Ihr — notwendig, um alle Vorteile sich zu sichern.«—»Mit Ew. Majestät Erlaubnis, das Verdienst der Mäßigung wird, wie ich schon oft zu bemerken Gelegenheit hatte, stets am meisten von dem verlierenden Teile hervorgehoben. Der gewinnende Teil achtet die Klugheit höher, die ihn auffordert, keine Gelegenheit unbenützt zu lassen.«—»Nun, wir wollen's überlegen, «erwiderte der König;»aber nun bist Du doch wohl mit Deines Herzogs unvernünftigen Forderungen zu Ende? Es kann nichts mehr übrig sein — oder wenn es der Fall ist, wie ich in Deinen Blicken lese — was ist es — was kann es sein — wenn es nicht meine Krone ist, die, wenn ich alle diese Forderungen bewilligte, all ihren Glanz verlöre?«—»Was ich Euch, Sire, noch sagen wollte, «versetzte Argenton,»steht zum Teil — und zwar zum größten Teil — in des Herzogs eigener Macht, allein er wünscht doch, Ew. Majestät Einwilligung dafür zu haben, denn es geht Euch in Wahrheit sehr nahe an.«
«Was ist es? Sprecht, Herr Philipp, «rief der König voll Ungeduld,»welche Schmach hat er mir noch zugedacht?«—»Keine Schmach, Sire; aber da Ew. Majestät Vetter, der erlauchte Herzog von Orleans…«—»Ha!«rief der König; aber Argenton fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen —»seine Neigung der jungen Gräfin, Isabelle von Croye, zugewandt hat, so erwartet der Herzog, Ew. Majestät werde von Ihrer Seite sowie er von der seinigen, die Einwilligung zu dieser Verbindung geben und das edle Paar mit einer solchen Apanage ausstatten, die, verbunden mit den Gütern der Gräfin, einem Sohne Frankreichs ein anständiges Auskommen zusichert.«—»Nimmermehr, «rief der König mit einer Heftigkeit, die er nur mit Mühe bisher unterdrückt hatte, und indem er mit großen Schritten und mit einer Hast im Zimmer auf und ab ging, die den grellsten Kontrast zu seiner sonstigen Selbstbeherrschung bildete;»laßt das Kloster oder das Grab vor mir sich auftun — laßt sie glühende Eisen bringen, um mir die Augen auszubrennen — Beil oder Schierling — was man will — aber Orleans soll nie meiner Tochter die geschworene Treue brechen, oder eine andere heiraten, solange sie am Leben ist.«—»Ew. Majestät wird aber, «versetzte Argenton,»bevor Ihr Euch so bestimmt gegen diesen Vorschlag erklärt, bedenken, daß es nicht in Eurer Macht steht, es zu verhindern. Jeder weise Mann wird, wenn er ein Felsstück weichen sieht, von dem fruchtlosen Versuch abstehen, den Sturz desselben verhindern zu wollen.«—»Aber ein tapferer Mann, «entgegnete Ludwig,»wird wenigstens sich unter ihm begraben. — Argenton, betrachte den großen Verlust — den gänzlichen Untergang, dem eine solche Heirat mein Reich entgegenführen muß. Bedenke, daß ich nur einen einzigen schwächlichen Knaben habe, und daß dieser Orleans der nächste Erbe ist. Erwäge, daß die Kirche in seine Verbindung mit Johanna gewilligt hat, wodurch das Interesse beider Zweige meiner Familie so glücklich vereinigt wird — bedenke alles dies, und rechne dazu, wie diese Verbindung der Lieblingsplan meines ganzen Lebens gewesen ist — wie ich darauf gesonnen, dafür gewacht, gefochten, gebetet — ja gesündigt habe! Philipp von Comines, ich will, ich kann ihn nicht aufgeben! Bedenke, Mann, bedenke! Erbarme Dich meiner in dieser Not — Dein erfindungsreicher Kopf wird gewiß bald irgend ein Ersatzmittel für dieses Opfer ersonnen haben. Habt Mitleid mit mir, Philipp! Ihr wenigstens solltet wissen, daß für den, der mit Ueberlegung in die Zukunft blickt, die Vereitlung eines Plans, über dem er lange gebrütet, um den er sich lange abgemüht hat, unaussprechlich bitterer ist als der Kummer gewöhnlicher Menschen, die ihre Befriedigung in irgend einer vorübergehenden Leidenschaft finden.«—»Mein Herr und König!«erwiderte Argenton,»ich nehme Anteil an Eurem Schmerz, insoweit die Pflicht gegen meinen Gebieter — «—»Erwähnt ihn nicht!«sagte Ludwig, wirklich oder scheinbar einem unwiderstehlichen Antriebe weichend, der seine gewöhnliche Vorsicht bemeisterte.»Karl von Burgund ist Eurer Anhänglichkeit nicht wert. — Hat er nicht seine Räte beschimpft und geschlagen — hat er nicht dem weisesten oder treuesten unter ihnen den schimpflichen Beinamen» Stiefelkopf «gegeben?«
Philipp von Comines hatte, trotz seiner großen Klugheit, doch einen hohen Begriff von persönlicher Wichtigkeit und war über die Worte, die dem Könige gleichsam in der Hitze der Leidenschaft entschlüpft waren, so betroffen, daß er nur das Wort» Stiefelkopf!«wiederholen konnte. — »Es ist unmöglich, «sagte er endlich,»daß mein Herr, der Herzog, einen Diener so genannt haben kann, der ihm, seitdem er ein Roß besteigen lernte, immer zur Seite war — und zwar in Gegenwart eines fremden Monarchen? — Nein, das kann nicht sein, kann unmöglich sein!«
Ludwig bemerkte augenblicklich den Eindruck, den er bewirkt hatte, und erwiderte einfach, aber mit Würde:»Mein Unglück läßt mich all meiner Höflichkeit vergessen; denn sonst hätte ich eine Aeußerung nicht getan, die Euch unangenehm zu hören ist. Aber Ihr habt mir in Eurer Antwort Schuld gegeben, ich hätte Dinge gesprochen, die nicht möglich seien; und das greift meine Ehre an. Wenn ich Euch nicht die Umstände erzählen wollte, unter denen dieses beleidigende Wort gefallen ist, so bliebe dieser Vorwurf auf mir sitzen. Die Sache trug sich folgendermaßen zu. Ihr wart auf einer Jagdpartie mit Eurem Herrn, dem Herzog von Burgund, und als er vom Pferde gestiegen, verlangte er, Ihr solltet ihm die Stiefel ausziehen. Da er in Euern Blicken Empfindlichkeit über diese herabwürdigende Zumutung gelesen haben mochte, erwies er Euch denselben Dienst, den er von Euch empfangen hatte. Aber beleidigt darüber, daß Ihr ihn so wörtlich verstanden hattet, hatte er Euch kaum einen Stiefel ausgezogen, als er ihn Euch zornig um den Kopf schlug, bis das Blut herabfloß, und dabei Euch unverschämt schalt, daß Ihr als Untertan die Anmaßung hattet, einen solchen Dienst von der Hand Eures Gebieters anzunehmen; seitdem pflegte er und sein privilegierter Narr, le Glorieux, Euch den abgeschmackten Beinamen Stiefelkopf zu geben, der nun einer der gewöhnlichsten Späße geworden ist.«
Während Ludwig so sprach, hatte er den doppelten Genuß, nicht nur denjenigen, zu dem er sprach, auf das empfindlichste zu verwunden, was ihm immer Vergnügen machte, auch wenn er nicht, wie im vorliegenden Falle, die Entschuldigung hatte, daß er bloß ein Vergeltungsrecht übe — sondern auch den, daß er in Argentons Charakter einen verwundbaren Punkt gefunden hatte, der ihn allmählich dahin bringen konnte, das Interesse Burgunds aufzugeben und sich für das von Frankreich zu entscheiden. Allein obgleich der tiefe Unwille, den der beleidigte Hofmann gegen seinen Gebieter faßte, ihn in der Folge wirklich bewog, Karls Dienste mit denen König Ludwigs zu vertauschen, begnügte er sich doch für jetzt damit, einige Winke über seine freundlichen Gesinnungen gegen Frankreich fallen zu lassen, von denen er wohl wußte, daß der König sie richtig deuten würde, und zwang sich, über die von Ludwig soeben erzählte Anekdote zu lachen.»Ich hätte nie gedacht, daß ein so unbedeutender Scherz dem Herzog solange im Gedächtnis bleiben würde, daß er ihn des Wiedererzählens für wert hielt, «erwiderte er nach einer Weile;»etwas Wahres ist ja an dieser Geschichte; und Ew. Majestät weiß, daß der Herzog einen derben Spaß liebt; allein er hat sie sehr aufgebauscht. Doch, lassen wir das!«—»Ja, lassen wir das!«sagte auch der König;»es wäre eine Schande, wenn wir uns länger dabei aufhalten sollten. Und jetzt, Herr Philipp, hoffe ich, seid Ihr französisch genug gesinnt, um mir in dieser schwierigen Lage nach Eurem besten Wissen zu raten. Ihr habt, wie ich wohl weiß, den Faden zu diesem Labyrinth, wenn Ihr ihn mir nur mitteilen wollt.«—»Ew. Majestät hat über meinen besten Rat und meine Dienste zu befehlen, «erwiderte Argenton;»unbeschadet jedoch der Pflichten, die ich gegen meinen Gebieter habe.«