«Solches Herzeleid soll niemals durch mich über diese beiden herrlichen Länder gebracht werden, «erklärte Gräfin Isabelle in festem, doch freundlichem Tone,»sofern es sich irgend verhindern läßt. Dazu würde mich die leiseste Bitte aus Eurem Munde vermögen, denn ich bin nicht rachsüchtig. Also sagt mir, was ich tun soll? wenn mich der Burgunder Herzog vor sich ruft, soll ich schweigen oder die Wahrheit sagen? das erstere wäre Widerspenstigkeit, und das andere Lüge. Und dazu mich zu erniedrigen, werdet Ihr mir doch nicht zumuten?«—»Ganz gewiß nicht, edle Gräfin, «erwiderte Durward,»aber beschränkt Eure Aussage über König Ludwig auf das wenige, von dessen Wahrheit Ihr fest überzeugt seid. und wenn Ihr erwähnt, was andre Euch berichtet haben, so tut es nur in dem Sinne, wie man sich Gerüchten gegenüber verhält, und nehmt Euch in acht, Dinge, die Ihr selbst nicht erlebt habt, als wahr unter Eurem Zeugnis zu sagen. Mag mithin, was Euch selbst nicht so bekannt ist, daß Ihr es auf Euer Zeugnis nehmen könnt, durch andre Beweismittel als bloße Gerüchte erhärtet werden.«
«Ich glaube, den Sinn Eurer Rede zu verstehen, «erwiderte die Gräfin. — »Ich will mich noch deutlicher auszudrücken suchen, «sagte Quentin und schickte sich eben an, das Gesagte noch weiter auszuführen, als die Klosterglocke erklang.»Das ist das Zeichen, «sagte die Gräfin,»daß wir uns zu trennen haben. zu trennen für immer!. Aber vergeßt mich nicht, Durward. denn ich werde Euch… Eure treuen Dienste auch nimmer vergessen!«— Weiter konnte sie nicht sprechen, aber sie reichte ihm noch einmal die Hand und noch einmal drückte er sie an die Lippen, und ich weiß nicht, wie es kam, aber die Gräfin trat, als sie ihm ihre Hand zu entziehen suchte, so dicht an das Gitter heran, daß Quentin den Mut fand, ihr einen Abschiedskuß auf die Lippen zu drücken. und sie schalt ihn deshalb nicht, vielleicht war keine Zeit mehr dazu — denn Graf Crevecoeur und Lord Crawford, die, wenn nicht Ohren-, so doch Augenzeugen, und zwar durch einen günstig gelegenen Spalt, vom ganzen Vorgange gewesen waren, stürzten in den Raum, der erstere wild vor Zorn, der andere berstend vor Lachen und umsonst bemüht, den andern in den Schranken der Vernunft zu halten.
«Auf Euer Zimmer, meine Dame!«rief der Graf der Gräfin zu, die ihren Schleier über das Gesicht zog und sich eilig entfernte,»und ich will Sorge tragen, daß Ihr es mit einer Zelle bei Wasser und Brot vertauscht. Ihr seiner Musje dagegen, Ihr werdet wohl demnächst in Verhältnisse kommen, wo das Interesse von Königen und Ländern nicht mehr von Euren Kenntnissen abhängig ist. Dann soll Euch die Strafe für solche Frechheit, Euer Bettlerauge zu einer Gräfin von Burgund zu erheben, noch hinterher zuteil werden!«—»Herr Graf, «nahm darauf Lord Crawford das Wort,»das sind der Worte von Eurer Seite nun wahrlich genug; Ihr dagegen, Quentin, verhaltet Euch still! ich befehl's Euch, verstanden? Graf Crevecoeur soll es durch mich erfahren, daß Ihr ein Edelmann seid so gut wie er, so gut wie der König, wenn auch nicht, wie es in Spanien heißt, so reich wie er. Aber von einer Strafe zu reden Euch gegenüber, dazu hat er kein Recht! weiß Gott nicht! weiß Gott nicht!«
«Mylord, «erwiderte der Graf,»die Frechheit dieser Mietstruppen im französischen Lande ist schier zum Sprichwort geworden, und Ihr tätet wahrlich besser, sie nicht zu züchten, sondern einzudämmen.«—»Ich bin nun an fünfzig Jahre Kommandant des Bogenschützenkorps, Herr Graf, «erwiderte Lord Crawford,»ohne daß ich den Rat eines Franzosen, geschweige eines Burgunders gebraucht habe, um zu wissen, wie ich mich dabei zu verhalten habe. und wenn Ihr nichts dawider habt, so denke ich es in Zukunft in dieser Hinsicht auch nicht anders zu halten.«—»Meinetwegen, Mylord, «versetzte Graf Crevecoeur,»beleidigen wollte ich Euch nicht; Rang und Alter geben Euch ja einiges Vorrecht, Euch gehen zu lassen, und was die beiden jungen Menschen angeht, nun, so will ich insofern mal fünf gerade sein lassen, als ich ja hinfort dafür Sorge tragen werde, daß sie einander nicht mehr vor die Augen kommen.«—»Darauf möcht ich an Eurer Statt denn doch lieber keinen bindenden Eid ablegen, «erwiderte der alte Schotte mit Lächeln,»so gut, wie Berge aufeinander zurücken, so können's menschliche Geschöpfe doch auch, zumal sie doch Beine haben, und Lust und Liebe, sie in Bewegung zu sehen, auch. Mir ist's wenigstens so vorgekommen, als sei es ein recht herzhafter Schmatz gewesen, den wir mitangehört haben; und so was, weißt's doch immer, vergißt sich im Leben nicht.«
«Lord Crawford, «antwortete Crevecoeur,»Ihr wollt abermals meine Geduld auf die Probe stellen, allein gelingen soll's Euch nicht! Doch da läutet die Glocke auf dem Schlosse. da wird's eine wichtige Versammlung setzen, und was sie bringt, das weiß allein Gott! — »Was sie bringen wird, «sagte Lord Crawford,»will ich Euch voraussagen: der König wird, wenn ihm Gewalt angetan werden sollte, und mag er noch so wenig Freunde haben, mag er von Feinden noch so dicht umringt sein, nicht allein fallen, und auch nicht ungerächt fallen. ich beklage nur, daß seine unmittelbaren Befehle es mir unmöglich gemacht haben, meine Maßregeln zu treffen und mich auf einen solchen Ausgang des tollen Einfalles beizeiten zu rüsten.«
«Mylord Crawford, «erwiderte der Burgunder,»solchem Uebel kommt man am sichersten zuvor, wenn man es herbeiführt. Gehorcht den Befehlen Eures königlichen Gebieters, und gebt keinen voreiligen Anstoß zu Gewalttaten, dann werdet Ihr finden, daß der Tag friedlicher endigen wird, als Ihr zurzeit vermutet.«
Vierzehntes Kapitel
Beim ersten Klange der Glocke, die die burgundischen Edlen mit den wenigen französischen Pairs, die zugegen waren, in die Versammlung rief, trat Herzog Karl, von einem Teil seines bewaffneten Gefolges begleitet, in die Halle des Herbertturms im Peronner Schlosse ein. König Ludwig, der diesen Besuch erwartet hatte, stand auf, trat dem Herzog ein paar Schritte entgegen und blieb dann mit einem würdevollen Anstande stehen, den er, wenn er es nötig fand, wohl anzunehmen wußte. Der Herzog hingegen trat ungestüm ein und wechselte, obgleich er sich zwang, im Aeußern und auch in der Sprache eine gewisse Höflichkeit anzunehmen, doch jeden Augenblick seine Farbe; seine Stimme stockte, die Stirn zog er in Falten und biß sich in die Lippe, bis sie blutete: kurz, jeder Blick, jede Bewegung deutete an, daß der leidenschaftlichste Fürst, der jemals lebte, unter der Herrschaft eines der heftigsten Anfälle von Wut stand.
Der König sah diesem Kampfe der Leidenschaft ruhig zu; las er auch in den Blicken des Herzogs die bitterste Ankündigung des Todes, den er als sterblicher und sündhafter Mensch gleich sehr fürchtete, so war er dennoch entschlossen, sich gleich einem vorsichtigen, geschickten Steuermann weder durch Besorgnisse außer Fassung bringen zu lassen, noch auch vom Steuerruder zu weichen, so lange noch die Möglichkeit, das Schiff zu retten, vor» Händen blieb.
«Ich komme, «sprach der Herzog,»Ew. Majestät zu hohem Rate einzuladen. Dinge von hoher Wichtigkeit, die Wohlfahrt Frankreichs und Burgunds betreffend, sollen verhandelt werden. Ihr werdet Euch daher sogleich dahin verfügen — sofern es Euch beliebt natürlich…«—»Lieber Vetter, «erwiderte der König,»treibt Eure Höflichkeit nicht so weit, daß Ihr um das bittet, was Ihr befehlen dürft… also zur hohen Versammlung, wenn es Ew. Hoheit so beliebt! Wir sind, «fügte er mit einem Blick auf die wenigen hinzu, die sich zu seiner Begleitung anschickten,»in unserm Gefolge etwas geschmälert worden — drum, lieber Vetter, müßt Ihr für uns beide glänzen.«