Jamie zwang sich, weiterzukauen.
»Ich meine, die Leute könnten einen Rundgang durch das Dorf kaufen und ihn gleich bei sich zu Hause machen. Danach würden sie sich alle zehn Finger danach lecken, es sich in echt anzusehen.«
»Ihr könntet vermutlich viel Geld damit machen.« Jamie bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben.
»Ja.«
Jamie schluckte sorgfältig, dann fragte er: »Hast du schon was von deinem Vater gehört?«
»Nein, noch nicht.« Dex trank einen Schluck Fruchtsaft und stellte den Plastikbecher dann nachdrücklich auf den Tisch zwischen ihnen. »Ach, der meldet sich schon noch. Er wird mich ein, zwei Tage warten lassen, dann ruft er an. Der liebe alte Dad hat immer Angst, ich könnte den Kopf zu hoch tragen, deshalb versucht er, mich klein zu machen, wann immer er es für nötig hält. Also immer.«
Jamie hörte mehr als Sarkasmus in Dex' Ton. Er hörte Schmerz.
»Ich bin sicher, er ist sehr stolz auf dich«, sagte er.
»Ja«, sagte Dex. »Mächtig stolz. Ihm platzen schon die Knöpfe ab.«
Jamie sagte nichts.
»Das Problem ist, wenn er wirklich stolz ist, macht er ein tiefes, dunkles Geheimnis daraus. Darin ist er gut, seinen Stolz auf seinen eingeborenen Sohn zu verbergen.«
»Tut mir Leid, dass ich dich wütend gemacht habe.«
»Ach, lass gut sein, Jamie. Das ist nicht dein Problem.« Dex griff sich den Becher mit dem Saft und leerte ihn. Als er von dem schmalen Tisch aufstand, fragte er: »Wie wär's eigentlich, wenn wir die Kuppel hierher verlegen würden? Wir können nicht ewig vom Rover aus arbeiten.«
»Ich weiß«, sagte Jamie. »Ich hab auch schon darüber nachgedacht.«
»Und?«
»Mit der Kuppel umzuziehen wäre ein höllischer Stress. Das würde Wochen dauern.«
»Wir könnten es zwischen Weihnachten und Silvester schaffen, da wette ich.«
»Es würde länger dauern.«
»Na und? Wir haben noch über sechzehn Monate. Du willst doch nicht die ganze Zeit zwischen der jetzigen Basis und diesem Ort hier pendeln, oder?«
»Klingt nicht sonderlich praktikabel«, gab Jamie zu.
»Dann lass mich einen Plan für die Verlegung der Kuppel ausarbeiten — der ganzen Basis, mitsamt der L/AVs, der Generatoren und allem.«
»Damit wir hier schon bei der nächsten Mission Touristen aufnehmen können? Oder warum?«
Dex wirkte ehrlich überrascht und schockiert. »Touristen? Ich rede nicht von Touristen. Jedenfalls noch nicht. Eins nach dem anderen, Kumpel.«
»Ja«, erwiderte Jamie. »Eins nach dem anderen.«
MANHATTAN
Ich sollte daheim bei meiner Familie sein, dachte Roger Newell. Es ist Heiligabend, Herrgott noch mal. Ich komme mir vor wie Bob Cratchit beim alten Scrooge.
Darryl C. Trumball, der ihm an dem kleinen, runden Tisch gegenübersaß, schien keine Notiz von den Menschen zu nehmen, die draußen vor dem Fenster der Cocktail-Lounge nach Hause eilten. Die Lounge war einen halben Block von Newells Büro in der Zentrale des Networks entfernt.
Er war hier sehr häufig zu Gast, und die Empfangsdame hatte ihn sofort erkannt und ihnen einen Tisch am Fenster gegeben. Newell hätte lieber eine Nische weiter hinten gehabt, traute sich aber nicht, darum zu bitten.
Da Trumball wusste, dass er mit der Limousine ewig lange gebraucht hätte, um vom Flughafen nach Manhattan zu kommen, hatte er den Hochgeschwindigkeitszug zur Grand Central Station genommen, um mit den Chefs der Nachrichtenmedien zu verhandeln. Es war ein langer und potenziell sehr profitabler Tag für ihn gewesen.
»Ich habe es allen anderen gesagt, und ich sage es auch Ihnen: Sie dürfen sämtliches Material benutzen, das sie auf dem Mars aufgezeichnet haben«, erklärte Trumball, der über seinem Scotch on the Rocks hockte, »aber nicht das VR-Material.«
»Aber wir haben jetzt unser eigenes Virtual-RealityNetwork«, erwiderte Newell, »und wir könnten …«
»Nein«, sagte Trumball in entschiedenem Ton. »Wir verkaufen VR-Touren durch das marsianische Dorf an unsere eigenen Kunden. Mit der ersten Tour könnten wir locker fünfhundert Millionen machen.«
»Unsere Zuschauer …«
»Können Sie fünfhundert Millionen für das VR-Material hinlegen?«
»Fünfhundert Millionen?«, quiekte Newell. »Natürlich nicht. Nicht mal annähernd.«
»Sehen Sie?« Trumball lehnte sich kalt lächelnd in seinen Sessel zurück.
»Wir bereiten gerade ein Prime-Time-Special über das Dorf vor«, sagte Newell. »Eine Wissenschafts-Sondersendung in der Hauptsendezeit! Das hat es nicht mehr gegeben, seit …«
»Alles gut und schön«, unterbrach ihn Trumball. »Aber weder Sie noch eins der anderen Nachrichtennetze werden unser VR-Material kriegen. Außer wenn Sie fünfhundert Millionen auf den Tisch blättern.«
Newell schüttelte den Kopf. Er war dagegen gewesen, in der Hauptsendezeit ein Special über das marsianische Dorf zu bringen, aber die Anzugträger in den oberen Etagen hatten seinen Rat ignoriert. Wissenschaftssendungen haben kein Publikum, dachte Newell.
Nun ja, dieses Special über das marsianische Bauwerk würde vielleicht bessere Quoten erzielen als die meisten anderen, aber trotzdem, jeder hat das ganze reguläre Filmmaterial schon gesehen. Das Bauwerk tut nichts, es steht einfach da, eine leere Hülle. Also werden wir sprechende Köpfe zu sehen kriegen, ein paar davon auch noch in den Helmen von Raumanzügen, sodass wir nicht mal ihre Gesichter erkennen können, Herrgott noch mal!
»Aber wenn wir das VR-Zeug unseren Kunden gezeigt haben«, sagte Trumball langsam und griff nach seinem Drink, »wäre es natürlich möglich, dass wir über die erste Network-Ausstrahlung des Materials ins Geschäft kämen.«
Newell beugte sich sofort näher zu dem Alten. »Wie viel?«
Trumball nippte nachdenklich an seinem Scotch, leckte sich die Lippen und erwiderte: »Global News hat mir heute Nachmittag fünfundneunzig Millionen geboten. Bieten Sie mehr?«
Harry Farbers Nasenspitze war praktisch an den Telefonbildschirm gepresst. Er sah sein eigenes Spiegelbild auf dem Monitor; es überlagerte den Agenten des Herstellers aus Minneapolis, einen selten blöden Kerl. Harry schwitzte, sein Gesicht war rot und verzerrt.
»Die Dinger gehen weg wie warme Semmeln«, schrie er beinahe. »Sie verkaufen sich so schnell, dass uns heute Morgen das Inventarprogramm abgestürzt ist!«
»Das ist ja großartig, Mr. Farber«, sagte der blöde Kerl. »Alle unsere Händler melden ähnliche Verkaufszahlen. Die Virtual-Reality-Sets verschwinden überall auf der Welt aus den Regalen.«
»Ja, aber ich brauche noch mal sechs Gros, und zwar sofort!«
Der Agent des Herstellers wirkte nicht sehr bekümmert. »Mr. Farber«, sagte er mit einem trübseligen kleinen Lächeln, »wenn Sie wüssten, wie oft ich diese Bitte in den letzten paar Tagen schon gehört habe …«
»Aber ich brauche sie!«, beharrte Farber. »Ich habe hier Kunden im Laden, die darauf warten!« Er wedelte mit einer Hand in Richtung der Schlange immer ungeduldiger werdender Kunden am Tresen.
»Und Sie bekommen sie auch, Mr. Farber. So schnell, wie wir sie zu Ihnen schaffen können.«
»Und wann? Wie lange wird das dauern?«
Der Agent des Herstellers senkte den Blick. Wahrscheinlich schaute er auf einen Plan oder eine Rechnung. »Eine Woche bis zehn Tage, Mr. Farber.«
»Eine Woche? Sind Sie verrückt? Die Sendung vom Mars wird morgen ausgestrahlt! Vom Mars!«
»Mehr kann ich wirklich nicht für Sie tun, Mr. Farber«, sagte der Agent mit einem traurigen kleinen Kopfschütteln. »Seit dieses Dorf oder was immer auf dem Mars entdeckt worden ist, will jeder so ein Virtual-Reality-Gerät kaufen.«