DIE STUDIOS
In den Fernsehstudios in aller Welt löste die sensationelle Nachricht von dem Bauwerk auf dem Mars einen hektischen Talkshow-Betrieb aus.
»Morgen, mit absoluter Sicherheit«, sagte die grauhaarige Dame mit dem netten Gesicht. Sie blinzelte ein wenig, weil sie nicht an die Studioscheinwerfer gewöhnt war.
»Jesus kommt morgen auf die Erde zurück?« Der Interviewer versuchte, seine Ungläubigkeit zu verbergen.
»Es ist Weihnachten. Sein Geburtstag.«
Der Interviewer versuchte, freundlich dreinzuschauen. Über die Jahre hinweg hatte er jede Menge Verrückte und religiöse Fanatiker gesehen. Innerlich seufzte er. Solange diese Großmutter bei ihrer ganz speziellen Vorhersage von Christi Wiederkehr an Heiligabend blieb, brachte sie Quote. Heute zumindest.
In dem beinahe unsichtbaren Empfänger in seinem linken Ohr hörte er die Nachfrage der Regisseurin, einer abgebrühten Schwarzen, deren Job von dieser Quote abhing.
Er wiederholte die Frage, die sie ihm gestellt hatte. »Unser Herr hat die Erde vor über zweitausend Jahren verlassen. Wo war er die ganze Zeit?«
»Auf dem Mars natürlich«, sagte die Großmutter mit seligem Lächeln. »Er hat darauf gewartet, dass wir ihn auf dem Mars finden.«
»Das ist absolut überwältigend!«, sagte der junge, bärtige Astronom. Er trug ausgebleichte Chinos und ein rotkariertes Flanellhemd. Es war kalt in dem nicht beheizten Observatorium, obwohl die kalifornische Sonne aus einem makellos blauen Himmel strahlte.
Der Kameramann bibberte merklich. Die Interviewerin hoffte, dass es das Bild nicht verwackeln würde. Sie war aus härterem Stoff; auch wenn ihr noch so kalt war, sie hatte sich völlig unter Kontrolle.
»Sie meinen, dass wir die Gebäude auf dem Mars gefunden haben«, hakte sie nach.
»Dass wir intelligentes Leben gefunden haben!«, strahlte der junge Astronom. »Intelligentes Leben! Auf unserem nächsten Nachbarn im All!«
»Und was bedeutet das für unsere Zuschauer?«
Der Astronom schaute direkt ins Kameraobjektiv. »Es bedeutet, dass nicht nur Leben, sondern auch Intelligenz im Universum wahrscheinlich etwas ganz Alltägliches ist. Wir sind nicht allein. Intelligenz ist vielleicht so normal wie Kohlenstoff oder Wasser. Wahrscheinlich gibt es da draußen unter den Sternen unzählige intelligente Zivilisationen.«
Nun erschauerte auch die Interviewerin unwillkürlich.
Der Präsident der Navajo Nation kniff die Augen zusammen, weil er das grelle Licht der Fernsehscheinwerfer nicht gewohnt war. Das letzte Mal war er im Fernsehen gewesen, als das FBI eine Drogenrazzia auf dem Gebiet des Reservats durchgeführt hatte, ohne die Reservatspolizei hinzuzuziehen. Sie hatten behauptet, die Navajopolizei hätte den Verdächtigen sonst womöglich einen Tipp gegeben. Ha! Sie hatten eine Menge Anwälte aus dem Volk und aus Washington in Trab gesetzt, um die Sache in Ordnung zu bringen. Die heutige Story war zumindest angenehmer Natur.
Der Reporter hielt dem Präsidenten ein Mikrofon unter die Nase und fragte: »Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, dass ein Navajo diese Felsenbehausung auf dem Mars entdeckt hat?«
Der Präsident zuckte die Achseln und nickte. Dann sagte er: »Ziemlich gut, schätze ich.«
Der Reporter wartete auf mehr. Als nichts kam, runzelte er ein wenig die Stirn und fragte: »Was können Sie uns über Dr. Waterman erzählen?«
Der Präsident dachte eine Weile darüber nach. Der Reporter knirschte in stummer Frustration mit den Zähnen und hoffte, dass sie im Studio Zeit haben würden, diese nervtötenden Pausen rauszuschneiden.
»Ich habe Jamie Waterman leider nie kennen gelernt«, sagte der Präsident schließlich. »Aber ich kannte seinen Großvater ziemlich gut. Al hatte viele Jahre lang einen Laden drüben in Santa Fe.«
»Ja, das haben wir gehört«, stieß der Reporter hervor. »Aber wie steht's mit Jamie Waterman, dem Wissenschaftler auf dem Mars …«
»Er ist nur ein halber Navajo, wissen Sie«, sagte der Präsident langsam. Dann lächelte er. »Aber ich schätze, das ist gut genug, hm?«
Der Reporter schnitt eine Grimasse. Er war den halben verdammten Tag hierher unterwegs gewesen, um dieses Interview zu machen, und was hatte er nun davon? Nichts als Mist.
Hodell Richards lächelte mit sichtbarer Selbstgefälligkeit. »Vielleicht glauben sie mir jetzt.«
Richards war ein hagerer, beinahe asketisch wirkender Mann mit einem ewig jugendlichen Gesicht, das bei älteren Frauen den Wunsch weckte, ihn zu bemuttern. Bleistiftdünner Schnurrbart, aschblondes Haar, das ihm bis auf den Kragen seines Tweedjacketts fiel.
Er saß in einem Fernsehstudio in England und hatte die Hände auf einem teuren Aktenkoffer aus Leder, der auf seinen Knien lag.
Seine Interviewerin war eine sehr ernsthaft dreinschauende, rothaarige Frau, die auf UFO-Geschichten von der Entführung durch Außerirdische und von unaussprechlichen medizinischen Prozeduren spezialisiert war.
Sie fragte: »Dann sind Sie also fest davon überzeugt, dass die Marsianer nicht ausgestorben sind? Dass sie noch existieren?«
»Ich habe unwiderlegliche Beweise dafür«, sagte Richards und trommelte mit den Fingerspitzen auf den Aktenkoffer.
»Und sie haben die Erde besucht?«, fragte die Interviewerin.
»Selbstverständlich. Sie haben eine Basis hier auf der Erde«, gab Richards zurück. »In Tibet.«
»Aber warum …«
»Sie sind hier, um ihre Spezies fortzupflanzen. Sie schwängern irdische Frauen und zwingen sie, marsianische Kinder auszutragen.«
»Aha«, sagte die Interviewerin.
In Barcelona musterte der selbst ernannte deutschschweizerische Weltraumexperte mit hochmütig hochgezogenen Augenbrauen seinen Interviewer, einen weltmüden, übergewichtigen Katalanen, der sich für einen Enthüllungsjournalisten hielt. Da der Interviewer kein Deutsch sprach und der Interviewte kein Spanisch, führten sie ihr Gespräch in Englisch. Was sie sagten, wurde natürlich sofort durch Untertitel auf dem Bildschirm übersetzt.
»Sie glauben also, das marsianische Dorf …«
»… ist eine Fälschung«, sagte der Experte rundheraus.
»Sie meinen, es ist alles eine Lüge?«
»Ja, eine Lüge, die von der amerikanischen NASA in die Welt gesetzt wurde.«
»Aber warum sollte sie in diesem Punkt lügen?«
»Um die Unterstützung der Allgemeinheit für ihre marode Raumforschung zu bekommen, natürlich.«
Der Interviewer dachte einen Sekundenbruchteil darüber nach, dann fragte er: »Aber ich hatte den Eindruck, dass die Expedition zum Mars aus privaten Quellen finanziert wurde, nicht von der NASA.«
Der Experte tat das mit einem verächtlichen Schnauben ab. »Das wollen sie uns glauben machen. Hinter all dem steckt die amerikanische Regierung.«
»Aber wie können sie ein Gebäude auf dem Mars fälschen? Wollen Sie damit sagen, die Forscher hätten es selbst erbaut? Immerhin sind sie auf dem Mars nur zu acht.«
»Und wie kommen Sie darauf, dass dieses falsche Dorf auf dem Mars liegt? Sie haben es in Arizona, Texas oder sonstwo gebaut.«
»Wirklich?«
»Natürlich.«
»Ich möchte betonen«, sagte der Professor zum Gastgeber der Tonight Show, »dass wir rein gar nichts darüber wissen, wie die Marsianer ausgesehen haben.«
Hinter ihm hingen grellbunte Gemälde von »Aliens aus dem Weltraum«.
»Gar nichts?«, fragte der Gastgeber mit süffisantem Grinsen.
»Nichts. Sie könnten ein Dutzend Beine oder auch gar keine gehabt haben. Wir wissen es einfach nicht.«
»Dann sahen sie also wahrscheinlich nicht so aus wie dieses Bürschchen da.« Der Gastgeber zeigte auf ein ätherisches Geschöpf mit Rehaugen.
»Nein«, antwortete der Professor. »Und wie das da auch nicht.« Er reckte einen Daumen zu einem schleimigen Tentakelmonster aus Krieg der Welten.