Der Gastgeber seufzte tief. »Wahrscheinlich sehen sie wie meine Schwiegermutter aus.«
HEILIGABEND
Jamie und Dex hatten einen äußerst anstrengenden Tag damit verbracht, die vier mitgebrachten Kameras an verschiedenen Stellen in der Spalte aufzubauen, alles zu fotografieren, was es dort zu sehen gab, und sie dann immer wieder woandershin zu transportieren.
»Ich komme mir vor wie der Gehilfe des Kameraassistenten an einem Filmset«, grummelte Dex.
»Geht mir nicht anders, Kumpel«, sagte Jamie.
Nachdem sie den ganzen Vormittag mit Fotografieren verbracht hatten, aktivierte Jamie die VR-Ausrüstung an seinem Helm und unternahm einen ausführlichen, langsamen Rundgang durch das Gebäude, Stockwerk für Stockwerk, bis er wieder auf dem Dach angelangt war. Dex kam mit und stellte sich an die Wände und in die Mitte der verschiedenen Räume, um den Zuschauern eine Vorstellung von ihrer jeweiligen Größe zu vermitteln.
Als die Sonne sich bereits dem südwestlichen Horizont näherte, schaltete Jamie schließlich das VR-Gerät aus, und sie machten sich wieder auf den Weg zum Erdgeschoss hinunter.
»Wir vermuten, dass dies ein Wohngebäude war«, hörte Jamie sich laut denken. »Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht war es ein Aufbewahrungsort, zum Beispiel ein Lagerhaus oder ein Getreidespeicher.«
»Oder eine religiöse Stätte«, fügte Dex hinzu.
»Es gibt offenbar keine Spuren von Möbeln oder Gebrauchsgegenständen«, fuhr Jamie fort. »Von Dingen, die man dort zu finden erwarten würde, wo jemand gelebt und gearbeitet hat.«
»Vielleicht war es eine Festung«, schlug Dex plötzlich vor. »So eine Art Burg, weißt du. Vielleicht sind sie hier raufgekommen, um sich vor Feinden zu verstecken.«
An diese Möglichkeit hatte Jamie auch schon gedacht. »Dann gäbe es trotzdem Indizien dafür, dass sie hier gelebt haben, irgendwelche Möbel oder Tonwaren oder so.«
»Ja«, stimmte Dex zu, als sie zu der rechteckigen Öffnung im Dach zurückgingen. »Ein paar zerbrochene Speere.«
»Pfeilspitzen.«
»Vielleicht war es ein religiöser Schrein«, wiederholte Dex.
»Kann sein.« Jamie ging auf die Knie, um sich zum nächsten Stockwerk hinunterzulassen.
»Aber nichts, was wie ein Altar aussieht«, sagte Dex.
Jamie hielt sich mit beiden Händen fest und ließ sich hinab, bis er fühlte, wie seine Stiefel den Boden berührten. Dann tat Dex dasselbe, und sie machten sich auf den Weg zur nächsten Öffnung, die nach unten führte.
»Nicht die kleinste Spur von irgendwas«, knurrte Dex.
»Vielleicht im Staub verborgen«, sagte Jamie. »Wenn wir den Staub wegkehren, könnten wir was finden.«
Dex schwieg, bis sie zum Erdgeschoss kamen. Als sie langsam und müde zu dem niedrigen Durchgang nach draußen gingen, sagte er: »Das Problem ist, wir denken in menschlichen Kategorien. Diese Leute waren aber keine Menschen. Sie waren Marsianer.«
»Außerirdische.«
»Genau.«
»Vielleicht hatten sie keine Altäre oder religiösen Schreine«, sagte Jamie. »Vielleicht brauchten sie keine Festungen und mussten keine Pfeiloder Speerspitzen anfertigen.«
»Kann sein«, stimmte Dex zu.
Jamie dachte darüber nach, während er Dex half, das Klettergeschirr anzulegen.
»Dann wissen wir nicht mal, wonach wir suchen sollen, stimmt's?«, sagte er sinnierend.
Dex stieß sich vom Rand ab und hing im Geschirr. Er drehte sich langsam. »Vielleicht gibt's hier gar nichts zu finden.«
»Fällt mir schwer, das zu glauben.«
»Außer …«
Jamie sah zu, wie Dex langsam nach oben stieg und außer Sicht verschwand.
»Außer was?«, rief er.
»Außer dieser Ort ist so verflucht alt, dass alles, was nicht so massiv ist wie die Steinmauern, zu Staub zerfallen ist.«
Jamie stand allein am Rand der Felsspalte und dachte darüber nach, bis Dex ihm schließlich das Geschirr herunterschickte.
»Ein Weihnachtsgeschenk ist unterwegs zu euch«, sagte Rodriguez mit einem schiefen Grinsen auf dem dunklen, kantigen Gesicht.
Jamie war im Cockpit und hatte sich mit der Basis in Verbindung gesetzt, während Dex ihr Abendessen in die Mikrowelle stellte.
»Was soll das heißen, ein Weihnachtsgeschenk?«
»Es ist Heiligabend, also bringt der Weihnachtsmann euch ein Geschenk.« Die dunklen Augen des Astronauten funkelten.
»Wie bitte?«
»Bleibt dran«, sagte Rodriguez.
Sein Bild erlosch; dafür erschien Stacy Deschurowa auf dem Monitor. Das Bild war körnig und ein bisschen verwaschen. Jamie kam es fast so vor, als säße sie am Steuer eines Rovers.
»Ho, ho, ho«, machte Deschurowa mit ihrer tiefsten Stimme, »ich bin euer offizieller Weihnachtsmann.«
Jamie musste lächeln. »Wo ist dein Bart?«
»Ach, unwichtige Banalitäten. Bei all deiner Planung für diese Exkursion hast du vergessen, dass ihr Weihnachten dort draußen sein würdet, nicht wahr?«
»Hab ich wohl, ja«, gab Jamie zu.
»In unserem Plan ist ein Ruhetag vorgesehen. Ein Feiertag. Morgen wird nicht gearbeitet.«
Mit einem trübseligen Grinsen fragte Jamie: »Wissen DiNardo und sein Ausschuss darüber Bescheid?«
»DiNardo hat ausdrücklich darauf hingewiesen«, sagte Deschurowa. »Denk daran, er ist katholischer Priester.«
»Das stimmt.«
»Wir bringen euch also ein Geschenk.« Stacy ließ zu, dass sich ihre Lippen zu einem leisen Lächeln verzogen.
»Wir?«
»Fuchida und Hall sind bei mir im Rover. Wir sind auf dem Weg zu euch.«
»Im Ernst?« Jamie drehte sich auf seinem Sitz halb um. »Dex, hast du das gehört?«
»Wir kriegen Gesellschaft!« Dex eilte ins Cockpit und glitt auf den anderen Sitz.
»Ganz recht.«
Deschurowa hob die Stimme, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Moment. Da ist noch etwas. Wir haben euer Weihnachtsessen dabei.«
»Sojabohnen-Truthahn und falsche Preiselbeeren«, nörgelte Dex.
»Nein, nein, nein!«, rief Deschurowa. »Echten Truthahn und echte Preiselbeeren! Das Kontrollzentrum hat die Spezialmahlzeiten vor unserem Abflug von der Erde an Bord bringen lassen.«
»Wer, zum Teufel, hat das veranlasst?«, staunte Dex.
»Es war eine Überraschung für uns alle. Die Information über das Festessen war im heutigen Missionsplan«, fuhr Deschurowa fort. »Ich hab's heute Morgen gesehen, als ich einen Blick auf den Tagesplan geworfen habe.«
»Eine Weihnachtsüberraschung«, sagte Jamie.
»Für jeden. Auf Tarawa wussten sie nicht, dass ihr beiden zu Weihnachten nicht in der Kuppel sein würdet. Deshalb bringen wir euch das Essen.«
»Weihnachten mit Freunden.« Dex strahlte. »Wir sollten hier lieber mal aufräumen, wenn wir Besuch kriegen.«
Vijay stand hinter Rodriguez und sah zu, wie Stacy Dex und Jamie von der Weihnachtsüberraschung erzählte.
Sie hatte erwogen, zusammen mit den anderen zum Canyon zu fahren, aber dann wären Rodriguez und Craig am Feiertag allein geblieben. Rodriguez konnte die Kuppel mit seiner allmählich verheilenden Hand nicht verlassen, und Vijay sah ein, dass sie für den Fall des Falles in der Nähe ihres Patienten bleiben sollte. Außerdem waren Tommy und Trudy inzwischen ein Paar, und da Trudy nun zum Canyon gefahren war, um bei der Erforschung der Ruinen zu helfen, wirkte Tommy bekümmert und niedergeschlagen. Ohne seine Freundin würde es für ihn ein ziemlich trauriges Weihnachten werden.
Sie wusste, das war ein guter Grund, hier zu bleiben, aber es war nicht ihr wahrer Grund. Sie fürchtete sich davor, mit Jamie und Dex dort draußen zu sein, fürchtete sich vor den Spannungen, die das erzeugen würde, den Problemen, die es verursachen konnte. Die beiden Alpha-Männchen schienen allein recht gut miteinander klarzukommen, da hatte es keinen Sinn, ihre Hormone in Wallung zu bringen.