Aber das ist morgen, sagte er sich. Heute ist Weihnachten. Er war angenehm beduselt von der kleinen Portion Wein, die er zum Essen getrunken hatte. Alle anderen wirkten genauso entspannt, genauso glücklich.
Jamie schaute zu Dex hinüber, der Fuchida grinsend mit Bemerkungen zur religiösen Bedeutung eines Einkaufsbummels piesackte. Plötzlich kam ihm eine Idee.
Er schlüpfte hinter dem Tisch hervor, murmelte ein »Entschuldigt mich« und machte sich auf den Weg zum Cockpit.
»He, Jamie!«, rief Dex. »Das Pissoir ist in der anderen Richtung.«
Er drehte sich um und bedachte sie mit einem Lächeln. »Ich kann aus dem Fenster pinkeln.« Er zog den Kopf ein und glitt auf den rechten Cockpit-Sitz.
Die vier redeten, scherzten und lachten mit solcher Lautstärke, dass Jamie nicht das Gefühl hatte, das Headset aufsetzen zu müssen. Trotzdem stöpselte er es ein und hielt das Stiftmikro nah an die Lippen, als er seine Botschaft an Darryl C. Trumball schickte.
»Mr. Trumball, ich weiß nicht, wo Sie sind, und ich habe nicht nachgesehen, wie viel Uhr es jetzt in der Zeitzone von Bosten sein mag, also entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie bei Ihrer Weihnachtsfeier störe. Ich dachte nur, es wäre ein nettes Geschenk für Ihren Sohn, wenn Sie ihn anrufen und ihm frohe Weihnachten wünschen würden.«
Mit einem Blick auf seine Armbanduhr fuhr Jamie fort: »Wir haben hier noch knapp drei Stunden Weihnachten, also sollten Sie sich mit Ihrem Anruf nicht allzu viel Zeit lassen. Ich weiß, dass Dex es zu schätzen wüsste. Danke.«
Er gesellte sich wieder zu der Gruppe, als sie gerade anfingen, Weihnachtslieder zu singen. Trudy hatte eine CD mitgebracht, und bald hallte der Rover von volltönenden Weihnachtsliedern wider, dargebracht von niemand Geringerem als dem Westminster Abbey Chor. Die fünf Forscher sangen aus vollem Halse mit.
Jamie schaute immer wieder zur Kontrolltafel im Cockpit, um zu sehen, ob das Lämpchen für eingegangene Botschaften blinkte. Es blieb dunkel. Dex schien nichts davon zu ahnen, was er getan hatte; er sang und lachte so laut wie alle anderen. Vielleicht sogar noch lauter.
Um Mitternacht war immer noch kein Anruf von der Erde gekommen. Doch falls irgendwelche Marsianer über die bitterkalte, fast luftlose Ebene am Rand des Grand Canyons streiften, so hätten sie in der dünnen Nachtluft seltsame, fremdartige Stimmen gehört, die stümperhaft sangen:
»Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Weihnachtsmann will Äpfel klaun. Er zieht sich grüne Kleider an, dass er sich besser tarnen kann …«
ABEND: SOL 111
»Mir tut der Rücken weh.«
Jamie blickte auf und sah, wie Fuchida den Helm abnahm. Der Biologe wirkte müde; Linien der Erschöpfung furchten seine Stirn, und seine Augen waren trübe.
Jamie hatte gerade den Staub von seinem Raumanzug abgesaugt, nachdem sie einen weiteren Tag in der Felsenbehausung gefegt hatten. Fuchida war als Letzter des Teams mit dem Seil heraufgefahren und zum Rover zurückgekehrt.
Seit über einer Woche fegten und wischten die vier Forscher nun sorgfältig und mühselig den Staub vom Boden und von den Wänden des Gebäudes. Unter der Anleitung von DiNardos Archäologenund Paläontologenausschuss auf der Erde hatten Jamie, Dex, Trudy und Mitsuo die ursprünglich zur Reinigung von Raumanzügen und elektronischen Geräten vorgesehenen Bürsten zu provisorischen Besen und Staubwedeln umgebaut.
Tag für Tag säuberten sie mühevoll ein kleines Stück in einem der Räume und siebten gewissenhaft den Staub, damit sie auch ja keine Tonscherbe und keinen Metallspan übersahen. Aber sie fanden nichts. Abend für Abend humpelten sie mit schmerzendem Rücken und verkrampften Fingern, die stundenlang die improvisierten Griffe ihrer primitiven Werkzeuge gepackt gehalten hatten, zum Rover zurück.
»Wer immer hier war«, sagte Dex nach einer Woche müde, »hat alles fein säuberlich abtransportiert. Hier ist nichts. Überhaupt nichts.«
Fuchida hatte bereits seine obere Liege heruntergeklappt und kletterte hinauf. »Wir verschwenden unsere Zeit. Trudy und ich sollten auf dem Grund des Canyons sein, bei den Flechten.«
Jamie, der in der Kombüse gerade sein Abendessen in die Mikrowelle stellte, spitzte die Ohren. Wenn Mitsuo anfängt, sich zu beklagen, haben wir hier echte Probleme.
»Ich werde heute Nacht mit DiNardo darüber sprechen«, versprach er. »Vielleicht können Dex und ich zu Ende fegen, während ihr beiden zu der Flechte hinunterfahrt.«
Hall saß auf dem Rand ihrer Liege, unter der von Fuchida. »Sein verdammter Ausschuss braucht immer eine Woche, um irgendeine Entscheidung zu treffen.«
Dex stimmte ihr zu. »Ja. Ich bin dafür, dass wir die Sache mit Stacy besprechen, und wenn sie kein Problem mit dem Umzug hat, können Trudy und Mitsuo zum Boden des Canyons runterfahren.«
»Und DiNardo?«, fragte Jamie.
»Wir sagen ihm, was wir tun, wir fragen ihn nicht.«
Jamie dachte darüber nach. Der Glockenton der Mikrowelle erklang, und er holte seine Essensschale heraus und ging zum Tisch zwischen den beiden doppelstöckigen Liegen hinüber.
Als Jamie neben Dex Platz nahm, der bereits sein Essen hinunterschlang, kam ihm zu Bewusstsein, dass der junge Mann in den vergangenen Wochen erheblich reifer geworden war. Man könnte ihn fast schon gern haben, dachte Jamie.
»Wie ist dir denn dabei zumute, dass du deine geologische Arbeit aufschiebst, Dex?«
Dex zuckte die Achseln und kaute weiter. Dann schluckte er und antwortete: »Ich bin jedenfalls nicht gerade begeistert darüber, dass ich hier zum Hilfsarbeiter degradiert werde. Das ist eine Tätigkeit für Studenten auf dem Weg zur Promotion. Aber irgendjemand muss sie wohl erledigen.«
»Ich weiß deine Hilfe zu schätzen«, sagte Jamie.
Diesmal bedachte Dex ihn nicht mit seinem üblichen Grinsen, sondern warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. »Ich wünschte nur, wird würden irgendwas finden. Irgendwas. Diese ganze verdammte Fegerei, und wir haben noch nicht mal eine Stecknadel gefunden.«
Jamie nickte. »Es ist so, wie du gesagt hast, Dex. Jemand hat dieses Gebäude sehr gründlich ausgeräumt, bevor es verlassen wurde.«
»Wer? Und wohin sind die Bewohner verschwunden?«
»Das sind die großen Fragen, nicht?«
Dex schüttelte den Kopf. »Ich mag keine Krimis. Die finde ich blöd. Ich lese immer zuerst den Schluss. Dann weiß ich wo's langgeht.«
Mit einem Lächeln sagte Jamie: »Den Schluss von diesem Krimi kennen wir aber nicht.«
»Es ist zum Verrücktwerden!«, platzte Dex heraus. »Das Gebäude ist da, aber es sagt uns nichts. Rein gar nichts!«
»Es sagt uns, dass hier Wesen gelebt haben, die es erbaut haben«, erwiderte Jamie leise. »Intelligente Marsianer.«
Dex nickte müde. »Ja. Aber das reicht nicht, oder?«
»Jetzt nicht mehr«, stimmte ihm Jamie zu.
»Irgendwas von den Schwebegleitern?«
»Bis jetzt noch nichts. Jedenfalls nichts, was wie ein Dorf oder ein Gebäude aussieht. Die Satelliten-Scans haben auch nichts erbracht.«
»Nichts Erkennbares.«
»Denk daran, dass die Satelliten und Schwebegleiter dieses Gebäude nicht gefunden haben«, rief ihm Jamie ins Gedächtnis.
»Ja, ich weiß«, sagte Dex. »Dazu hat's die scharfen Augen unseres Navajo-Scouts gebraucht.«
Jamie lächelte. Diesmal lag ausnahmsweise keine Boshaftigkeit in Dex' Witzelei.
»Es könnte unzählige weitere Bauwerke wie dieses auf dem Planeten geben, aber wir würden es erst merken, wenn wir drüber stolpern«, knurrte Dex.
Jamie schaute die beiden Biologen auf der anderen Seite des Tisches an. Sie schienen bereits zu schlafen. Mitsuo hat Recht, sagte er sich. Sie sollten unten sein und die Flechte studieren, statt sich hier mit so einer geistlosen Arbeit herumzuplagen.