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Er hatte sich kurz Gedanken darüber gemacht, wie Trudy als einzige Frau unter drei Männern zurechtkam, aber soweit er erkennen konnte, gab es keine sexuellen Spannungen im Rover. Wir hocken hier zu eng aufeinander, als dass irgendwas passieren könnte, dachte Jamie. Außerdem hat Trudy klargemacht, dass sie mit Rodriguez zusammen ist, und Tomas könnte sehr rabiat werden, wenn jemand sie belästigt. Sie ist gut beschützt, obwohl er nicht hier ist.

Dex unterbrach ihn in seinen Überlegungen. »Tja, wir könnten uns mal die Schwebegleiter-Bilder von heute anschauen.«

»Gute Idee.«

Die beiden Männer schlüpften hinter dem Tisch hervor und gingen ins Cockpit. Jamie sprach kurz mit Deschurowa, die sofort zustimmte, dass die Biologen ihre eigenen Forschungsarbeiten weiterführen sollten, dann jedoch hinzufügte:

»Sie werden einen eigenen Rover brauchen, um zum Boden des Canyons hinunterzukommen. Ich schicke Rodriguez mit Rover Nummer zwei los.«

»Ist seine Hand wieder in Ordnung?«

»Baseball spielen könnte er damit noch nicht, aber zum Fahren reicht's.«

»Okay. Wie lange wird das dauern?«

»Einen Tag, um den Rover zu beladen. Zwei Tage für die Fahrt zu euch.«

»Gut«, sagte Jamie. Er erwog, sie zu fragen, ob er mit Vijay sprechen könnte, aber da Dex neben ihm saß, entschied er sich dagegen. Sie hatte ihn nicht angerufen und er sie auch nicht. Wahrscheinlich war es besser, es vorläufig dabei zu belassen, sagte er sich.

»Wir würden gern die heutigen Bilder des Schwebegleiters sehen«, sagte Dex.

Deschurowa nickte. »Nichts Neues, aber schaut es euch selbst an.«

Sie hatte Recht, wie Jamie sah. Die Bilder zeigten die rostige, eisige, öde Marslandschaft in prächtigen Details, mit einer Auflösung von bis zu einem Meter. Aber keine Hinweise auf Bauwerke. Keine Spur von Struktur oder Ordnung. Keine Umrisse alter Fundamente. Keine Haufen behauener Steine. Nichts als nackte, leere, endlose Wildnis.

Endlos weit nichts als endlose Weite, dachte Jamie. Dagegen sieht das Death Valley aus wie das blühende Leben.

»Komische Sache«, meinte Dex, während sie zusahen, wie ein Bild nach dem anderen auf dem Bildschirm im Cockpit erschien.

»Was?«

»Ich hab eine Nachricht von meinem alten Herrn gekriegt. So was wie eine verspätete Weihnachtskarte.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Vor ein paar Tagen. Er hat gesagt, es täte ihm Leid, dass er an Weihnachten nicht mit mir sprechen konnte. Er war in Monaco, bei einer internationalen Konferenz gemeinnütziger Forschungsstiftungen.«

»Um Geld aufzutreiben.«

»Was sonst?«, fragte Dex. »Oh, vermutlich hat er auch ein paar Oben-ohne-Badenixen gevögelt. Das macht er immer, wenn er auf Reisen ist.«

»Hat deine Mutter dich zu Weihnachten angerufen?«, fragte Jamie.

Dex schnaubte verächtlich. »Deren Weihnachtsgruß hab ich zwei Tage zu früh gekriegt. Sie schickt alle ihre Grüße zu früh los. Zeichnet eine Botschaft auf und schickt sie über ihre Mailingliste raus. So persönlich wie ein Versandhauskatalog, meine Mom.«

Darauf fiel Jamie keine Erwiderung ein.

»Der springende Punkt ist folgender«, fuhr Dex fort. »Dad hat gesagt, er sei stolz auf die Arbeit, die ich hier geleistet habe. Er hat's irgendwie abgelesen, wie von 'nem Teleprompter. Wahrscheinlich hat er sich den Text von einem seiner Handlanger schreiben lassen.«

»Ich glaube nicht …«

Dex lachte leise. »Du kennst den alten Fuchs nicht so gut wie ich. Aber er hat tatsächlich gesagt, er sei stolz auf mich. Ich glaube, das war eine Premiere.«

»Tja, das freut mich für dich.«

Dex sah Jamie einen langen Moment schweigend an, während sie nebeneinander im Cockpit saßen. »Du hast da doch nicht dran gedreht, oder?«

»Ich?«

»Ich meine, der Alte hat mir noch nie erzählt, dass er stolz auf mich ist. Hast du ihn auf die Idee gebracht?«

Bevor Jamie antworten konnte, sagte Dex: »Ist auch egal. Sag's mir nicht. Ich will's gar nicht wissen. Ich würde lieber glauben, dass mein lieber alter Dad auf seine alten Tage sentimental wird.«

Jetzt lachte Jamie leise. »Er kommt mir nicht gerade wie der sentimentale Typ vor.«

»Der ist er wohl auch kaum«, pflichtete Dex ihm bei. »Jedenfalls, wenn du die Finger im Spiel hattest … danke.«

Jamie schwieg, weil er das dünne Band zwischen ihnen, das sich langsam festigte, nicht belasten wollte.

»Mal was anderes«, sagte Dex, während die öden Bilder über den Monitor liefen. »Früher oder später müssen wir die Kuppel hierher verlegen. Ich finde, je eher wir's tun, desto besser.«

Jamie seufzte. »Ich habe darüber nachgedacht.«

»Und?«

»Wie wär's, wenn wir Tarawa bitten würden, die Ersatzkuppel hierher zu schicken, samt Seilen und der erforderlichen Ausrüstung zum Bau eines besseren Lifts?«

Dex' Augen leuchteten auf. »Dann müssten wir die Kuppel nicht verlegen.«

»Richtig.«

»Das Problem ist, sie wäre frühestens in fünf, sechs Monaten hier, selbst wenn sie morgen früh mit den Vorbereitungen anfangen würden.«

»Stimmt«, gab Jamie zu. »Aber wenn wir mit der Kuppel umzögen, würde uns das vier bis sechs Wochen kosten.«

»Mindestens.«

»Und während dieser Zeit könnten wir nichts Produktives tun. Die nützliche Arbeit käme vollständig zum Erliegen.«

»Ja.«

»Die Reservekuppel steht auf Baikonur bereit …«

»Und eine Nachschubmission ist im Budget vorgesehen«, beendete Dex den Satz für Jamie. »Stimmt! So machen wir's.«

»Gut. Ich sage Stacy Bescheid, und sie kann es an Connors weitergeben. Die Frage ist nur, ob Tarawa einverstanden sein wird.«

»Aber klar«, sagte Dex in entschiedenem Ton. »Ich meine, wir können ja nicht dauernd mit den Rovern hin und her fahren. Das ist unwirtschaftlich. Und wir essen unsere ganze Fertignahrung auf. Irgendwann haben wir keine Reservenahrung mehr. Wir sollen uns ja eigentlich vom Garten ernähren.«

Jamie wusste, dass er Recht hatte. »Wir müssen ein zweites Gewächshaus bauen.«

Dex nickte enthusiastisch. »Warum machen sie nicht gleich einen bemannten Flug draus? Sollen sie doch ein paar von den Archäologen mitschicken, die hierher wollen.«

»Sie müssten monatelang trainieren, Dex. Man kann nicht einfach ein Team zusammenstellen und zum Mars schicken, ohne die Leute vorher auszubilden.«

Dex machte ein langes Gesicht. »Naja. Klar.«

»Aber es wäre sinnvoll, wenn sie jetzt schon ein paar aussuchen und trainieren würden«, sagte Jamie.

»Finde ich auch«, erwiderte Dex. »Ich hatte nur gehofft, ein paar von denen wären so rechtzeitig hier, dass sie die Kehrwoche übernehmen könnten.«

NACHMITTAG: SOL 113

»Ich habe hier etwas.«

Jamie blickte von seiner Arbeit mit dem Besen auf. Es war ein weiterer monotoner, mühseliger Tag gewesen. Sie hatten das komplette oberste Stockwerk der Behausung gesäubert, aber nichts gefunden. Kein Fitzelchen irgendeines Materials. Nichts als nackte Wände. Jetzt arbeiteten sie im ersten Stock.

Rodriguez war soeben mit dem Rover zu ihnen aufgebrochen. Seine Abfahrt hatte sich aufgrund eines Dutzends nervtötend kleiner, aber unvermeidlicher Verzögerungen verspätet, unter anderem auch deshalb, weil er seine verbundene Hand nicht in den Handschuh seines Raumanzugs zwängen konnte. Vijay hatte in letzter Minute einen größeren Handschuh besorgen müssen und ihm einen von Craig aus dessen Reservevorrat gegeben.

Pete Connors hatte den Vorschlag, ihnen die Reservekuppel mit der gesamten Ausrüstung zum Canyon zu schicken, sofort gebilligt. Er hatte die Anforderung an den IUK-Vorstand weitergeleitet und Trumball in Boston mit einer persönlichen Nachricht entsprechend informiert.