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»Mitsuo, warst du das?«, fragte Jamie.

»Ja«, erwiderte der Biologe. Seine Stimme klang seltsam, erstickt, nervös vor Anspannung. »Kommt her und schaut euch das an.«

Jamie befand sich in der Mitte des großen Raums, wo er den Staub auf dem Boden langsam und systematisch zu der nach unten führenden Öffnung gefegt hatte. Wenn man dabei nicht äußerst behutsam zu Werke ging, wallte der Staub auf und wehte wieder in den Bereich, den man gerade gesäubert hatte. Und alle paar Minuten mussten sie den Staub mit Gittern sieben, die sie aus dem Ersatzteilbestand für die Lüftungsanlage organisiert hatten.

Es wäre viel leichter, wenn sie den Staub einfach vom Boden und den Wänden absaugen könnten, aber die Handsauger, mit denen sie ihre Anzüge reinigten, konnten die schiere Menge Staub nicht bewältigen, die sich in dem Gebäude angesammelt hatte; in manchen Ecken lag er mehrere Zentimeter hoch. Die Handsauger liefen ohnehin schon unregelmäßig, weil sie weitaus stärker beansprucht wurden als von ihren Konstrukteuren erwartet; sie kamen jeden Abend zum Einsatz, wenn sie zu viert in den Rover stiegen, fast bis zu den Helmen von rostrotem Staub bedeckt. Rodriguez brachte nun einen Satz Reservesauger mit, sodass diejenigen, die sie momentan benutzen, zwecks der dringend notwendigen Wartung zu Stacy und Wiley zurückgeschafft werden konnten.

Außerdem hatten die Wissenschaftler auf der Erde darauf bestanden, dass sie den Staub von Hand siebten. Es hätte ja sein können, dass die Staubsauger eine unermesslich wichtige Tonscherbe oder einen Splitter eines fossilen Knochens verschluckten oder zerbrachen.

Jamie musste beinahe lachen. Sie hatten nichts gefunden. Null. Nada. Keine Scherben, keine Knochensplitter, keine Spuren von irgendetwas, nur aufreizend allgegenwärtigen Staub.

Bis zu diesem Augenblick.

»Was ist es, Mitsuo?«, fragte Jamie, während er zu der Ecke hinüberging, an welcher der Biologe gearbeitet hatte. Jetzt stand er stocksteif da, das Gesicht der soeben gesäuberten Wand zugekehrt.

»Ihr … kommt lieber her und schaut es euch selbst an.«

Dex kam mit großen Schritten durch die geräumige, leere Kammer. Die königsblauen Streifen an seinem Raumanzug verschwanden fast unter einer roten Staubschicht. Trudy folgte ihm dichtauf.

»Na, was hast du da, Kumpel?«, fragte Dex. »Irgendwelche Marsianer gefunden?«

»Ja, das könnte sein.« Fuchidas Stimme zitterte ein wenig.

Jamie sah, dass er auf die Wand zeigte, die er gereinigt hatte. Es war keine glatte, leere Fläche, wie bei den anderen Wänden.

An der Wand waren Kratzer. Etwa von halber Höhe aus bis dort hinunter, wo noch immer Staub klebte, war die Wand mit einem feinen Filigranmuster gekrümmter Linien überzogen.

»Risse«, sagte Dex. Aber sein forsch-fröhliches Gehabe war verschwunden.

»Oder eine Inschrift«, sagte Jamie.

»Eine Inschrift«, stimmte Fuchida zu.

In seinen Helmlautsprechern hörte Jamie sie alle vier schwer atmen. Sie keuchten beinahe.

Trudy meinte: »Risse wären nicht so regelmäßig. Seht mal …« Ihr behandschuhter Finger fuhr waagrecht über die Wand. »Hier ist eine Linie nach der anderen.«

»Nicht die Wand anfassen«, warnte Jamie.

»Ich fasse sie nicht an«, sagte sie ein wenig verärgert.

»Machen wir den Rest sauber«, sagte Dex.

Sie gingen alle vier an die Arbeit, wischten sanft, aber ungeduldig die Wand ab. Rostroter Staub wehte in alle Richtungen.

»Wir müssen Plastikzelte oder so aufbauen«, dachte Dex laut, »um die Öffnungen abzudecken und dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Staub reinweht.«

Jamie nickte in seinem Helm. »Ich wünschte, wir könnten diese Mauern datieren.«

All ihre Bemühungen, das Alter der Mauern zu bestimmen, waren gescheitert. Es gab keine organischen Stoffe in den Steinbrocken, aus denen die Mauern bestanden. Sie waren aus dem Felsen geschlagen und so behauen worden, dass sie aneinander gefügt werden konnten wie die Steine in den Mauern von Machu Picchu. Ihre Innenflächen hatte man sorgfältig poliert.

»Hier werden eine Menge Leute mit dem Versuch, ein zuverlässiges Datierungssystem zu finden, ihren Doktor machen«, sagte Dex.

»Der Stein muss tiefer aus dem Innern der Spalte stammen«, meinte Fuchida, während sie arbeiteten.

»Glaubt ihr, dass hier drin mal Wasser geflossen ist?«, fragte Hall.

»Bestimmt«, sagte Dex.

»Es gibt keine Hinweise darauf«, sagte Jamie.

»Wir haben noch gar nicht danach gesucht«, konterte Dex.

»Es wäre sehr schwierig für sie gewesen, Wasser vom Grund des Canyons heraufzuschaffen«, meinte Fuchida.

»Falls da unten jemals welches geflossen ist«, sagte Jamie, während er vorsichtig wischte und seine wachsende Erregung im Zaum zu halten versuchte. Immer mehr Linien zierten die Felswand.

»Ich wette, wir finden Beweise dafür, dass es da unten einen Fluss gegeben hat«, sagte Dex.

»Aber wann hat es ihn gegeben?«, fragte Jamie. »Wie lange ist das her?«

»Schaut!«, rief Trudy. »Es ist ein Bild, glaube ich.«

Sie bürstete weiter an ihrem Wandabschnitt herum und legte dabei einen Kreis frei, von dem Pfeile ausgingen, wie es schien.

»Ein Sonnensymbol?« Jamie schnappte schockiert nach Luft. Das Bild ähnelte den Symbolen, mit denen die Navajos und andere Stämme die Sonne bezeichneten.

»Sie hatten Augen wie wir«, sagte Trudy. Ihre Stimme klang hohl. »Sie besaßen Sehvermögen, und sie haben eine Schrift erfunden.«

»Eine Inschrift«, hauchte Dex. Seine übliche nassforsche Art war verschwunden.

An der Wand war eine komplette Reihe bildähnlicher Symbole zu sehen. Piktogramme, dachte Jamie. Wie die frühesten Schriftformen in Ägypten.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Fuchida. »Was wollten sie uns sagen?«

Jamies Kehle war trocken. Er brauchte drei Versuche, bis er ein wenig Speichel gesammelt hatte und schlucken konnte.

»Kommt«, sagte er. »Machen wir den Rest sauber.«

Schweigend gingen sie an die Arbeit.

Jamie schaute noch einmal auf das Sonnensymbol. Nein, das ist unmöglich, sagte er sich. Diese Wesen können nicht unsere Vorfahren sein. Sie waren nicht menschlich. Sie hatten einen anderen Körperbau. Sie sind ausgestorben … sie sind nicht zur Erde ausgewandert. Das ist lächerlich.

»Oh-oh«, grunzte Dex.

Sie drehten sich zu ihm um. Dex lag auf den Knien und hatte sich gebückt, um den Staub vom untersten Teil der Wand zu bürsten.

Die regelmäßigen Linien mit ordentlichen Abständen dazwischen endeten ungefähr einen Meter über dem Boden. Darunter folgten weitere, unregelmäßigere Symbole, die im Vergleich mit denen darüber schief und krakelig wirkten.

»Wie Kinderschrift«, sagte Hall leise.

»Oder die von primitiven Erwachsenen«, meinte Fuchida.

»Diese regelmäßigen Linien hier oben« — Hall zeigte mit ihrer Hand darauf — »sind eingraviert worden. Sie haben Meißel oder irgendwelche anderen Werkzeuge benutzt und die Linien damit tief in den Stein gekerbt. Seht ihr? Aber die da unten …«

»Das sind nur oberflächliche Kratzer«, sagte Dex. »Wie Kritzeleien.«

»Graffiti«, sagte Fuchida.

»Kinder? Vandalen?«, fragte sich Hall.

»Touristen«, murmelte Jamie.

»Hier unten sind noch mehr Zeichnungen«, sagte Dex und bürstete wie wild. Um ihn herum wallte der Staub auf.

»Wer hat den Fotoapparat?«, fragte Jamie.

»Ich«, sagte Fuchida.

»Nicht die Schutzkappe vom Objektiv abnehmen, bevor sich der Staub gelegt hat!«, warnte Dex und wischte sich mit der freien Hand über die Sichtscheibe des Helms. »Zumindest pappt dieses Zeug nicht so wie der Staub auf dem Mond.«

»Der Staub auf dem Mond ist elektrostatisch aufgeladen«, sagte Fuchida. »Das kommt vom einfallenden Sonnenwind.«