MORGEN: SOL 50
Jamie war nicht überrascht, als er sah, dass sein Großvater im Felsendorf auf ihn wartete.
Er erinnerte sich daran, wie er vom Rand des Canyons abgestiegen war und dann, kaum dass er bei der Nische in der Felswand angelangt war, langsam und bedächtig seinen Raumanzug ausgezogen hatte. Ihm war warm, und er fühlte sich sicher, als er, nur mit seinem Overall bekleidet, durch die stillen Ruinen spazierte.
Großvater Al saß im hellen Sonnenschein auf einer Holzbank, an die Adobewand eines der Gebäude gelehnt. Seinen breitkrempigen Hut hatte er tief in die Stirn gezogen.
»Schläfst du, Großvater?«, fragte Jamie leise. Er war wieder neun Jahre alt, und er konnte nicht sagen, ob er sich auf dem Mars oder in dem alten Pueblo befand, wo Al um Teppiche und Töpferwaren feilschte, die er in seinem Laden in Santa Fe verkaufen wollte.
»Nein, ich schlafe nicht, Jamie. Ich habe auf dich gewartet.«
»Hier bin ich.«
Al sah seinen Enkel an und lächelte. »Das ist gut.«
Jamie breitete die Arme aus. »Wo sind sie alle? Das Dorf ist leer.«
»Sie sind fortgegangen.«
»Wohin denn?«
»Das weiß ich nicht. Niemand weiß es. Du musst es herausfinden, Enkel.«
»Aber wo könnten sie sein?«
»Auf der Suche nach ihrer Bestimmung«, sagte Al. »Nach ihrem eigenen, richtigen Weg.«
Jamie setzte sich neben seinen Großvater auf die Bank. Die Sonne war warm und spendete ihm Kraft.
»Erzähl mir von ihnen, Großvater. Erzähl mir von den Leuten, die hier gelebt haben.«
Al lachte, ein leises, fröhliches Glucksen. »Nein. Ich kann es dir nicht erzählen, Jamie-Boy. Du musst es mir erzählen.«
Jamie war verwirrt. »Aber ich weiß es nicht.«
»Dann wirst du's rausfinden müssen, mein Sohn.«
Jamie schlug die Augen auf. Diesmal verblasste sein Traum ausnahmsweise nicht. Er war so lebendig wie eine echte Erinnerung.
Er stieß das dünne Laken weg, das ihn bedeckte, und stand auf. Nach der langen Nacht, die sie alle hinter sich hatten, hätte er eigentlich müde und ausgelaugt sein müssen. Aber er war wach und voll da, konnte es kaum erwarten, den Tag zu beginnen.
Er trat rasch an seinen Schreibtisch und schaltete seinen Laptop ein, dann öffnete er den Kommunikationskanal zu Rodriguez und Fuchida. Mit einem Blick auf die Schreibtischuhr sah er, dass es sechs Uhr dreiunddreißig war. Er zögerte jedoch nur einen kurzen Moment, dann rief er die beiden Männer auf dem Olympus Mons.
Wie er vermutet hatte, waren sie beide wach. Auf dem Bildschirm von Jamies Laptop saßen sie Seite an Seite im Cockpit des Flugzeugs.
»Guten Morgen«, sagte er. »Gut geschlafen?«
»Außerordentlich gut«, antwortete Fuchida.
»Das Cockpit hier sah aus wie das beste Hotel der Welt, als wir heute Nacht eingestiegen sind«, sagte Rodriguez.
Jamie nickte. »Ja, kann ich mir vorstellen.«
Rodriguez erstattete ihm einen kurzen, knappen Morgenbericht. Fuchida lobte den Astronauten überschwänglich, weil er seinen Anzug von der verdorbenen Luft gereinigt und die elektrischen Anschlüsse wieder befestigt hatte, die sich bei dem Aufprall in seinem Tornistergerät gelöst hatten.
»Mein Anzuggebläse summt brav vor sich hin«, sagte er. »Aber ich fürchte, ich werde mit meinem schlimmen Knöchel nicht viel Nützliches tun können.«
Sie hatten die Knöchelverletzung in der vergangenen Nacht diskutiert, sobald Fuchida das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Vijay vermutete, dass es eine Verstauchung war, wollte den Biologen jedoch so rasch wie möglich wieder in der Kuppel haben, um ihn zu röntgen.
Jamie hatte entschieden, dass Rodriguez so viele der geplanten Arbeiten wie möglich allein ausführen sollte, bevor sie zurückflogen. Ihr Plan sah vor, dass sie einen weiteren halben Tag auf dem Gipfel des Berges verbrachten und dann am frühen Nachmittag den Rückflug zur Kuppel antraten. Sie sollten also lange vor Sonnenuntergang wieder bei der Basis landen.
»Ich bin froh, wenn ich aus diesem Anzug herauskomme«, gestand Fuchida.
»Wir werden nicht besonders gut riechen«, fügte Rodriguez hinzu.
Jamie ertappte sich dabei, dass er angestrengt auf den kleinen Bildschirm seines Laptops spähte und durch ihre Sichtscheiben zu schauen versuchte. Was natürlich unmöglich war. Aber sie klangen beide ziemlich munter.
Die Ängste und Gefahren der vergangenen Nacht waren fort, das Tageslicht und die relative Sicherheit des Flugzeugs verliehen ihnen neuen Mut.
Rodriguez sagte: »Wir haben beschlossen, dass ich noch mal in die Caldera runtersteige und die Bake, die wir dort auf dem Sims gelassen haben, richtig aufstelle.«
»Damit wir anständige Daten von ihr bekommen«, fügte Fuchida hinzu, als befürchtete er, Jamie würde ihre Entscheidung anfechten.
Jamie fragte: »Meint ihr wirklich, dass ihr das tun solltet?«
»Müsste ganz einfach sein«, sagte Rodriguez lässig, »solange ich nicht wieder in die Nähe des verdammten Lavaschlots komme.«
»Gibt es dort, wo ihr die Bake aufstellen wollt, genug Sonnenlicht?«
Jamie spürte, dass der Biologe in seinem Helm nickte. »Oh ja, das Sims liegt täglich mehrere Stunden in der Sonne.«
»Dann kriegen wir Daten aus dem Innern der Caldera«, half Rodriguez nach.
»Nicht sehr tief im Innern«, setzte Fuchida hinzu, »aber immer noch besser als gar keine Daten.«
»Wollt ihr das wirklich machen?«
»Ja«, sagten sie alle beide. Jamie spürte ihre Entschlossenheit. Es war ihr kleiner Sieg über den Olympus Mons, ihre Art, sich zu beweisen, dass sie keine Angst vor dem riesigen Vulkan hatten.
»Also gut«, sagte Jamie. »Aber seid vorsichtig.«
»Wir sind immer vorsichtig«, sagte Fuchida.
»Jedenfalls meistens«, fügte Rodriguez mit einem Lachen hinzu.
»Wie is der Wetterbericht?«, fragte Wiley Craig.
»Weitgehend unverändert«, antwortete Dex Trumball aus dem Cockpit des Rovers. Er fuhr, während Craig die Überreste des Frühstücks wegräumte und den Tisch wieder in den Boden zwischen den Liegen klappte.
Craig kam nach vorn und setzte sich auf den Beifahrersitz. Die Sonne war soeben über den zunehmend zerklüfteten östlichen Horizont gestiegen.
»Soll ich fahren?«, fragte er.
»Kommt gar nicht in Frage, Wiley. Ich werde heute den interplanetaren Geschwindigkeitsrekord brechen und dieses Baby auf fünfunddreißig Klicks pro Stunde hochbringen.«
Craig lachte spöttisch. »Dafür brauchste aber 'nen höllischen Rückenwind, Kumpel.«
»Nee, nur 'n bisschen Gefälle.«
»Na, dann viel Glück.«
»Ich mein's ernst, Wiley. Auf dem Weg nach Xanthe fällt das Gelände ab.«
»Klar«, sagte Craig. »Und mit 'ner ordentlichen Brise im Rücken könnten wir wirklich gut vorankommen.«
Trumball warf ihm einen Blick zu. »Check mal die Mail, hm?«
Im Posteingang waren zwei Nachrichten, beide von Stacy. Die erste informierte sie über Fuchidas Unfall und Rodriguez' Rettungsoperation. Und über die siderophilen Organismen, die der Biologe entdeckt hatte. Die beiden Männer lauschten Halls kurzer Zusammenfassung und sahen sich dann an.
Craig stieß einen leisen Pfiff aus. »Möchte wissen, wie Mitsuos Jockey-Shorts aussehen.«
Trumball lachte und schüttelte den Kopf. »Ich jedoch nicht.«
Deschurowas zweite Nachricht war ein Wetterbericht. Der Staubsturm breitete sich aus, blieb jedoch nach wie vor unterhalb des Äquators.
»Solange er in der südlichen Hemisphäre bleibt, ist alles paletti«, sagte Trumball zufrieden.
Craig war weniger gut gelaunt. Ohne den Blick von der Wetterkarte auf ihrem Bildschirm zu wenden, murmelte er: »Er wächst aber. Wenn er den Äquator überquert, is die Kacke am Dampfen.«
»Sei kein Weichei, Wiley. Dieses Fahrzeug hat schon mal 'nen Sturm überstanden, weißt du.«