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Okay, Großvater, antwortete er stumm. Was quält den alten Mann?

Sein Sohn ist in Gefahr, kam die sofortige Antwort. Er macht sich Sorgen um Dex' Sicherheit. Das ist natürlich. Das ist gut.

Aber Trumball hat gewusst, dass die Erforschung des Mars mit Risiken behaftet ist. Vielleicht ist ihm nie in den Sinn gekommen, dass sein Sohn diese Risiken ebenso auf sich nehmen müssen würde wie wir anderen auch.

Er war durchaus dafür, dass wir die Pathfinder-Sonde bergen sollten. Aber er hat nicht gedacht, dass sein Sohn auf diese Exkursion gehen und sich in Gefahr bringen würde. Jetzt weiß er, dass es doch so ist, und hat Angst. Er sitzt in einem Büro in Boston, und sein Sohn steckt mitten in einem Staubsturm, hundert Millionen Kilometer entfernt, und er kann nichts unternehmen. Er kann nur wütend werden und seinen Zorn auf das bequemste Ziel richten, das er finden kann: den Missionsleiter, der zugelassen hat, dass sein Sohn sich in Gefahr begibt. Auf mich. Er ist sauer auf mich, weil er nichts an der Situation ändern kann. Er ist wütend und frustriert und versucht, sein Problem auf die gleiche Art zu lösen, wie er Probleme schon immer gelöst hat: indem er denjenigen feuert, auf den er wütend ist.

Jamie holte tief Luft und fühlte, wie ihn eine ruhige Wärme durchströmte. Er hörte das leise Lachen seines Großvaters. »Du darfst einem Kunden gegenüber nie die Beherrschung verlieren«, hatte sein Großvater ihm Jahre zuvor erklärt, als Jamie noch ein kleiner Junge gewesen war, der sich über die penetranten, anstrengenden, großmäuligen Touristen ärgerte, die Al in seinem Laden anbrüllten. »Sollen sie ruhig schreien und brüllen, das ist egal. Sobald sie sich beruhigt haben, schämen sie sich so, dass sie doppelt so viel kaufen, wie sie eigentlich wollten, nur um zu zeigen, dass es ihnen Leid tut.«

Verdammt, dachte Jamie auf dem Rückweg zur Luftschleuse. Es täte mir so gut, wenn ich sauer auf Trumball werden, ihm eine ätzende Botschaft schicken und ihm erklären könnte, er solle sich, verdammt noch mal, um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Es wäre so leicht, den alten Mann aus hundert Millionen Kilometern Entfernung zu verspotten.

Aber ich kann nicht wütend auf ihn sein, merkte er.

Ich verstehe, was er durchmacht. Ich verstehe ihn, und einen Menschen, den man versteht, kann man nicht hassen.

Als er in die Luftschleuse trat und die Außenluke zuzog, ermahnte er sich: Aber dass du ihn verstehst, heißt nicht, dass er dir keinen Schaden zufügen kann. Eine Klapperschlange versteht man auch, aber man lässt sich nicht von ihr beißen. Nicht, wenn man es vermeiden kann.

»Und das war's dann«, sagte Craig.

Er trat auf die Bremse und brachte den Rover sanft zum Stehen.

»Es ist noch nicht mal sechs Uhr, Wiley«, protestierte Dex. »Wir können noch eine Stunde oder mehr rausholen.«

Craig erhob sich vom Fahrersitz. »Ich hab eine Idee.«

Der Himmel über ihnen war von düsterem Grau und wurde mit jeder Minute dunkler. Dex konnte jetzt den Wind hören, ein dünnes, kreischendes Geräusch, wie das Heulen einer Todesfee in der Ferne.

»Ich fahre«, erbot er sich.

»Nein«, sagte Craig und ging nach hinten zu den Liegen. »Man muss wissen, wann man weitermachen kann und wann Schluss is. Wir sitzen jetzt still und bereiten uns auf den Sturm vor.«

»So schlimm ist es doch noch gar nicht«, beharrte Dex und drehte sich auf seinem Sitz um. »Wir könnten wenigstens noch ein kleines Stück fahren.«

Craig kniete sich hin und zog eine Schublade unter der unteren Liege auf. »Das Gefährlichste an dem Sturm is doch, dass der Sand unsre Solarpaneele beschädigen könnte, stimmt's?«

»Stimmt«, antwortete Dex, der sich fragte, was sein Partner vorhatte.

Craig zog einen Satz Bettlaken aus der Schublade.

»Also decken wir die Solarpaneele ab.«

»Abdecken? Mit Bettlaken?«

»Und allem, was wir sonst noch haben«, sagte Craig. »Overalls, Plastikfolie und so weiter.«

»Aber wenn sie abgedeckt sind, erzeugen sie keinen Strom mehr. Dann müssen wir auf die Batterien umschalten.«

Craig leerte jetzt die Schublade unter der anderen Liege. »Wirf mal einen Blick auf die Instrumente, Kumpel. Es wird mächtig schnell mächtig dunkel. Die Solarzellen sind schon auf unter dreißig Prozent Nominalleistung runter, stimmt's?«

Dex schaute auf die Instrumente am Armaturenbrett. Die Leistung der Solarpaneele lag knapp über fünfundzwanzig Prozent des Maximalwerts.

»Stimmt«, erwiderte er düster.

»Also sitz da nicht einfach so rum«, rief Craig beinahe jovial. »Steh auf und such das Klebeband, Herrgott noch mal.«

Das ist doch pure Beschäftigungstherapie, dachte Dex. Wenn der Sturm erst mal richtig zuschlägt, fliegt uns das alles weg. Die Windgeschwindigkeit wird auf über zweihundert Knoten steigen. Dann reißt er alles ab, womit wir die Paneele abzudecken versuchen.

Aber er hievte sich vom Sitz hoch, schlängelte sich an Craig vorbei und begann, die Vorratsschränke zu durchsuchen, dankbar für die Chance, etwas tun zu können, statt einfach nur dazusitzen und zuzusehen, wie der Sturm auf sie zukam und sie erstickte.

ABEND: SOL 58

Wiley Craig ließ den Lichtstrahl der Lampe von der Nase bis zum Heck des Rovers wandern.

»Tja … schön isses nich grade«, sagte er, »aber es sollte seinen Zweck erfüllen.«

Für Dex, der neben ihm stand, sah das Dach des Rovers wie ein von ungeschickten Kindern eingepacktes Weihnachtsgeschenk aus. Bettlaken, Plastikfolien, eine Persenning, sogar mehrere Sätze Reserve-Overalls — zerschnitten, damit sie eine größere Fläche abdeckten — waren über die Solarpaneele gebreitet und gründlich verklebt worden.

»Glaubst du, das bleibt alles dran, wenn der Sturm richtig loslegt?«, fragte er.

Craig schwieg einen Moment lang, dann sagte er: »Sollte's eigentlich. Der Wind muss jetzt schon an die siebzig Knoten haben, und sie flattern nich mal.«

Dex hörte das klagende Heulen des Windes außerhalb seines Helms, leise, aber stetig und mit wachsendem Nachdruck. Er glaubte auch ein leises Knispeln an der Außenhaut seines Anzugs zu hören; es klang, als ob feine Sandkörner auf ihn einprasseln würden. Er spürte beinahe, wie der Staub an ihm kratzte.

Es war jetzt vollständig dunkel. Dex war müde und erschöpft, aber zugleich auch nervös und schreckhaft. Im Lichtschein von Wileys Lampe sah er, dass die Luft klar war; es wirbelte kein Staub herum. Jedenfalls keiner, den er sehen konnte. Dennoch war da dieses sandige Scharren an der harten Hülle des Anzugs.

»Wir hätten leicht noch eine Stunde weiterfahren können«, sagte er zu Craig…

»Schon möglich.«

»Zum Teufel, Wiley, ich bin in New England durch Schneestürme gefahren.« Trotz seiner Worte klang Dex' Stimme zittrig, sogar in seinen eigenen Ohren.

»Wir sind hier aber nich auf der Autobahn in Massachusetts, Kumpel.«

»Und was machen wir jetzt? Rumsitzen und auf den Fingernägeln kauen?«

»Nee. Wir sammeln so viele Daten, wie wir können. Dann essen wir zu Abend. Und dann nehmen wir 'ne ordentliche Mütze Schlaf.«

Dex starrte Craig in seinem Raumanzug an. Er klingt überhaupt nicht beunruhigt. Die verdammten Brennstoffzellen lecken, die Solarpaneele sind abgeschaltet und wir müssen für Gott weiß wie lange von den Batterien leben, aber er ist so ruhig und gelassen wie jemand, der bei einem Blizzard warm und gemütlich in einer erstklassigen Skihütte sitzt.

»Okay, Boss« — Dex bemühte sich um einen lässigen Ton —, »was soll ich machen?«

»Du gehst rein und überprüfst die Brennstoffzellen, vergewisserst dich, dass die Kommunikationssysteme alle funktionieren, und meldest dich bei der Basis, sagst ihnen Bescheid, dass wir für die Nacht alle Luken dichtgemacht haben.«